Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge im Gemein­schafts­be­trieb

Bei einer Per­so­nal­re­du­zie­rung im Gemein­schafts­be­trieb zwei­er Unter­neh­men, ist für die Anzei­ge­pflicht nach § 17 Abs.1 KSchG auf die Zahl der ins­ge­samt von allen betei­lig­ten Arbeit­ge­bern zu Ent­las­sen­den im Ver­hält­nis zur Zahl der im Gemein­schafts­be­trieb in der Regel Beschäf­tig­ten abzu­stel­len.

Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge im Gemein­schafts­be­trieb

Erstat­tet nur einer der Arbeit­ge­ber für die in sei­nem Unter­neh­men erfol­gen­den Ent­las­sun­gen eine Anzei­ge nach § 17 KSchG, wäh­rend der ande­re wegen Nicht­er­rei­chens der Ver­hält­nis­zah­len des § 17 Abs. 1 KSchG bezo­gen auf die von ihm Beschäf­tig­ten die Anzei­ge unter­lässt, kann sich ein von der Anzei­ge nicht erfass­ter Arbeit­neh­mer auf die zu nied­ri­ge Anga­be der Anzahl der zu Ent­las­sen­den mit der Fol­ge der Rechts­un­wirk­sam­keit der Kün­di­gung beru­fen.

Die unter­las­se­ne Anzei­ge wird auch im Fall des § 125 Abs.1 InsO nicht dadurch geheilt, dass der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge des einen Unter­neh­mens ein Inter­es­sen­aus­gleich mit Namens­lis­te bei­gefügt wird, aus dem sich die Anzahl der ins­ge­samt zu Ent­las­sen­den, ein­schließ­lich derer des Part­ner­un­ter­neh­mens ergibt.

Nach § 17 Abs. 3 Satz 4 KSchG muss die Anzei­ge Anga­ben über den Namen des Arbeit­ge­bers, den Sitz und die Art des Betrie­bes ent­hal­ten, fer­ner die Grün­de für die geplan­ten Ent­las­sun­gen, die Zahl und die Berufs­grup­pen der zu Ent­las­sen­den und der in der Regel beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer, den Zeit­raum, in dem die Ent­las­sun­gen vor­ge­nom­men wer­den sol­len und die vor­ge­se­he­nen Kri­te­ri­en für die Aus­wahl der zu ent­las­se­nen Arbeit­neh­mer. Gleich­zei­tig hat der Arbeit­ge­ber gem. § 17 Abs. 3 Satz 1 KSchG der Agen­tur für Arbeit eine Abschrift der Mit­tei­lung an den Betriebs­rat zuzu­lei­ten, die zumin­dest die in § 17 Abs. 2 Satz 1 Nr. 1 – 5 KSchG vor­ge­se­he­nen Anga­ben ent­hal­ten muss. In der Anzei­ge sol­len fer­ner im Ein­ver­neh­men mit dem Betriebs­rat für die Arbeits­ver­mitt­lung Anga­ben über Geschlecht, Alter, Beruf und Staats­an­ge­hö­rig­keit der zu ent­las­se­nen Arbeit­neh­mer gemacht wer­den. Die Anzei­ge nach § 17 Abs. 1 KSchG ist schrift­lich unter Bei­fü­gung der Stel­lung­nah­me des Betriebs­rats zu den Ent­las­sun­gen zu erstat­ten, § 17 Abs. 3 Satz 2 KSchG. Im Fall des § 125 Abs. 1 InsO ersetzt der Inter­es­sen­aus­gleich die Stel­lung­nah­me des Betriebs­rats nach § 17 Abs. 3 Satz 2 KSchG.

Für die Anzei­ge­pflicht nach § 17 Abs. 1 KSchG ist die Zahl der in einem Betrieb erfol­gen­den Ent­las­sun­gen im Ver­hält­nis zur Zahl der in der Regel in die­sem Betrieb beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer aus­schlag­ge­bend. Der Begriff des Betriebs in § 17 KSchG ent­spricht dabei dem der § § 1, 4 BetrVG 1.

Für das Betriebs­ver­fas­sungs­ge­setz gilt ein eige­ner Betriebs­be­griff. Das BetrVG setzt den Betrieb vor­aus und ver­steht dar­un­ter die orga­ni­sa­to­ri­sche Ein­heit, mit der Unter­neh­mer ihre wirt­schaft­li­chen oder ide­el­len Zwe­cke ver­fol­gen 2. Auch nach der Recht­spre­chung des EuGH ist für den Betriebs­be­griff die wirt­schaft­li­che Ein­heit der Orga­ni­sa­ti­on maß­ge­bend 3.

