Streit um die Vor­auswahl­lis­te der Insol­venz­ver­wal­ter – und der rich­ti­ge Antrags­geg­ner

Antrags­geg­ner in dem gericht­li­chen Ver­fah­ren vor dem Ober­lan­des­ge­richt, mit dem ein Bewer­ber die Auf­nah­me in die von einem Insol­venz­rich­ter geführ­te Vor­auswahl­lis­te begehrt oder sich gegen die Strei­chung aus die­ser Lis­te wen­det, ist das Amts­ge­richt, dem der Insol­venz­rich­ter ange­hört.

Streit um die Vor­auswahl­lis­te der Insol­venz­ver­wal­ter – und der rich­ti­ge Antrags­geg­ner

Bei einem statt­des­sen gegen den Insol­venz­rich­ter gerich­te­ten Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung führt die mög­li­che man­geln­de Betei­lig­ten­fä­hig­keit des Antrags­geg­ners­nicht zur Unzu­läs­sig­keit von des­sen Rechts­be­schwer­de. Für den Streit über die Betei­lig­ten­fä­hig­keit ist die davon betrof­fe­ne Par­tei als betei­lig­ten­fä­hig anzu­se­hen [1].

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat­te das Han­sea­ti­sche Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg den Insol­venz­rich­ter als betei­lig­ten­fä­hig und als mate­ri­ell­recht­lich zutref­fen­den Antrags­geg­ner ange­se­hen [2]. Behör­de im Sin­ne von § 23 EGGVG sei der ein­zel­ne Insol­venz­rich­ter als Lei­ter der jewei­li­gen Insol­venz­ab­tei­lung, denn allein die­sem oblie­ge nach § 56 Abs. 1 Satz 1 InsO die Ent­schei­dung dar­über, ob er einen Bewer­ber in die Vor­auswahl­lis­te auf­neh­me. Die­se Ansicht ver­wirft der Bun­des­ge­richts­hof:

Aller­dings ist die Fra­ge in der Recht­spre­chung strei­tig, wie der Antrags­geg­ner in den Ver­fah­ren vor dem Ober­lan­des­ge­richt nach §§ 23 ff EGGVG in die­sen zu bezeich­nen und wer zu betei­li­gen ist. Die jün­ge­re Spruch­pra­xis der Ober­lan­des­ge­rich­te sieht regel­mä­ßig in dem ein­zel­nen Insol­venz­rich­ter oder in den Insol­venz­rich­tern in ihrer Gesamt­heit, wenn sie gemein­sam die Vor­auswahl­lis­te füh­ren, den nach § 23 EGGVG rich­ti­gen Antrags­geg­ner [3]. Ande­re mei­nen, Antrags­geg­ner sei das Amts­ge­richt Insol­venz­ge­richt [4] oder der Behör­den­lei­ter des Amts­ge­richts [5]. Wie­der ande­re sehen in dem Rechts­trä­ger, des­sen Behör­de den ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akt erlas­sen hat, den rich­ti­gen Antrags­geg­ner, sofern nicht im Lan­des­recht etwas ande­res bestimmt ist [6]. In der Lite­ra­tur ist die Fra­ge eben­so umstrit­ten [7].

Rich­ti­ger Antrags­geg­ner nach § 23 EGGVG in Ver­bin­dung mit § 8 Nr. 3 FamFG in Ver­bin­dung mit I. Nr. 2 Buchst. e der Anord­nung über die Ver­tre­tung der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg im Geschäfts­be­reich der für die Jus­tiz zustän­di­gen Behör­de vom 16.02.2012 [8] ist nicht der jewei­li­ge die Aus­wahl­lis­te füh­ren­de Insol­venz­rich­ter als Lei­ter einer Insol­venz­ab­tei­lung, son­dern das Amts­ge­richt Ham­burg, das nach § 9 Abs. 3 FamFG durch den Vor­stand des Amts­ge­richts ver­tre­ten wird, in Ham­burg durch den Prä­si­den­ten.

