Schuld­bei­tritt im Fern­ab­satz?

Die Vor­schrif­ten über Fern­ab­satz­ge­schäf­te fin­den auf Siche­rungs­ge­schäf­te wie den Schuld­bei­tritt eines Ver­brau­chers kei­ne Anwen­dung, wenn nach den getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen der Unter­neh­mer kei­ne ver­trags­cha­rak­te­ris­ti­sche Leis­tung schul­det. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die Vor­schrif­ten über den Haus­tür­wi­der­ruf auf den von einem Ver­brau­cher erklär­ten Schuld­bei­tritt anwend­bar sind und der Schuld­bei­tritt eines Ver­brau­chers zu einem Dar­le­hens­ver­trag nach den Vor­schrif­ten über den Ver­brau­cher­kre­dit wider­ru­fen wer­den kann.

Schuld­bei­tritt im Fern­ab­satz?

Dem Ver­brau­cher stand nach § 312d Abs. 1 Satz 1 BGB in der bis zum 11.06.2010 gel­ten­den Fas­sung bei einem Fern­ab­satz­ver­trag ein Wider­rufs­recht nach § 355 BGB zu. Nach § 312b Abs. 1 Satz 1 BGB in der im Streit­fall anzu­wen­den­den Fas­sung vom 02.12 2004 sind Fern­ab­satz­ver­trä­ge Ver­trä­ge über die Lie­fe­rung von Waren oder über die Erbrin­gung von Dienst­leis­tun­gen, ein­schließ­lich Finanz­dienst­leis­tun­gen, die zwi­schen einem Unter­neh­mer und einem Ver­brau­cher unter aus­schließ­li­cher Ver­wen­dung von Fern­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln abge­schlos­sen wer­den, es sei denn, dass der Ver­trags­schluss nicht im Rah­men eines für den Fern­ab­satz orga­ni­sier­ten Ver­triebs- oder Dienst­leis­tungs­sys­tems erfolgt. Fern­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel sind nach § 312b Abs. 2 BGB aF Kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­tel, die zur Anbah­nung oder zum Abschluss eines Ver­trags zwi­schen einem Ver­brau­cher und einem Unter­neh­mer ohne gleich­zei­ti­ge kör­per­li­che Anwe­sen­heit der Ver­trags­par­tei­en ein­ge­setzt wer­den kön­nen, ins­be­son­de­re Brie­fe, Kata­lo­ge, Tele­fon­an­ru­fe, Tele­ko­pi­en, E‑Mails sowie Rund­funk, Tele- und Medi­en­diens­te.

Die Schuld­bei­tre­ten­de ist in Bezug auf die von ihr abge­ge­be­ne Wil­lens­er­klä­rung als Ver­brau­che­rin im Sin­ne des § 13 BGB anzu­se­hen. Die­ser Beur­tei­lung steht nicht ent­ge­gen, dass sie als Gesell­schaf­te­rin und Geschäfts­füh­re­rin der eigent­li­chen Schuld­ne­rin, einer GmbH, eine per­sön­li­che Haf­tung für eine Gesell­schafts­schuld über­nom­men hat 1.

Die von ihr ange­nom­me­ne Haf­tungs­er­klä­rung der Ver­brau­che­rin ist jedoch kein Fern­ab­satz­ver­trag im Sin­ne von § 312b Abs. 1 Satz 1 BGB aF.

Zu der – im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall nach altem Recht anhand der §§ 312b, 312d BGB aF zu beur­tei­len­den – Fra­ge, ob die Vor­schrif­ten über Fern­ab­satz­ge­schäf­te auf Siche­rungs­ge­schäf­te wie den im Streit­fall erklär­ten Schuld­bei­tritt Anwen­dung fin­den, hat der Bun­des­ge­richts­hof bis­her nicht Stel­lung genom­men. Nach der nahe­zu ein­hel­li­gen Ansicht in der instanz­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung und im Schrift­tum, der der Bun­des­ge­richts­hof zustimmt, ist die Fra­ge zu ver­nei­nen 2.

