Arbeits­un­fall mit dem Bizeps

Für den Riss der dista­len Bizeps­seh­ne an einem Arm ist das berufs­be­ding­te Anhe­ben einer (antei­li­gen) Last von 30 kg nicht wesent­lich kau­sal . Die­se Auf­fas­sung ver­trat jetzt das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg und ließ es dabei dahin­ge­stellt, ob bei dem phy­sio­lo­gisch unge­stört ablau­fen­den Hebe­vor­gang nicht bereits ein von außen ein­wir­ken­des Unfall­ereig­nis ver­neint wer­den kann.

Arbeits­un­fall mit dem Bizeps

In dem hier vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen Fall zog sich der als Gla­ser beschäf­tig­te Klä­ger am 18.01.2010 eine Bizeps­seh­nen­rup­tur am lin­ken Ober­arm zu, als eine 120 kg schwe­re Sicher­heits­glas-Schei­be auf das Dach einer Per­go­la mon­tiert wur­de. In der Unfall­an­zei­ge des Arbeit­ge­bers vom 25.01.2010 wur­de ange­ge­ben, beim Anhe­ben einer Glas­schei­be sei die Seh­ne geris­sen. Der am Unfall­tag auf­ge­such­te Ortho­pä­de B. dia­gnos­ti­zier­te eine dista­le Bizeps­seh­nen­rup­tur links. Der arbeits­un­fä­hi­ge Klä­ger wur­de sta­tio­när vom 26.01.2010 bis 03.02.2010 in der B. Unfall­kli­nik L. (BG-Kli­nik) behan­delt, wo am 27.01.2010 eine offe­ne Refixa­ti­on der Bizeps­seh­ne vor­ge­nom­men wur­de. Die bei der Ope­ra­ti­on ent­nom­me­ne Gewe­be­pro­be wur­de unter­sucht. Die BG-Kli­nik teil­te in ihren Arzt­be­rich­ten mit, die Behand­lung wer­de zu Las­ten der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung durch­ge­führt, denn ein Stur­zer­eig­nis oder ein sons­ti­ger geeig­ne­ter Unfall­me­cha­nis­mus sei ver­neint wor­den. Aus ärzt­li­cher Sicht habe es sich bei dem Anhe­ben der 120 kg schwe­ren Glas­schei­be ohne vor­ge­spann­te Bizeps­seh­ne um eine Gele­gen­heits­ur­sa­che gehan­delt. Mit Bescheid vom 31. März 2010 ver­nein­te die Beklag­te Leis­tungs­an­sprü­che aus der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung und lehn­te die Fest­stel­lung eines Arbeits­un­falls ab. Nach erfolg­lo­sem Wider­spruchs­ver­fah­ren hat der Klä­ger vor dem Sozi­al­ge­richt Mann­heim Kla­ge erho­ben. Dort wur­de die Kla­ge mit Gerichts­be­scheid vom 27. Janu­ar 2011 abge­wie­sen. Der Klä­ger hat Beru­fung vor dem Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ein­ge­legt.

Nach Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts sind Arbeits­un­fäl­le Unfäl­le von Ver­si­cher­ten infol­ge einer den Ver­si­che­rungs­schutz nach §§ 2, 3, 6 SGB VII begrün­den­den Tätig­keit (ver­si­cher­te Tätig­keit; § 8 Abs 1 Satz 1 SGB VII). Unfäl­le sind zeit­lich begrenz­te, von außen auf den Kör­per ein­wir­ken­de Ereig­nis­se, die zu einem Gesund­heits­scha­den oder zum Tod füh­ren (§ 8 Abs. 1 Satz 2 SGB VII). Für das Vor­lie­gen eines Arbeits­un­falls i. S. des § 8 Abs. 1 Satz 2 SGB VII ist danach in der Regel erfor­der­lich, dass die Ver­rich­tung des Ver­si­cher­ten zur Zeit des Unfalls der ver­si­cher­ten Tätig­keit zuzu­rech­nen ist (inne­rer bzw. sach­li­cher Zusam­men­hang), dass die­se Ver­rich­tung zu dem zeit­lich begrenz­ten von außen auf den Kör­per ein­wir­ken­den Ereig­nis dem Unfall­ereig­nis – geführt hat und das Unfall­ereig­nis einen Gesundheits(-erst-)scha­den oder den Tod des Ver­si­cher­ten ver­ur­sacht (haf­tungs­be­grün­den­de Kau­sa­li­tät) hat. Das Ent­ste­hen von län­geran­dau­ern­den Unfall­fol­gen auf­grund des Gesundheits(-erst-)schadens (haf­tungs­aus­fül­len­de Kau­sa­li­tät) ist nicht Vor­aus­set­zung für die Aner­ken­nung eines Arbeits­un­falls [1].

