Hei­lung des Gehörs­ver­sto­ßes im Anhö­rungs­rü­ge­ver­fah­ren

Der grund­recht­lich geschütz­te Anspruch auf recht­li­ches Gehör ist nicht ver­letzt, wenn der Gehörs­ver­stoß im Anhö­rungs­rü­ge­ver­fah­ren geheilt wur­de.

Hei­lung des Gehörs­ver­sto­ßes im Anhö­rungs­rü­ge­ver­fah­ren

Abs. 1 GG ver­pflich­tet das Gericht, die Aus­füh­run­gen der an einem gericht­li­chen Ver­fah­ren Betei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen 1. Es ist mit Art. 103 Abs. 1 GG daher nicht ver­ein­bar, wenn ein Gericht einen ord­nungs­ge­mäß ein­ge­reich­ten Schrift­satz unbe­rück­sich­tigt lässt. Dabei kommt es nicht auf ein Ver­schul­den des Gerichts hin­sicht­lich der unter­blie­be­nen Kennt­nis­nah­me des Vor­brin­gens an; die Grün­de für den Gehörs­ver­stoß, etwa in Form eines Ver­se­hens der gericht­li­chen Geschäfts­stel­le beim Ein­sor­tie­ren des betref­fen­den Schrift­sat­zes in die Akte, sind nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich 2.

So auch in dem hier ent­schie­de­nen Fall: Indem das Land­ge­richt die ihm vor­lie­gen­de Beschwer­de­be­grün­dung nicht zur Kennt­nis genom­men hat, hat es Art. 103 Abs. 1 GG ver­letzt. Indes­sen ist die­ser Gehörs­ver­stoß jeden­falls im Rah­men des Anhö­rungs­rü­ge­ver­fah­rens geheilt wor­den:

Ein Ver­stoß gegen den Anspruch auf recht­li­ches Gehör kann geheilt wer­den, wenn das Gericht in der Lage ist, das nun­mehr zur Kennt­nis genom­me­ne Vor­brin­gen zu berück­sich­ti­gen 3. Letz­te­res ist im Ver­fah­ren der Anhö­rungs­rü­ge zumin­dest dann der Fall, wenn das Gericht durch Aus­füh­run­gen zur Rechts­la­ge den gerüg­ten Ver­stoß besei­ti­gen kann, ins­be­son­de­re, indem es Vor­brin­gen erst­mals zur Kennt­nis nimmt und beschei­det 4.

Der Beschwer­de­füh­rer hat mit der Anhö­rungs­rü­ge sei­ne Auf­fas­sung zur Sach- und ins­be­son­de­re Rechts­la­ge dar­ge­legt. Das Land­ge­richt hat die­se mit Beschluss vom 19.03.2018 aus­drück­lich ver­be­schie­den und – wenn­gleich sehr knapp – aus­ge­führt, dass die Begrün­dung der Anhö­rungs­rü­ge kei­ne Ver­an­las­sung gebe, die ange­grif­fe­ne Ent­schei­dung vom 26.02.2018 auf­zu­he­ben. Da sich aus den Umstän­den des Ein­zel­falls nicht aus­nahms­wei­se etwas ande­res ergibt, ist davon aus­zu­ge­hen, dass das Gericht das von ihm ent­ge­gen­ge­nom­me­ne Vor­brin­gen des Beschwer­de­füh­rers dabei zur Kennt­nis genom­men und in Erwä­gung gezo­gen hat 5. Art. 103 Abs. 1 GG ver­pflich­tet das Gericht nicht, sich in den Ent­schei­dungs­grün­den mit jedem Vor­brin­gen aus­drück­lich zu befas­sen 6.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 18. Juli 2019 – 2 BvR 1082/​18

  1. vgl. BVerfGE 47, 182, 187; BVerfG, Beschluss vom 29.08.2017 – 2 BvR 863/​17, Rn. 15; Beschluss vom 02.07.2018 – 1 BvR 682/​12, Rn.19; Beschluss vom 25.09.2018 – 2 BvR 1731/​18, Rn. 28; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 53, 219, 222 f.; 60, 96, 100; 60, 120, 123; 61, 78, 81; 61, 119, 123; 62, 347, 352; 67, 199, 202; 72, 119, 121; BVerfG, Beschluss vom 04.08.1992 – 2 BvR 1129/​92, Rn. 22; Beschluss vom 23.10.1992 – 1 BvR 1232/​92, Rn. 4; Beschluss vom 08.12 1993 – 2 BvR 1173/​93, Rn. 12; Beschluss vom 02.05.1995 – 2 BvR 611/​95, Rn. 27; Beschluss vom 16.07.1997 – 2 BvR 570/​96, Rn. 22; Beschluss vom 12.12 2012 – 2 BvR 1294/​10, Rn. 14; Beschluss vom 04.07.2016 – 2 BvR 1552/​14, Rn. 11; Beschluss vom 13.08.2018 – 2 BvR 745/​14, Rn. 22; stRspr[]
  3. vgl. BVerfGE 5, 22, 24; 73, 322, 326 f.; BVerfG, Beschluss vom 07.10.2009 – 1 BvR 178/​09, GRUR-RR 2009, S. 441, 442; Beschluss vom 15.11.2010 – 2 BvR 1183/​09, Rn. 24; Beschluss vom 15.08.2014 – 2 BvR 969/​14, Rn. 50; Beschluss vom 14.09.2016 – 1 BvR 1304/​13, Rn. 28[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 07.10.2009 – 1 BvR 178/​09, GRUR-RR 2009, S. 441, 442[]
  5. vgl. BVerfGE 22, 267, 274; 80, 269, 286[]
  6. vgl. BVerfGE 13, 132, 149; 22, 267, 274; 42, 364, 368; 86, 133, 146; 96, 205, 216 f.; BVerfG, Beschluss vom 27.02.2018 – 2 BvR 2821/​14, Rn. 18; stRspr[]