Wei­ter­be­schäf­ti­gung eines Ju­gend­ver­tre­ters

Ju­gend­ver­tre­ter, die im Be­am­ten­ver­hält­nis auf Wi­der­ruf einen Vor­be­rei­tungs­dienst für den ge­ho­be­nen Dienst ab­sol­viert haben, ge­nie­ßen nicht den Wei­ter­be­schäf­ti­gungs­schutz nach § 9 BPers­VG.

Wei­ter­be­schäf­ti­gung eines Ju­gend­ver­tre­ters

Die Pflicht des öffent­li­chen Arbeit­ge­bers zur Wei­ter­be­schäf­ti­gung von Jugend­ver­tre­tern bezieht sich nach § 9 Abs. 1 BPers­VG ein­deu­tig auf Beschäf­tig­te in einem Berufs­aus­bil­dungs­ver­hält­nis nach dem Berufs­bil­dungs­ge­setz, dem Kran­ken­pfle­ge­ge­setz und dem Heb­am­men­ge­setz. Nach § 3 Abs. 2 Nr. 2 BBiG gilt das Berufs­bil­dungs­ge­setz nicht für die Berufs­bil­dung in einem öffent­lich-recht­li­chen Dienst­ver­hält­nis. Eine Berufs­aus­bil­dung nach dem Berufs­bil­dungs­ge­setz ist daher nicht der Vor­be­rei­tungs­dienst im Beam­ten­ver­hält­nis auf Wider­ruf 1.

Für die ana­lo­ge Anwen­dung der Rege­lung in § 9 BPers­VG auf Aus­bil­dun­gen im Beam­ten­ver­hält­nis fehlt es an einer plan­wid­ri­gen Lücke.

Dage­gen spricht schon die Bezug­nah­me auf das Berufs­bil­dungs­ge­setz mit sei­nem Aus­schluss öffent­lich­recht­li­cher Aus­bil­dungs­ver­hält­nis­se und auf zwei wei­te­re Spe­zi­al­ge­set­ze über pri­vat­recht­lich zu gestal­ten­de Berufs­aus­bil­dun­gen. Die Gesetz­ge­bungs­ge­schich­te bestä­tigt dies. Durch das Gesetz zur Bil­dung von Jugend- und Aus­zu­bil­den­den­ver­tre­tun­gen in den Ver­wal­tun­gen vom 13.07.1988 2 ist § 9 Abs. 1 BPers­VG um die Aus­bil­dun­gen nach dem Kran­ken­pfle­ge­ge­setz und dem Heb­am­men­ge­setz ergänzt wor­den. Damit hat der Gesetz­ge­ber dar­auf reagiert, dass die Aus­zu­bil­den­den nach dem Kran­ken­pfle­ge­ge­setz und dem Heb­am­men­ge­setz mit der Novel­lie­rung die­ser Geset­ze aus dem Schutz­be­reich des § 9 BPers­VG her­aus­ge­fal­len waren (vgl. § 22 KrPflG und § 26 HebG 3). Dar­an wird deut­lich, dass der Gesetz­ge­ber im Hin­blick auf Aus­bil­dun­gen, die den­je­ni­gen nach dem Berufs­bil­dungs­ge­setz ver­gleich­bar sind, um Voll­stän­dig­keit bemüht war 4. Auf Berufs­aus­bil­dun­gen, wel­che ihre Grund­la­ge in den Beam­ten­ge­set­zen des Bun­des und der Län­der fin­den, bezog sich die­se Ein­stel­lung des Gesetz­ge­bers offen­sicht­lich nicht.