Dem mit § 1 Abs. 1 Satz 2 BetrVG erst­mals gene­rell für den gesam­ten Gel­tungs­be­reich des BetrVG gesetz­lich gere­gel­ten gemein­sa­men Betrieb fehlt von Hau­se aus die recht­li­che Iden­ti­tät des Betriebs­in­ha­bers. Die im Gemein­schafts­be­trieb Beschäf­tig­ten sind arbeits­ver­trag­lich ver­schie­de­nen Arbeit­ge­bern zuge­ord­net. Eine gesetz­li­che Defi­ni­ti­on des gemein­sa­men Betriebs fehlt. Die Neu­fas­sung des Geset­zes führt die schon vor­han­de­ne Recht­spre­chung fort. Die­se ist daher wei­ter­hin her­an­zu­zie­hen 4. Ein gemein­sa­mer Betrieb liegt vor, wenn min­des­tens zwei Unter­neh­men die in einer Betriebs­stät­te vor­han­de­nen mate­ri­el­len und imma­te­ri­el­len Mit­tel für einen oder meh­re­re ein­heit­li­che arbeits­tech­ni­sche Zwe­cke zusam­men­fas­sen, ord­nen, gezielt ein­set­zen und der Ein­satz der mensch­li­chen Arbeits­kraft von einem ein­heit­li­chen Lei­tungs­ap­pa­rat gesteu­ert wird; dazu müs­sen sich die betei­lig­ten Unter­neh­men zumin­dest still­schwei­gend zu einer gemein­sa­men Füh­rung recht­lich ver­bun­den haben. Die­se ein­heit­li­che Lei­tung muss sich auf die wesent­li­chen Funk­tio­nen des Arbeit­ge­bers in per­so­nel­len und sozia­len Ange­le­gen­hei­ten erstre­cken 5.

Liegt ein Gemein­schafts­be­trieb min­des­tens zwei­er Unter­neh­men vor, ist bei einer Per­so­nal­re­du­zie­rung für die Anzei­ge­pflicht nach § 17 Abs.1 KSchG auf die Zahl der ins­ge­samt von allen betei­lig­ten Arbeit­ge­bern zu Ent­las­sen­den im Ver­hält­nis zur Zahl der im Gemein­schafts­be­trieb in der Regel Beschäf­tig­ten abzu­stel­len. Erstat­tet nur einer der am Gemein­schafts­be­trieb betei­lig­ten Arbeit­ge­ber eine Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge für die von ihm zu Ent­las­sen­den, wäh­rend der Ande­re dies für die von ihm zu Kün­di­gen­den – wegen Nicht­er­rei­chens der Ver­hält­nis­zah­len des § 17 Abs. 1 KSchG bezo­gen auf "sei­ne Arbeit­neh­mer" – unter­lässt, stellt dies einen Ver­stoß gegen § 17 KSchG dar.

Zwar stellt § 17 auf eine Ver­pflich­tung des Arbeit­ge­bers ab, die Anzei­ge­pflicht bezieht sich aber auf den Betrieb unter Zugrun­de­le­gung des betriebs­ver­fas­sungs­recht­li­chen Betriebs­be­griffs. Füh­ren meh­re­re Arbeit­ge­ber gemein­sam einen Betrieb i.S.d. § 1 Abs. 1 Satz 2 BetrVG, so müs­sen sie für die in ihrem Gemein­schafts­be­trieb beschäf­tig­ten Arbeit­neh­mer ggf. gemein­sam die Anzei­ge nach § 17 KSchG erstat­ten. Hier­für spricht nicht zuletzt auch der ursprüng­li­che arbeits­markt­po­li­ti­sche Sinn und Zweck der Vor­schrift des § 17 KSchG, näm­lich Mas­sen­ent­las­sun­gen zu ver­hin­dern oder sich recht­zei­tig auf zu erwar­ten­de Ent­las­sun­gen grö­ße­ren Umfangs ein­zu­stel­len 6. Wäre bei Gemein­schafts­be­trie­ben nur auf das Ver­hält­nis der von den ein­zel­nen Arbeit­ge­bern zu Ent­las­sen­den zu ihren in der Regel Beschäf­tig­ten abzu­stel­len, wür­de dies dem Geset­zes­zweck nicht gerecht.

