Das Vor­kaufs­recht der Erben und der ver­äu­ßer­te Erb­teil

Das Vor­kaufs­recht des Mit­er­ben lebt nach Ver­äu­ße­rung sei­nes Erb­an­teils auch dann nicht in der Per­son des Erwer­bers wie­der auf, wenn er den Mit­er­ben spä­ter beerbt 1.

Das Vor­kaufs­recht der Erben und der ver­äu­ßer­te Erb­teil

Der Ver­käu­fer ist durch die rechts­ge­schäft­li­che Über­tra­gung des 1/​2‑Erbanteils sei­ner Groß­mutter kein Mit­er­be und des­we­gen auch nicht Vor­kaufs­be­rech­tig­ter gewor­den. Nach stän­di­ger Recht­spre­chung und mitt­ler­wei­le all­ge­mei­ner Auf­fas­sung in der Lite­ra­tur geht das Vor­kaufs­recht eines Mit­er­ben bei der Ver­äu­ße­rung eines Erb­an­teils unab­hän­gig davon, ob sie durch eine "vor­weg­ge­nom­me­ne Erb­fol­ge" moti­viert ist, nicht auf den Erwer­ber über. Der Mit­er­be behält zwar die Eigen­schaft und Stel­lung als Erbe, er ver­liert aber infol­ge der Über­tra­gung sei­ne gesamt­hän­de­ri­sche Betei­li­gung am Nach­lass, die auf den Erwer­ber über­geht. Damit ver­liert der voll­stän­dig aus der Erben­ge­mein­schaft aus­ge­schie­de­ne Mit­er­be zugleich sein Vor­kaufs­recht. Er bedarf kei­nes Schut­zes mehr vor dem Ein­drin­gen Drit­ter in die Erben­ge­mein­schaft oder einer Ver­stär­kung ihrer Betei­li­gung hier­an 2.

Die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zu Fäl­len einer Erb­an­teils­ver­äu­ße­rung von oder an (prä­sum­ti­ve) Erbes­er­ben von Mit­er­ben 3 gibt für Erwä­gun­gen, den Kreis der Vor­kaufs­be­rech­tig­ten zu erwei­tern, kei­ne Grund­la­ge. Sie betrifft aus­nahms­los die davon zu tren­nen­de Fra­ge des Vor­kaufs­fal­les; für die Fra­ge der Vor­kaufs­be­rech­ti­gung ist sie hin­ge­gen aus­sa­ge­los.

Der rechts­ge­schäft­lich erwor­be­ne Erb­an­teil ist auch nicht mit Ein­tritt sei­ner Allein­er­ben­stel­lung auf­grund des Erb­ver­tra­ges wie­der zum Voll­recht ein­schließ­lich des Vor­kaufs­rechts erstarkt. Die dazu bestehen­den Schutz­zweck­über­le­gun­gen über­zeu­gen nicht. Das Vor­kaufs­recht ist zwar gemäß § 2034 Abs. 2 Satz 2 BGB ver­erb­bar, es ist aber nicht durch Rechts­ge­schäft unter Leben­den über­trag­bar. Die Aner­ken­nung der Vor­kaufs­be­rech­ti­gung, wenn der – rechts­ge­schäft­li­che – Erb­an­teils­er­wer­ber spä­ter als Erbe des ver­äu­ßern­den Mit-erben in die Erben­ge­mein­schaft ein­tritt, bedeu­te­te indes eine vom Gesetz gera­de aus­ge­schlos­se­ne Öff­nung der Ver­kehrs­fä­hig­keit des Vor­kaufs­rechts. Die­ses gesetz­li­che Gestal­tungs­recht 4 ist ledig­lich dem ursprüng­li­chen Mit­er­ben und ihren Erbes­er­ben vor­be­hal­ten, die es im Erb­gang erhal­ten.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat sich mit der herr­schen­den Leh­re bereits gene­rell gegen ein "Recht auf Rück­kehr" des vor­mals aus­ge­schie­de­nen Mit­er­ben aus­ge­spro­chen 5, weil dies zu Las­ten der "treu­en" (übri­gen) Mit­er­ben gin­ge und deren Rech­te aus § 2034 BGB auf wei­te­re ver­kauf­te Erb­tei­le ent­spre­chend ver­min­der­te. Das bedarf jedoch im Streit­fall kei­ner Ver­tie­fung.

