Rest­schuld­be­frei­ung, Ver­sa­gungs­an­trag und der Amts­er­mitt­lungs­grund­satz

Hat der Gläu­bi­ger einen Ver­sa­gungs­grund glaub­haft gemacht, gilt für das wei­te­re Ver­fah­ren die Amts­er­mitt­lungs­pflicht des Insol­venz­ge­richts. Es darf von der Erhe­bung von ange­bo­te­nem Zeu­gen­be­weis zu dem Vor­trag des Schuld­ners zum Ver­sa­gungs­grund nicht des­halb abse­hen, weil das Vor­brin­gen zu sei­nen Aus­füh­run­gen in zu den Insol­venz­ak­ten gelang­ten Schrei­ben in Wider­spruch steht.

Rest­schuld­be­frei­ung, Ver­sa­gungs­an­trag und der Amts­er­mitt­lungs­grund­satz

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­ten in den Vor­in­stan­zen Insol­venz­ge­richt und Beschwer­de­ge­richt ange­nom­men, der Schuld­ner habe Aus­kunfts- und Mit­wir­kungs­pflich­ten aus § 97 InsO ver­letzt (§ 290 Abs. 1 Nr. 5 InsO). Er habe nicht frei­wil­lig, son­dern erst auf Vor­halt des von einem Gläu­bi­ger ermit­tel­ten Sach­ver­halts Anga­ben über die von ihm mit­ge­grün­de­ten Gesell­schaf­ten gemacht. Er hät­te mit Errich­tung der Sat­zung der GmbH beim Notar das Insol­venz­ge­richt und die Insol­venz­ver­wal­te­rin infor­mie­ren müs­sen. Mit sei­ner im Beschwer­de­ver­fah­ren erho­be­nen, von der Insol­venz­ver­wal­te­rin in Abre­de gestell­ten Behaup­tung, die­se bereits Ende August 2009 tele­fo­nisch über die geplan­ten Fir­men­grün­dun­gen infor­miert zu haben, habe er sich in Wider­spruch zu sei­nen Aus­füh­run­gen in sei­nem Schrei­ben vom 20.11.2009 gesetzt, wor­in er sich dafür ent­schul­digt hat­te, die Insol­venz­ver­wal­te­rin nicht frü­her infor­miert zu haben. Des­we­gen hat das Beschwer­de­ge­richt den Zeu­gen­be­weis nicht erho­ben.

Dies ließ der Bun­des­ge­richts­hof jedoch nicht gel­ten: Das Beschwer­de­ge­richt ist, so der BGH, rechts­feh­ler­haft zu dem Ergeb­nis gekom­men, der Schuld­ner habe die ihm vor­ge­wor­fe­nen Vor­gän­ge nicht recht­zei­tig vor Auf­de­ckung durch den wei­te­ren Betei­lig­ten zu 1 der Insol­venz­ver­wal­te­rin bekannt gege­ben. Es ist zu die­ser Schluss­fol­ge­rung gelangt, indem es, wie die Beschwer­de mit Recht rügt, die Beweis­an­re­gun­gen des Schuld­ners auf Zeu­gen­be­weis über­gan­gen hat (§ 5 Abs. 1 InsO). Damit hat es zugleich des­sen Anspruch auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs (Art. 103 Abs. 1 GG) in ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Wei­se ver­letzt.

Ist dem Gläu­bi­ger wie vor­lie­gend die Glaub­haft­ma­chung des Ver­sa­gungs­grun­des gelun­gen, so gilt für das wei­te­re Ver­fah­ren die Amts­er­mitt­lungs­pflicht des Insol­venz­ge­richts 1. Danach war das Gericht ver­pflich­tet, das Vor­lie­gen des Ver­sa­gungs­grun­des von Amts wegen zu ermit­teln. Art und Umfang der Ermitt­lun­gen rich­ten sich zwar nach sei­nem pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen und nach den jewei­li­gen Behaup­tun­gen und Beweis­an­re­gun­gen der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten, hier des Gläu­bi­gers und des Schuld­ners 2. Da die Ver­sa­gung der Rest­schuld­be­frei­ung für den Schuld­ner von ein­schnei­den­der Bedeu­tung war, hät­te das Beschwer­de­ge­richt jedoch sei­ner Ermitt­lungs­pflicht nach­kom­men müs­sen 3.

