Teil­wei­se ver­bun­de­nes Dar­le­hen

Dient ein Dar­le­hen nur teil­wei­se der Finan­zie­rung eines ver­bun­de­nen Ver­trags, ist § 358 Abs. 4 Satz 2 BGB nur auf die­sen Teil, nicht aber auf den an den Dar­le­hens­neh­mer selbst aus­ge­zahl­ten Rest­be­trag des Dar­le­hens anwend­bar.

Teil­wei­se ver­bun­de­nes Dar­le­hen

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall dien­te das Dar­le­hen teil­wei­se, näm­lich in Höhe von 6.376,51 € der Finan­zie­rung des Rest­schuld­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges, d.h. eines Ver­tra­ges über die Erbrin­gung einer ande­ren Leis­tung im Sin­ne des § 358 Abs. 3 Satz 1 BGB [1].

Der Dar­le­hens­ver­trag und der Rest­schuld­ver­si­che­rungs­ver­trag bil­den eine wirt­schaft­li­che Ein­heit. Eine wirt­schaft­li­che Ein­heit ist nach § 358 Abs. 3 Satz 1 BGB anzu­neh­men, wenn über ein Zweck-Mit­tel-Ver­hält­nis hin­aus bei­de Ver­trä­ge der­art mit­ein­an­der ver­bun­den sind, dass der eine Ver­trag nicht ohne den ande­ren geschlos­sen wor­den wäre. Die Ver­trä­ge müs­sen sich wech­sel­sei­tig bedin­gen bzw. der eine sei­nen Sinn erst durch den ande­ren erhal­ten. Dazu bedarf es der Ver­knüp­fung der Ver­trä­ge durch kon­kre­te Umstän­de, die sich nicht wie not­wen­di­ge Tat­be­stands­merk­ma­le abschlie­ßend umschrei­ben las­sen, son­dern im Ein­zel­fall ver­schie­den sein oder gar feh­len kön­nen, wenn sich die wirt­schaft­li­che Ein­heit aus ande­ren Umstän­den ergibt [2].

Zu die­sen Indi­zi­en gehö­ren die Zweck­bin­dung des Dar­le­hens zur Finan­zie­rung eines bestimm­ten Geschäfts, durch die dem Dar­le­hens­neh­mer die freie Ver­füg­bar­keit über die Dar­le­hensva­lu­ta genom­men wird, der zeit­glei­che Ab-schluss bei­der Ver­trä­ge, das Ver­wen­den ein­heit­li­cher For­mu­la­re mit kon­kre­ten wech­sel­sei­ti­gen Hin­wei­sen auf den jeweils ande­ren Ver­trag, die Ein­schal­tung der­sel­ben Ver­triebs­or­ga­ni­sa­ti­on durch Dar­le­hens­ge­ber und Unter­neh­mer sowie das Abhän­gig­ma­chen des Wirk­sam­wer­dens des Erwerbs­ver­tra­ges vom Zustan­de­kom­men des Finan­zie­rungs­ver­tra­ges mit einer vom Unter­neh­mer vor­ge­ge­be­nen Bank [3].

Nach die­sen Maß­stä­ben liegt im ent­schie­de­nen Fall eine wirt­schaft­li­che Ein­heit vor. Das Dar­le­hen war zweck­ge­bun­den, soweit der Dar­le­hens­ver­trag sei­ne Ver­wen­dung zur Bezah­lung der Prä­mie der am sel­ben Tag abge­schlos­se­nen Rest­schuld­ver­si­che­rung vor­sah. Dadurch wur­de dem Klä­ger die freie Ver­fü­gungs­be­fug­nis über die­sen unmit­tel­bar an die Ver­si­che­rer gezahl­ten Teil der Dar­le­hensva­lu­ta genom­men. Dar­le­hens- und Rest­schuld­ver­si­che­rungs­ver­trag neh­men wech­sel­sei­tig auf­ein­an­der Bezug. Im Dar­le­hens­ver­trag wird der Ver­si­che­rungs­bei­trag selb­stän­dig neben dem Net­to­kre­dit aus­ge­wie­sen. In dem Ver­trag über die Rest­schuld­ver­si­che­rung wird dar­auf hin­ge­wie­sen, dass die­ser Ver­trag nur in Ver­bin­dung mit dem gleich­zei­tig bei der Beklag­ten auf­ge­nom­me­nen Kre­dit gilt und der Absi­che­rung die­ses Kre­dits dient. Damit wird die Wirk­sam­keit des Rest­schuld­ver­si­che­rungs­ver­tra­ges aus­drück­lich vom Zustan­de­kom­men des Dar­le­hens­ver­tra­ges abhän­gig gemacht. Die Ver­si­che­rer wer­den aus­drück­lich als „Part­ner“ der Beklag­ten bezeich­net. Die Fir­men der Ver­si­che­rer und die ähn­li­che druck­tech­ni­sche Gestal­tung der For­mu­la­re des Dar­le­hens- und des Ver­si­che­rungs­ver­tra­ges legen eine geschäfts­mä­ßi­ge Ver­bun­den­heit der Beklag­ten und der Ver­si­che­rer nahe. Hin­zu kommt, dass die Ver­si­che­rer sich zum Ver­trieb ihrer Ver­si­che­run­gen regel­mä­ßig und auch im vor­lie­gen­den Fall der Beklag­ten bedie­nen.