Nach der grund­le­gen­den Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 03.08.2004 [9] ist in Recht­spre­chung [10] und Lite­ra­tur [11] all­ge­mein aner­kannt, dass es sich bei der Ent­schei­dung über die Auf­nah­me eines Bewer­bers in die bei den Insol­venz­ge­rich­ten geführ­te Vor­auswahl­lis­te um einen Jus­tiz­ver­wal­tungs­akt han­delt, der nach §§ 23 ff EGGVG anfecht­bar ist. Ent­spre­chen­des gilt als actus con­tra­ri­us für die Strei­chung des Bewer­bers von der Vor­auswahl­lis­te [12]. Die Ent­schei­dung im Vor­auswahl­ver­fah­ren ist kein Recht­spre­chungs­akt. Sie ist des­we­gen weder Recht­spre­chung im mate­ri­el­len Sin­ne noch unter­fällt sie dem funk­tio­nel­len Recht­spre­chungs­be­griff, weil der Rich­ter zwar in rich­ter­li­cher Unab­hän­gig­keit tätig wird, aber nicht in sei­ner Funk­ti­on als Instanz der unbe­tei­lig­ten Streit­bei­le­gung. Die Vor­auswahl hat jedoch einen erheb­li­chen Ein­fluss auf die Berufs­aus­übung der Bewer­ber (Art. 12 Abs. 1 GG). Bei der Bewer­bung um eine Tätig­keit im Rah­men von Insol­venz­ver­fah­ren, die nur von hoheit­lich täti­gen Rich­tern ver­ge­ben wird, muss jeden­falls jeder Bewer­ber eine fai­re Chan­ce erhal­ten, ent­spre­chend sei­ner in § 56 Abs. 1 InsO vor­aus­ge­setz­ten Eig­nung berück­sich­tigt zu wer­den. Eine Chan­ce auf eine Ein­be­zie­hung in ein kon­kret anste­hen­des Aus­wahl­ver­fah­ren und damit auf Aus­übung des Berufs hat ein poten­ti­el­ler Insol­venz­ver­wal­ter nur bei will­kürfrei­er Ein­be­zie­hung in das Vor­auswahl­ver­fah­ren (Art. 3 Abs. 1 GG). Die Chan­cen­gleich­heit der Bewer­ber ist daher gericht­li­cher Über­prü­fung zugäng­lich. Allein sie gewähr­leis­tet inso­weit die Beach­tung sub­jek­ti­ver Rech­te [13].

Nach § 23 Abs. 1 Satz 1 EGGVG ent­schei­den über die Recht­mä­ßig­keit von Anord­nun­gen, Ver­fü­gun­gen oder sons­ti­gen Maß­nah­men, die von den Jus­tiz­be­hör­den zur Rege­lung ein­zel­ner Ange­le­gen­hei­ten auf dem Gebiet des Zivil­pro­zes­ses – des­sen Regeln das Insol­venz­ver­fah­ren folgt (§ 4 InsO) – getrof­fen wer­den (Jus­tiz­ver­wal­tungs­ak­te), auf Antrag die ordent­li­chen Gerich­te. Die­ser beson­de­ren Rechts­weg­re­ge­lung liegt die Annah­me zugrun­de, dass die ordent­li­chen Gerich­te den Ver­wal­tungs­maß­nah­men in den auf­ge­führ­ten Gebie­ten sach­lich näher ste­hen als die Gerich­te der all­ge­mei­nen Ver­wal­tungs­ge­richts­bar­keit und über die zur Nach­prü­fung jus­tiz­mä­ßi­ger Ver­wal­tungs­ak­te erfor­der­li­chen zivil­recht­li­chen Erkennt­nis­se und Erfah­run­gen ver­fü­gen. Die Bestim­mung ist als Aus­nah­me zu § 40 Abs. 1 VwGO eng aus­zu­le­gen [14].

