Zah­lungs­kla­ge nach For­de­rungs­ab­tre­tung

Eine nach Pro­zess­ein­lei­tung ver­mö­gens­los gewor­de­ne Par­tei, die den Pro­zess nach einer Abtre­tung und Ermäch­ti­gung durch den Zes­sio­nar, die For­de­rung pro­zes­su­al gel­tend zu machen, fort­führt, han­delt grund­sätz­lich nicht rechts­miss­bräuch­lich.

Zah­lungs­kla­ge nach For­de­rungs­ab­tre­tung

Zwar lie­gen in einem sol­chen Fall die Vor­aus­set­zun­gen für eine gesetz­li­che Pro­zess­stand­schaft nach § 265 Abs. 2 ZPO nicht vor, weil die Abtre­tung vor Rechts­hän­gig­keit des Anspruchs erfolg­te, § 697 Abs. 2 i.V.m. § 696 Abs. 3 ZPO. Das wird von der Revi­si­on hin­ge­nom­men.

Aller­dings lie­gen nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs die Vor­aus­set­zun­gen einer gewill­kür­ten Pro­zess­stand­schaft vor: Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs darf jemand ein frem­des Recht im eige­nen Namen im Pro­zess gel­tend machen, wenn ihm der Berech­tig­te eine ent­spre­chen­de Ermäch­ti­gung erteilt hat und wenn er an der Durch­set­zung des Rechts ein eige­nes schutz­wür­di­ges Inter­es­se hat 1. Die Ermäch­ti­gung zur Pro­zess­füh­rung im eige­nen Namen hat das Beru­fungs­ge­richt feh­ler­frei fest­ge­stellt. Anhalts­punk­te dafür, dass sie nach­träg­lich ent­fal­len sein könn­te, sind nicht vor­han­den.

Das erfor­der­li­che eige­ne schutz­wür­di­ge Inter­es­se der Ermäch­tig­ten an der Gel­tend­ma­chung des frem­den Rechts im eige­nen Namen kann der Klä­ge­rin nicht abge­spro­chen wer­den.

Ein schutz­wür­di­ges Inter­es­se an der Gel­tend­ma­chung der abge­tre­te­nen For­de­rung kann der Klä­ge­rin nach der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht des­halb abge­spro­chen wer­den, weil sie mitt­ler­wei­le im Han­dels­re­gis­ter gelöscht ist. Aller­dings hat der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass einer über­schul­de­ten, ver­mö­gens­lo­sen GmbH oder GmbH & Co. KG, die kei­ne Aus­sicht hat, die Geschäf­te fort­zu­füh­ren, in aller Regel das schutz­wür­di­ge Inter­es­se dar­an fehlt, abge­tre­te­ne For­de­run­gen nach Offen­le­gung der Abtre­tung im eige­nen Namen und auf eige­ne Kos­ten mit Ermäch­ti­gung des neu­en Gläu­bi­gers zu des­sen Guns­ten ein­zu­kla­gen 2. Er hat jedoch von die­ser Regel Aus­nah­men aner­kannt. Eine sol­che Aus­nah­me ist z.B. dann gege­ben, wenn die Ver­mö­gens­lo­sig­keit der kla­gen­den Par­tei erst wäh­rend des Pro­zes­ses ein­ge­tre­ten ist und kein unmit­tel­ba­rer Zusam­men­hang zwi­schen der Über­schul­dung, der Offen­le­gung der Abtre­tung und der Ermäch­ti­gung zur Pro­zess­füh­rung besteht 3. An das Fort­be­stehen des schutz­wür­di­gen Eigen­in­ter­es­ses des Zeden­ten sind in einem sol­chen Fall kei­ne zu stren­gen Anfor­de­run­gen zu stel­len 4. Ein schutz­wür­di­ges Inter­es­se des zur Pro­zess­füh­rung ermäch­tig­ten Zeden­ten besteht aller­dings nur dann, wenn die beklag­te Par­tei durch die gewähl­te Art der Pro­zess­füh­rung nicht unbil­lig benach­tei­ligt wird 5. Ein sol­cher Fall liegt nicht vor, wenn die gewähl­te Art der Pro­zess­füh­rung der beklag­ten Par­tei miss­bräuch­lich das Risi­ko auf­er­legt, bei einer erfolg­lo­sen Kla­ge aller Vor­aus­sicht nach den ihr zuste­hen­den Kos­ten­er­stat­tungs­an­spruch infol­ge der Zah­lungs­un­fä­hig­keit des Pro­zess­stand­schaf­ters nicht durch­set­zen zu kön­nen. Denn ein erkenn­ba­rer Miss­brauch der gewill­kür­ten Pro­zess­stand­schaft kann nicht hin­ge­nom­men wer­den 6.