Die­se Umstän­de recht­fer­ti­gen die Annah­me, dass Dar­le­hens­ver­trag und Rest­schuld­ver­si­che­rungs­ver­trag über ein Zweck-Mit­tel-Ver­hält­nis hin­aus der­art mit­ein­an­der ver­bun­den sind, dass sie nicht unab­hän­gig von­ein­an­der geschlos­sen wor­den wären. Für den Klä­ger beding­ten sich Dar­le­hens­ver­trag und Rest­schuld­ver­si­che­rungs­ver­trag wech­sel­sei­tig.

Durch den wirk­sa­men Wider­ruf der auf den Abschluss des Dar­le­hens­ver­tra­ges gerich­te­ten Wil­lens­er­klä­rung hat sich die­ser gemäß § 357 Abs. 1, §§ 346 ff. BGB in ein Rück­ab­wick­lungs­ver­hält­nis umge­wan­delt [4]. Der Wider­ruf des Dar­le­hens­ver­trags führt zugleich dazu, dass der Klä­ger gemäß § 358 Abs. 2 Satz 1 BGB nicht mehr an den Rest­schuld­ver­si­che­rungs­ver­trag gebun­den ist [5]. Gemäß § 358 Abs. 4 Satz 3 BGB tritt der Dar­lehns­ge­ber im Ver­hält­nis zum Dar­lehns­neh­mer hin­sicht­lich der Rechts­fol­gen des Wider­rufs in die Rech­te und Pflich­ten der Ver­si­che­rungs­un­ter­neh­men aus dem Rest­schuld­ver­si­che­rungs­ver­trag ein [6]. Dadurch wird der Ver­brau­cher vor den Fol­gen einer Auf­spal­tung des Rück­ab­wick­lungs­ver­hält­nis­ses geschützt. Er ist nicht zur Rück­zah­lung des zur Finan­zie­rung des Dritt­ge­schäfts auf­ge­wand­ten Kre­dit­be­tra­ges an den Dar­le­hens­ge­ber ver­pflich­tet, ohne die­sem sei­ne Ansprü­che gegen den Unter­neh­mer ent­ge­gen­hal­ten zu kön­nen [7]. Sei­ne Ansprü­che gegen den Unter­neh­mer auf Rück­zah­lung des aus dem Dar­le­hen finan­zier­ten Ent­gelts wer­den viel­mehr mit den Ansprü­chen der dar­le­hens­ge­wäh­ren­den Bank ver­rech­net [8]. Die Rück­ab­wick­lung der an die Ver­si­che­rer im Sin­ne des § 358 Abs. 4 Satz 3 BGB geflos­se­nen Leis­tun­gen hat dem­nach nur im Ver­hält­nis zwi­schen die­sen und der Beklag­ten zu erfol­gen [9].

Der Dar­lehns­neh­mer schul­det des­halb dem Dar­lehns­ge­ber nicht die Rück­zah­lung des Ver­si­che­rungs­bei­tra­ges in Höhe von 6.376,51 € nebst Zin­sen, wohl aber gemäß § 357 Abs. 1 Satz 1, § 346 Abs. 1 BGB die Rück­zah­lung des Net­to­kre­dit­be­tra­ges in Höhe von 26.617,89 € abzüg­lich bereits geleis­te­ter Zah­lun­gen. Hier­auf hat der Klä­ger außer­dem, wie das Beru­fungs­ge­richt in sei­ner Hilfs­be­grün­dung rechts­feh­ler­frei aus­ge­führt hat, gemäß § 357 Abs. 1 Satz 1, § 346 Abs. 1 und 2 Satz 2 BGB Zin­sen zu zah­len.

