Erle­di­gung einer einst­wei­li­gen Ver­fü­gung vor Antrags­ein­gang

§ 269 Abs. 3 Satz 3 ZPO fin­det im Ver­fah­ren der einst­wei­li­gen Ver­fü­gung Anwen­dung, wenn der Anlass zur Ein­rei­chung des Ver­fü­gungs­an­trags im Zeit­raum zwi­schen der Auf­ga­be des Antrags zur Post und sei­nem Ein­gang beim Gericht ent­fällt, der Ver­fü­gungs­klä­ger hier­von aber erst nach Ein­rei­chung des Antrags Kennt­nis erlangt.

Erle­di­gung einer einst­wei­li­gen Ver­fü­gung vor Antrags­ein­gang

Die Rege­lung in § 269 Abs. 3 Satz 3 ZPO besagt: Ist der Anlass zur Ein­rei­chung der Kla­ge vor Rechts­hän­gig­keit weg­ge­fal­len und wird die Kla­ge dar­auf­hin zurück­ge­nom­men, so bestimmt sich die Kos­ten­tra­gungs­pflicht unter Berück­sich­ti­gung des bis­he­ri­gen Sach- und Streit­stan­des nach bil­li­gem Ermes­sen; dies gilt auch, wenn die Kla­ge nicht zuge­stellt wird. Bis zur Ein­füh­rung die­ser Rege­lung hat­te ein Klä­ger in die­sen Fäl­len kei­ne Mög­lich­keit, in dem lau­fen­den Ver­fah­ren eine für ihn nach­tei­li­ge Kos­ten­ent­schei­dung zu ver­mei­den, selbst wenn der Beklag­te Anlass zur Erhe­bung der Kla­ge gege­ben hat­te. Ihm war auch der Weg über eine Erle­di­gungs­er­klä­rung mit dem Ziel einer Kos­ten­ent­schei­dung nach § 91 a ZPO ver­schlos­sen, weil die­se Mög­lich­keit eine Erle­di­gung des Rechts­streits nach Rechts­hän­gig­keit vor­aus­setzt. Des­halb hat das ZPO-Reform­ge­setz eine Abwei­chung von dem Grund­satz des § 269 Abs. 3 Satz 2 ein­ge­führt: Aus Grün­den der Pro­zess­öko­no­mie ist aus­nahms­wei­se ein mate­ri­ell-recht­li­cher Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch bereits für die Kos­ten­ent­schei­dung des lau­fen­den Rechts­streits zu berück­sich­ti­gen; ein neu­es Ver­fah­ren wird dafür nicht erfor­der­lich [1].

Die­se Rege­lung wird im Fall der Rück­nah­me einer Kla­ge nicht nur für den Zeit­raum des Weg­falls des Anlas­ses der Kla­ge zwi­schen Anhän­gig­keit und Zustel­lung der Kla­ge, son­dern auch auf den Weg­fall des Kla­ge­an­las­ses in der Zeit vor Ein­rei­chung der Kla­ge ange­wen­det [2]. Auch in den­je­ni­gen Fäl­len, in denen sich die Erbrin­gung der geschul­de­ten Leis­tung mit der Kla­ge­ein­rei­chung kreuzt [3], spricht die Pro­zess­öko­no­mie, so die ganz herr­schen­de Mei­nung in Lite­ra­tur und Recht­spre­chung, für eine Anwen­dung des § 269 Abs. 3 Satz 3 ZPO. Ande­rer Auf­fas­sung sind die Ober­lan­des­ge­rich­te Bran­den­burg [4] und Frank­furt [5], offen gelas­sen hat dies das OLG Hamm [6]. Das Ober­lan­des­ge­richt Bran­den­burg meint, vor Anhän­gig­keit des Ver­fah­rens fal­le es grund­sätz­lich in die Risi­ko­sphä­re eines Antrag­stel­lers, ob, wann und unter wel­chen Umstän­den er sei­nen Anspruch gel­tend machen will. Als Aus­nah­me­re­ge­lung sei die Vor­schrift einer sol­chen erwei­ter­ten Gel­tend­ma­chung nicht zugäng­lich, es feh­le zur Recht­fer­ti­gung der Ana­lo­gie an einer Lücke. Die­ser Auf­fas­sung, die offen­bar eine Anwen­dung des § 269 Abs. 3 Satz 3 ZPO beim Weg­fall des Kla­ge­grun­des vor Anhän­gig­keit nicht nur in Eil­ver­fah­ren ablehnt, ist ent­ge­gen­zu­hal­ten, dass der zeit­li­che Anwen­dungs­be­reich (also vor Rechts­hän­gig­keit) – anders als eine Anwen­dung der Vor­schrift für den Weg­fall des Kla­ge­grun­des nach Rechts­hän­gig­keit – vom Wort­laut der Vor­schrift umfasst ist. Die Norm grenzt den Anwen­dungs­be­reich nicht aus­drück­lich auf den Zeit­raum zwi­schen Anhän­gig­keit und Rechts­hän­gig­keit ein. Das Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt hat sei­ne Auf­fas­sung damit begrün­det, dass eine Anwen­dung der Rege­lung auf eine Erle­di­gung vor Anhän­gig­keit vor­aus­set­ze, dass der Antrags­geg­ner recht­li­ches Gehör erhal­te, also die Schrift­sät­ze des Antrag­stel­lers erhal­te. Dies spre­che gegen eine Anwen­dung des § 269 Abs. 3 Satz 3 ZPO auf den Weg­fall des Anlas­ses vor Anhän­gig­keit. Die­ses Argu­ment hat­te bereits zuvor der Bun­des­ge­richts­hof (aller­dings in einem Fall der Erle­di­gung nach Ein­rei­chung) nicht geteilt [7]. Spä­tes­tens nach der Geset­zes­än­de­rung und der Anfü­gung des 2. Halb­sat­zes an § 269 Abs. 3 Satz 3 ZPO ist die­ser Begrün­dung jedoch die Grund­la­ge ent­zo­gen. Über­zeu­gend ist daher die zuvor dar­ge­stell­te herr­schen­de Auf­fas­sung.