Für eine miss­bräuch­li­che Ver­la­ge­rung des Kos­ten­ri­si­kos auf die Beklag­te ist nichts erkenn­bar. Die Klä­ge­rin hat den Mahn­be­scheid in einem Zeit­punkt ein­ge­reicht, in dem sie noch selbst Inha­be­rin der For­de­rung war. Der Umstand, dass sie den selbst ein­ge­lei­te­ten Pro­zess nach Abtre­tung und Ermäch­ti­gung zur Pro­zess­füh­rung auch selbst wei­ter­führ­te, lässt kei­ne rechts­miss­bräuch­li­chen Ten­den­zen erken­nen. Das gilt auch unter Berück­sich­ti­gung des Umstan­des, dass zu die­sem Zeit­punkt schon ein weit­rei­chen­der Ver­mö­gens­ver­fall vor­lag, wie das Beru­fungs­ge­richt anneh­men will. Denn eine nach Pro­zess­ein­lei­tung ver­mö­gens­los gewor­de­ne Par­tei, die den Pro­zess nach einer Abtre­tung und Ermäch­ti­gung durch den Zes­sio­nar, die For­de­rung pro­zes­su­al gel­tend zu machen, fort­führt, han­delt grund­sätz­lich nicht rechts­miss­bräuch­lich. Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob die Kla­ge erst mit der Anspruchs­be­grün­dung rechts­hän­gig gewor­den ist. Eine miss­bräuch­li­che nicht hin­nehm­ba­re "geziel­te Pro­zess­rol­len­ver­schie­bung" ist nicht erkenn­bar. Dage­gen spricht, dass die Klä­ge­rin zu 2 eine Garan­tie für die Pro­zess­kos­ten ange­bo­ten hat. Ein rechts­miss­bräuch­li­ches Ver­hal­ten kann auch nicht des­halb ange­nom­men wer­den, weil die Klä­ge­rin zu 1 spä­ter ihre Kla­ge deut­lich erwei­tert hat. Dem Pro­zess­stand­schaf­ter ist es grund­sätz­lich nicht ver­wehrt, die Kla­ge zu erhö­hen, obwohl er ver­mö­gens­los gewor­den ist. Das könn­te allen­falls in Aus­nah­me­fäl­len ange­nom­men wer­den, in denen eine Benach­tei­li­gungs­ab­sicht erkenn­bar ist.

Ansons­ten liegt in der Erhö­hung der Kla­ge ledig­lich die Ver­fol­gung des zunächst berech­tigt erschei­nen­den Inter­es­ses, die abge­tre­te­ne For­de­rung voll­stän­dig durch­zu­set­zen. Eine Auf­tei­lung des schutz­wür­di­gen Inter­es­ses, wie es der Beklag­ten vor­schwebt, das zu einer teil­wei­sen Abwei­sung der Werk­lohn­kla­ge füh­ren müss­te, wür­de zu untrag­ba­ren pro­zess­recht­li­chen Fol­gen füh­ren.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. Sep­tem­ber 2011 – VII ZR 162/​09

  1. sog. gewill­kür­te Pro­zess­stand­schaft, vgl. BGH, Urteil vom 03.04.2003 – IX ZR 287/​99, BauR 2003, 1036 = NZBau 2003, 436 = ZfBR 2003, 755; Urteil vom 24.10.1985 – VII ZR 337/​84, BGHZ 96, 151, 152[]
  2. BGH, Urteil vom 24.10.1985 – VII ZR 337/​84, BGHZ 96, 151, 155[]
  3. BGH, Urteil vom 22.12.1988 – VII ZR 129/​88, BauR 1989, 359 = ZfBR 1989, 112; Urteil vom 19.09.1995 – VI ZR 166/​94, NJW 1995, 3186; Urteil vom 03.04.2003 – IX ZR 287/​99, aaO[]
  4. BGH, Urteil vom 22.12.1988 – VII ZR 129/​88, BauR 1989, 359 = ZfBR 1989, 112[]
  5. BGH, Urteil vom 24.10.1985 – VII ZR 337/​84, BGHZ 96, 151, 155; Urteil vom 22.12.1988 – VII ZR 129/​88, aaO[]
  6. BGH, Urteil vom 11.05.1989 – VII ZR 150/​88, BauR 1989, 610, 611 = ZfBR 1989, 199; Urteil vom 21.12.1989 – VII ZR 84/​89, BauR 1990, 254, 255 = ZfBR 1990, 137; Urteil vom 11.03.1999 – III ZR 205/​97, NJW 1999, 1717, 1718[]