Prä­k­lu­si­on und recht­li­ches Gehör

Blei­ben Angriffs­mit­tel einer Par­tei des­we­gen unbe­rück­sich­tigt, weil der Tatrich­ter sie in offen­kun­dig feh­ler­haf­ter Anwen­dung einer Prä­k­lu­si­ons­vor­schrift wie des § 531 ZPO zu Unrecht für aus­ge­schlos­sen erach­tet hat, so ist zugleich das recht­li­che Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG) der Par­tei ver­letzt [1].

Prä­k­lu­si­on und recht­li­ches Gehör

§ 531 Abs. 1 ZPO erlaubt es nach sei­nem kla­ren Wort­laut dem Beru­fungs­ge­richt ledig­lich zu über­prü­fen, ob eine Zurück­wei­sung von Vor­brin­gen in ers­ter Instanz zu Recht vor­ge­nom­men wor­den ist [2]. Das im Rechts­mit­tel­zug über­ge­ord­ne­te Gericht darf eine feh­ler­haf­te Begrün­dung des erst­in­stanz­li­chen Gerichts für eine Zurück­wei­sung von Angriffs­mit­teln nicht durch eine ande­re Begrün­dung erset­zen [3] und ins­be­son­de­re nicht eine dem erst­in­stanz­li­chen Gericht vor­be­hal­te­ne Ermes­sens­ent­schei­dung als Begrün­dung für die Zurück­wei­sung nach­schie­ben [4].

Die Anwen­dung des § 296 Abs. 2 ZPO durch das Land­ge­richt ist in mehr­fa­cher Hin­sicht rechts­feh­ler­haft. Nach § 296 Abs. 2 ZPO kön­nen Angriffs- und Ver­tei­di­gungs­mit­tel, die ent­ge­gen § 282 Abs. 1 ZPO nicht recht­zei­tig vor­ge­bracht wer­den oder ent­ge­gen § 282 Abs. 2 ZPO nicht recht­zei­tig mit­ge­teilt wer­den, zurück­ge­wie­sen wer­den, wenn ihre Zulas­sung nach der frei­en Über­zeu­gung des Gerichts die Erle­di­gung des Rechts­streits ver­zö­gern wür­de und die Ver­spä­tung auf gro­ber Fahr­läs­sig­keit beruht.

§ 282 Abs. 1 ZPO betrifft allein Angriffs- und Ver­tei­di­gungs­mit­tel, die in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor­ge­bracht wer­den. Die Vor­schrift ist nur dann ein­schlä­gig, wenn inner­halb einer Instanz meh­re­re Ver­hand­lungs­ter­mi­ne statt­fin­den; ein Vor­brin­gen im ers­ten Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung kann nie­mals nach § 282 Abs. 1 ZPO ver­spä­tet sein [5].

Gro­be Nach­läs­sig­keit im Sin­ne des § 296 Abs. 2 ZPO liegt dann vor, wenn eine Pro­zess­par­tei ihre Pflicht zur Pro­zess­füh­rung in beson­ders gra­vie­ren­der Wei­se ver­nach­läs­sigt, wenn sie also das­je­ni­ge unter­lässt, was nach dem Stand des Ver­fah­rens jeder Par­tei hät­te als not­wen­dig ein­leuch­ten müs­sen [6]. Dies muss das erst­in­stanz­li­che Gericht hin­rei­chend begrün­den [7].

Außer­dem muss das Gericht bei der Ent­schei­dung nach § 296 Abs. 2 ZPO das ihm zuste­hen­de Ermes­sen aus­üben [8].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Sep­tem­ber 2013 – VII ZR 242/​12

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 21.03.2013 – VII ZR 58/​12, BauR 2013, 1146 Rn. 9 = NZBau 2013, 433 Rn. 9; Beschluss vom 17.07.2012 – VIII ZR 273/​11, NJW 2012, 3787 Rn. 9 jeweils m.w.N.[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 22.02.2006 – IV ZR 56/​05, BGHZ 166, 227 Rn. 16[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 04.05.2005 – XII ZR 23/​03, NJW-RR 2005, 1007, 1008[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 09.03.1981 – VIII ZR 38/​80, NJW 1981, 2255[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 17.07.2012 – VIII ZR 273/​11, NJW 2012, 3787 Rn. 6; Urteil vom 04.05.2005 – XII ZR 23/​03, NJW-RR 2005, 1007; Münch­Komm-ZPO/­Prüt­ting, 4. Aufl., § 282 Rn. 8; jeweils m.w.N[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 15.10.2002 – X ZR 69/​01, NJW 2003, 200, 202 m.w.N.[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 15.10.2002 – X ZR 69/​01, aaO 202[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 21.09.1982 VI ZR 272/​80, WM 1982, 1281, 1282; BVerfG, NJW 1985, 1150, 1151; zu den Kri­te­ri­en für die Ermes­sens­aus­übung vgl. Lei­pold in: Stein/​Jonas, ZPO, 22. Aufl., § 296 Rn. 148 f.[]