Der Arbeits­un­fall und die gemein­sa­me Betriebs­stät­te

Im Rah­men einer Schmer­zens­geld­kla­ge bei einem Arbeits­un­fall hat­te sich der Bun­des­ge­richts­hof aktu­ell mit dem Vor­lie­gen der „Ver­bin­dung zwi­schen den Tätig­kei­ten als sol­chen in der kon­kre­ten Unfall­si­tua­ti­on“ als Vor­aus­set­zung einer gemein­sa­men Betriebs­stät­te im Sin­ne des § 106 Abs. 3 Fall 3 SGB VII zu befas­sen, die zu einer Haf­tungs­pri­vi­le­gie­rung nach §§ 104, 105 SGB VII oder nach den Grund­sät­zen des gestör­ten Gesamt­schuld­ver­hält­nis­ses füh­ren wür­de. Eine Bin­dung gemäß § 108 Abs. 1 SGB VII besteht nicht hin­sicht­lich der Fra­ge, ob eine gemein­sa­me Betriebs­stät­te vor­liegt.

Der Arbeits­un­fall und die gemein­sa­me Betriebs­stät­te

Nach der gefes­tig­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs erfasst der Begriff der „gemein­sa­men Betriebs­stät­te“ betrieb­li­che Akti­vi­tä­ten von Ver­si­cher­ten meh­re­rer Unter­neh­men, die bewusst und gewollt bei ein­zel­nen Maß­nah­men inein­an­der­grei­fen, mit­ein­an­der ver­knüpft sind, sich ergän­zen oder unter­stüt­zen, wobei es aus­reicht, dass die gegen­sei­ti­ge Ver­stän­di­gung still­schwei­gend durch blo­ßes Tun erfolgt. Erfor­der­lich ist ein bewuss­tes Mit­ein­an­der im Betriebs­ab­lauf, das sich zumin­dest tat­säch­lich als ein auf­ein­an­der bezo­ge­nes betrieb­li­ches Zusam­men­wir­ken meh­re­rer Unter­neh­men dar­stellt. Die Tätig­keit der Mit­wir­ken­den muss im fak­ti­schen Mit­ein­an­der der Betei­lig­ten auf­ein­an­der bezo­gen, mit­ein­an­der ver­knüpft oder auf gegen­sei­ti­ge Ergän­zung oder Unter­stüt­zung aus­ge­rich­tet sein [1].

§ 106 Abs. 3 Fall 3 SGB VII ist nicht schon dann anwend­bar, wenn Ver­si­cher­te zwei­er Unter­neh­men auf der­sel­ben Betriebs­stät­te auf­ein­an­der tref­fen. Eine „gemein­sa­me“ Betriebs­stät­te ist nach all­ge­mei­nem Ver­ständ­nis mehr als „die­sel­be“ Betriebs­stät­te; das blo­ße Zusam­men­tref­fen von Risi­ko­sphä­ren meh­re­rer Unter­neh­men erfüllt den Tat­be­stand der Norm nicht. Par­al­le­le Tätig­kei­ten, die sich bezie­hungs­los neben­ein­an­der voll­zie­hen, genü­gen eben­so­we­nig wie eine blo­ße Arbeits­be­rüh­rung. Erfor­der­lich ist viel­mehr eine gewis­se Ver­bin­dung zwi­schen den Tätig­kei­ten als sol­chen in der kon­kre­ten Unfall­si­tua­ti­on, die eine Bewer­tung als „gemein­sa­me“ Betriebs­stät­te recht­fer­tigt [2].

Die Beur­tei­lung, ob in einer Unfall­si­tua­ti­on eine „gemein­sa­me“ Betriebs­stät­te vor­lag, muss sich auf kon­kre­te Arbeits­vor­gän­ge bezie­hen und knüpft dar­an an, dass eine gewis­se Ver­bin­dung zwi­schen den Tätig­kei­ten als sol­chen in der kon­kre­ten Unfall­si­tua­ti­on gege­ben ist [3].

