Zurück­wei­sung von Beweis­an­trä­gen im frü­hen ers­ten Ter­min

Art. 103 Abs. 1 GG ver­pflich­tet die Gerich­te, Anträ­ge und Aus­füh­run­gen der Pro­zess­par­tei­en zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen. Erheb­li­che Beweis­an­trä­ge muss das Gericht berück­sich­ti­gen. Zwar hin­dert Art. 103 Abs. 1 GG den Gesetz­ge­ber nicht, durch Prä­k­lu­si­ons­vor­schrif­ten auf eine Pro­zess­be­schleu­ni­gung hin­zu­wir­ken. Die­se das recht­li­che Gehör beschrän­ken­den Vor­schrif­ten haben jedoch wegen der ein­schnei­den­den Fol­gen, die sie für die säu­mi­ge Par­tei nach sich zie­hen, stren­gen Aus­nah­me­cha­rak­ter. Art. 103 Abs. 1 GG ist jeden­falls dann ver­letzt, wenn die Anwen­dung der Prä­k­lu­si­ons­vor­schrift durch das Fach­ge­richt offen­kun­dig unrich­tig ist 1.

Zurück­wei­sung von Beweis­an­trä­gen im frü­hen ers­ten Ter­min

Von einer offen­kun­dig feh­ler­haf­ten Anwen­dung in die­sem Sin­ne ist ins­be­son­de­re dann aus­zu­ge­hen, wenn Vor­brin­gen im ers­ten Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung gemäß § 296 Abs. 2 i.V.m. § 282 Abs. 1 ZPO zurück­ge­wie­sen wird 2. Denn § 282 Abs. 1 ZPO bezieht sich nicht auf unter­las­se­nes Vor­brin­gen in vor­be­rei­ten­den Schrift­sät­zen. Die Vor­schrift betrifft allein Angriffs- und Ver­tei­di­gungs­mit­tel, die in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor­ge­bracht wer­den; sie ist nur dann ein­schlä­gig, wenn inner­halb einer Instanz meh­re­re Ver­hand­lungs­ter­mi­ne statt­fin­den. Ein Vor­brin­gen im ers­ten Ter­min zur münd­li­chen Ver­hand­lung kann nie­mals nach § 282 Abs. 1 ZPO ver­spä­tet sein 3.

Nach die­sen Grund­sät­zen ver­stieß in dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall die Zurück­wei­sung des schrift­sätz­li­chen Vor­trags des Beklag­ten und sei­nes Antrags auf Anhö­rung des im Straf­ver­fah­ren tätig gewor­de­nen Sach­ver­stän­di­gen durch das Land­ge­richt gegen Art. 103 Abs. 1 GG.

Das Land­ge­richt hat ledig­lich die Vor­schrift des § 296 Abs. 2 ZPO ange­führt, ohne aus­drück­lich anzu­ge­ben, ob der Beklag­te Angriffs- oder Ver­tei­di­gungs­mit­tel ent­ge­gen § 282 Abs. 1 ZPO nicht recht­zei­tig vor­ge­bracht oder ent­ge­gen § 282 Abs. 2 ZPO nicht recht­zei­tig mit­ge­teilt hat. Sei­ner Begrün­dung ist jedoch zu ent­neh­men, dass es dem Beklag­ten vor­wirft, nicht recht­zei­tig im Sin­ne des § 282 Abs. 1 ZPO vor­ge­tra­gen zu haben. Der Sache nach sieht das Land­ge­richt eine grob nach­läs­si­ge Ver­spä­tung des Antrags auf Anhö­rung des Sach­ver­stän­di­gen dar­in, dass der Beklag­te die­sen Antrag nicht so zei­tig vor­ge­bracht habe, wie es nach der Pro­zess­la­ge einer sorg­fäl­ti­gen und auf För­de­rung des Ver­fah­rens bedach­ten Pro­zess­füh­rung ent­spro­chen habe. Es hat dage­gen nicht dar­auf abge­stellt, dass die Klä­ge­rin – wie für die Anwen­dung des § 282 Abs. 2 ZPO erfor­der­lich – nicht in der Lage gewe­sen sei, die erfor­der­li­chen Erkun­di­gun­gen ein­zu­zie­hen. In die­sem Sin­ne hat auch das Beru­fungs­ge­richt die Ent­schei­dung des Land­ge­richts zunächst ver­stan­den. Da es sich bei dem Ter­min um den ers­ten Ter­min han­del­te, war die Bestim­mung des § 282 Abs. 1 ZPO aber nicht ein­schlä­gig und hät­te nicht ange­wandt wer­den dür­fen.

