Ver­brei­tung von Äuße­run­gen und Bild­nis­sen – und die pro­zes­sua­le Waf­fen­gleich­heit im einst­wei­li­gen Ver­fü­gungs­ver­fah­ren

Nicht jede Ver­let­zung pro­zes­sua­ler Rech­te unter Beru­fung auf die pro­zes­sua­le Waf­fen­gleich­heit kann im Wege einer auf Fest­stel­lung gerich­te­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­de gel­tend gemacht wer­den. Viel­mehr bedarf es eines hin­rei­chend gewich­ti­gen Fest­stel­lungs­in­ter­es­ses.

Ver­brei­tung von Äuße­run­gen und Bild­nis­sen – und die pro­zes­sua­le Waf­fen­gleich­heit im einst­wei­li­gen Ver­fü­gungs­ver­fah­ren

Die Gel­tend­ma­chung nur eines error in pro­ce­den­do reicht hier­für nicht 1.

Anzu­neh­men ist ein Fest­stel­lungs­in­ter­es­se aller­dings dann, wenn eine Wie­der­ho­lung der ange­grif­fe­nen Maß­nah­me zu befürch­ten ist 2, also eine hin­rei­chend kon­kre­te Gefahr besteht, dass unter ähn­li­chen recht­li­chen und tat­säch­li­chen Umstän­den eine gleich­ar­ti­ge Ent­schei­dung erge­hen wür­de. Dafür bedarf es aber nähe­rer Dar­le­gun­gen 3.

Ein auf eine Wie­der­ho­lungs­ge­fahr gestütz­tes Fest­stel­lungs­in­ter­es­se setz­te vor­aus, dass die Zivil­ge­rich­te die aus dem Grund­satz der pro­zes­sua­len Waf­fen­gleich­heit fol­gen­den Anfor­de­run­gen grund­sätz­lich ver­ken­nen und sie ihre Pra­xis hier­an unter Miss­ach­tung der ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be nicht aus­rich­ten.

In dem hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall hat­ten zwei Medi­en­un­ter­neh­men, denen in einst­wei­li­gen Ver­fü­gungs­ver­fah­ren ohne münd­li­che Ver­hand­lung und ohne Anhö­rung im gericht­li­chen Ver­fah­ren unter Andro­hung von Ord­nungs­mit­teln unter­sagt wor­den war, bestimm­te Äuße­run­gen bezie­hungs­wei­se Bild­nis­se zu ver­brei­ten, in ihren Ver­fas­sungs­be­schwer­den gel­tend gemacht, dass die Abmah­nun­gen, die ihnen gegen­über vor­pro­zes­su­al aus­ge­spro­chen wur­den, nicht iden­tisch waren mit von den jewei­li­gen Antrag­stel­lern bei Gericht ein­ge­reich­ten Ver­fü­gungs­an­trä­gen und deren Begrün­dung. Sie sahen sich hier­durch in ihren Ver­fah­rens­rech­ten ver­letzt und rügen mit ihren Ver­fas­sungs­be­schwer­den jeweils die Ver­let­zung ihrer Rech­te auf pro­zes­sua­le Waf­fen­gleich­heit aus Art. 3 Abs. 1 GG; die Land­ge­rich­te hät­ten durch die­se Ver­fah­rens­ge­stal­tung die vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in den Beschlüs­sen vom 30.09.2018 4 for­mu­lier­ten Anfor­de­run­gen miss­ach­tet. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­den nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men (§ 93a Abs. 2 BVerfGG), weil die Annah­me­vor­aus­set­zun­gen des § 93a Abs. 2 BVerfGG nicht erfüllt sei­en; auch sei ihre Annah­me zur Durch­set­zung der in § 90 Abs. 1 BVerfGG genann­ten Rech­te nicht mehr ange­zeigt.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 8. Okto­ber 2019 – 1 BvR 1078/​19

  1. vgl. BVerfGE 138, 64, 87 Rn. 71 m.w.N. – zu Art. 101 Abs. 1 GG; BVerfG, Beschluss vom 30.09.2018 – 1 BvR 1783/​17, Rn. 11[]
  2. vgl. BVerfGE 91, 125, 133[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 30.09.2018 – 1 BvR 1783/​17[]
  4. BVerfG, Beschlüs­se vom 30.09.2018 – 1 BvR 1783/​17 und 1 BvR 2421/​17[]