Die not­wen­di­ge Arbeits­ver­knüp­fung kann im Ein­zel­fall auch dann bestehen, wenn die von den Beschäf­tig­ten ver­schie­de­ner Unter­neh­men vor­zu­neh­men­den Maß­nah­men sich nicht sach­lich ergän­zen und unter­stüt­zen, die gleich­zei­ti­ge Aus­füh­rung der betref­fen­den Arbei­ten wegen der räum­li­chen Nähe aber eine Ver­stän­di­gung über den Arbeits­ab­lauf erfor­dert und hier­zu kon­kre­te Abspra­chen getrof­fen wer­den. Das ist etwa dann der Fall, wenn ein zeit­li­ches und ört­li­ches Neben­ein­an­der die­ser Tätig­kei­ten nur bei Ein­hal­tung von beson­de­ren bei­der­sei­ti­gen Vor­sichts­maß­nah­men mög­lich ist und die Betei­lig­ten sol­che ver­ein­ba­ren [4].

Eine Gefah­ren­ge­mein­schaft ist dadurch gekenn­zeich­net, dass typi­scher­wei­se jeder der (in enger Berüh­rung mit­ein­an­der) Täti­gen glei­cher­ma­ßen zum Schä­di­ger und Geschä­dig­ten wer­den kann [5]. Dies war hier nicht der Fall.

Eine Haf­tungs­pri­vi­le­gie­rung des Arbeit­ge­bers is Beklag­ten auch nicht des­halb anzu­neh­men, weil sozi­al­recht­lich ein „Betriebs­un­fall“ aner­kannt wor­den ist. Eine Bin­dung gemäß § 108 Abs. 1 SGB VII an unan­fecht­ba­re Ent­schei­dun­gen der Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger und der Sozi­al­ge­rich­te besteht nicht, wenn es nach Aner­ken­nung eines Arbeits­un­falls durch die Berufs­ge­nos­sen­schaft nur noch um die Fra­ge geht, ob der in Anspruch genom­me­ne Schä­di­ger wegen des Vor­lie­gens einer gemein­sa­men Betriebs­stät­te haf­tungs­pri­vi­le­giert ist, oder wenn das Vor­lie­gen einer gemein­sa­men Betriebs­stät­te zu ver­nei­nen ist [6].

BGH, Urteil vom 22. Janu­ar 2013 – VI ZR 175/​11

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 17.10.2000 – VI ZR 67/​00, BGHZ 145, 331, 336; vom 24.06.2003 – VI ZR 434/​01, BGHZ 155, 205, 207 f.; vom 16.12.2003 – VI ZR 103/​03, BGHZ 157, 213, 216 f.; vom 17.06.2008 – VI ZR 257/​06, BGHZ 177, 97 Rn.19; vom 01.02.2011 – VI ZR 227/​09, VersR 2011, 500 Rn. 7; vom 10.05.2011 – VI ZR 152/​10, VersR 2011, 882 Rn. 12[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 23.01.2001 – VI ZR 70/​00, VersR 2001, 372, 373; vom 14.09.2004 – VI ZR 32/​04, VersR 2004, 1604 f.; vom 08.06.2010 – VI ZR 147/​09, VersR 2010, 1190 Rn. 14; vom 01.02.2011 – VI ZR 227/​09, aaO; vom 10.05.2011 – VI ZR 152/​10, aaO; vom 11.10.2011 – VI ZR 248/​10, VersR 2011, 1567 Rn. 9[]
  3. BGH, Urtei­le vom 10.05.2011 – VI ZR 152/​10, aaO, Rn. 12, 15 f.; vom 11.10.2011 – VI ZR 248/​10, aaO mwN[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 11.10.2011 – VI ZR 248/​10, aaO, Rn. 11 mwN[]
  5. vgl. dazu BGH, Urteil vom 16.12.2003 – VI ZR 103/​03, aaO, 217 ff.[]
  6. vgl. OLG Hamm VersR 2000, 602; OLG Olden­burg, OLGR 2001, 162; KassKomm/​Ricke, SGB VII § 108 Rn. 7a (Stand: Dezem­ber 2011); Stöhr, VersR 2004, 809, 817[]