Der Schuld­ner hat schlüs­sig vor­ge­tra­gen und für sei­nen Vor­trag Zeu­gen­be­weis ange­bo­ten, dass er vor Auf­de­ckung des Sach­ver­halts durch den Gläu­bi­ger von sich aus die Insol­venz­ver­wal­te­rin über die beab­sich­tig­ten Fir­men­grün­dun­gen infor­miert habe. Die­ser Vor­trag war erheb­lich.

Das Beschwer­de­ge­richt durf­te des­we­gen in Aus­übung sei­nes pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sens von der Beweis­auf­nah­me zu dem Vor­trag des Schuld­ners in der Beschwer­de­schrift nicht des­halb abse­hen, weil das Vor­brin­gen zu sei­nen Aus­füh­run­gen im Schrei­ben vom 20.11.2009 in Wider­spruch stand. In der Recht­spre­chung ist aner­kannt, dass vor­pro­zes­sua­le Äuße­run­gen einer Par­tei gene­rell nicht geeig­net sind, ihrem Pro­zess­vor­trag die Beacht­lich­keit zu neh­men. Ob mit Blick auf sol­che Äuße­run­gen dem Pro­zess­vor­trag einer Par­tei letz­ten Endes der Erfolg ver­sagt bleibt, kann erst im Rah­men der abschlie­ßen­den Wür­di­gung nach § 286 ZPO unter Ein­schluss der Ergeb­nis­se einer ver­fah­rens­recht­lich gebo­te­nen Beweis­auf­nah­me beur­teilt wer­den 4. Eben­so darf ein Gericht die Beweis­auf­nah­me zu einem bestrit­te­nen erheb­li­chen Vor­brin­gen einer Par­tei nicht des­halb ableh­nen, weil es zu ihrem frü­he­ren Vor­trag in Wider­spruch steht. Eine etwai­ge Wider­sprüch­lich­keit des Par­tei­vor­tra­ges ist viel­mehr im Rah­men der Beweis­wür­di­gung zu berück­sich­ti­gen 5.

Dem­entspre­chend darf ein Gericht im Rah­men der Amts­er­mitt­lung nach § 5 Abs. 1 InsO die Erhe­bung von Zeu­gen­be­weis über einen glaub­haft gemach­ten Ver­sa­gungs­grund nicht des­we­gen unter­las­sen, weil der unter Beweis gestell­te Vor­trag des Schuld­ners in Wider­spruch zu von ihm selbst im Ver­fah­ren gefer­tig­ten Schrift­stü­cken steht, zumal sich vor­lie­gend der Schuld­ner unter Beweis­an­ge­bot dar­auf beru­fen hat, erst durch sei­nen Geschäfts­part­ner an das Tele­fo­nat erin­nert wor­den zu sein. Erst nach Anhö­rung der vom Schuld­ner ange­bo­te­nen Zeu­gen kann das Beschwer­de­ge­richt deren Aus­sa­gen und das Schrei­ben des Schuld­ners vom 20.11.2009 abschlie­ßend wür­di­gen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. April 2013 – IX ZB 170/​11

  1. § 5 Abs. 1 InsO; BGH, Beschluss vom 11.09.2003 – IX ZB 37/​03, BGHZ 156, 139, 146 f; vgl. Beschluss vom 13.01.2011 – IX ZB 199/​09, ZIn­sO 2011, 301 Rn. 8[]
  2. vgl. Münch­Komm-InsO/Gan­ter, 2. Aufl., § 5 Rn. 21; Jaeger/​Gerhardt, InsO, § 5 Rn. 3[]
  3. vgl. Jager/​Gerhardt, aaO[]
  4. BGH, Urteil vom 08.11.1995 – VIII ZR 227/​94, NJW 1996, 394; vom 13.03.1996 – VIII ZR 186/​94, NJW 1996, 1541, 1542[]
  5. BGH, Urteil vom 13.03.2012 – II ZR 50/​09, ZIP 2012, 1197 Rn. 16[]