Wirt­schaft­li­cher Total­scha­den

Der Bun­des­ge­richts­hof hat erneut Stel­lung genom­men zum Anspruch des Geschä­dig­ten auf Ersatz tat­säch­lich ange­fal­le­ner Repa­ra­tur­kos­ten, bei denen der Sach­ver­stän­di­ge die Höhe auf mehr als 30% über dem Wie­der­be­schaf­fungs­wert geschätzt hat.

Wirt­schaft­li­cher Total­scha­den

Die Instand­set­zung eines beschä­dig­ten Fahr­zeugs ist in aller Regel wirt­schaft­lich unver­nünf­tig, wenn die (vor­aus­sicht­li­chen) Kos­ten der Repa­ra­tur – wie im hier ent­schie­de­nen Fall – mehr als 30% über dem Wie­der­be­schaf­fungs­wert lie­gen. In einem sol­chen Fall, in dem das Kraft­fahr­zeug nicht mehr repa­ra­tur­wür­dig ist, kann der Geschä­dig­te vom Schä­di­ger grund­sätz­lich nur die Wie­der­be­schaf­fungs­kos­ten ver­lan­gen. Lässt der Geschä­dig­te sein Fahr­zeug den­noch repa­rie­ren, so kön­nen die Kos­ten nicht in einen vom Schä­di­ger aus­zu­glei­chen­den wirt­schaft­lich ver­nünf­ti­gen Teil (bis zu 130% des Wie­der­be­schaf­fungs­werts) und einen vom Geschä­dig­ten selbst zu tra­gen­den wirt­schaft­lich unver­nünf­ti­gen Teil auf­ge­spal­ten wer­den [1].

Ob der Geschä­dig­te, wenn es ihm tat­säch­lich gelingt, ent­ge­gen der Ein­schät­zung des Sach­ver­stän­di­gen die von die­sem für erfor­der­lich gehal­te­ne Repa­ra­tur inner­halb der 130 %-Gren­ze fach­ge­recht und in einem Umfang durch­zu­füh­ren, wie ihn der Sach­ver­stän­di­ge zur Grund­la­ge sei­ner Kos­ten­schät­zung gemacht hat, gleich­wohl Ersatz von Repa­ra­tur­kos­ten ver­lan­gen kann, hat der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nem Urteil vom 10. Juli 2007 noch offen gelas­sen [2].

Für den Fall, dass zwar die vom Sach­ver­stän­di­gen geschätz­ten Repa­ra­tur­kos­ten über der 130%-Grenze lie­gen, es dem Geschä­dig­ten aber – auch durch Ver­wen­dung von Gebraucht­tei­len – gelun­gen ist, eine fach­ge­rech­te und den Vor­ga­ben des Gut­ach­tens ent­spre­chen­de Repa­ra­tur durch­zu­füh­ren, deren Kos­ten den Wie­der­be­schaf­fungs­wert nicht über­stei­gen, hat der Bun­des­ge­richts­hof inzwi­schen ent­schie­den, dass aus dem Gesichts­punkt des Wirt­schaft­lich­keits­ge­bots dem Geschä­dig­ten eine Abrech­nung der kon­kret ange­fal­le­nen Repa­ra­tur­kos­ten nicht ver­wehrt wer­den kann [3].

Der Geschä­dig­te, der sein beschä­dig­tes Kraft­fahr­zeug instand gesetzt hat, obwohl ein Sach­ver­stän­di­ger die vor­aus­sicht­li­chen Kos­ten der Repa­ra­tur auf einen den Wie­der­be­schaf­fungs­wert um mehr als 30% über­stei­gen­den Betrag geschätzt hat, kann den Ersatz von Repa­ra­tur­kos­ten aber nur dann ver­lan­gen, wenn er nach­weist, dass die tat­säch­lich durch­ge­führ­te Repa­ra­tur, sofern die­se fach­ge­recht und den Vor­ga­ben des Gut­ach­tens ent­spre­chend aus­ge­führt wor­den ist, wirt­schaft­lich nicht unver­nünf­tig war. Ob dies der Fall ist, unter­liegt der tatrich­ter­li­chen Beur­tei­lung (§ 287 ZPO).

Im hier ent­schie­de­nen Fall hielt der Bun­des­ge­richts­hof die­sen Nach­weis für nicht geführt: Die vom Klä­ger vor­ge­leg­te Repa­ra­tur­kos­ten­rech­nung bestä­tigt die Höhe der vom Sach­ver­stän­di­gen objek­tiv für erfor­der­lich gehal­te­nen Repa­ra­tur­kos­ten. Da die­se die 130%-Grenze weit über­schrei­ten, war die Instand­set­zung des Fahr­zeugs wirt­schaft­lich unver­nünf­tig. Eine ande­re Beur­tei­lung ist nicht schon des­halb gebo­ten, weil die Fir­ma m. dem Klä­ger einen erheb­li­chen Rabatt gewährt hat, dem­zu­fol­ge der Rech­nungs­end­be­trag knapp unter der 130%-Grenze liegt. Das Gericht hat mit Recht nähe­ren Vor­trag des Klä­gers dazu ver­misst, wor­auf die Gewäh­rung die­ses Nach­las­ses zurück­zu­füh­ren ist. Ohne Kennt­nis die­ses Umstan­des lässt sich die Fra­ge der Wirt­schaft­lich­keit nicht beur­tei­len. Da der Klä­ger die Umstän­de der Rabatt­ge­wäh­rung nicht näher erläu­tert hat, ist die tatrich­ter­li­che Beur­tei­lung des Beru­fungs­ge­richts, die Wirt­schaft­lich­keit der erfolg­ten Instand­set­zung des Motor­ra­des sei nicht nach­ge­wie­sen, aus revi­si­ons­recht­li­cher Sicht nicht zu bean­stan­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Febru­ar 2011 – VI ZR 79/​10

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 15.10.1991 – VI ZR 67/​91, BGHZ 115, 375, 378 ff.; und vom 10.07.2007 – VI ZR 258/​06, VersR 2007, 1244 Rn. 6[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 10.07.2007 – VI ZR 258/​06, aaO, Rn. 7; Eggert, Ver­kehrs­recht aktu­ell 2009, 149, 150 ff.[]
  3. BGH, Urteil vom 14.12.2010 – VI ZR 231/​09[]