Vor­aus­set­zung für eine Bil­lig­keits­ent­schei­dung zu Guns­ten des Klä­gers ist aller­dings stets, dass der Klä­ger vom Weg­fall des Kla­ge­grun­des schuld­los erst nach Ein­rei­chung der Kla­ge Kennt­nis erhält [8].

Zu Recht wird die Rege­lung des § 269 Abs. 3 Satz 3 ZPO auch im einst­wei­li­gen Ver­fü­gungs­ver­fah­ren für anwend­bar gehal­ten [9]. Soweit die Vor­schrift des § 269 Abs. 3 Satz 3 ZPO des­halb für nicht für anwend­bar gehal­ten wird, da beim Eil­ver­fah­ren Anhän­gig­keit und Rechts­hän­gig­keit zusam­men­fal­len [10] kann die­se Begrün­dung nur inso­weit zutref­fen, als es einen Zeit­raum zwi­schen Anhän­gig­keit und Erle­di­gung nicht gibt; sie trifft aber nicht auf den Fall zu, in dem der Weg­fall des Anlas­ses zur Antrag­stel­lung vor Anhän­gig­keit erfolgt und der Antrag­stel­ler hier­von schuld­los kei­ne Kennt­nis hat und des­halb einen Eil­an­trag ein­reicht. Die Grün­de, die den Gesetz­ge­ber ver­an­lasst haben, in die­sen Fäl­len eine Bil­lig­keits­ent­schei­dung nach § 269 Abs. 3 Satz 3 ZPO zu ermög­li­chen und einen zwei­ten Pro­zess über die Kos­ten zu ver­mei­den, tref­fen nicht nur auf eine Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che, son­dern glei­cher­ma­ßen auch für das Eil­ver­fah­ren zu.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 23. Janu­ar 2012 – 6 W 92/​11

  1. BGH NJW-RR 2005, 1662[]
  2. Zöller/​Greger, ZPO, 29, Aufl., § 269 Rn. 8 c; Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 269 Rn. 53; OLGR Mün­chen 2004, 218; Thü­rin­ger OLG, Beschl. v. 03.06.2011 – 4 W 248/​11; KG NJW-RR 2009, 1411; LG Düs­sel­dorf NJW-RR 2003, 213[]
  3. so Stein/​Jonas aaO[]
  4. OLG Bran­den­burg, Beschluss vom 13.09.2011 – 6 W 73/​11[]
  5. OLG Frankfurt/​Main, Beschluss vom 06.01.2004 – 25 W 78/​03[]
  6. OLG Hamm NJW-RR 2011, 1563[]
  7. BGH NJW 2004, 1530[]
  8. Zöller/​Greger, ZPO, 29, Aufl., § 269 Rn. 8 c; Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 269 Rn. 53; OLGR Mün­chen 2004, 218; Thü­rin­ger OLG, Beschluss vom 03.06.2011 – 4 W 248/​11; KG NJW-RR 2009, 1411; LG Düs­sel­dorf NJW-RR 2003, 213[]
  9. KGR Ber­lin 2009, 514; OLG Stutt­gart NJW-RR 2007, 527; OLGR Frank­furt 2006, 266; Zöller/​Vollkommer, ZPO, 29. Aufl., § 920 Rn. 13[]
  10. Teplitz­ky, Wett­be­werbs­rechtl. Ansprü­che und Ver­fah­ren, 10. Aufl., Kap 55 Rn. 1 a FN 9; Ret­zer in Harte/​Henning, UWG, 2. Aufl., § 12 Rn. 451[]