Dahin­ste­hen las­sen konn­te das Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen, ob es unter Umstän­den auch aus­reicht, wenn einer der Arbeit­ge­ber für die Gesamt­zahl der zu ent­las­sen­den Arbeit­neh­mer des Gemein­schafts­be­triebs (unter Ein­be­zie­hung auch der zu ent­las­se­nen Arbeit­neh­mer des oder der wei­te­ren Unter­neh­men) die Anzei­ge nach § 17 KSchG erstat­tet. Denn im Streit­fall hat der anzei­gen­de Arbeit­ge­ber in der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge nur die Zahl der bei ihm beschäf­tig­ten zu ent­las­sen­den Arbeit­neh­mer ange­führt.

Nicht aus­rei­chend ist inso­weit, dass der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge der Inter­es­sen­aus­gleich mit Namens­lis­te bei­gefügt war. Auch wenn in die­sem der Klä­ger als zu Ent­las­sen­der auf­ge­führt und ersicht­lich war, dass die bei­den Unter­neh­men einen Gemein­schafts­be­trieb bil­den, liegt kei­ne ord­nungs­ge­mä­ße Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge gegen­über der Arbeits­agen­tur vor. Denn nach § 125 Abs. 2 InsO ersetzt der Inter­es­sen­aus­gleich nach Abs. 1 zwar die Stel­lung­nah­me des Betriebs­rats nach § 17 Abs. 3 Satz 2 des Kün­di­gungs­schutz­ge­set­zes, nicht aber die Anzei­ge nach § 17 Abs. 1 KSchG.

Nach der Recht­spre­chung des BAG füh­ren Feh­ler bei den "Muss-Anga­ben" nach § 17 Abs. 3 Satz 4 KSchG, zu denen auch die Anga­be der Zahl der zu ent­las­sen­den Arbeit­neh­mer gehört, zur Unwirk­sam­keit der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge, wobei sich nur die Arbeit­neh­mer auf die zu nied­ri­ge Anga­be der Zahl der zu ent­las­sen­den Arbeit­neh­mer beru­fen kön­nen, die die von der Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge nicht erfasst sind 7.

Das Feh­len einer nach § 17 Abs. 1 KSchG erfor­der­li­chen, den Anfor­de­run­gen des § 17 Abs. 3 KSchG genü­gen­den Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge hat die Unwirk­sam­keit der Kün­di­gung zur Fol­ge. Denn in der Erklä­rung der Kün­di­gung ohne wirk­sa­me Mas­sen­ent­las­sungs­an­zei­ge liegt glei­cher­ma­ßen ein Ver­stoß gegen ein gesetz­li­ches Ver­bot i.S.v. § 134 BGB 8.

Lan­des­ar­beits­ge­richt Nie­der­sach­sen – Urteil vom 18. Dezem­ber 2013 – 17 Sa 335/​13

  1. BAG vom 15.12.2011 – 8 AZR 692/​10 – Rz. 73, AP Nr. 424 zu § 613 a BGB = EzA § 613 a BGB 2002 Nr. 132[]
  2. BAG vom 07.08.1986 – 6 ABR 57/​85 – AP Nr. 5 zu § 1 BetrVG 1972 = EzA § 4 BetrVG 1972 Nr. 5[]
  3. ErfK-Kiel, 13. Auf­la­ge 2013, Rn 8 zu § 17 KSchG m.w.N.[]
  4. BAG vom 11.02.2004 – 7 ABR 27/​03 – AP Nr. 22 zu § 1 BetrVG 1972 Gemein­sa­mer Betrieb = EzA § 1 BetrVG 2001 Nr. 2[]
  5. BAG vom 11.02.2004, a.a.O.[]
  6. BAG vom 24.02.2005 – 2 AZR 207/​04 – AP Nr.20 zu § 17 KSchG = EzA § 17 KSchG Nr. 14 m.w.N.[]
  7. BAG vom 28.06.2012 – 6 AZR 780/​10 – Rn 50, NZA 2012, 1029 ff.[]
  8. BAG vom 21.03.2013 – 2 AZR 60/​12 – EzA § 17 KSchG Nr. 30 = NZA 2013, 966 ff.; vom 22.11.2012 – 2 AZR 371/​11 – Rn 37, EzA § 17 KSchG Nr. 28 = NZA 2013, 845 ff.[]