Rechts­mit­tel­be­leh­rung mit fal­schem Inhalt

Eine Recht­mit­tel­be­leh­rung, die fälsch­li­cher­wei­se dar­auf hin­weist, dass gegen den Beschluss das Rechts­mit­tel der Rechts­be­schwer­de statt­fin­de, stellt kei­ne Ent­schei­dung über die Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de dar.

Rechts­mit­tel­be­leh­rung mit fal­schem Inhalt

Im vor­lie­gen­den Fall fehlt es laut Bun­des­ge­richts­hof an den Vor­aus­set­zun­gen für eine zulas­sungs­freie Rechts­be­schwer­de. So knüfpt die Rege­lung des § 70 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 FamFG, die eine Rechts­be­schwer­de auch ohne Zulas­sung erlaubt, an die gleich­lau­ten­de Defi­ni­ti­on des Begriffs der Betreu­ungs­sa­chen in § 271 Nr. 1 und 2 FamFG an. Die dort genann­ten Ver­fah­rens­ge­gen­stän­de sind von beson­de­rer Bedeu­tung, weil durch sie regel­mä­ßig in gra­vie­ren­dem Maße in höchst­per­sön­li­che Rech­te der Betei­lig­ten ein­ge­grif­fen wird. Dies woll­te der Gesetz­ge­ber mit der Dif­fe­ren­zie­rung in § 271 FamFG deut­lich machen. Da er mit der Rege­lung des § 70 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1 FamFG gera­de für Betreu­ungs­sa­chen mit beson­ders hoher Ein­griffs­in­ten­si­tät in höchst­per­sön­li­che Rech­te der Betei­lig­ten einen zulas­sungs­frei­en Zugang zum Bun­des­ge­richts­hof schaf­fen woll­te, folgt aus der Ver­knüp­fung der bei­den Vor­schrif­ten, dass eine Rechts­be­schwer­de ohne Zulas­sung durch das Rechts­be­schwer­de­ge­richt in allen Ver­fah­ren statt­haft ist, die von § 271 Nr. 1 und 2 FamFG erfasst wer­den [1].

Betreu­ungs­sa­chen zur Bestel­lung eines Betreu­ers im Sin­ne der §§ 70 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1, 271 Nr. 1 FamFG sind Ver­fah­ren nach § 1896 BGB. Dabei kann es sich sowohl um ein Erst­ver­fah­ren als auch um ein Ver­län­ge­rungs­ver­fah­ren han­deln, für das § 295 Abs. 1 FamFG eine ent­spre­chen­de Anwen­dung der Vor­schrif­ten über die erst­ma­li­ge Anord­nung die­ser Maß­nah­me bestimmt. Die beson­ders hohe Ein­griffs­in­ten­si­tät ergibt sich bei die­sen Ver­fah­ren dar­aus, dass mit der Bestel­lung des Betreu­ers zugleich die Anord­nung der Betreu­ung selbst ein­her­geht. Denn § 1896 BGB unter­schei­det nicht zwi­schen Anord­nung der Betreu­ung einer­seits und Bestel­lung eines Betreu­ers ande­rer­seits; viel­mehr ist eine Ein­heits­ent­schei­dung zu tref­fen [2].

Dem­ge­gen­über liegt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kein Anwen­dungs­fall der §§ 70 Abs. 3 Satz 1 Nr. 1, 271 Nr. 1 FamFG vor, wenn – wie hier mit Beschluss vom 30. März 2010 gesche­hen – iso­liert die Bestel­lung eines Ergän­zungs­be­treu­ers gemäß §§ 1899 Abs. 4, 1908 i, 1795 Abs. 1, 1796 BGB ange­ord­net wor­den ist [3]. Des­halb fin­det die zulas­sungs­freie Rechts­be­schwer­de gegen einen Beschluss des Beschwer­de­ge­richts in sol­chen Ver­fah­ren nicht statt.

Auch bei der mit Beschluss vom 12. Juli 2010 ange­ord­ne­ten Prü­fung der Rech­nungs­le­gung durch einen Sach­ver­stän­di­gen han­delt es sich nicht um ein Ver­fah­ren nach § 1896 BGB und damit nicht um eine Betreu­ungs­sa­che zur Bestel­lung eines Betreu­ers. Davon geht auch die Rechts­be­schwer­de aus.

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Rechts­be­schwer­de hat das Land­ge­richt [4] die Rechts­be­schwer­de auch nicht zuge­las­sen. Die Rechts­be­schwer­de macht gel­tend: Die Rich­ter, die die Beschwer­de­ent­schei­dung erlas­sen hät­ten, hät­ten die Rechts­mit­tel­be­leh­rung unter­schrie­ben, die zum Inhalt habe, dass gegen den vom Beschwer­de­ge­richt erlas­se­nen Beschluss das Rechts­mit­tel der Rechts­be­schwer­de zum Bun­des­ge­richts­hof statt­fin­det. Die Beleh­rung sei nicht auf die Ent­schei­dung über die Bestel­lung eines Ergän­zungs­pfle­gers beschränkt wor­den. Da bezüg­lich des Beschlus­ses über die Prü­fung der Rech­nungs­le­gung eine zulas­sungs­freie Rechts­be­schwer­de nicht eröff­net sei, lie­ge in der Rechts­mit­tel­be­leh­rung inso­fern die kon­klu­den­te Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de.