Fern­ab­satz­ge­schäf­te sind dadurch gekenn­zeich­net, dass Anbie­ter und Ver­brau­cher sich nicht phy­sisch begeg­nen und der Ver­brau­cher die vom Unter­neh­mer ange­bo­te­ne Ware oder Dienst­leis­tung in der Regel nicht vor Ver­trags­schluss in Augen­schein neh­men kann. Um der dar­aus erwach­sen­den Gefahr von Fehl­ent­schei­dun­gen des Ver­brau­chers zu begeg­nen, wird ihm ein Wider­rufs­recht ein­ge­räumt 3. Die Annah­me eines Fern­ab­satz­ver­tra­ges setzt damit die Lie­fe­rung einer Ware oder die Erbrin­gung einer Dienst­leis­tung durch den Unter­neh­mer vor­aus, so dass es nicht aus­reicht, wenn nach den getrof­fe­nen Ver­ein­ba­run­gen ledig­lich ein Ver­brau­cher eine ver­trags­cha­rak­te­ris­ti­sche Leis­tung schul­det 4. Vor die­sem Hin­ter­grund kommt ein Wider­rufs­recht auf­grund eines unter aus­schließ­li­cher Ver­wen­dung von Fern­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln abge­schlos­se­nen Schuld­bei­tritts nicht in Betracht, weil der Schuld­bei­tre­ten­de kei­nen Anspruch auf die Lie­fe­rung einer Ware oder die Erbrin­gung einer Dienst­leis­tung erwirbt, son­dern ein­sei­tig die Haf­tung für die Erfül­lung einer durch einen Ver­trag Drit­ter begrün­de­ten Ver­bind­lich­keit über­nimmt. Eine von einem Ver­brau­cher bestell­te Sicher­heit stellt des­halb auch kei­ne Finanz­dienst­leis­tung im Sin­ne des § 312b Abs. 1 Satz 2 BGB aF dar 5.

Der Umstand, dass der von der Ver­brau­che­rin erklär­te Schuld­bei­tritt sei­nem Wesen nach die Rechts­na­tur der For­de­rung teilt, zu der er erklärt wird, 6, recht­fer­tigt kei­ne ande­re Beur­tei­lung. Die zwi­schen der Gläu­bi­ge­rin und der V. am 29./30.03.2010 abge- schlos­se­ne Ver­triebs­ver­ein­ba­rung erfüllt nicht die Vor­aus­set­zun­gen eines Fern­ab­satz­ge­schäfts, weil danach eine ver­trags­cha­rak­te­ris­ti­sche Leis­tung von der Gläu­bi­ge­rin nicht geschul­det ist, viel­mehr allein die Schuld­ne­rin Dienst­leis­tun­gen für die Gläu­bi­ge­rin zu erbrin­gen hat­te. Gegen die Annah­me des Bestehens eines Wider­rufs­rechts der Ver­brau­che­rin spricht auch, dass die von der V. über­nom­me­ne Ver­pflich­tung, als gewerb­li­che Ver­si­che­rungs­mak­le­rin unter ande­rem Ver­si­che­rungs­ver­trä­ge zu ver­mit­teln, nach § 312b Abs. 3 Nr. 3 BGB aF aus­drück­lich vom Anwen­dungs­be­reich des Fern­ab­satz­rechts aus­ge­nom­men war.

Der vor­ste­hen­den Beur­tei­lung steht nicht ent­ge­gen, dass nach der Recht­spre­chung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on und des Bun­des­ge­richts­hofs die Vor­schrif­ten über den Haus­tür­wi­der­ruf auf von Ver­brau­chern bestell­te – akzes­so­ri­sche wie nicht akzes­so­ri­sche – Sicher­hei­ten, und damit auch auf einen Schuld­bei­tritt, anwend­bar sind 7. Das für den Fall eines Haus­tür­ge­schäfts vor­ge­se­he­ne Wider­rufs­recht dient dem Schutz der Ver­brau­cher vor der Gefahr, bei der Anbah­nung eines Ver­tra­ges in einer unge­wöhn­li­chen räum­li­chen Situa­ti­on über­rum­pelt und zu einem unüber­leg­ten Geschäfts­ab­schluss ver­an­lasst zu wer­den 8. Die­se Situa­ti­on trifft auf einen Siche­rungs­ge­ber, der einen Bei­tritt zu einer frem­den Schuld unter Ver­wen­dung von Fern­kom­mu­ni­ka­ti­ons­mit­teln erklärt, nicht zu.