Die Revi­si­on beruft sich gegen­über der Ver­pflich­tung zur Zins­zah­lung ohne Erfolg auf § 358 Abs. 4 Satz 2 BGB. Nach die­ser Vor­schrift sind im Fal­le des § 358 Abs. 1 BGB, also bei Wider­ruf des mit dem Dar­le­hens­ver­trag ver­bun­de­nen Geschäfts, Ansprü­che auf Zah­lung von Zin­sen und Kos­ten aus der Rück­ab­wick­lung des Ver­brau­cher­dar­le­hens­ver­tra­ges aus­ge­schlos­sen. Die­se Vor­schrift gilt nicht für den Teil des Dar­le­hens in Höhe von 26.617,89 €, der nicht zur Finan­zie­rung des ver­bun­de­nen Geschäfts ver­wen­det, son­dern dem Klä­ger aus­ge­zahlt wor­den ist. Dies ergibt sich bereits aus dem Wort­laut der Vor­schrift, der auf § 358 Abs. 1 BGB, d.h. auf den Wider­ruf des ver­bun­de­nen Geschäfts ver­weist. Der Rege­lungs­zweck der Norm bestä­tigt die­se Aus­le­gung. Die Vor­schrift soll, wie ihre Ent­ste­hungs­ge­schich­te zeigt, dem Ver­brau­cher die Mög­lich­keit eröff­nen, sich von dem ver­bun­de­nen Geschäft fol­gen­los, d.h. auch unbe­las­tet von Zin­sen und Kos­ten aus dem zur Finan­zie­rung auf­ge­nom­me­nen Dar­le­hen, zu lösen. § 358 Abs. 4 Satz 2 BGB geht auf § 4 Abs. 1 Satz 3 Halbs. 2 Fern­AbsG zurück und trägt der ent­spre­chen­den Vor­ga­be der Richt­li­nie 97/​7/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 20. Mai 1997 über den Ver­brau­cher­schutz bei Ver­trags­ab­schlüs­sen im Fern­ab­satz [10] Rech­nung [11]. Nach Art. 6 Abs. 4 Satz 1 die­ser Richt­li­nie haben die Mit­glied­staa­ten in ihren Rechts­vor­schrif­ten vor­zu­se­hen, dass ein Kre­dit­ver­trag, den ein Ver­brau­cher zur Finan­zie­rung des Prei­ses einer Ware oder Dienst­leis­tung geschlos­sen hat, im Fall des Wider­rufs des Ver­trags­schlus­ses über die Ware oder die Dienst­leis­tung ent­schä­di­gungs­frei auf­ge­löst wird. Dies zeigt, dass der Ver­brau­cher von der Zah­lung von Zin­sen und Kos­ten nur inso­weit befreit wird, als das Dar­le­hen zur Finan­zie­rung des ver­bun­de­nen Geschäfts gedient hat. Soweit es hin­ge­gen für ande­re Zwe­cke ver­wen­det wor­den ist, besteht eine Pflicht des Ver­brau­chers zur Zah­lung von Zin­sen [12].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Janu­ar 2011 – XI ZR 356/​09

  1. vgl. BGH, Urteil vom 15.12.2009 – XI ZR 45/​09, BGHZ 184, 1 Rn. 19 ff.[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 15.12.2009 – XI ZR 45/​09, BGHZ 184, 1 Rn. 30[]
  3. BGH, Urtei­le vom 18.12.2007 – XI ZR 324/​06, WM 2008, 967 Rn. 26; und vom 15.12.2009 – XI ZR 45/​09, BGHZ 184, 1 Rn. 31[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 10.03.2009 – XI ZR 33/​08, BGHZ 180, 123 Rn. 19 f.[]
  5. vgl. BGH, Urtei­le vom 10.03.2009 – XI ZR 33/​08, BGHZ 180, 123 Rn. 25; und vom 15.12.2009 – XI ZR 45/​09, BGHZ 184, 1 Rn. 39[]
  6. vgl. BGH, Urtei­le vom 10.03.2009 – XI ZR 33/​08, BGHZ 180, 123 Rn. 26; und vom 15.12.2009 – XI ZR 45/​09, BGHZ 184, 1 Rn. 39[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 10.03.2009 – XI ZR 33/​08, BGHZ 180, 123 Rn. 26; vgl. zu § 3 HWiG aF bereits BGH, Urteil vom 17.09.1996 – XI ZR 164/​95, BGHZ 133, 254, 259 ff.[]
  8. Stau­din­ger/­Kes­sal-Wulf, BGB (2004), § 358 Rn. 67: Kon­sum­ti­on; Münch-KommBGB/Ha­ber­sack, 5. Aufl., § 358 Rn. 84: Sal­die­rung; Erman/​Saenger, BGB, 12. Aufl., § 358 Rn. 27: Kon­zen­tra­ti­on[]
  9. vgl. PWW/​Medicus, BGB, 4. Aufl., § 358 Rn. 15; Möl­ler in Bamberger/​Roth, Beck’scher Online-Kom­men­tar, Stand: 1. Mai 2009, § 358 Rn. 28 f.[]
  10. ABl. EG 1997 Nr. L 144/​19[]
  11. Stau­din­ger/­Kes­sal-Wulf, BGB (2004) § 358 Rn. 64[]
  12. vgl. OLG Stutt­gart, Urteil vom 21.12.2009 – 6 U 110/​09; OLG Schles­wig, WM 2010, 1074, 1076; Schulz, EWiR 2010, 351, 352[]