Es ent­spricht ein­hel­li­ger Auf­fas­sung, dass der Begriff der Jus­tiz­be­hör­de im funk­tio­nel­len Sin­ne zu ver­ste­hen ist, wenn es dar­um geht, ob die jeweils in Rede ste­hen­de Amts­hand­lung in Wahr­neh­mung einer Auf­ga­be vor­ge­nom­men wor­den ist, die der jewei­li­gen Behör­de als ihre spe­zi­fi­sche Auf­ga­be auf einem der in § 23 EGGVG genann­ten Rechts­ge­bie­te zuge­wie­sen ist. Von die­sen Grund­sät­zen ist das Ober­lan­des­ge­richt aus­ge­gan­gen. Es hat zutref­fend die Insol­venz­rich­ter ihrer Funk­ti­on nach als Jus­tiz­be­hör­de ange­se­hen. Soweit sie in die­ser Eigen­schaft tätig gewor­den sind, unter­liegt ihr Han­deln der vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt gefor­der­ten Kon­trol­le [15]. Dar­aus ist jedoch nicht ohne Wei­te­res zu fol­gern, dass der ein­zel­ne Insol­venz­rich­ter selbst Antrags­geg­ner in dem Ver­fah­ren nach §§ 23 ff EGGVG ist. Rich­ti­ger Antrags­geg­ner ist nach die­sen Regeln die für die Rechts­ver­let­zung durch einen Jus­tiz­ver­wal­tungs­akt ver­ant­wort­li­che staat­li­che Stel­le, also vor­lie­gend die Stel­le, die für die Ent­schei­dung, einen Inter­es­sen­ten für das Amt des Insol­venz­ver­wal­ters in die Vor­auswahl­lis­te nicht auf­zu­neh­men oder ihn aus die­ser Lis­te zu strei­chen, ver­ant­wort­lich ist. Aus den Regeln der §§ 23 ff EGGVG ergibt sich nicht unmit­tel­bar, wer die in die­sem Sin­ne für den ange­grif­fe­nen Jus­tiz­ver­wal­tungs­akt ver­ant­wort­li­che staat­li­che Stel­le ist.

Im Ver­wal­tungs­pro­zess kommt ein­zel­nen Behör­den neben natür­li­chen und juris­ti­schen Per­so­nen nur dann die Fähig­keit zu, am Ver­fah­ren betei­ligt zu sein, wenn das Lan­des­recht dies bestimmt (§ 61 Nr. 1, 3 VwGO, § 78 Abs. 1 Nr. 1 VwGO). Gibt es eine sol­che Rege­lung nicht, ist gegen den Rechts­trä­ger zu kla­gen, des­sen Behör­de den ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akt erlas­sen hat. Im Zivil­pro­zess gilt zu § 50 ZPO eine ver­gleich­ba­re Rege­lung. Behör­den sind auch hier nur kraft beson­de­rer gesetz­li­cher Bestim­mun­gen Par­tei und allein inso­weit par­tei­fä­hig. Bis zum 31.08.2009 ord­ne­te § 29 Abs. 2 Halbs. 1 EGGVG aF für das Ver­fah­ren vor dem Ober­lan­des­ge­richt nach §§ 23 ff EGGVG die ent­spre­chen­de Anwen­dung des Geset­zes über die frei­wil­li­ge Gerichts­bar­keit (FGG) an. Auch in Ver­fah­ren, die nach den Regeln die­ses Geset­zes geführt wur­den, konn­ten grund­sätz­lich nur rechts­fä­hi­ge Rechts­trä­ger am Ver­fah­ren betei­ligt sein. Behör­den, die kei­ne eige­ne Rechts­per­sön­lich­keit besa­ßen, waren ledig­lich par­tei­fä­hig, wenn ihnen die Fähig­keit zuge­spro­chen war, sich an einem Ver­fah­ren zu betei­li­gen. Dies setz­te eine ent­spre­chen­de gesetz­li­che Rege­lung vor­aus, durch wel­che die feh­len­de Par­tei­fä­hig­keit ersetzt wur­de [16]. Des­we­gen nahm der Bun­des­ge­richts­hof bis zum Inkraft­tre­ten des § 8 Nr. 3 FamFG am 1.09.2009 auch an, dass Antrags­geg­ner des abge­lehn­ten Bewer­bers auf Auf­nah­me in die Vor­auswahl­lis­te in den Ver­fah­ren nach §§ 23 ff EGGVG der Rechts­trä­ger war, des­sen Behör­de den ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­akt erlas­sen hat­te, sofern nicht die Behör­de selbst nach Lan­des­recht ver­klagt wer­den konn­te [17]. Das Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg hat daher bis­lang unter Berück­sich­ti­gung die­ser Recht­spre­chung und der ein­schlä­gi­gen Lan­des­re­ge­lun­gen als rich­ti­ge Antrags­geg­ne­rin die Freie und Han­se­stadt Ham­burg, ver­tre­ten durch die Behör­de für Jus­tiz und Gleich­stel­lung, ange­se­hen [18].