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt hat fest­ge­stellt, dass der Klä­ger mit 3 Hel­fern die 4 m x 90 cm umfas­sen­de, 120 kg schwe­re Glas­schei­be in gebück­ter Hal­tung ange­ho­ben und anschlie­ßend auf­recht ste­hend die Schei­be gedreht hat, um sie auf das Dach der Per­go­la auf­zu­brin­gen. Hier­bei hat­te er die zunächst auf­ge­stell­te Schei­be mit bei­den Hän­den gehal­ten, mit der rech­ten Hand war die obe­re Kan­te und mit der lin­ken Hand die unte­re Kan­te der Schei­be umfasst. Er stand außen an einer der Sei­ten. Das Anhe­ben der Schei­be bis zur Höhe des Per­gola­da­ches war dem Klä­ger ohne Pro­ble­me mög­lich. Beim Anwin­keln des lin­ken Arms, um die Schei­be auf das Dach auf­zu­le­gen, ver­spür­te der Klä­ger eine Funk­ti­ons­min­de­rung am lin­ken Arm.

Ob bei die­sem Sach­ver­halt nach der oben ange­führ­ten Legal­de­fi­ni­ti­on des Unfalls ein von außen auf den Kör­per ein­wir­ken­des Ereig­nis ange­nom­men wer­den kann, lässt das Gericht dahin­ste­hen. Zwar hat das Lan­des­so­zi­al­ge­richt bereits ent­schie­den, dass die nor­ma­le Fort­be­we­gung zu Fuß ohne Hin­zu­tre­ten sons­ti­ger äuße­rer Ein­flüs­se nicht das Merk­mal eines von außen ein­wir­ken­den Ereig­nis­ses erfüllt, wenn es auf­grund einer anla­ge­be­ding­ten Gelenk­in­sta­bi­li­tät zum Umkni­cken im Sprung­ge­lenk beim betrieb­lich beding­ten Gehen kommt [2]. Es spricht eini­ges dafür, dass hier­von auch dann aus­zu­ge­hen ist, wenn eine sons­ti­ge wil­lent­lich aus­ge­führ­te, betriebs­be­ding­te Hand­ha­bung vor­ge­nom­men wird, die kei­ne – gewoll­te oder durch die Umstän­de auf­ge­zwun­ge­ne – beson­de­re Kraft­ent­fal­tung (was der Ent­schei­dung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts beim „Grab­stein­ur­teil“[3] aber zu Grun­de lag) erfor­dert [4]. Ob die Hand­ha­bung einer antei­li­gen Last von 30 kg (bei einem Gesamt­ge­wicht von 120 kg) bereits eine beson­de­re Kraft­ent­fal­tung in die­sem Sin­ne dar­stellt und dadurch das vom Bun­des­so­zi­al­ge­richt in teleo­lo­gisch aus­wei­ten­der Sub­sum­ti­on der Legal­de­fi­ni­ti­on umschrie­be­ne äuße­re Ereig­nis begrün­det, mag offen blei­ben. Zu Guns­ten des Klä­gers wird unter­stellt, dass das auf die Arm­mus­ku­la­tur ein­wir­ken­de Eigen­ge­wicht der Glas­plat­te das Tat­be­stands­merk­mal des von außen ein­wir­ken­den Ereig­nis­ses erfüllt.

