Mas­sen­ent­las­sung im Kon­zern – und die Nicht­vor­la­ge an den EuGH

Die Nicht­vor­la­ge einer uni­ons­recht­li­chen Fra­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on begrün­det kei­nen grund­recht­li­chen Nach­teil, wenn kei­ne Aus­sicht auf Klä­rung die­ser uni­ons­recht­li­chen Fra­ge im Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­ren besteht.

Mas­sen­ent­las­sung im Kon­zern – und die Nicht­vor­la­ge an den EuGH

In dem hier vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall war die beschwer­de­füh­ren­de Arbeit­neh­me­rin von einem Mas­sen­ent­las­sungs­ver­fah­ren betrof­fen. Ihre Kün­di­gungs­schutz­kla­ge blieb – soweit hier von Bedeu­tung – ohne Erfolg. Sie rügt mit der Ver­fas­sungs­be­schwer­de ins­be­son­de­re eine Ver­let­zung ihrer Rech­te aus Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG. Das Bun­des­ar­beits­ge­richt habe – wie das Lan­des­ar­beits­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg in einem par­al­le­len Ver­fah­ren – den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on fra­gen müs­sen, wie die Richt­li­nie 98/​59/​EG des Rates vom 20.07.1998 zur Anglei­chung der Rechts­vor­schrif­ten der Mit­glied­staa­ten über Mas­sen­ent­las­sun­gen 1 zu ver­ste­hen sei, um im Rah­men des § 17 BVerfGchG ent­schei­den zu kön­nen, wel­che Aus­künf­te ein kon­zern­ab­hän­gi­ger Arbeit­ge­ber dem Betriebs­rat ertei­len und wor­über er die­sen unter­rich­ten müs­se, um eine Bera­tung über die Ver­mei­dung von Ent­las­sun­gen oder die Abmil­de­rung der Fol­gen zu ermög­li­chen. Des­glei­chen habe das Bun­des­ar­beits­ge­richt im Wege der Vor­la­ge nach Art. 267 AEUV klä­ren müs­sen, wie in arbeits­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren die Dar­le­gungs­las­ten in einem sol­chen Streit um Mas­sen­ent­las­sun­gen in einem Kon­zern ver­teilt sei­en.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Ver­fas­sungs­be­schwer­de nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men. Sie habe kei­ne grund­sätz­li­che Bedeu­tung, da die maß­geb­li­chen ver­fas­sungs­recht­li­chen Fra­gen bereits geklärt sei­en. Die Annah­me sei auch nicht zur Durch­set­zung der in § 90 Abs. 1 BVerfGG genann­ten Rech­te ange­zeigt (§ 93a Abs. 2 Buchst. a, b BVerfGG) 2. Im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren hät­te eine Vor­la­ge zur Klä­rung der von der Arbeit­neh­me­rin auf­ge­wor­fe­nen uni­ons­recht­li­chen Fra­gen zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis in der Sache geführt, da der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on in einem Par­al­lel­fall, der das­sel­be Ent­las­sungs­ver­fah­ren betraf, bereits abge­lehnt hat­te, die­se Fra­gen zu beant­wor­ten:

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ist gesetz­li­cher Rich­ter im Sin­ne des Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG. Nach sei­ner Recht­spre­chung muss ein letzt­in­stanz­li­ches natio­na­les Gericht der Vor­la­ge­pflicht nach Art. 267 Abs. 3 AEUV nach­kom­men, wenn sich in einem bei ihm anhän­gi­gen Ver­fah­ren eine Fra­ge des Uni­ons­rechts stellt, es sei denn, dass die gestell­te Fra­ge nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich ist, dass die betref­fen­de uni­ons­recht­li­che Bestim­mung bereits Gegen­stand einer Aus­le­gung durch den Gerichts­hof war oder dass die rich­ti­ge Anwen­dung des Uni­ons­rechts der­art offen­kun­dig ist, dass für einen ver­nünf­ti­gen Zwei­fel kei­ner­lei Raum bleibt 3.

Das Bun­des­ar­beits­ge­richt hat sich als letzt­in­stanz­li­ches deut­sches Gericht mit dem Uni­ons­recht befasst, aber von einer Vor­la­ge an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on abge­se­hen. Es ging davon aus, es hät­ten kei­ne hin­rei­chen­den Anhalts­punk­te dafür vor­ge­le­gen, dass über die Mas­sen­ent­las­sung tat­säch­lich der Kon­zern ent­schie­den habe, der dann auch zu wei­te­ren Aus­künf­ten an den Betriebs­rat ver­pflich­tet sein kön­ne.

Zwar ist bis­lang nicht geklärt, wie weit das Uni­ons­recht zum Umfang der Aus­kunfts­pflicht in Mas­sen­ent­las­sungs­sa­chen Vor­ga­ben macht, ins­be­son­de­re soweit es um Kon­zern­zu­sam­men­hän­ge geht. So ver­deut­li­chen die Schluss­an­trä­ge der Gene­ral­an­wäl­tin zur Vor­la­ge des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg in par­al­le­len Fäl­len, dass umfang­rei­che Infor­ma­tio­nen gebo­ten sein kön­nen, die auch die betriebs­wirt­schaft­li­chen oder sons­ti­gen Grün­de für beab­sich­tig­te Mas­sen­ent­las­sun­gen betref­fen, um die Zie­le der Kon­sul­ta­ti­on des Arbeit­ge­bers mit der Ver­tre­tung der Arbeit­neh­me­rin­nen und Arbeit­neh­mer tat­säch­lich zu errei­chen 4.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hat für den hier kon­kret in Rede ste­hen­den Sach­ver­halt auf die Vor­la­ge des Lan­des­ar­beits­ge­richts Ber­lin-Bran­den­burg indes zu erken­nen gege­ben, dass ein Kon­zern­ver­bund im Sin­ne der Richt­li­nie 98/​59/​EG nicht vor­lie­ge. Er hat auf die Beant­wor­tung der wei­ter gestell­ten Fra­gen zur Infor­ma­ti­ons­tie­fe und zur Ver­tei­lung der Dar­le­gungs­last ver­zich­tet 5. Im vor­lie­gen­den Ver­fah­ren ist des­halb davon aus­zu­ge­hen, dass eine Vor­la­ge der gleich­ge­rich­te­ten Fra­gen durch das Bun­des­ar­beits­ge­richt zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis geführt hät­te. Die Arbeit­neh­me­rin kann durch die unter­blie­be­ne Vor­la­ge in die­sem Fall kei­nen grund­recht­li­chen Nach­teil erlit­ten haben.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 3. Sep­tem­ber 2018 – 1 BvR 552/​17

  1. ABl. Nr. L 225 vom 12.08.1998, S. 16[]
  2. vgl. BVerfGE 90, 22, 25 f.[]
  3. näher hier­zu zuletzt BVerfG, Urteil vom 18.07.2018 – 1 BvR 1675/​16 u.a., Rn. 138 ff. m.w.N.[]
  4. vgl. EuGH, Schluss­an­trä­ge Sharpston vom 21.06.2018 – Bichat u.a., – C‑61/​17 u.a., ECLI:EU:C:2018:482, Rn. 63 ff.[]
  5. vgl. EuGH, Urteil vom 07.08.2018 – Bichat u.a., – C‑61/​17 u.a., ECLI:EU:C:2018:653, Rn. 28 ff., 46[]