Frist­ver­säum­nis wegen Mit­tel­lo­sig­keit – und der zwi­schen­zeit­li­che Zah­lungs­ein­gang

Besteht das zur Frist­ver­säu­mung füh­ren­de Hin­der­nis in der Mit­tel­lo­sig­keit der Par­tei, so fällt die­ses dann weg, wenn sich die Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se der Par­tei in einer Wei­se ändern, dass sie objek­tiv in die Lage ver­setzt wird, die Pro­zess­kos­ten aus eige­nen Mit­teln auf­zu­brin­gen, und sie dies auch erkennt oder jeden­falls bei Anwen­dung der gebo­te­nen Sorg­falt erken­nen könn­te.

Frist­ver­säum­nis wegen Mit­tel­lo­sig­keit – und der zwi­schen­zeit­li­che Zah­lungs­ein­gang

Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te, der eine Par­tei in zwei Pro­zes­sen gegen den­sel­ben Pro­zess­geg­ner ver­tritt und auf­grund eines in einem der bei­den Pro­zes­se erwirk­ten rechts­kräf­ti­gen Titels mit einem Zah­lungs­ein­gang und einer dadurch bewirk­ten Besei­ti­gung der Mit­tel­lo­sig­keit sei­ner Par­tei rech­nen kann, ist gehal­ten, sein Büro­per­so­nal anzu­wei­sen, ihm einen ent­spre­chen­den, den Zah­lungs­ein­gang im Par­al­lel­ver­fah­ren aus­wei­sen­den Kon­to­aus­zug unver­züg­lich vor­zu­le­gen.

Der Wie­der­ein­set­zungs­an­trag muss inner­halb der Zwei­wo­chen­frist des § 234 Abs. 1 Satz 1 ZPO gestellt wer­den. Die Wie­der­ein­set­zungs­frist beginnt gemäß § 234 Abs. 2 ZPO, sobald das Hin­der­nis beho­ben, das heißt die bis­he­ri­ge Ursa­che der Ver­hin­de­rung besei­tigt oder ihr Fort­be­stehen nicht mehr unver­schul­det ist. Im Fall der Mit­tel­lo­sig­keit der Par­tei ent­fällt das Hin­der­nis grund­sätz­lich spä­tes­tens mit der Bekannt­ga­be des Beschlus­ses über die Pro­zess­kos­ten­hil­fe­be­wil­li­gung [1]. Kann der Antrag­stel­ler aber schon frü­her nicht mehr mit einer Bewil­li­gung der bean­trag­ten Pro­zess­kos­ten­hil­fe rech­nen, beginnt die Wie­der­ein­set­zungs­frist bereits zu die­sem Zeit­punkt [2].

Beho­ben ist das Hin­der­nis dabei schon dann, wenn das Fort­be­stehen des Hin­der­nis­ses nicht mehr als unver­schul­det ange­se­hen wer­den kann. Das Fort­be­stehen des Hin­der­nis­ses kann nicht mehr als unver­schul­det ange­se­hen wer­den, sobald die Par­tei oder ihr Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter bei Anwen­dung der gebo­te­nen Sorg­falt den Weg­fall des Hin­der­nis­ses hät­ten erken­nen kön­nen [3]. Besteht das zur Frist­ver­säu­mung füh­ren­de Hin­der­nis in der Mit­tel­lo­sig­keit der Par­tei, so fällt die­ses dann weg, wenn sich die Ver­mö­gens­ver­hält­nis­se der Par­tei in einer Wei­se ändern, dass sie objek­tiv in die Lage ver­setzt wird, die Pro­zess­kos­ten aus eige­nen Mit­teln auf­zu­brin­gen, und sie dies auch erkennt oder jeden­falls bei Anwen­dung der gebo­te­nen Sorg­falt erken­nen könn­te [4].

Vor­lie­gend waren mit dem Zah­lungs­ein­gang in der ers­ten Sache die Vor­aus­set­zun­gen für die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe in der zwei­ten Sache objek­tiv weg­ge­fal­len. Die Insol­venz­ver­wal­te­rin hät­te die­sen Umstand bei Anwen­dung der gebo­te­nen Sorg­falt auch recht­zei­tig erken­nen kön­nen.

Vor­lie­gend konn­ten nach der Ver­meh­rung der Insol­venz­mas­se durch die Zah­lung der Beklag­ten die Kos­ten im Sin­ne des § 116 Satz 1 Nr. 1 ZPO aus der ver­wal­te­ten Ver­mö­gens­mas­se auf­ge­bracht wer­den, so dass die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe für die Insol­venz­ver­wal­te­rinund damit das Hin­der­nis gemäß § 234 Abs. 2 ZPO mit Ein­gang der Zah­lung auf dem Kon­to der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten objek­tiv weg­ge­fal­len sind.