Seit dem 1.09.2009 gilt für das Ver­fah­ren nach §§ 23 ff EGGVG vor dem Zivil­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts die Vor­schrift des § 8 Nr. 3 FamFG. Nach die­ser Rege­lung sind Behör­den all­ge­mein betei­lig­ten­fä­hig.

§ 8 Nr. 3 FamFG fin­det auf das Ver­fah­ren nach §§ 23 ff EGGVG Anwen­dung, auch wenn in § 29 Abs. 3 EGGVG nur auf § 17 FamFG und auf §§ 71 bis 74a FamFG, also die Rege­lun­gen über die Wie­der­ein­set­zung und für das Ver­fah­ren der Rechts­be­schwer­de, ver­wie­sen wird. Die Ver­wei­sung in § 29 Abs. 2 EGGVG aF auf das FGG für das Ver­fah­ren vor dem Ober­lan­des­ge­richt hat der Gesetz­ge­ber durch das Gesetz zur Reform des Ver­fah­rens in Fami­li­en­sa­chen und in den Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit vom 17.12 2008 [19] ersatz­los gestri­chen. Wei­ter hat der Gesetz­ge­ber § 29 EGGVG aF dadurch grund­le­gend geän­dert, dass die Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts nicht mehr end­gül­tig ist, die Pflicht einer Diver­genz­vor­la­ge an den Bun­des­ge­richts­hof abge­schafft und dafür die Rechts­be­schwer­de ein­ge­führt wur­de. Der Reform­ge­setz­ge­ber hat dabei die Bedeu­tung des § 29 Abs. 2 EGGVG aF zu eng nur auf das Ver­fah­ren der Diver­genz­vor­la­ge bezo­gen und nicht sei­ne dar­über hin­aus bestehen­de Bedeu­tung für das Ver­fah­ren vor dem Ober­lan­des­ge­richt bedacht. Die Mate­ria­li­en machen deut­lich, dass nur beab­sich­tigt war, den Rechts­mit­tel­zug neu zu ord­nen, ohne das Ver­fah­ren im Übri­gen zu ändern [20]. Des­we­gen müs­sen auf das Ver­fah­ren vor dem Zivil­se­nat des Ober­lan­des­ge­richts die Rege­lun­gen des FamFG wei­ter­hin auch ohne aus­drück­li­chen Ver­weis ergän­zend her­an­ge­zo­gen wer­den [21].

Dar­aus ergibt sich jedoch noch nicht, dass dem ein­zel­nen Insol­venz­rich­ter Behör­den­qua­li­tät im Sin­ne die­ser Vor­schrift zukommt. Behör­den im Sin­ne von § 8 Nr. 3 FamFG sind wie in § 61 Nr. 3 VwGO sol­che Stel­len, die durch orga­ni­sa­ti­ons­recht­li­che Rechts­sät­ze gebil­det; vom Wech­sel des Amts­in­ha­bers unab­hän­gig und nach der ein­schlä­gi­gen Zustän­dig­keits­re­ge­lung beru­fen sind, unter eige­nem Namen für den Staat oder einen ande­ren Trä­ger öffent­li­cher Ver­wal­tung Auf­ga­ben der öffent­li­chen Ver­wal­tung wahr­zu­neh­men. Sie sind unselb­stän­di­ge Tei­le ihres jewei­li­gen Rechts­trä­gers und daher nur nach Maß­ga­be des Lan­des­rechts betei­lig­ten­fä­hig. Dem­ge­gen­über sind im Anwen­dungs­be­reich des § 8 Nr. 3 FamFG sämt­li­che Stel­len, die dem Behör­den­be­griff ent­spre­chen, betei­lig­ten­fä­hig [22].