Zur Über­zeu­gung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts ist aber die haf­tungs­be­grün­den­de Kau­sa­li­tät nicht gege­ben, denn das unter­stell­te Unfall­ereig­nis war nicht wesent­lich kau­sal für die ein­ge­tre­te­ne Bizeps­seh­nen­rup­tur. Für bei­de Berei­che der Kau­sa­li­tät (haf­tungs­be­grün­den­de und haf­tungs­aus­fül­len­de Kau­sa­li­tät) gilt die Theo­rie der wesent­li­chen Bedin­gung [5].

Die Theo­rie der wesent­li­chen Bedin­gung beruht eben­so wie die im Zivil­recht gel­ten­de Adäquanz­theo­rie auf der natur­wis­sen­schaft­lich-phi­lo­so­phi­schen Bedin­gungs­theo­rie als Aus­gangs­ba­sis. Nach die­ser ist jedes Ereig­nis Ursa­che eines Erfol­ges, das nicht hin­weg­ge­dacht wer­den kann, ohne dass der Erfolg ent­fie­le (con­di­tio sine qua non). Auf­grund der Unbe­grenzt­heit der natur­wis­sen­schaft­lich-phi­lo­so­phi­schen Ursa­chen für einen Erfolg ist für die prak­ti­sche Rechts­an­wen­dung in einer zwei­ten Prü­fungs­stu­fe die wer­ten­de Ent­schei­dung über die Wesent­lich­keit einer Ursa­che erfor­der­lich [6].

Anders als bei der für das Zivil­recht maß­ge­ben­den Adäquanz­theo­rie [7] folgt dar­aus kei­ne abs­trakt-gene­ra­li­sie­ren­de Betrach­tungs­wei­se; viel­mehr ist die Kau­sa­li­täts­be­wer­tung in der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung vom ex-post-Stand­punkt aus anhand indi­vi­dua­li­sie­ren­der und kon­kre­ti­sie­ren­der Merk­ma­le des jewei­li­gen Ein­zel­fal­les vor­zu­neh­men. Daher kommt es bei der Wer­tung im Bereich der Kau­sa­li­tät vor allem dar­auf an, wel­che Aus­wir­kun­gen das Unfall­ge­sche­hen gera­de bei der betref­fen­den Ein­zel­per­son mit ihrer jewei­li­gen Struk­tur­ei­gen­heit im kör­per­lich-see­li­schen Bereich her­vor­ge­ru­fen hat [8]. Gleich­zei­tig ist im Rah­men der gegen­sei­ti­gen Abwä­gung meh­re­rer, zu einem bestimm­ten „Erfolg“ füh­ren­der Umstän­de der Schutz­zweck sowohl der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung im All­ge­mei­nen als auch der jeweils anzu­wen­den­den Norm zu berück­sich­ti­gen. Dies führt zu der Wert­be­stim­mung, bis zu wel­cher Gren­ze der Ver­si­che­rungs­schutz im Ein­zel­fall reicht [9].

Gibt es neben der ver­si­cher­ten Ursa­che noch kon­kur­rie­ren­de Ursa­chen, z.B. Krank­heits­an­la­gen, so war die ver­si­cher­te Ursa­che wesent­lich, solan­ge die unver­si­cher­te Ursa­che nicht von über­ra­gen­der Bedeu­tung war [10]. Eine Krank­heits­an­la­ge war von über­ra­gen­der Bedeu­tung, wenn sie so stark oder so leicht ansprech­bar war, dass die (natur­wis­sen­schaft­li­che) Ver­ur­sa­chung aku­ter Erschei­nun­gen nicht beson­de­rer, in ihrer Art uner­setz­li­cher äuße­rer Ein­wir­kun­gen bedurf­te, son­dern jedes all­täg­lich vor­kom­men­de Ereig­nis zu der­sel­ben Zeit die Erschei­nun­gen ver­ur­sacht hät­te [11]. War die Krank­heits­an­la­ge von über­ra­gen­der Bedeu­tung, so ist die ver­si­cher­te natur­wis­sen­schaft­li­che Ursa­che nicht als wesent­lich anzu­se­hen und schei­det als Ursa­che nach der Theo­rie der wesent­li­chen Bedin­gung und im Sin­ne des Sozi­al­rechts aus; sie ist dann bloß eine so genann­te Gele­gen­heits­ur­sa­che [12].

