Schät­zung von Miet­wa­gen­kos­ten

Zur Schät­zung von Miet­wa­gen­kos­ten auf der Grund­la­ge von Lis­ten und Tabel­len hat jetzt der Bun­des­ge­richts­hof für den Fall Stel­lung genom­men, dass mit kon­kre­ten Tat­sa­chen auf­ge­zeigt wird, dass gel­tend gemach­te Män­gel der Schät­zungs­grund­la­ge sich auf den zu ent­schei­den­den Fall in erheb­li­chem Umfang aus­wir­ken.

Schät­zung von Miet­wa­gen­kos­ten

Die Art der Schät­zungs­grund­la­ge gibt § 287 ZPO nicht vor. Die Scha­dens­hö­he darf ledig­lich nicht auf der Grund­la­ge fal­scher oder offen­bar unsach­li­cher Erwä­gun­gen fest­ge­setzt wer­den und fer­ner dür­fen wesent­li­che die Ent­schei­dung bedin­gen­de Tat­sa­chen nicht außer Acht blei­ben. Auch darf das Gericht in für die Streit­ent­schei­dung zen­tra­len Fra­gen auf nach Sach­la­ge uner­läss­li­che fach­li­che Erkennt­nis­se nicht ver­zich­ten. Gleich­wohl kön­nen in geeig­ne­ten Fäl­len Lis­ten oder Tabel­len bei der Scha­dens­schät­zung Ver­wen­dung fin­den [1]. Dem­ge­mäß hat der Bun­des­ge­richts­hof mehr­fach aus­ge­spro­chen, dass der Tatrich­ter in Aus­übung des Ermes­sens nach § 287 ZPO den „Nor­mal­ta­rif“ grund­sätz­lich auch auf der Grund­la­ge des „Schwa­cke-Miet­preis­spie­gels“ im maß­ge­ben­den Post­leit­zah­len­ge­biet (ggf. mit sach­ver­stän­di­ger Bera­tung) ermit­teln kann [2]. Er hat auch die Schät­zung auf der Grund­la­ge des „Schwa­cke-Miet­preis­spie­gels 2006“ grund­sätz­lich nicht als rechts­feh­ler­haft erach­tet [3], was jedoch nicht bedeu­tet, dass eine Schät­zung auf der Grund­la­ge ande­rer Lis­ten oder Tabel­len, wie etwa der sog. Fraun­ho­fer-Lis­te, oder eine Schät­zung nach dem arith­me­ti­schen Mit­tel bei­der Markt­er­he­bun­gen [4] grund­sätz­lich rechts­feh­ler­haft wäre. Die Eig­nung von Lis­ten oder Tabel­len, die bei der Scha­dens­schät­zung Ver­wen­dung fin­den kön­nen, bedarf nur der Klä­rung, wenn mit kon­kre­ten Tat­sa­chen auf­ge­zeigt wird, dass gel­tend gemach­te Män­gel der Schät­zungs­grund­la­ge sich auf den zu ent­schei­den­den Fall in erheb­li­chem Umfang aus­wir­ken [5].