Der ein­zel­ne Insol­venz­rich­ter bil­det ent­ge­gen der Ansicht des Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richts Ham­burg [2] kei­ne sol­che Stel­le. Denn er ist, soweit er wenn auch in rich­ter­li­cher Unab­hän­gig­keit Ver­wal­tungs­auf­ga­ben wahr­nimmt, ledig­lich unselb­stän­di­ger Teil der Gesamt­be­hör­de Amts­ge­richt Ham­burg. Nur das Amts­ge­richt selbst ist durch orga­ni­sa­to­ri­sche Rechts­sät­ze gebil­det, nicht aber die ein­zel­nen Unter­glie­de­run­gen und Abtei­lun­gen. Die­sen fehlt die für die Annah­me der Behör­den­ei­gen­schaft unab­ding­ba­re orga­ni­sa­to­ri­sche Ver­selb­stän­di­gung gegen­über dem Amts­ge­richt im Übri­gen [23]. Nach der Anord­nung über die Ver­tre­tung der Frei­en und Han­se­stadt Ham­burg im Geschäfts­be­reich der für die Jus­tiz zustän­di­gen Behör­de vom 16.02.2012 [24] ist unter I. Nr. 2 Buchst. e ange­ord­net, dass die Freie und Han­se­stadt Ham­burg im Geschäfts­be­reich der für die Jus­tiz zustän­di­gen Behör­de, soweit durch Gesetz, Rechts­ver­ord­nung oder Ver­wal­tungs­an­ord­nung nichts ande­res bestimmt ist, in Ver­fah­ren der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit durch die Dienst­stel­le ver­tre­ten wird, zu deren Geschäfts­be­reich die dem Ver­fah­ren zugrun­de lie­gen­de Ange­le­gen­heit gehört.

Aus der Stel­lung des Insol­venz­rich­ters und den Beson­der­hei­ten der Insol­venz­ord­nung ergibt sich nichts Ande­res. Aller­dings ent­schei­det der ein­zel­ne Insol­venz­rich­ter selbst und wei­sungs­frei über die Auf­nah­me eines Bewer­bers auf die von ihm geführ­te Vor­auswahl­lis­te und über die Strei­chung in rich­ter­li­cher Unab­hän­gig­keit. Denn mit der Erstel­lung der Vor­auswahl­lis­te berei­tet er die allein ihm oblie­gen­de Aus­wahl und Bestel­lung des Insol­venz­ver­wal­ters im kon­kre­ten Insol­venz­ver­fah­ren vor. Allein die Vor­auswahl­lis­te gewähr­leis­tet eine zügi­ge Eig­nungs­prü­fung für das kon­kre­te Ver­fah­ren und ver­schafft dem Insol­venz­rich­ter hin­rei­chen­de Infor­ma­tio­nen für eine pflicht­ge­mä­ße Aus­übung des Aus­wahler­mes­sens [25]. In die jewei­li­ge Vor­auswahl­lis­te ist jeder Bewer­ber ein­zu­tra­gen, der die grund­sätz­lich zu stel­len­den Anfor­de­run­gen an eine gene­rel­le, von der Typi­zi­tät des ein­zel­nen Insol­venz­ver­fah­rens gelös­te Eig­nung für das erstreb­te Amt erfüllt [26].

Dar­aus ist jedoch nicht zu fol­gern, dass nur der Insol­venz­rich­ter selbst ver­klagt wer­den kann, weil weder der Lei­ter des Amts­ge­richts noch der Trä­ger der Lan­des­jus­tiz­ver­wal­tung Wei­sun­gen in Bezug auf die Lis­ten­füh­rung ertei­len dürf­ten und des­we­gen eine gegen das Land oder das Amts­ge­richt erge­hen­de Ent­schei­dung nicht durch­ge­setzt wer­den kön­ne [27]. Die Beson­der­hei­ten sei­ner Stel­lung als Insol­venz­rich­ter haben weder zur Fol­ge, dass sei­ne Ent­schei­dun­gen nicht jus­ti­zia­bel wären, noch machen sie ihn zur Behör­de im Sin­ne von § 8 Nr. 3 FamFG. Eine gegen das Amts­ge­richt nach § 28 EGGVG erge­hen­de Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts zur Füh­rung der Vor­auswahl­lis­te ist von ihm zu beach­ten, ohne dass es einer Wei­sung des Behör­den­lei­ters bedarf.

