Fach­werk­statt oder freie Werk­statt für den Unfall­wa­gen?

Der Schä­di­ger darf den Geschä­dig­ten im Rah­men der fik­ti­ven Scha­dens­ab­rech­nung unter dem Gesichts­punkt der Scha­dens­min­de­rungs­pflicht im Sin­ne des § 254 Abs. 2 BGB auf eine güns­ti­ge­re und vom Qua­li­täts­stan­dard gleich­wer­ti­ge Repa­ra­tur­mög­lich­keit in einer mühe­los und ohne Wei­te­res zugäng­li­chen „frei­en Fach­werk­statt“ ver­wei­sen, wenn der Geschä­dig­te kei­ne Umstän­de auf­zeigt, die ihm eine Repa­ra­tur außer­halb der mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt unzu­mut­bar machen [1].

Fach­werk­statt oder freie Werk­statt für den Unfall­wa­gen?

Ist wegen der Beschä­di­gung einer Sache Scha­dens­er­satz zu leis­ten, kann der Geschä­dig­te vom Schä­di­ger gemäß § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB den zur Her­stel­lung erfor­der­li­chen Geld­be­trag bean­spru­chen. Was inso­weit erfor­der­lich ist, rich­tet sich danach, wie sich ein ver­stän­di­ger, wirt­schaft­lich den­ken­der Fahr­zeug­ei­gen­tü­mer in der Lage des Geschä­dig­ten ver­hal­ten hät­te [2]. Der Geschä­dig­te leis­tet im Repa­ra­tur­fall dem Gebot zur Wirt­schaft­lich­keit im All­ge­mei­nen Genü­ge und bewegt sich in den für die Scha­dens­be­he­bung nach § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB gezo­ge­nen Gren­zen, wenn er der Scha­dens­ab­rech­nung die übli­chen Stun­den­ver­rech­nungs­sät­ze einer mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt zugrun­de legt, die ein von ihm ein­ge­schal­te­ter Sach­ver­stän­di­ger auf dem all­ge­mei­nen regio­na­len Markt ermit­telt hat [3]. Wählt der Geschä­dig­te den vor­be­schrie­be­nen Weg der Scha­dens­be­rech­nung und genügt er damit bereits dem Wirt­schaft­lich­keits­ge­bot nach § 249 Abs. 2 Satz 1 BGB, so begrün­den beson­de­re Umstän­de, wie das Alter des Fahr­zeu­ges oder sei­ne Lauf­leis­tung kei­ne wei­te­re Dar­le­gungs­last des Geschä­dig­ten.

Will der Schä­di­ger bzw. der Haft­pflicht­ver­si­che­rer des Schä­di­gers den Geschä­dig­ten unter dem Gesichts­punkt der Scha­dens­min­de­rungs­pflicht im Sin­ne des § 254 Abs. 2 BGB auf eine güns­ti­ge­re Repa­ra­tur­mög­lich­keit in einer mühe­los und ohne wei­te­res zugäng­li­chen „frei­en Fach­werk­statt“ ver­wei­sen, muss der Schä­di­ger dar­le­gen und gege­be­nen­falls bewei­sen, dass eine Repa­ra­tur in die­ser Werk­statt vom Qua­li­täts­stan­dard her der Repa­ra­tur in einer mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt ent­spricht.

Sodann obliegt es, wie der Bun­des­ge­richts­hof dar­stellt, dem Geschä­dig­ten, Umstän­de dar­zu­le­gen, die es ihm gleich­wohl unzu­mut­bar machen könn­ten, sich auf eine tech­nisch gleich­wer­ti­ge Repa­ra­tur­mög­lich­keit außer­halb der mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt ver­wei­sen zu las­sen [4]. In dem kon­kre­ten vom BGH ent­schie­de­nen Fall war nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts das Fahr­zeug des Klä­gers zum Zeit­punkt des Unfalls bereits mehr als 8 ½ Jah­re alt und hat­te eine Lauf­leis­tung von 139.442 km. Bei die­ser Sach­la­ge spie­len Gesichts­punk­te wie die Erschwer­nis einer Inan­spruch­nah­me von Gewähr­leis­tungs­rech­ten, einer Her­stel­ler­ga­ran­tie und/​oder von Kulanz­leis­tun­gen regel­mä­ßig kei­ne Rol­le mehr.

Zwar kann auch bei älte­ren Fahr­zeu­gen die Fra­ge Bedeu­tung haben, wo das Fahr­zeug regel­mä­ßig gewar­tet, „scheck­heft­ge­pflegt“ oder gege­be­nen­falls nach einem Unfall repa­riert wor­den ist. In die­sem Zusam­men­hang kann es dem Klä­ger unzu­mut­bar sein, sich auf eine güns­ti­ge­re gleich­wer­ti­ge und ohne wei­te­res zugäng­li­che Repa­ra­tur­mög­lich­keit in einer frei­en Fach­werk­statt ver­wei­sen zu las­sen, wenn er kon­kret dar­legt, dass er sein Fahr­zeug bis­her stets in der mar­ken­ge­bun­de­nen Fach­werk­statt hat war­ten und repa­rie­ren las­sen oder – im Fall der kon­kre­ten Scha­dens­be­rech­nung – sein beson­de­res Inter­es­se an einer sol­chen Repa­ra­tur durch die Repa­ra­tur­rech­nung belegt [5].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 23. Febru­ar 2010 – VI ZR 91/​09

  1. Bestä­ti­gung von BGH, Urteil vom 20.10.2009 – VI ZR 53/​09, VersR 2010, 225, sog. VW-Urteil; vgl. auch BGHZ 155, 1 ff.,sog. Por­sche-Urteil[]
  2. vgl. BGHZ 61, 346, 349 f.; 132, 373, 376; BGH, Urtei­le vom 04.12.1984 – VI ZR 225/​82, VersR 1985, 283, 284 f.; und vom 15.02.2005 – VI ZR 74/​04, VersR 2005, 568[]
  3. vgl. BGHZ 155, 1, 3[]
  4. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 20.10.2009 – VI ZR 53/​09, a.a.O.[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 20.10.2009 – VI ZR 53/​09, a.a.O.[]