Jeden­falls kann das (nach­träg­li­che) Zusam­men­fal­len von Mit­glied-schaft in der Gesamt­hand und (spä­ter hin­zu­tre­ten­der) Stel­lung als Erbes­er­be nicht zum Auf­le­ben eines Vor­kaufs­rechts bei dem­je­ni­gen füh­ren, der es – wie aus­ge­führt – zuvor nicht erlan­gen konn­te. Der Schutz­zweck des § 2034 BGB recht­fer­tigt eine ande­re Fol­ge gera­de nicht. Der Erb­an­teils­er­wer­ber und spä­te­re Erbes­er­be hat kein schutz­wür­di­ges Inter­es­se an der Abwehr­funk­ti­on des Vor­kaufs­rechts, weil er zunächst aus frei­em Ent­schluss in die Erben­ge­mein­schaft ein­ge­tre­ten ist und das Risi­ko eines künf­ti­gen Gemein­schaf­ter­wech­sels tra­gen muss 6. Dar­an ändert sei­ne nach­fol­gen­de Erben­stel­lung nach dem ver­äu­ßern­den Mit­er­ben nichts, selbst wenn die Erben­stel­lung über einen Erb­ver­trag abge­si­chert war. Wer – durch Rechts­ge­schäft – vor­zei­tig in die Erben­ge­mein­schaft ein­tre­ten will, hat es hin­zu­neh­men, dass er dies ohne den Schutz des Vor­kaufs­rechts, das für ihn end­gül­tig unter­ge­gan­gen ist, tun muss. Alles ande­re bedeu­te­te zudem einen von den übri­gen Mit­er­ben nach der gesetz­li­chen Rege­lung nicht hin­zu­neh­men­den Schwe­be­zu­stand, in dem unklar ist, inwie­weit noch Vor­kaufs­rech­te gel­tend gemacht wer­den kön­nen 7.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 19. Janu­ar 2011 – IV ZR 169/​10

  1. im Anschluss an BGHZ 121, 47[]
  2. vgl. nur BGHZ 121, 47, 50 f.; 86, 379, 380; 56, 115, 117; RGZ 64, 173; BGH, Urtei­le vom 31.10.2001 – IV ZR 268/​00, ZEV 2002, 67; vom 13.06.1990 – IV ZR 87/​89, NJW-RR 1990, 1282, 1283; und vom 09.02.1983 – IVa ZR 144/​81, NJW 1983, 2142 f.; OLG Mün­chen ErbR 2010, 262; OLG Stutt­gart NJW 1967, 2409; Muscheler, ErbR [2010] Rn. 3916 m.w.N.; Ebenroth/​Lorz, ZEV 1994, 44[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 25.01.1971 – III ZR 36/​68, MDR 1971, 377; 13.06.1966 – III ZR 198/​64, NJW 1966, 2207; und 31.05.1965 – III ZR 1/​64, MDR 1965, 891[]
  4. vgl. Muscheler aaO Rn. 3909[]
  5. BGHZ 121, 47, 50 f. m.w.N.; zwei­felnd: Muscheler aaO Rn. 3917; Münch­Komm-BGB/Ger­gen, 5. Aufl. § 2034 Rn. 22[]
  6. BGHZ 56, 115 ff.[]
  7. OLG Mün­chen ErbR 2010, 262, 266 f.; Wendt/​Rudy, ErbR 2010, 250, 254[]