Rich­ter­wech­sel – und der Grund­satz der Unmit­tel­bar­keit der Beweis­auf­nah­me

Ein Rich­ter­wech­sel nach einer Beweis­auf­nah­me erfor­dert jedoch nicht grund­sätz­lich deren Wie­der­ho­lung. So kön­nen frü­he­re Zeu­gen­aus­sa­gen im Wege des Urkun­den­be­wei­ses durch Aus­wer­tung des Ver­neh­mungs­pro­to­kolls ver­wer­tet wer­den. Das Gericht darf dann bei der Beweis­wür­di­gung aller­dings nur das berück­sich­ti­gen, was auf der Wahr­neh­mung aller an der Ent­schei­dung betei­lig­ten Rich­ter beruht oder akten­kun­dig ist und wozu die Par­tei­en sich erklä­ren konn­ten.

Rich­ter­wech­sel – und der Grund­satz der Unmit­tel­bar­keit der Beweis­auf­nah­me

Das gilt auch, wenn das Gericht den per­sön­li­chen Ein­druck eines Zeu­gen zur Beur­tei­lung sei­ner Glaub­wür­dig­keit her­an­zie­hen will. Ein­drü­cke, die nicht in das Ver­hand­lungs­pro­to­koll auf­ge­nom­men wor­den sind, zu denen also die Par­tei­en auch kei­ne Stel­lung neh­men konn­ten, dür­fen daher nach einem Rich­ter­wech­sel bei der Ent­schei­dung nicht ver­wer­tet wer­den.

Kommt es auf einen per­sön­li­chen Ein­druck von den Zeu­gen an, ins­be­son­de­re zur Beur­tei­lung der Glaub­wür­dig­keit, so muss das Gericht in der Spruch­be­set­zung einen per­sön­li­chen Ein­druck von den Zeu­gen gewon­nen haben oder auf eine akten­kun­di­ge Beur­tei­lung zurück­grei­fen kön­nen 1. Ent­spre­chen­des gilt für den Beweis durch Augen­schein 2 und die Wür­di­gung eines bei einer Anhö­rung gemäß § 411 Abs. 3 ZPO ergänz­ten Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens 3.

Aus­ge­hend von die­sen Grund­sät­zen liegt hier kein Ver­stoß gegen den Grund­satz der Unmit­tel­bar­keit der Beweis­auf­nah­me vor. Viel­mehr erfor­dert ein Rich­ter­wech­sel nach der Beweis­auf­nah­me die wie­der­hol­te Erhe­bung des Sach­ver­stän­di­gen­be­wei­ses im Regel­fall nicht. Über eine sach­li­che Wür­di­gung geht die Beur­tei­lung der Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen als "nach­voll­zieh­bar", "plau­si­bel" und "über­zeu­gend" nicht hin­aus. Wel­che nicht pro­to­kol­lier­ten Äuße­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen für die Über­zeu­gungs­bil­dung des Land­ge­richts dane­ben noch ursäch­lich gewor­den sein kön­nen, führt die Beru­fung zur Begrün­dung ihrer Rüge, die auf sol­che Mög­lich­kei­ten anspielt, nicht aus 4.

Soweit ein Ver­stoß gegen den Grund­satz der Bweis­un­mit­tel­bar­keit vor­liegt, der als Ver­fah­rens­feh­ler ver­zicht­bar i.S. des § 295 ZPO ist, wird die­ser Ver­stoß nicht dadurch geheilt, dass die Par­tei­en bei der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung die feh­len­de erneu­te Anhö­rung des Sach­ver­stän­di­gen oder Zeu­gen nicht gerügt haben. Denn ein Rüge­ver­zicht nach § 295 ZPO schei­det aus, wenn der Ver­fah­rens­feh­ler erst aus dem Urteil ersicht­lich wird 5.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Urteil vom 13. August 2014 – 7 U 128/​13

  1. BGH, NJW 1997, 1586 f. 13; NJW 1995, 1292 ff 10; NJW 1991, 1180 6; KG, BauR 2011, 297 f 27 m.w.N.; Zöller/​Greger, ZPO, 30. Aufl., § 355 Rn. 6[]
  2. BGH, VersR 1992, 883 ff. 25[]
  3. BGH, Beschluss vom 14.05.2009 – IX ZB 40/​08, Tz. 2, juris; BGH, NJW 1970, 946 ff 138 ff.[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 14.05.2009 – IX ZB 40/​08, Tz. 2[]
  5. BGH, VersR 1992, 883 ff. 25, zum Augen­schein; OLG Schles­wig, MDR 1999, 761 f. 9[]