"nach Dik­tat ver­reist"

Ein Rechts­an­walt, der unter Anga­be sei­ner Berufs­be­zeich­nung einen bestim­men­den Schrift­satz für einen ande­ren Rechts­an­walt unter­zeich­net, über­nimmt mit sei­ner Unter­schrift auch dann die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt des Schrift­sat­zes, wenn ver­merkt ist, dass der ande­re Anwalt "nach Dik­tat außer Haus" ist.

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Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist die eigen­hän­di­ge Unter­schrift des Aus­stel­lers nach § 520 Abs. 5, § 130 Nr. 6 ZPO Wirk­sam­keits­vor­aus­set­zung für eine recht­zei­ti­ge Beru­fungs­be­grün­dung. Damit soll die Iden­ti­fi­zie­rung des Urhe­bers der schrift­li­chen Pro­zess­hand­lung ermög­licht und des­sen unbe­ding­ter Wil­le zum Aus­druck gebracht wer­den, den Schrift­satz zu ver­ant­wor­ten und bei Gericht ein­zu­rei­chen. Für den Anwalts­pro­zess bedeu­tet dies, dass die Beru­fungs­be­grün­dung von einem dazu bevoll­mäch­tig­ten und bei dem Pro­zess­ge­richt zuge­las­se­nen Rechts­an­walt zwar nicht selbst ver­fasst, aber nach eigen­ver­ant­wort­li­cher Prü­fung geneh­migt und unter­schrie­ben sein muss 1. Ent­spre­chen­des gilt, wenn, wie hier, die Beru­fungs­be­grün­dung in zuläs­si­ger Wei­se per Tele­fax über­mit­telt wird; in die­sem Fal­le muss es sich bei der Kopier­vor­la­ge um den eigen­hän­dig unter­schrie­be­nen Ori­gi­nal­schrift­satz han­deln 2.

An die­sen Grund­sät­zen gemes­sen ist für den Bun­des­ge­richts­hof in dem hier von ihm ent­schie­de­nen Fall eine form­ge­rech­te Beru­fungs­be­grün­dung ein­ge­reicht wor­den.

Der ent­spre­chen­de Schrift­satz ist ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Beschwer­de­er­wi­de­rung mit einem indi­vi­du­el­len, nicht nur als Hand­zei­chen oder Para­phe anzu­se­hen­den, son­dern den Anfor­de­run­gen an eine Unter­schrift genü­gen­den hand­schrift­li­chen Schrift­zug unter­zeich­net 3.

Dar­über hin­aus hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin belegt, dass die­ser Schrift­zug von Rechts­an­wäl­tin B. her­rührt, bei der es sich um eine bei dem Beru­fungs­ge­richt – einem Land­ge­richt – pos­tu­la­ti­ons­fä­hi­ge Rechts­an­wäl­tin han­delt. Zwar ist dies erst nach Ablauf der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist erläu­tert wor­den, so dass für das Beru­fungs­ge­richt bis dahin nicht erkenn­bar war, wel­che Rechts­an­wäl­tin unter­schrie­ben hat. Dar­auf kommt es jedoch nicht maß­geb­lich an.

Denn ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beru­fungs­ge­richts ist für die Prü­fung der Fra­ge, ob die Iden­ti­tät und die Pos­tu­la­ti­ons­fä­hig­keit des Unter­zeich­ners eines der­ar­ti­gen Schrift­sat­zes fest­steht bezie­hungs­wei­se erkenn­bar ist, nicht auf den Zeit­punkt des Ablaufs der Beru­fungs­be­grün­dungs­frist, son­dern auf den Zeit­punkt der gericht­li­chen Ent­schei­dung über die Zuläs­sig­keit der Beru­fung abzu­stel­len 4.

Die voll­stän­di­ge Namens­nen­nung des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Klä­ge­rin am Ende des Schrift­sat­zes im Zusam­men­hang mit dem Zusatz "nach Dik­tat außer Haus" macht deut­lich, dass die Beru­fungs­be­grün­dung von die­sem Rechts­an­walt erstellt, aber wegen Orts­ab­we­sen­heit nicht selbst unter­schrie­ben wer­den konn­te. Auch wenn ein aus­drück­li­cher Zusatz, "für" die­sen tätig zu wer­den, fehlt, lässt sich hier der Unter­zeich­nung durch eine Rechts­an­wäl­tin, wovon das Beru­fungs­ge­richt auf­grund der ange­ge­be­nen Berufs­be­zeich­nung aus­ge­hen konn­te, gleich­wohl ent­neh­men, dass sie an sei­ner Stel­le die Unter­schrift leis­ten und damit als Unter­be­voll­mäch­tig­te in Wahr­neh­mung des Man­dats der Klä­ge­rin auf­tre­ten woll­te. Damit hat sie zu erken­nen gege­ben, dass sie zugleich die Ver­ant­wor­tung für den Inhalt der Beru­fungs­be­grün­dung über­neh­men woll­te. Anhalts­punk­te, die dem ent­ge­gen­ste­hen könn­ten, sind nicht ersicht­lich. Für einen Rechts­an­walt ver­steht es sich im Zwei­fel von selbst, mit sei­ner Unter­schrift auch eine ent­spre­chen­de Ver­ant­wor­tung für einen bestim­men­den Schrift­satz zu über­neh­men 5 und nicht ledig­lich als Erklä­rungs­bo­te tätig zu wer­den 6.

Ist danach die Unter­schrift unter die Beru­fungs­be­grün­dung in die­sem Sin­ne von Rechts­an­wäl­tin B. geleis­tet wor­den, durf­te die Beru­fung nicht als unzu­läs­sig ver­wor­fen wer­den. Die Klä­ge­rin hat viel­mehr ihre Beru­fung recht­zei­tig und form­ge­recht begrün­det.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Juli 2012 – III ZB 70/​11

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 23.06.2005 – V ZB 45/​04, NJW 2005, 2709; vom 22.11.2005 – VI ZB 75/​04, VersR 2006, 387, 388; vom 17.11.2009 – XI ZB 6/​09, NJW-RR 2010, 358 Rn. 12 sowie vom 26.10.2011 – IV ZB 9/​11, BeckRS 2011, 26453 Rn. 6; jeweils mwN[]
  2. vgl. BGH, Beschluss vom 23.06.2005, aaO[]
  3. vgl. hier­zu BGH, Beschlüs­se vom 26.02.1997 – XII ZB 17/​97, Fam­RZ 1997, 737; vom 27.09.2005 – VIII ZB 105/​04, NJW 2005, 3775; vom 17.11.2009, aaO; vom 09.02.2010 – VIII ZB 67/​09, BeckRS 2010, 04929 Rn. 10 sowie vom 16.09.2010 – IX ZB 13/​10, NZI 2011, 59, 60[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 26.04.2012 – VII ZB 83/​10, MDR 2012, 796 Rn. 11[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 31.03.2003 – II ZR 192/​02, NJW 2003, 2028[]
  6. vgl. für den Zusatz "i.A." Beschluss vom 05.11.1987 – V ZR 139/​87, NJW 1988, 210 und BGH, Beschluss vom 27.05.1993 – III ZB 9/​93, NJW 1993, 2056, 2057[]