Die Annah­me einer plan­wid­ri­gen Lücke ver­bie­tet sich eben­falls mit Blick auf die all­ge­mei­ne Sys­te­ma­tik des Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­set­zes. Danach hat der Gesetz­ge­ber berück­sich­tigt, dass es in der öffent­li­chen Ver­wal­tung mit den Beam­ten und Arbeit­neh­mern zwei durch­aus ver­schie­de­ne Grup­pen von Beschäf­tig­ten gibt (§§ 4, 5 BPers­VG), und dem­entspre­chend sowohl grup­pen­über­grei­fen­de als auch grup­pen­spe­zi­fi­sche Rege­lun­gen getrof­fen. Grup­pen­spe­zi­fisch ange­legt sind nament­lich betei­li­gungs­pflich­ti­ge per­so­nel­le Ein­zel­maß­nah­men, wel­che aus­drück­lich oder sinn­ge­mäß ent­we­der für Arbeit­neh­mer (§ 75 Abs. 1, § 79 Abs. 1 und 2 BPers­VG) oder für Beam­te (§ 76 Abs. 1, § 78 Abs. 1 Nr. 3 bis 5 BPers­VG) vor­ge­se­hen sind. Eine dif­fe­ren­zie­ren­de Rege­lung betrifft die Rechts­stel­lung der Per­so­nal­rats­mit­glie­der selbst. Wäh­rend sich der Schutz vor außer­or­dent­li­cher Kün­di­gung natur­ge­mäß nur auf die Arbeit­neh­mer­ver­tre­ter bezie­hen kann (§ 47 Abs. 1 BPers­VG), erstreckt sich der Schutz vor Ver­set­zun­gen und Abord­nun­gen auf Arbeit­neh­mer- und Beam­ten­ver­tre­ter glei­cher­ma­ßen (§ 47 Abs. 2 BPers­VG). Im vor­lie­gen­den Zusam­men­hang beson­ders auf­fäl­lig ist, dass der Gesetz­ge­ber beim akti­ven und pas­si­ven Wahl­recht für die Jugend- und Aus­zu­bil­den­den­ver­tre­tun­gen nicht den engen Aus­zu­bil­den­den­be­griff in § 9 Abs. 1 BPers­VG zu Grun­de legt, son­dern auf den wei­ten, Berufs­aus­bil­dun­gen aller Art umfas­sen­den Beschäf­tig­ten­be­griff in § 4 Abs. 1 BPers­VG zurück­greift (§§ 57, 58 BPers­VG). Die bewuss­te, das Gesetz als Gan­zes durch­zie­hen­de Unter­tei­lung der Rege­lun­gen in grup­pen­über­grei­fen­de und grup­pen­spe­zi­fi­sche schließt die Annah­me aus, der Gesetz­ge­ber habe den Wei­ter­be­schäf­ti­gungs­schutz in § 9 BPers­VG nicht auf pri­vat­recht­li­che Aus­bil­dungs­ver­hält­nis­se beschrän­ken wol­len.

Eine Ana­lo­gie ist schließ­lich nicht zur Her­bei­füh­rung eines ver­fas­sungs­kon­for­men Ergeb­nis­ses gebo­ten. Dies gilt jeden­falls, soweit es wie im vor­lie­gen­den Fall um den Vor­be­rei­tungs­dienst für den geho­be­nen Dienst geht. Dass die Absol­ven­ten einer sol­chen Aus­bil­dung nicht den Wei­ter­be­schäf­tig­ten­schutz des § 9 BPers­VG genie­ßen, ver­stößt nicht gegen den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz, weil es dafür eine sach­li­che Recht­fer­ti­gung gibt.

Der Betei­lig­te zu 1 hat nach Maß­ga­be der ein­schlä­gi­gen lauf­bahn­recht­li­chen Bestim­mun­gen einen drei­jäh­ri­gen Vor­be­rei­tungs­dienst in einem Stu­di­en­gang am Fach­be­reich Sozi­al­ver­si­che­rung der Fach­hoch­schu­le des Bun­des für öffent­li­che Ver­wal­tung absol­viert. Sei­ne Aus­bil­dung war daher durch ein Hoch­schul­stu­di­um geprägt und unter­fiel auch aus die­sem Grun­de nicht dem Anwen­dungs­be­reich des Berufs­bil­dungs­ge­set­zes (§ 3 Abs. 2 Nr. 1 BBiG). Absol­ven­ten von Aus­bil­dun­gen eines der­ar­ti­gen Qua­li­fi­ka­ti­ons­ni­veaus sind unter dem Gesichts­punkt des § 9 BPers­VG nicht in glei­cher Wei­se schutz­wür­dig wie nach dem Berufs­aus­bil­dungs­ge­setz aus­ge­bil­de­te Per­so­nen.