Das Hin­der­nis im Sin­ne des § 234 Abs. 2 ZPO ist nicht erst mit der (posi­ti­ven) Kennt­nis­er­lan­gung der Insol­venz­ver­wal­te­rin vom Zah­lungs­ein­gang weg­ge­fal­len. Viel­mehr beruht es auf einem Ver­schul­den der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Insol­venz­ver­wal­te­rin, dass die­se selbst erst zu spät Kennt­nis vom Ein­gang des Urteils­be­tra­ges aus dem ers­ten Ver­fah­ren auf ihrem Kon­to erlangt und die­se Infor­ma­ti­on erst danach an die Insol­venz­ver­wal­te­rin wei­ter­ge­lei­tet hat. Unter den kon­kre­ten Umstän­den des vor­lie­gen­den Falls ist es ins­be­son­de­re nicht mit den an einen Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zu stel­len­den Sorg­falts­pflich­ten zu ver­ein­ba­ren, dass der bereits am 25.04.2013 in der Kanz­lei der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Insol­venz­ver­wal­te­rin ein­ge­gan­ge­ne Kon­to­aus­zug die­ser erst am 2.05.2013 vor­ge­legt wor­den ist. Die Beein­flus­sung der Leis­tungs­fä­hig­keit der Mas­se durch eine etwai­ge Zah­lung der Beklag­ten lag auf der Hand, war bereits zuvor in den Schrift­sät­zen der Par­tei­en ange­spro­chen wor­den und die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Insol­venz­ver­wal­te­rin hat­te selbst die Auf­fas­sung geäu­ßert, dass bei Über­wei­sung des im Par­al­lel­ver­fah­ren aus­ge­ur­teil­ten Betrags die Bedürf­tig­keit weg­fal­len wer­de und die Insol­venz­ver­wal­te­rin die Kos­ten für das Beru­fungs­ver­fah­ren auf­brin­gen kön­ne. Bei die­ser Sach­la­ge war die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Insol­venz­ver­wal­te­rin, wenn man nicht bereits eine Ver­pflich­tung zu täg­li­cher Kon­to­prü­fung anneh­men will, jeden­falls gehal­ten gewe­sen, ihr Büro­per­so­nal anzu­wei­sen, ihr einen ent­spre­chen­den, den Zah­lungs­ein­gang im Par­al­lel­ver­fah­ren aus­wei­sen­den Kon­to­aus­zug unver­züg­lich vor­zu­le­gen. Wird der Lauf einer Frist nicht durch eine Zustel­lung in Gang gesetzt, son­dern – wie hier – durch den Ein­tritt eines sons­ti­gen Ereig­nis­ses, hat der Anwalt die zumut­ba­ren Vor­keh­run­gen zu tref­fen, um vom Ein­tritt des Ereig­nis­ses ander­wei­tig zu erfah­ren [5]. Die Insol­venz­ver­wal­te­rin hat weder dar­ge­legt noch glaub­haft gemacht, dass eine sol­che Anwei­sung gege­ben wor­den wäre, noch wur­de über­haupt Stel­lung dazu genom­men, wes­halb sich der Vor­gang der Vor­la­ge des Kon­to­aus­zugs der­art in die Län­ge gezo­gen hat (§ 236 Abs. 2 Satz 1 ZPO).

Das Beru­fungs­ge­richt hat bei sei­ner Beur­tei­lung das Vor­brin­gen der Insol­venz­ver­wal­te­rin berück­sich­tigt, dass die­se nach Kennt­nis von dem Zah­lungs­ein­gang zunächst habe prü­fen müs­sen, ob die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe weg­ge­fal­len sei­en. Im Gegen­satz zur Insol­venz­ver­wal­te­rin hat es die­sen Prü­fungs­vor­gang nicht als sehr kom­pli­ziert ange­se­hen. Dar­in liegt kei­ne Ver­let­zung recht­li­chen Gehörs, son­dern eine zuläs­si­ge abwei­chen­de Wür­di­gung des Vor­trags der Insol­venz­ver­wal­te­rin. Zudem ist das Vor­brin­gen im Hin­blick auf das der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Insol­venz­ver­wal­te­rin vor­zu­wer­fen­de Infor­ma­ti­ons­ver­schul­den uner­heb­lich. Wäre die Insol­venz­ver­wal­te­rin von ihrer Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten frü­her über den Zah­lungs­ein­gang infor­miert wor­den, wäre sie ent­spre­chend frü­her in der Lage gewe­sen, zu prü­fen, ob die Kos­ten nach Ein­gang der Zah­lung aus der ver­wal­te­ten Ver­mö­gens­mas­se auf­ge­bracht wer­den konn­ten.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 23. Sep­tem­ber 2014 – II ZB 14/​13

  1. BGH, Beschluss vom 21.03.2006 – VI ZB 31/​05, VersR 2006, 1141 Rn. 9; Beschluss vom 19.11.2008 – XII ZB 102/​08, NJW 2009, 854 Rn. 10; Beschluss vom 06.10.2010 – XII ZB 22/​10, NJW 2011, 153 Rn. 9; Beschluss vom 23.04.2013 – II ZB 21/​11, ZIP 2013, 1494 Rn. 16[]
  2. BGH, Beschluss vom 13.07.1988 – IVb ZR 19/​88, FamRZ 1988, 1153, 1154; Beschluss vom 19.11.2008 – XII ZB 102/​08, NJW 2009, 854 Rn. 11[]
  3. BGH, Beschluss vom 11.11.1998 – XII ZR 262/​98, NJW 1999, 793; Beschluss vom 21.03.2006 – VI ZB 31/​05, VersR 2006, 1141 Rn. 9[]
  4. BGH, Beschluss vom 13.07.1988 – IVb ZR 19/​88, FamRZ 1988, 1153, 1154; Beschluss vom 11.11.1998 – XII ZR 262/​98, NJW 1999, 793; Beschluss vom 22.08.2001 – XII ZB 67/​01, FamRZ 2002, 1704, 1705; vgl. auch BGH, Beschluss vom 04.10.1990 – – IV ZB 5/​90, NJW 1991, 109, 110 zur Deckungs­zu­sa­ge des Rechts­schutz­ver­si­che­rers; Münch­Komm-ZPO/­Gehr­lein, 4. Aufl., § 234 Rn. 8[]
  5. BGH, Beschluss vom 28.09.1989 – VII ZR 115/​89, ZIP 1989, 1411, 1412[]