Dadurch dass im vor­lie­gen­den Fall der Insol­venz­ver­wal­ter in sei­ner Antrag­schrift als Antrags­geg­ner nicht das Amts­ge­richt Ham­burg, son­dern den ein­zel­nen Insol­venz­rich­ter genannt hat, ist sein Antrag nicht gemäß § 26 Abs. 1 EGGVG ver­fris­tet. Aller­dings muss nach die­ser Rege­lung der Antrag auf gericht­li­che Ent­schei­dung inner­halb eines Monats nach Zustel­lung des Bescheids gestellt wer­den. In dem Antrag muss der Antrags­geg­ner bezeich­net wer­den, um dem Ober­lan­des­ge­richt die Prü­fung zu ermög­li­chen, ob eine Rechts­ver­let­zung durch die Maß­nah­me einer Jus­tiz- oder Voll­zugs­be­hör­de gel­tend gemacht wird [28]. Rich­tet sich ein zuläs­si­ger Antrag gegen den mate­ri­ell­recht­lich unrich­ti­gen Antrags­geg­ner, ist er unbe­grün­det. Ein sol­cher Antrag wahrt gegen­über dem rich­ti­gen Antrags­geg­ner die Frist nicht.

Der Insol­venz­ver­wal­ter hat sei­nen Antrag jedoch nicht gegen den unrich­ti­gen Antrags­geg­ner gerich­tet, indem er den Insol­venz­rich­ter als Geg­ner bezeich­net hat. Inso­weit han­delt es sich um eine blo­ße Falsch­be­zeich­nung. Dem Antrag war deut­lich zu ent­neh­men, dass der Insol­venz­ver­wal­ter eine Rechts­ver­let­zung durch die Maß­nah­me einer Jus­tiz­be­hör­de gel­tend mach­te und wer die Ver­let­zungs­hand­lung vor­ge­nom­men haben soll.

Für das Vor­auswahl­ver­fah­ren steht die Aus­fül­lung des unbe­stimm­ten Rechts­be­griffs der per­sön­li­chen und fach­li­chen Eig­nung im Vor­der­grund. Für die­se gene­rel­le Eig­nung ist ein bestimm­tes Anfor­de­rungs­pro­fil zu erstel­len, nach dem sich die Qua­li­fi­ka­ti­on des jewei­li­gen Bewer­bers rich­tet [29]. Der Insol­venz­rich­ter hat die Aus­wahl­kri­te­ri­en trans­pa­rent zu machen, etwa durch Ver­öf­fent­li­chung im Inter­net oder durch Fra­ge­bö­gen [30]. Dabei ist es ihm ver­wehrt, das Ver­fah­ren oder die Kri­te­ri­en der Ver­ga­be will­kür­lich zu bestim­men; dar­über hin­aus kann die tat­säch­li­che Ver­ga­be­pra­xis zu einer Selbst­bin­dung der Ver­wal­tung füh­ren (Art. 3 Abs. 1 GG; BVerfGE 116, 135, 153 f). Damit die Vor­auswahl­lis­te die ihr zukom­men­de Funk­ti­on erfül­len kann, darf sich das Vor­auswahl­ver­fah­ren nicht nur auf das Erstel­len einer Lis­te mit Namen und Anschrif­ten inter­es­sier­ter Bewer­ber beschrän­ken, viel­mehr müs­sen die Daten über die Bewer­ber erho­ben, veri­fi­ziert und struk­tu­riert wer­den, die der jewei­li­ge Insol­venz­rich­ter nach der eige­nen Ein­schät­zung für eine sach­ge­rech­te Ermes­sens­aus­übung bei der Aus­wahl­ent­schei­dung benö­tigt [31]. Erfüllt ein Bewer­ber die per­sön­li­chen und fach­li­chen Anfor­de­run­gen für das Amt des Insol­venz­ver­wal­ters im All­ge­mei­nen, kann ihm die Auf­nah­me in die Lis­te nicht ver­sagt wer­den. Ein Ermes­sen für den die Vor­auswahl­lis­te füh­ren­den Insol­venz­rich­ter besteht nicht [32]. Ihm ist aller­dings ein Beur­tei­lungs­spiel­raum zuzu­bil­li­gen, wenn er den Bewer­ber an den all­ge­mei­nen Kri­te­ri­en für die fach­li­che und per­sön­li­che Eig­nung misst. Denn sei­ner Beur­tei­lung, ob der Bewer­ber dem Anfor­de­rungs­pro­fil genügt, ist ein pro­gnos­ti­sches Ele­ment imma­nent [33]. Die Grund­sät­ze gel­ten ent­spre­chend, wenn ein Bewer­ber von einer Vor­auswahl­lis­te gestri­chen wird. Dies ist mög­lich, wenn er die Kri­te­ri­en für die Auf­nah­me in die Lis­te nicht oder nicht mehr erfüllt, weil er etwa im Vor­auswahl­ver­fah­ren fal­sche Anga­ben gemacht hat oder weil sich spä­ter her­aus­stellt, dass er fach­lich oder per­sön­lich unge­eig­net ist [34].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. März 2016 – IX AR (VZ) 1/​15