Damit ver­mag die Rechts­be­schwer­de nicht durch­zu­drin­gen. Die Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de hat nach § 70 Abs. 1 FamFG in dem Beschluss zu erfol­gen, mit dem das Beschwer­de­ge­richt über die Beschwer­de gegen die erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dung oder das Ober­lan­des­ge­richt in ers­ter Instanz ent­schie­den hat. Dabei kann die Zulas­sung in der Ent­schei­dungs­for­mel oder in den Grün­den aus­ge­spro­chen wer­den [5]. Vor­aus­zu­ge­hen hat die Prü­fung, ob die gesetz­li­chen Vor­aus­set­zun­gen der Zulas­sung (hier: des § 70 Abs. 2 FamFG) erfüllt sind, sowie eine Ent­schlie­ßung über die Zulas­sung.

Eine unzu­tref­fend erteil­te Rechts­mit­tel­be­leh­rung kann die Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de nicht erset­zen. Sie dient nicht der Ergän­zung oder Inter­pre­ta­ti­on der Ent­schei­dung, son­dern allein der Infor­ma­ti­on der Betei­lig­ten über bestehen­de Rechts­mit­tel (vgl. § 39 FamFG). Durch eine inso­fern unrich­ti­ge Anga­be wird des­halb ein unstatt­haf­tes Rechts­mit­tel nicht statt­haft [6]. In der Recht­spre­chung der Ober­lan­des­ge­rich­te [7] sowie im Schrift­tum [8] wird das, soweit ersicht­lich, nicht anders beur­teilt. Dabei gilt die­se Bewer­tung auch dann, wenn die Rechts­mit­tel­be­leh­rung als Bestand­teil des Beschlus­ses durch die Unter­schrif­ten der erken­nen­den Rich­ter gedeckt ist [9]. Hier­durch ändert sich der Cha­rak­ter als blo­ße Beleh­rung über das für statt­haft gehal­te­ne Rechts­mit­tel nicht. Eine Wil­lens­ent­schlie­ßung im Sin­ne einer Zulas­sungs­ent­schei­dung kann dar­aus nicht ent­nom­men wer­den.

Danach ist im vor­lie­gen­den Fall davon aus­zu­ge­hen, dass das Land­ge­richt die Rechts­be­schwer­de nicht zuge­las­sen hat. In der Ent­schei­dungs­for­mel ist dies nicht erfolgt; geson­der­te Grün­de weist der ange­foch­te­ne Beschluss nicht auf. Die Rechts­mit­tel­be­leh­rung ist durch eine klei­ne­re Schrift erkenn­bar von dem übri­gen Text abge­setzt. Bei ihr han­delt es sich nicht um die gesetz­lich vor­ge­se­he­ne Ein­zel­fall­ent­schei­dung über die Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de, son­dern – ent­spre­chend der Über­schrift „Rechts­mit­tel­be­leh­rung“ – um Anga­ben zu der nach Auf­fas­sung des Land­ge­richts bestehen­den Rechts­mit­tel­mög­lich­keit. Ent­hal­ten aber weder Tenor noch Grün­de einen Hin­weis auf die Zulas­sung der Rechts­be­schwer­de, ist die­se nicht zuge­las­sen wor­den [10].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Juli 2011 – XII ZB 445/​10

  1. BGH, Beschlüs­se vom 09.02.2011 – XII ZB 364/​10, FamRZ 2011, 632 Rn. 7 und vom 15.09.2010 – XII ZB 166/​10, FamRZ 2010, 1897 Rn. 8[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 09.02.2011 – XII ZB 364/​10, FamRZ 2011, 632 Rn. 8 und vom 15.09.2010 – XII ZB 166/​10, FamRZ 2010, 1897 Rn. 10[]
  3. BGH, Beschluss vom 25.05.2011 – XII ZB 283/​10[]
  4. LG Han­no­ver, vom 12.08.10 – 2 T 61/​10 und 2 T 62/​10[]
  5. Kei­del/­Mey­er-Holz FamFG 16. Aufl. § 70 Rn. 36; MünchKommZPO/​Wenzel 3. Aufl. § 543 Rn. 29 f.[]
  6. BGH, Beschluss vom 21.02.2007 – AnwZ(B) 86/​06, NJW-RR 2007, 1071 Rn. 9; BAGE 102, 213, 218[]
  7. OLG Stutt­gart FGPrax 2009, 114, 115; OLG Koblenz FamRZ 2010, 908 f.; OLG Schles­wig FamRZ 2008, 75, 76; OLG Köln FGPrax 2005, 205, 206; OLG Karls­ru­he FamRZ 2000, 302; Bay­O­bLG Bay­O­bLGZ 2000, 318, WuM 1995, 70 f.[]
  8. Kei­del/­Mey­er-Holz aaO § 70 Rn. 39; Münch­Komm-ZPO/Ul­ri­ci aaO § 39 FamFG Rn. 10; Horndasch/​Viefhues/​Rein­ken FamFG § 39 Rn. 5; Gut­jahr in Beck­OK FamFG § 39 Rn. 26[]
  9. OLG Stutt­gart FGPrax 2009, 114, 115; Bay­O­bLG Bay­O­bLGZ 2000, 318[]
  10. Münch-KommZPO/­Wen­zel aaO § 543 Rn. 31 mwN; Musielak/​Ball ZPO 8. Aufl. § 543 Rn. 14[]