Der Arbeit­neh­mer in der Insol­venz – und die Berech­nung des pfän­dungs­frei­en Gehalts

Für die (Neu-)Berechnung des dem Insol­venz­schuld­ner zuste­hen­den pfän­dungs­frei­en Arbeits­lohns ist das Insol­venz­ge­richt nicht zustän­dig.

Der Arbeit­neh­mer in der Insol­venz – und die Berech­nung des pfän­dungs­frei­en Gehalts

Die Zustän­dig­keit des Insol­venz­ge­richts nach § 36 Abs. 4 InsO folgt noch nicht allein aus der Anwen­dung voll­stre­ckungs­recht­li­cher Beur­tei­lungs­nor­men. Vor­aus­set­zung ist viel­mehr, dass die in Bezug genom­me­nen Vor­schrif­ten der Zivil­pro­zess­ord­nung eine Maß­nah­me oder eine Ent­schei­dung des Voll­stre­ckungs­ge­richts vor­se­hen, für wel­che nach der Eröff­nung des Insol­venz­ver­fah­rens das Insol­venz­ge­richt zustän­dig wird1.

Die Zusam­men­rech­nung des in Geld zahl­ba­ren Ein­kom­mens und der Natu­ra­li­en obliegt nicht dem Voll­stre­ckungs- oder dem Insol­venz­ge­richt. Einer gericht­li­chen Anord­nung bedarf es anders als im Fal­le der Zusam­men­rech­nung nach § 850 e Nr. 2 ZPO nicht2. Des­halb kann der Schuld­ner was der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den hat eine nied­ri­ge­re Bewer­tung der Natu­ral­leis­tun­gen nur im Wege der Kla­ge vor dem Pro­zess­ge­richt errei­chen, wenn der Dritt­schuld­ner bei der Berech­nung des pfänd­ba­ren Teils des Arbeits­ein­kom­mens Geld- und Natu­ral­leis­tun­gen zusam­men­ge­rech­net hat3. Ent­ge­gen einer in der Lite­ra­tur wei­ter­hin ver­tre­te­nen Ansicht4 besteht für einen klar­stel­len­den Beschluss des Insol­venz­ge­richts man­gels gesetz­li­cher Grund­la­ge kein Raum/​Musielak/​Voit/​Becker, ZPO, 14. Aufl., § 850e Rn. 14; Prütting/​Gehrlein/​Ahrens, ZPO, 9. Aufl., § 850e Rn. 55; Thomas/​Putzo/​Seiler, ZPO, 38. Aufl., § 850e Rn. 7)).

Die Ver­ein­ba­rung zwi­schen Schuld­ner und Treu­hän­der kann zu kei­ner ande­ren Beur­tei­lung der Zustän­dig­keits­fra­ge füh­ren. Gemäß § 850e Nr. 3 ZPO hat der Dritt­schuld­ner das in Geld zahl­ba­re Ein­kom­men und erhal­te­ne Natu­ral­leis­tun­gen zusam­men­zu­rech­nen, ohne dass es eines aus­drück­li­chen Beschlus­ses des Voll­stre­ckungs­ge­richts bedarf5. Dass der Treu­hän­der hier anstel­le des Dritt­schuld­ners (auf der Grund­la­ge der von die­sem mit­ge­teil­ten Daten) den Betrag des pfänd­ba­ren Ein­kom­mens bestimmt, kann nicht einer Maß­nah­me oder einer Ent­schei­dung des Voll­stre­ckungs­ge­richts gleich­ge­stellt wer­den, die zur Zustän­dig­keit des Insol­venz­ge­richts nach § 36 Abs. 4 InsO führ­te. Eben­so wenig kann des­sen Zustän­dig­keit damit begrün­det wer­den, das Ände­rungs­be­geh­ren des Schuld­ners wen­de sich nicht gegen den Dritt­schuld­ner, son­dern gegen den Treu­hän­der. Auch der Streit zwi­schen Insol­venz­ver­wal­ter und Schuld­ner über die Mas­se­zu­ge­hö­rig­keit von Lohn­an­tei­len kann nur im Wege des Rechts­streits ent­schie­den wer­den, weil er kei­ne Voll­stre­ckungs­hand­lung und kei­ne Anord­nung des Voll­stre­ckungs­ge­richts betrifft, wie sie etwa nach den §§ 850b, 850c, 850f und 850i ZPO erge­hen kann6. Für den Rechts­streit zwi­schen Schuld­ner und Treu­hän­der gilt nichts ande­res.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. April 2018 – IX ZB 27/​17

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 11.05.2010 – IX ZB 268/​09, NZI 2010, 584 Rn. 2 mwN; Urteil vom 03.11.2011 – IX ZR 46/​11, NZI 2011, 979 Rn. 14; Beschluss vom 05.06.2012 – IX ZB 31/​10, NZI 2012, 672 Rn. 6, 12
  2. BGH, Beschluss vom 13.12 2012 – IX ZB 7/​12, NZI 2013, 98 Rn. 6 mwN
  3. BGH, Beschluss vom 13.12 2012, aaO Rn. 5 ff
  4. Wieczorek/​Schütze/​Lüke, ZPO, 4. Aufl., § 850e Rn. 48; Zöller/​Herget, ZPO, 32. Aufl., § 850e Rn. 26; Münch­Komm-ZPO/S­mid, 5. Aufl., § 850e Rn. 37; Schusch­ke/­Wal­ker/Kes­sal-Wul­f/­Lo­renz, Voll­stre­ckung und Vor­läu­fi­ger Rechts­schutz, 6. Aufl., § 850e Rn. 12; Mel­ler-Han­nich in Kind­l/­Mel­ler-Han­nich/­Wolf, Gesam­tes Recht der Zwangs­voll­stre­ckung, 3. Aufl., § 850e ZPO Rn. 24; Hint­zen Rpfle­ger 2014, 117, 119
  5. Beck­OK-ZPO/­Rie­del, § 850e Rn. 49
  6. BGH, Beschluss vom 11.05.2010, aaO Rn. 2