Nach die­sen Grund­sät­zen, an denen fest­ge­hal­ten wird, ist der Tatrich­ter grund­sätz­lich nicht gehin­dert, sei­ner Scha­dens­schät­zung gemäß § 287 ZPO die Schwa­cke-Lis­te 2006 zugrun­de zu legen. Die von der Beklag­ten gegen die Eig­nung die­ses Miet­preis­spie­gels erho­be­nen gene­rel­len Ein­wän­de hält der Bun­des­ge­richts­hof für unbe­grün­det. Im Streit­fall begeg­net die Anwen­dung der Schwa­cke-Lis­te jedoch des­halb Beden­ken, weil die Beklag­te deut­lich güns­ti­ge­re Ange­bo­te ande­rer Anbie­ter als Bei­spie­le für die von ihr gel­tend gemach­ten Män­gel des Schwa­cke-Miet­preis­spie­gels 2006 auf­ge­zeigt hat. Sie hat umfas­sen­den Sach­vor­trag dazu gehal­ten und Beweis dafür ange­tre­ten, dass die Klä­ge­rin ein ver­gleich­ba­res Fahr­zeug für 14 Tage inklu­si­ve sämt­li­cher Kilo­me­ter und Voll­kas­ko­ver­si­che­rung zu kon­kret benann­ten, wesent­lich güns­ti­ge­ren Prei­sen bestimm­ter ande­rer Miet­wa­gen­un­ter­neh­men hät­te anmie­ten kön­nen. Die­ses Vor­brin­gen hat das Beru­fungs­ge­richt nicht hin­rei­chend gewür­digt. Sei­ne Beur­tei­lung, die Beklag­te habe nicht „ein­deu­tig“ behaup­tet, dass die von ihr auf­ge­zeig­ten Ange­bo­te vom 10. Sep­tem­ber 2007 nicht nur zu Wer­be­zwe­cken gedient, son­dern am 9. Janu­ar 2007 der Klä­ge­rin tat­säch­lich zur Ver­fü­gung gestan­den hät­ten, beruht auf einer Ver­ken­nung des Sach­vor­trags der Beklag­ten. Die­se hat die Ange­bo­te zum Beleg ihrer Behaup­tung vor­ge­legt, dass der Klä­ge­rin die Anmie­tung eines Miet­wa­gens bei Sta­tio­nen in B. zu einem wesent­lich güns­ti­ge­ren Preis mög­lich gewe­sen wäre. Zum Beweis die­ses Vor­tra­ges hat sie die Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens bean­tragt. Damit hat sie hin­rei­chend deut­lich gemacht, dass nach ihrem unter Beweis gestell­ten Vor­brin­gen der Klä­ge­rin güns­ti­ge­re Tari­fe tat­säch­lich zur Ver­fü­gung gestan­den hät­ten, als die­se das Fahr­zeug bei dem Auto­haus V. in B. anmie­te­te. Das Beru­fungs­ge­richt hat sich mit die­sem Sach­vor­trag ver­fah­rens­feh­ler­haft nicht in aus­rei­chen­der Wei­se aus­ein­an­der­ge­setzt. Dadurch ver­letzt es den Anspruch der Beklag­ten auf recht­li­ches Gehör und über­schrei­tet die Gren­zen sei­nes tatrich­ter­li­chen Ermes­sens im Rah­men des § 287 ZPO.

Das Beru­fungs­ge­richt durf­te bei der Ermitt­lung des sog. Nor­mal­ta­rifs kei­ne Neben­kos­ten für einen zusätz­li­chen Fah­rer und Kos­ten für Zustellung/​Abholung berück­sich­ti­gen, ohne auf den Vor­trag der Beklag­ten ein­zu­ge­hen, dass bei der Anmie­tung die Nut­zung durch einen wei­te­ren Fah­rer nicht ver­ein­bart wor­den sei und die Klä­ge­rin das ange­mie­te­te Fahr­zeug tat­säch­lich auch allein benutzt habe und dass die Anmie­tung im Auto­haus V. erfolgt und das Fahr­zeug weder zuge­stellt noch abge­holt wor­den sei. Auch inso­weit ist die erfolg­te Scha­dens­schät­zung nicht frei von Ver­fah­rens­feh­lern.

BGH, Urteil vom 22. Febru­ar 2011 – VI ZR 353/​09

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 11.03.2008 – VI ZR 164/​07, VersR 2008, 699 Rn. 9; und vom 14.10.2008 – VI ZR 308/​07, VersR 2008, 1706 Rn. 22[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 09.05.2006 – VI ZR 117/​05, VersR 2006, 986 Rn. 6; vom 30.01.2007 – VI ZR 99/​06, VersR 2007, 516 Rn. 8; vom 12.06.2007 – VI ZR 161/​06, VersR 2007, 1144, 1145; vom 24.06.2008 – VI ZR 234/​07, VersR 2008, 1370 Rn. 22; und vom 18.05.2010 – VI ZR 293/​08, VersR 2010, 1054 Rn. 4[]
  3. vgl. BGH, Urtei­le vom 11.03.2008 – VI ZR 164/​07, aaO Rn. 10; vom 19.01.2010 – VI ZR 112/​09, VersR 2010, 494 Rn. 6; und vom 02.02.2010 – VI ZR 139/​08, VersR 2010, 545 Rn. 26; sowie – VI ZR 7/​09, VersR 2010, 683 Rn. 9[]
  4. vgl. etwa OLG Saar­brü­cken SVR 2010, 103 mit Anm. Nugel juris­PR-Ver­kR 7/​2010 Anm. 1; LG Bie­le­feld NJW-Spe­zi­al 2009, 762[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 11.03.2008 – VI ZR 164/​07, aaO Rn. 9; vom 14.10.2008 – VI ZR 308/​07, aaO Rn. 19; und vom 02.02.2010 – VI ZR 139/​08, aaO Rn. 25; sowie – VI ZR 7/​09, aaO Rn. 19[]