Recht­li­ches Gehör und der Tat­be­stand des Beru­fungs­ur­teils

Besteht ein Wider­spruch zwi­schen dem in Bezug genom­me­nen Tat­be­stand des erst­in­stanz­li­chen Urteils und den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts, so kann hier­in eine Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör lie­gen 1.

Recht­li­ches Gehör und der Tat­be­stand des Beru­fungs­ur­teils

Das Beru­fungs­ge­richt hat in einem sol­chen Fall den Anspruch der betrof­fe­nen Par­tei auf recht­li­ches Gehör nach Art. 103 Abs. 1 GG ver­letzt, weil es einer­seits auf die tat­be­stand­li­che Fest­stel­lung des Land­ge­richts Bezug genom­men hat,worden, ande­rer­seits aber in den Ent­schei­dungs­grün­den gegen­tei­li­ge eige­ne Fest­stel­lun­gen getrof­fen hat. Die­se Aus­füh­run­gen des Beru­fungs­ge­richts sind wider­sprüch­lich und erlau­ben dem Bun­des­ge­richts­hof daher kei­ne hin­rei­chend siche­re recht­li­che Beur­tei­lung des Par­tei­vor­brin­gens (§ 545 Abs. 1, § 559 Abs. 1 Satz 1 ZPO).

Art. 103 Abs. 1 GG ver­pflich­tet das Gericht, die Aus­füh­run­gen und Anträ­ge der Pro­zess­be­tei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen 2; eine Ver­let­zung ist aber erst dann gege­ben, wenn sich im Ein­zel­fall klar ergibt, dass das Gericht die­ser Pflicht nicht nach­ge­kom­men ist. Das Gericht muss sich nicht mit jedem Vor­brin­gen der Pro­zess­be­tei­lig­ten in den Ent­schei­dungs­grün­den aus­drück­lich befas­sen. Ein Ver­stoß gegen Art. 103 Abs. 1 GG ist nur dann gege­ben, wenn im Ein­zel­fall beson­de­re Umstän­de deut­lich machen, dass das Vor­brin­gen der Betei­lig­ten ent­we­der über­haupt nicht zur Kennt­nis genom­men oder bei der Ent­schei­dung ersicht­lich nicht erwo­gen wor­den ist 3.

Nach die­sen Maß­stä­ben ist Art. 103 Abs. 1 GG hier ver­letzt.

Die Fest­stel­lun­gen des erst­in­stanz­li­chen Urtei­len gehö­ren wegen der Bezug­nah­me auf die­ses Urteil (§ 540 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 ZPO) zum Tat­be­stand des Beru­fungs­ur­teils 4. Damit ste­hen im vor­lie­gen­den Fall die in den Ent­schei­dungs­grün­den des Beru­fungs­ur­teils getrof­fe­ne (eige­nen) Fest­stel­lun­gen in Wider­spruch. Der Umstand, dass sich das Beru­fungs­ge­richt mit die­sem offen­sicht­li­chen Wider­spruch nicht aus­ein­an­der­ge­setzt, ins­be­son­de­re nicht deut­lich gemacht hat, wor­auf sei­ne der in Bezug genom­me­nen erst­in­stanz­li­chen Fest­stel­lung wider­spre­chen­de bes­se­re Erkennt­nis grün­det, lässt nur den Schluss zu, dass das Beru­fungs­ge­richt das unstrei­ti­ge Par­tei­vor­brin­gen ers­ter Instanz inso­weit nicht zur Kennt­nis genom­men hat.

Das Beru­fungs­ur­teil beruht auf die­ser Gehörs­ver­let­zung. Die­se Vor­aus­set­zung ist schon dann erfüllt, wenn nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass das Gericht bei Berück­sich­ti­gung des über­gan­ge­nen Vor­brin­gens anders ent­schie­den hät­te 5.

Bun­des­ge­richts­hof – - Beschluss vom 3. Dezem­ber 2013 – XI ZR 301/​11

  1. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 11.05.2004 – XI ZB 39/​03, BGHZ 159, 135, 139 f.; und vom 09.02.2010 XI ZR 140/​09, BKR 2010, 515, 516[]
  2. BVerfGE 70, 288, 293 f.; 96, 205, 216 f.[]
  3. BGH, Beschluss vom 27.03.2003 – V ZR 291/​02, BGHZ 154, 288, 300; BVerfGE 25, 137, 140; 47, 182, 187 f.; 54, 86, 92; 65, 293, 295 f.; 69, 233, 246; 70, 288, 293; 85, 386, 404; 88, 366, 375 f.; BVerfG, NJW 1994, 2279; NVwZ 1995, 1096; NJW 1998, 2583, 2584; NJW-RR 2002, 68, 69[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 05.10.1988 – VIII ZR 222/​87, NJW-RR 1989, 306, 307[]
  5. vgl. BVerfGE 7, 95, 99; 60, 247, 250; 62, 392, 396; 65, 305, 308; 89, 381, 392 f.[]