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 09.11.2010 – VI ZR 249/​09, VersR 2011, 507 Rn. 3[]
  2. OLG Ham­burg, Beschluss vom 13.04.2015 – 2 VA 8/​14[][]
  3. OLG Köln, NZI 2007, 105, 106; ZIn­sO 2015, 798 f; OLG Hamm, NZI 2007, 659 f; Beschluss vom 07.01.2013 27 VA 3/​11, nv; OLG Düs­sel­dorf, NZI 2009, 248, 249; ZIP 2011, 341, 342; OLG Bran­den­burg, NZI 2009, 647, 648[]
  4. OLG Bam­berg, NZI 2008, 309; OLG Cel­le, NZI 2015, 678[]
  5. KG, NZI 2008, 187; frü­her auch OLG Düs­sel­dorf, NZI 2008, 614, 615[]
  6. BGH, Beschluss vom 16.05.2007 – IV AR (VZ) 5/​07, ZIn­sO 2007, 711 Rn. 14 f; vom 19.12 2007 – IV AR (VZ) 6/​07, ZIn­sO 2008, 207 Rn. 13 ff; vom 19.09.2013 – IX AR (VZ) 1/​12, BGHZ 198, 225 Rn. 3; so auch OLG Frank­furt, NZI 2007, 524; Beschluss vom 25.02.2010 20 VA 14/​08, nv; vgl. auch OLG Ham­burg, NZI 2008, 744, 745; NZI 2011, 762, 764; NZI 2012, 193[]
  7. vgl. einer­seits Uhlenbruck/​Zipperer, InsO, 14. Aufl., § 56 Rn. 35; Nerlich/​Römermann/​Delhaes, InsO, 2015, § 56 Rn. 26; Lind in Ahrens/​Gehrlein/​Ringstmeier, InsO, 2. Aufl., § 56 Rn. 22; Pape/​Uhländer/​Bornheimer, InsO, § 56 Rn. 31; ande­rer­seits Schmidt/​Ries, InsO, 19. Aufl., § 56 Rn. 73; HK-InsO/­Rie­del, 7. Aufl., § 56 Rn. 17; FK-InsO/­Jahn­tz, 8. Aufl., § 56 Rn. 27[]
  8. AV der Behör­de für Jus­tiz und Gleich­stel­lung Nr. 2/​2012, Az. 5002/​1/​1, HmbJVBl 2012, 11[]
  9. BVerfG, NJW 2004, 2725; vgl. auch BVerfG, NZI 2006, 636; NZI 2009, 641[]
  10. vgl. BGH, Beschluss vom 16.05.2007 – IV AR (VZ) 5/​07, ZIn­sO 2007, 711; vom 19.12 2007 – IV AR (VZ) 6/​07, ZIn­sO 2008, 207; vom 19.09.2013 – IX AR (VZ) 1/​12, BGHZ 198, 225[]
  11. vgl. Jaeger/​Gerhardt, InsO, 2007, § 56 Rn. 62; Münch­Komm-InsO/­Gra­eber, 3. Aufl., § 56 Rn. 104; Nerlich/​Römermann/​Delhaes, InsO, 2015, § 56 Rn. 26; Lüke in Kübler/​Prütting/​Bork, InsO, 2009, § 56 Rn. 25; Münch-Komm-ZPO/­P­abst, 4. Aufl., § 23 EGGVG Rn. 60; Kissel/​Mayer, GVG, 8. Aufl., § 23 EGGVG Rn. 133[]