Es kommt nicht dar­auf an, ob das Land­ge­richt das Vor­brin­gen des Klä­gers nach ande­ren Bestim­mun­gen, etwa nach § 296 Abs. 2 ZPO in Ver­bin­dung mit § 282 Abs. 2 ZPO, hät­te zurück­wei­sen dür­fen. Denn nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs darf das im Rechts­zug über­ge­ord­ne­te Gericht die feh­ler­haf­te Begrün­dung der Ver­spä­tung nicht durch eine ande­re erset­zen oder die Zurück­wei­sung auf eine ande­re als die von der Vor­in­stanz ange­wand­te Vor­schrift stüt­zen 4. Abge­se­hen davon sind auch die Prä­k­lu­si­ons­vor­aus­set­zun­gen des § 296 Abs. 2 ZPO in Ver­bin­dung mit § 282 Abs. 2 ZPO offen­kun­dig nicht erfüllt. Denn die in § 282 Abs. 2 ZPO nor­mier­te Pro­zess­för­de­rungs­pflicht betrifft nur sol­che Angriffs- und Ver­tei­di­gungs­mit­tel, auf die der Geg­ner vor­aus­sicht­lich ohne vor­he­ri­ge Erkun­di­gung kei­ne Erklä­rung abge­ben kann. Das ist bei dem Antrag, einen Sach­ver­stän­di­gen zur münd­li­chen Erläu­te­rung sei­nes Gut­ach­tens zu laden, nicht der Fall 5. Die Klä­ge­rin hat sich auch nicht dar­auf beru­fen, dass sie zu einer Erklä­rung nicht in der Lage war.

Das Beru­fungs­ge­richt hat den Anspruch des Beklag­ten auf Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs dadurch ver­letzt, dass es des­sen Beru­fung durch Beschluss gemäß § 522 Abs. 2 ZPO zurück­ge­wie­sen und den Ver­fah­rens­feh­ler des Land­ge­richts damit per­p­etu­iert hat.

Der ange­foch­te­ne Beschluss beruht auf der Ver­let­zung des recht­li­chen Gehörs. Denn es ist nicht aus­zu­schlie­ßen, dass das Beru­fungs­ge­richt zu einem dem Beklag­ten güns­ti­ge­ren Ergeb­nis gelangt wäre, wenn es die vom Land­ge­richt ver­fah­rens­feh­ler­haft abge­lehn­te Anhö­rung des Sach­ver­stän­di­gen vor­ge­nom­men hät­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 15. Juli 2014 – VI ZR 145/​14

  1. vgl. BVerfG NJW 2000, 945 12 f.; BGH, Beschluss vom 21.03.2013 – VII ZR 58/​12, NJW-RR 2013, 655 jeweils mwN[]
  2. vgl. BVerfG, NJW 2000, 945 13; BGH, Beschluss vom 17.07.2012 – VIII ZR 273/​11, NJW 2012, 3787 Rn. 6[]
  3. BGH, Urteil vom 04.05.2005 – XII ZR 23/​03, NJW-RR 2005, 1007; Beschluss vom 17.07.2012 – VIII ZR 273/​11, NJW 2012, 3787 Rn. 6[]
  4. BGH, Urteil vom 04.05.2005 – XII ZR 23/​03, NJW-RR 2005, 1007; Beschlüs­se vom 21.03.2013 – VII ZR 58/​12, NJW-RR 2013, 655 Rn. 11; vom 02.09.2013 – VII ZR 242/​12 9, jeweils mwN[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 17.07.2012 – VIII ZR 273/​11, NJW 2012, 3787 Rn. 7[]