Die Vor­schrif­ten über Fern­ab­satz­ge­schäf­te sind auf einen von einem Ver­brau­cher erklär­ten Schuld­bei­tritt nicht des­halb anwend­bar, weil der Schuld­bei­tritt eines Ver­brau­chers zu einem Dar­le­hens­ver­trag in ent­spre­chen­der Anwen­dung von § 495 Abs. 1 BGB eben­so wie ein Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­trag wider­ru­fen wer­den kann 9. Anders als § 312b BGB aF knüp­fen die Vor­schrif­ten über den Ver­brau­cher­kre­dit nicht an die Art und Wei­se des Ver­trags­schlus­ses an, son­dern bezwe­cken einen Schutz vor einem für den Ver­brau­cher ris­kan­ten Ver­trags­in­halt 10.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Novem­ber 2015 – I ZR 168/​14

  1. vgl. BGH, Urteil vom 05.06.1996 – VIII ZR 151/​95, BGHZ 133, 71, 77; Urteil vom 10.07.1996 – VIII ZR 213/​95, BGHZ 133, 220, 223[]
  2. vgl. zur Bürg­schaft OLG Dres­den, OLGR 2009, 521 ff.; Dör­rie, ZBB 2005, 121, 124; Erman/​Saenger, BGB, 13. Aufl., § 312b Rn. 3; MünchKomm-.BGB/Habersack aaO Vor­bem. zu §§ 765 ff. Rn. 9; MünchKomm-.BGB/Wendehorst aaO § 312b Rn. 40 f.; Palandt/​Grüneberg, BGB, 73. Aufl., § 312b Rn. 10c; Beck­OK BGB/­Schmidt-Ränsch, Stand: 1.11.2011, § 312b Rn. 22; Staudinger/​Thüsing, BGB, Neu­be­ar­bei­tung 2012, § 312b Rn.19; vgl. auch von Loewe­nich, NJW 2014, 1409, 1410; Schürn­brand, WM 2014, 1157, 1158 mwN; aA wohl MünchKomm-.BGB/Masuch aaO § 355 Rn. 30[]
  3. vgl. zu § 3 Fern­absG: BGH, Urteil vom 19.03.2003 – VIII ZR 295/​01, BGHZ 154, 239, 242 f.; Urteil vom 03.11.2010 – VIII ZR 337/​09, BGHZ 187, 268 Rn. 23; Staudinger/​Kaiser aaO § 355 Rn. 8 mwN[]
  4. vgl. Münch-Komm.BGB/Wendehorst aaO § 312b Rn. 39 f.[]
  5. vgl. Beck­OK BGB/­Schmidt-Ränsch aaO § 312b Rn. 22[]
  6. BGH, Urteil vom 07.05.2015 – III ZR 304/​14, BGHZ 205, 260 Rn. 24 mwN; vgl. Palandt/​Sprau aaO Einf. vor § 765 Rn. 15[]
  7. vgl. EuGH, Urteil vom 17.03.1998 C45/​96, Slg. 1998, I1199 = NJW 1998, 1295 Rn. 22 f.; BGH, Urteil vom 26.09.1995 – XI ZR 199/​94, BGHZ 131, 1, 4 f.; Urteil vom 14.05.1998 – IX ZR 59/​95, BGHZ 139, 21, 24 f.; Urteil vom 10.01.2006 – XI ZR 169/​05, BGHZ 165, 363, 367; Urteil vom 02.05.2007 – XII ZR 109/​04, NJW 2007, 2110 Rn. 27[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 27.01.2004 – XI ZR 37/​03, NJW 2004, 1376, 1378; BGHZ 165, 363, 367[]
  9. vgl. BGHZ 133, 71, 75; BGHZ 133, 220, 222 f.; BGH, Urteil vom 12.11.1996 – XI ZR 202/​95, BGHZ 134, 94, 96; Urteil vom 30.07.1997 – VIII ZR 244/​96, NJW 1997, 3169, 3170; Palandt/​Weidenkaff aaO § 491 Rn. 10[]
  10. vgl. MünchKomm-.BGB/Wendehorst aaO § 312b Rn. 41 mwN[]