Fer­ner ist zu beach­ten, dass für die Fest­stel­lung des Ursa­chen­zu­sam­men­hangs zwi­schen dem Unfall­ereig­nis und den Unfall­fol­gen – der haf­tungs­be­grün­den­den und der haf­tungs­aus­fül­len­den Kau­sa­li­tät – die Wahr­schein­lich­keit genügt, dass aber das Unfall­ereig­nis, die ver­si­cher­te Tätig­keit und die durch sie beding­ten schä­di­gen­den Ein­wir­kun­gen ein­schließ­lich deren Art und Aus­maß im Sin­ne des „Voll­be­wei­ses“, also mit an Sicher­heit gren­zen­der Wahr­schein­lich­keit, nach­ge­wie­sen wer­den müs­sen [13].

Nach die­sen Grund­sät­zen ist beim Klä­ger eine vor­ge­schä­dig­te dista­le Bizeps­seh­ne am lin­ken Arm nach­ge­wie­sen. Der Sach­ver­stän­di­ge Dr. L. hat dar­ge­legt, dass die aus dem patho­lo­gisch-his­to­lo­gi­schen Befund vom 01.02.2010 ersicht­li­chen Auf­brau­cher­schei­nun­gen auf dege­ne­ra­ti­ve Ver­än­de­run­gen der Bizeps­seh­ne schlie­ßen las­sen, die nicht erst durch das unter­stell­te Unfall­ereig­nis am 18.01.2010 ein­ge­tre­ten sein kön­nen. Die vor­be­stehen­den dege­ne­ra­ti­ven Struk­tur­ver­än­de­run­gen las­sen nach den plau­si­blen Dar­le­gun­gen des Sach­ver­stän­di­gen auf eine Min­de­rung der Zug­fes­tig­keit und eine gewis­se Riss­be­reit­schaft der dista­len Bizeps­seh­ne schlie­ßen. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Klä­gers steht die­se Schluss­fol­ge­rung nicht im Wider­spruch zu den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen, dass bei der berück­sich­tig­ten Beu­gung des lin­ken Ell­bo­gen­ge­len­kes die dista­le Bizeps­seh­ne maxi­mal gespannt war. Schließ­lich kam es bei dem ange­schul­dig­ten Ereig­nis ohne die aus unfall­me­di­zi­nisch-trau­ma­to­lo­gi­scher Sicht übli­che uner­war­te­te Ein­wir­kung auf einen phy­sio­lo­gi­schen Bewe­gungs­ab­lauf zu dem Ein­riss, was die Elas­ti­zi­täts­min­de­rung der Seh­ne belegt. Dass die Bizeps­seh­ne bei frü­he­ren ver­gleich­ba­ren Hebe­vor­gän­gen nicht geris­sen ist, wie der Klä­ger gel­tend macht, wider­legt eine Vor­schä­di­gung nicht.

Die Vor­schä­di­gung und die – unter­stell­te – Unfall­ein­wir­kung waren (Mit-)Ursachen der Bizeps­seh­nen­rup­tur im Sin­ne einer con­di­tio sine qua non. Der Ein­wand der Beklag­ten, da die Zug- und Hebe­fes­tig­keit einer Seh­ne über der Kraft­bil­dungs­fä­hig­keit eines Mus­kels lie­ge, kön­ne eine Über­las­tung der Seh­ne nicht auf­tre­ten, trägt die Ver­nei­nung eines kau­sa­len Zusam­men­hangs nicht. Dass der Hebe­vor­gang einen Riss an einer gesun­den Seh­ne nicht hät­te her­vor­ru­fen kön­nen, ist nicht ent­schei­dend.