Sinn und Zweck der Rege­lung in § 9 BPers­VG gehen dahin, den Jugend­ver­tre­ter von nach­tei­li­gen Fol­gen sei­ner Amts­aus­übung zu schüt­zen und die Kon­ti­nui­tät der Gre­mi­en­ar­beit sicher­zu­stel­len 5. Der letzt­ge­nann­te „kol­lek­ti­ve“ Schutz­zweck ist unab­hän­gig vom Qua­li­fi­ka­ti­ons­ni­veau der jewei­li­gen Aus­bil­dung gewahrt. Für den erst­ge­nann­ten „indi­vi­du­el­len“, auf die Per­son des Jugend­ver­tre­ters bezo­ge­nen Schutz­zweck gilt das nicht in glei­cher Wei­se. Bei typi­sie­ren­der Betrach­tungs­wei­se darf der Gesetz­ge­ber zu Grun­de legen, dass Absol­ven­ten einer berufs­qua­li­fi­zie­ren­den Aus­bil­dung mit Hoch­schul­ni­veau im Ver­gleich zu Absol­ven­ten ande­rer Aus­bil­dun­gen einem gerin­ge­ren Risi­ko aus­ge­setzt sind, nach Abschluss der Aus­bil­dung über einen nen­nens­wer­ten Zeit­raum ohne Beschäf­ti­gung zu blei­ben. Dies recht­fer­tigt zugleich die Annah­me, dass Aus­zu­bil­den­de für den geho­be­nen Dienst als Jugend­ver­tre­ter sich auch ohne den beson­de­ren Wei­ter­be­schäf­ti­gungs­schutz nach § 9 BPers­VG durch­weg nach­hal­tig für die Belan­ge der von ihnen ver­tre­te­nen jugend­li­chen Beschäf­tig­ten und Aus­zu­bil­den­den ein­set­zen wer­den (§§ 57, 61 BPers­VG). Schutz­los sind auch sol­che Jugend­ver­tre­ter nicht. Sie dür­fen bei der Ent­schei­dung über eine etwai­ge Anschluss­be­schäf­ti­gung nicht wegen ihrer per­so­nal­ver­tre­tungs­recht­li­chen Funk­ti­on benach­tei­ligt wer­den (§ 8 Brbg­Pers­VG und § 107 Satz 1 BPers­VG).

Die in der Beschwer­de­be­grün­dung vor­ge­tra­ge­nen uni­ons­recht­li­chen Gesichts­punk­te geben kei­nen Anlass zu einer abwei­chen­den Beur­tei­lung. Die Richt­li­nie 2000/​78/​EG des Rates vom 27.11.2000 regelt spe­zi­el­le Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bo­te u.a. wegen des Alters. Aus­schließ­lich dazu ver­hal­ten sich das Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs vom 08.09.2011 6. Das Urteil des Euro­päi­schen Gerichts­hofs vom 03.05.2012 7 befasst sich mit der Aus­le­gung der Richt­li­nie 2003/​88/​EG im Zusam­men­hang mit der Fra­ge, ob einem Beam­ten, der in den letz­ten zwei Jah­ren vor Ein­tritt in den Ruhe­stand dienst­un­fä­hig war, eine Urlaubs­ab­gel­tung zusteht. Aus alle­dem erge­ben sich kei­ne Aus­sa­gen zur hier in Rede ste­hen­den Fall­ge­stal­tung.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 30. Mai 2012 – 6 PB 7.12

  1. vgl. BVerwG, Beschluss vom 04.09.1995 – 6 P 20.93, Buch­holz 251.7 § 26 NWPers­VG Nr. 1 S. 8; BAG, Urteil vom 23.08.1984 – 6 AZR 519/​82BAGE 46, 270, 280; Faber, in: Lorenzen/​Etzel/​Gerhold/​Schlatmann/​Rehak/​Faber, Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz, Stand Janu­ar 2012, § 9 Rn. 23; Altvater/​Peiseler, in: Altvater/​Baden/​Kröll/​Lemcke/​Peiseler, Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz, 7. Aufl.2011, § 9 Rn. 2; Ilbertz/​Widmaier, Bun­des­per­so­nal­ver­tre­tungs­ge­setz, 11. Aufl.2008, § 9 Rn. 4; Fischer/​Goeres/​Gronimus, in: GKÖD Band V, Stand Janu­ar 2012, K § 9 Rn. 9; Tre­ber, in: Richardi/​Dörner/​Weber, Per­so­nal­ver­tre­tungs­recht, 3. Aufl.2008, § 9 Rn. 8[]
  2. BGBl I S. 1037[]
  3. BT-Drucks 11/​2480 S. 4 und 11[]
  4. vgl. in die­sem Zusam­men­hang BVerwG, Urteil vom 31.05.1990 – 6 P 16.88, Buch­holz 250 § 9 BPers­VG Nr. 8 S. 26 ff.[]
  5. vgl. BVerwG, Beschluss vom 21.02.2011 a.a.O. Rn. 30 m.w.N.[]
  6. EuGH, Urtei­le vom 08.09.2011 – C‑297/​10 und C‑298/​10[]
  7. EuGH, Urteil vom 03.05.2012 – C‑337/​10[]