  12. Münch­Komm-InsO/­Gra­eber, aaO § 56 Rn. 114; Uhlenbruck/​Zipperer, InsO, 14. Aufl., § 56 Rn. 37; Schmidt/​Ries, InsO, 19. Aufl., § 56 Rn. 72[]
  13. BVerfG, NJW 2004, 2725, 2727[]
  14. BGH, Beschluss vom 16.05.2007 – IV AR (VZ) 5/​07, ZIn­sO 2007, 711 Rn. 11[]
  15. BGH, Beschluss vom 16.05.2007, aaO Rn. 12[]
  16. BGH, Beschluss vom 16.05.2007, aaO Rn. 14 f[]
  17. BGH, Beschluss vom 16.05.2007, aaO; vom 19.12 2007 – IV AR (VZ) 6/​07, ZIn­sO 2008, 207 Rn. 12 ff[]
  18. vgl. OLG Ham­burg, ZIn­sO 2012, 175[]
  19. BGBl. I S. 2586[]
  20. vgl. BT-Drs. 16/​6308, S. 318 zu Art. 21 zu Nr. 2[]
  21. Münch­Komm-ZPO/­P­abst, 4. Aufl., Vor­be­mer­kung zu den §§ 23 ff EGGVG Rn. 5; Kissel/​Meyer, GVG, 8. Aufl., § 29 EGGVG Rn. 2; vgl. Dauster/​Lutz, FS von Heint­schel-Hein­egg, 2015, 93, 94 ff[]
  22. Haußleiter/​Gomille, FamFG, 2011, § 8 Rn. 10; zu § 61 Nr. 3 VwGO: OVG Müns­ter, NVwZ 1986, 761, NVwZ-RR 1989, 576, NJW 1991, 2586, 2587; Beck­OK-VwGO/K­intz, 2016, § 61 Rn. 18; Bier in Schoch/​Schneider/​Bier, VwGO, 2015, § 61 Rn. 8[]
  23. vgl. OVG Müns­ter, NVwZ 1986, 761; vgl. Kissel/​Meyer, GVG, 8. Aufl., § 23 EGGVG Rn. 133, § 29 Rn. 4 aE[]
  24. Az. 5002/​1/​1; HmbJVBl 2012, 11[]
  25. BVerfGE 116, 1, 16 f; BVerfG, ZIn­sO 2009, 1641 Rn. 12[]
  26. BVerfG, aaO Rn. 11[]
  27. vgl. Schmidt/​Ries, InsO, 19. Aufl., § 56 Rn. 73[]
  28. Kissel/​Meyer, GVG, 8. Aufl., § 23 EGGVG Rn. 50[]
  29. BGH, Beschluss vom 19.12 2007 – IV AR (VZ) 6/​07, ZIn­sO 2008, 207 Rn.19; BVerfG, ZIn­sO 2009, 1641 Rn. 14[]
  30. Uhlenbruck/​Zipperer, InsO, 14. Aufl., § 56 Rn. 9[]
  31. BVerfGE 116, 1, 17[]
  32. BGH, Beschluss vom 19.12 2007 – IV AR (VZ) 6/​07, ZIn­sO 2008, 207 Rn.20[]
  33. BGH, Beschluss vom 19.12 2007, aaO Rn. 21; vgl. Uhlenbruck/​Zipperer, InsO, 14. Aufl., § 56 Rn. 34[]
  34. vgl. Uhlenbruck/​Zipperer, aaO Rn. 36; Münch­Komm-InsO/­Gra­eber, 3. Aufl., § 56 Rn. 111[]