Nach Auf­fas­sung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts war die Vor­schä­di­gung der lin­ken dista­len Bizeps­seh­ne des Klä­gers allein wesent­li­che Ursa­che für die Bizeps­seh­nen­rup­tur, weil sie ein sol­ches Aus­maß erreicht hat­te, dass die Rup­tur auch jeder­zeit bei einer All­tags­be­las­tung zu annä­hernd dem glei­chen Zeit­punkt hät­te auf­tre­ten kön­nen.

Zwar sind die dem Lan­des­so­zi­al­ge­richt zugäng­lich gewe­se­nen ärzt­li­chen Befun­de, ins­be­son­de­re die bei­gezo­ge­nen bild­ge­ben­den Dia­gno­se­mit­tel, und die Hin­wei­se aus dem Vor­er­kran­kungs­ver­zeich­nis nicht so hin­rei­chend spe­zi­fisch, dass sie dem Sach­ver­stän­di­gen Dr. L. eine siche­re Beur­tei­lung des Aus­ma­ßes der – nach­ge­wie­se­nen – dege­ne­ra­ti­ven Auf­brau­cher­schei­nun­gen der Bizeps­seh­ne erlaubt haben. Aber Art und Inten­si­tät der unfall­be­ding­ten Ein­wir­kung lässt im Ein­zel­fall nach dem medi­zi­ni­schen Erfah­rungs­wis­sen eine hin­rei­chen­de Umschrei­bung des Aus­ma­ßes des zu beur­tei­len­den Vor­scha­dens zu. War die Unfall­ein­wir­kung selbst ihrer Aus­prä­gung und Art nach nicht beson­ders und uner­setz­lich, son­dern erreich­te nur die Inten­si­tät eines all­täg­lich vor­kom­men­den Ereig­nis­ses, ist mit gutem Recht anzu­neh­men, dass die dege­ne­ra­ti­ve Vor­schä­di­gung in ihrer Aus­prä­gung bereits so leicht ansprech­bar war, dass eine recht­lich erheb­li­che unfall­vor­be­stehen­de Seh­nen­de­ge­ne­ra­ti­on im Sin­ne einer Gele­gen­heits­ur­sa­che vor­lag [14].

Maß­ge­bend zur Bewer­tung einer All­tags­be­las­tung ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts nicht das Unfall­ereig­nis als sol­ches (z. B. die Tat­sa­che eines Stur­zes etc.) bzw. der gene­rell zum Tra­gen gekom­me­ne Kraft­auf­wand, son­dern die Inten­si­tät der Ein­wir­kun­gen auf das ver­letz­te Organ [15]. Eine All­tags­be­las­tung ist nicht nach der indi­vi­du­el­len Lebens­füh­rung des Ver­si­cher­ten zu beur­tei­len, son­dern abs­trakt danach, wel­che Ver­hal­tens­wei­sen in der Lebens­füh­rung in der Bevöl­ke­rung ver­brei­tet vor­zu­fin­den sind und nach all­ge­mei­ner Anschau­ung als all­täg­li­che, nur mäßig­gra­dig belas­ten­de Ver­rich­tun­gen gel­ten.

