Nachträgliche Wahl der Zusammenveranlagung – und die Nachzahlungszinsen

Die von Ehegatten nach Erlass der Einkommensteuerbescheide im Rahmen des Einspruchsverfahrens geänderte Wahl, für das Streitjahr statt -wie bisher- getrennt zusammen veranlagt zu werden, stellt verfahrensrechtlich ein Ereignis mit steuerlicher Rückwirkung dar, das für Zwecke der Zinsfestsetzung nach §§ 233a Abs. 2a und Abs. 7 AO zu beurteilen ist.

Nachträgliche Wahl der Zusammenveranlagung – und die Nachzahlungszinsen

Die Frage, ob der nachträglichen Änderung des Sachverhalts rückwirkende steuerliche Bedeutung zukommt, bestimmt sich im Anwendungsbereich des § 233a Abs. 2a AO ebenso wie bei § 175 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 AO allein nach dem jeweils einschlägigen materiellen Recht1. Aufgrund welcher verfahrensrechtlichen Norm eine rückwirkende steuerliche Berücksichtigung des nachträglich eingetretenen Ereignisses möglich ist, hat für die Anwendung des § 233a Abs. 2a AO danach keine Bedeutung2. Entscheidend für die steuerliche rückwirkende Bedeutung ist, dass die Änderung des ursprünglich gegebenen Sachverhalts den Steuertatbestand betrifft und ob darüber hinaus der bereits entstandene (vgl. § 38 AO) materielle Steueranspruch mit steuerlicher Rückwirkung noch geändert werden kann3.

Mit der gemeinsamen (zulässigen) Ausübung des Veranlagungswahlrechts der Ehegatten im Sinne der Zusammenveranlagung vor Bestandskraft eines Einzelveranlagungsbescheids ändert sich der Sachverhalt in der Weise, dass die gesetzlichen Voraussetzungen der getrennten Veranlagung (§ 26a EStG) entfallen und nunmehr stattdessen die Merkmale der Zusammenveranlagung (§§ 26, 26b EStG) vorliegen. Bei der Wahl der Veranlagungsart handelt es sich nicht nur um einen aus verfahrensrechtlichen Gründen erforderlichen Antrag mit Wirkung für die Zukunft, sondern um ein Merkmal des gesetzlichen Tatbestands, das auf den Veranlagungszeitraum und auch auf die Entstehung der Steuer zurückwirkt4. Nach den Grundsätzen der bereits vorliegenden Rechtsprechung stellt sich der Wechsel des in § 26 Abs. 1 Satz 1 EStG normierten Wahlrechts zwischen getrennter Veranlagung und Zusammenveranlagung bis zum Eintritt der Bestandskraft der Steuerfestsetzung als ein rückwirkendes Ereignis i.S. des § 233a Abs. 2a AO dar5.

Da im Streitfall die Nachzahlungszinsen für die Zeit vor Zinswirksamkeit des zu einem Teil-Unterschiedsbetrag zu Gunsten der Ehefrau führenden Ereignisses – Änderung des Veranlagungswahlrechts und Karenzzeit (hier: 1.04.2014) – entstanden sind, blieben diese nach § 233a Abs. 7 Satz 2 Halbsatz 2 AO bestehen.

Bundesfinanzhof, Beschluss vom 12. August 2015 – III B 50/15

  1. BFH, Urteile vom 11.07.2013 – IV R 9/12 BFHE 242, 14, BStBl II 2014, 609, Rz 28; vom 18.05.1999 – I R 60/98, BFHE 188, 542, BStBl II 1999, 634; vgl. BFH, Urteil vom 03.03.2005 – III R 22/02, BFHE 209, 454, BStBl II 2005, 690; vgl. BFH, Beschluss vom 26.06.2014 – I B 74/12, BFH/NV 2014, 1497, Rz 9; Heuermann in HHSp, § 233a AO Rz 32[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 242, 14, BStBl II 2014, 609, Rz 28; Klein/Rüsken, AO, 12. Aufl., § 233a Rz 31a[]
  3. vgl. BFH, Urteil vom 19.07.1993 – GrS 2/92, BFHE 172, 66, BStBl II 1993, 897, unter C.II. 1.c[]
  4. vgl. BFH, Urteile in BFHE 209, 454, BStBl II 2005, 690, unter II. 2.; vom 25.09.2014 – III R 5/13, BFH/NV 2015, 811, Rz 22, 23[]
  5. vgl. auch BFH, Urteil in BFH/NV 2015, 811, Rz 15, 23; FG Münster, Urteil vom 31.01.2014 – 4 K 1882/13 AO, EFG 2014, 807 Rz 30; Klein/Rüsken, a.a.O., § 233a Rz 32; Loose, Finanz-Rundschau 2003, 1068[]