Dass das Unfall­ereig­nis in sei­ner Inten­si­tät der Ein­wir­kung auf die Seh­ne nur das Aus­maß einer All­tags­be­las­tung erreich­te, ergibt sich aus den über­zeu­gen­den Dar­le­gun­gen des Sach­ver­stän­di­gen Dr. L.. Der Sach­ver­stän­di­ge hat sei­ner Beur­tei­lung den vom Senat fest­ge­stell­ten Sach­ver­halt zugrun­de­ge­legt. Danach ist von der Rup­tur der dista­len Bizeps­seh­ne in dem Moment aus­zu­ge­hen, in dem das lin­ke Ell­bo­gen­ge­lenk gebeugt wur­de, um die Schei­be in die waa­ge­rech­te Posi­ti­on zu dre­hen für die Auf­la­ge auf das Dach. Nach­voll­zieh­bar hat Dr. L. dar­ge­legt, dass ana­to­misch die dista­le Bizeps­seh­ne in die­sem Moment maxi­ma­le Span­nung auf­wies. Wes­halb die dia­gnos­ti­zier­te Min­de­rung der Zug­fes­tig­keit die­ser ana­to­misch-phy­sio­lo­gi­schen Beschrei­bung ent­ge­gen ste­hen soll, ist nicht ersicht­lich. Ein Wider­spruch zu den Aus­füh­run­gen im Arzt­brief der BG-Kli­nik vom 02.02.2010, in dem auf einen Her­gang ohne vor­ge­spann­te Seh­ne abge­stellt wird, ist nicht zwin­gend abzu­lei­ten, denn in den akten­kun­di­gen Berich­ten der BG-Kli­nik ist nicht dar­ge­legt, von wel­chem Bewe­gungs­ab­lauf zum Zeit­punkt der Seh­nen­rup­tur hier­bei aus­ge­gan­gen wur­de. Es ist sogar nicht aus­ge­schlos­sen, dass der Klä­ger wäh­rend der Behand­lung in der BG-Kli­nik den Her­gang mit einem ande­ren Ver­lauf geschil­dert hat. Immer­hin hat der Klä­ger erst im Ter­min zur Erör­te­rung des Sach­ver­halts vor dem Senat offen­ge­legt, dass er die Schei­be nicht allein ange­ho­ben hat. In der schrift­li­chen Ant­wort zur rich­ter­li­chen Auf­la­ge vom 28.06.2011 ist er der Fra­ge auf Betei­li­gung ande­rer aus­ge­wi­chen. Letzt­lich ist auch nicht ersicht­lich, wor­in der Klä­ger in die­ser gut­acht­li­chen Aus­gangs­be­schrei­bung einer gespann­ten Seh­ne eine ihn benach­tei­li­gen­de Fehl­be­wer­tung sieht, da Dr. L. damit die in der vor­lie­gen­den Fall­kon­stel­la­ti­on (ohne über­ra­schen­de Ein­wir­kung) für eine trau­ma­tisch beding­te Rup­tur erfor­der­li­che Aus­gangs­po­si­ti­on beschreibt.

Über­dies hat Dr. L. über­zeu­gend dar­ge­legt, dass der betriebs­be­ding­te Vor­gang der Schei­ben­mon­ta­ge trotz die­ser Aus­gangs­po­si­ti­on nicht wesent­lich kau­sal für die Rup­tur war. Der Klä­ger hat kei­ne ‑nach­voll­zieh­ba­re- unglei­che Las­ten­ver­tei­lung geschil­dert, denn beim gleich­zei­ti­gen Anhe­ben der Schei­be ist es belang­los, dass er nach sei­ner Behaup­tung im Erör­te­rungs­ter­min an der Sei­te mit dem wei­tes­ten Über­stand der Schei­be auf den Unter­leg­höl­zern stand. Auch sonst war eine plötz­li­che, uner­war­te­te zusätz­li­che Belas­tung der Seh­ne bei dem Arbeits­vor­gang nicht auf­ge­tre­ten. Die Schei­be droh­te nicht zu kip­pen, weder durch Schwä­che oder Unauf­merk­sam­keit der Hel­fer, noch erga­ben sich ande­re unvor­her­ge­se­he­ne Seh­nen­be­las­tun­gen durch zusätz­li­che Las­tein­wir­kun­gen auf die Arme, ins­be­son­de­re sind unter­schied­li­che Kör­per­grö­ßen nicht ange­ge­ben wor­den und spie­len dar­über hin­aus auch kei­ne Rol­le. Zuguns­ten des Klä­gers hat Dr. L. den im Ver­hält­nis zum Gesamt­ge­wicht von 120 kg auf jeden Hel­fer ent­fal­len­den rech­ne­ri­schen Anteil von 30 kg allein auf den lin­ken Arm des Klä­gers bezo­gen, obwohl der Klä­ger die Schei­be beid­hän­dig gedreht und das Last­ge­wicht sich auf bei­de Arme – mög­li­cher­wei­se nicht gleich­mä­ßig – ver­teilt hat. Dr. L. führt auf­grund sei­ner Sach­kun­de aus, dass die dista­le Bizeps­seh­ne beim Beu­gen des Ell­bo­gens nur mit 30% an der hier­zu auf­zu­wen­den­den Mus­kel­kraft betei­ligt ist. Damit ist für das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg über­zeu­gend dar­ge­legt, dass die lin­ke dista­le Bizeps­seh­ne güns­ti­gen­falls mit ca. 10 kg bei der Arm­beu­gung belas­tet war. Dies ist eine Belas­tung, die bei ande­ren Bewe­gungs­ab­läu­fen mit Betei­li­gung der dista­len Bizeps­seh­ne im All­tag auch vor­kommt, denn Last­ge­wich­te (z.B. Ein­käu­fe, Geträn­ke­kis­te etc.) oder sons­ti­ge Zug­be­las­tun­gen (z.B. Bewe­gen eines Ein­kaufs­wa­gens) in die­ser Grö­ßen­ord­nung tre­ten bei viel­fäl­ti­gen Gele­gen­hei­ten im All­tag auf.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 23. März 2012 – L 8 U 884/​11

  1. vgl. stell­ver­tre­tend BSG, Urtei­le vom 09.05.2006 – B 2 U 1/​05 R, SozR 4–2700 § 8 Nr, 17; -B 2 U 40/​05 R, UV-Recht Aktu­ell 2006, 419; – B 2 U 26/​04 R, UV-Recht Aktu­ell 2006, 497[]
  2. LSG Baden-Württ., Urteil vom 16.04.2010 – L 8 U 5043/​09[]
  3. BSG, Urteil vom 12.04.2005 – B 2 U 27/​04 R[]
  4. vgl. hier­zu zuletzt BSG, Urteil vom 29.11.2011 – B 2 U 10/​11 R[]
  5. vgl. BSG, Urteil vom 15.02.2005 – B 2 U 1/​04 R, SozR 4–2700 § 8 Nr. 12[]
  6. BSG SozR 4–2700 § 8 Nr. 12[]
  7. stell­ver­tre­tend BGHZ 137, 11, 19ff m.w.N.[]
  8. vgl. BSGE 66, 156 , 158 = SozR 3–2200 § 553 Nr. 1 m.w.N.[]
  9. vgl. ins­ge­samt BSG SozR 4–2200 § 589 Nr. 1 m.w.N.; SozR 2200 § 589 Nr. 96[]
  10. BSG SozR Nr. 6 zu § 589 RVO, SozR Nr. 69 zu § 542 RVO a.F.[]
  11. BSGE 62, 220 , 222 f = SozR 2200 § 589 Nr. 10 S 30[]
  12. BSG Urteil vom 12.04.2005 – B 2 U 27/​04 R, SozR 4–2700 § 8 Nr. 15[]
  13. BSG SozR 35670 Anl. 1 Nr. 2108 Nr. 2 mwN[]
  14. vgl. zu die­ser Vor­aus­set­zung Urtei­le des LSG Baden-Württ. vom 01.07.2011 – L 8 U 197/​11 und vom 16.04.2010 – L 8 U 5043/​09[]
  15. stän­di­ge Recht­spre­chung des LSG, vgl. stell­ver­tre­tend Urteil vom 01.07.2011 – L 8 U 197/​11; Urteil vom 10.03.2008 – L 1 U 2511/​07 []