Ord­nungs­ge­mä­ße Beset­zung des Gerichts – und der Wech­sel der ehren­amt­li­chen Rich­ter

Ob das Gericht iSd. § 547 Nr. 1 ZPO ord­nungs­ge­mäß besetzt war, beur­teilt sich nach dem Inhalt des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans, der im Zeit­punkt der letz­ten münd­li­chen Ver­hand­lung galt 1.

Ord­nungs­ge­mä­ße Beset­zung des Gerichts – und der Wech­sel der ehren­amt­li­chen Rich­ter

Der Geschäfts­ver­tei­lungs­plan 2018 des Lan­des­ar­beits­ge­richts Mün­chen bestimmt unter dem Rege­lungs­punkt "Glei­che Kam­mer­be­set­zung" in Nr. 3.1 der Anla­ge 1 – wie schon wort­gleich der Geschäfts­ver­tei­lungs­plan 2017 und nach­fol­gend der­je­ni­ge für das Jahr 2019 – Fol­gen­des: Wenn in einem Sa-Ver­fah­ren "nach Beginn einer Beweis­auf­nah­me vor der Kam­mer durch Zeu­gen- oder Par­tei­ver­neh­mung, Augen­schein oder münd­li­che Anhö­rung des Sach­ver­stän­di­gen kei­ne die Instanz voll­stän­dig been­den­de Ent­schei­dung ergeht, (sind) für die wei­te­ren Sit­zun­gen die­je­ni­gen ehren­amt­li­chen Richterinnen/​Rich­ter her­an­zu­zie­hen, die an der Beweis­auf­nah­me mit­ge­wirkt haben (glei­che Kam­mer­be­set­zung)".

Danach hät­te das Beru­fungs­ge­richt bei der Fort­set­zung der Beru­fungs­ver­hand­lung in der Beset­zung mit den ehren­amt­li­chen Rich­tern, die schon an der (ers­ten) Beru­fungs­ver­hand­lung teil­ge­nom­men hat­ten, ver­han­deln und ent­schei­den müs­sen. Denn in die­ser wur­de aus­weis­lich des Pro­to­kolls Zeu­gen­be­weis erho­ben und ist in deren Anschluss mit dem Zwi­schen­ur­teil über die Zuläs­sig­keit der Beru­fung kei­ne die Instanz "voll­stän­dig been­den­de Ent­schei­dung" ergan­gen. Mit Rechts­kraft des Zwi­schen­ur­teils stand ledig­lich die Zuläs­sig­keit der Beru­fung bin­dend fest (§ 318 ZPO). Eine die Instanz – noch dazu "voll­stän­dig" – been­den­de Ent­schei­dung war mit dem Zwi­schen­ur­teil indes nicht ergan­gen.

Die Rege­lun­gen zur glei­chen Kam­mer­be­set­zung im Geschäfts­ver­tei­lungs­plan 2018 des Lan­des­ar­beits­ge­richts Mün­chen, der von allen Kam­mer­vor­sit­zen­den des Gerichts unter­schrie­ben ist, sind wirk­sam. Sol­len – wie beim Lan­des­ar­beits­ge­richt Mün­chen gemäß Nr. 1 der Anla­ge 1 zum Geschäfts­ver­tei­lungs­plan 2018 – die allen Kam­mern zuge­wie­se­nen ehren­amt­li­chen Rich­ter nicht nach einer vom Kam­mer­vor­sit­zen­den auf­ge­stell­ten Lis­te (§ 39 Satz 1 ArbGG), son­dern nach einer vom Prä­si­di­um mit aus­drück­li­cher oder still­schwei­gen­der Bil­li­gung der Vor­sit­zen­den für sämt­li­che Kam­mern ange­fer­tig­ten Lis­te 2 her­an­ge­zo­gen wer­den, steht Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG einer "glei­chen Kam­mer­be­set­zung" dann ent­ge­gen, wenn sie von einer Ad-hoc, Ent­schei­dung des Spruch­kör­pers abhän­gig gemacht wird, nicht jedoch, wenn sie – wie im Streit­fall – durch eine abs­trakt-gene­rel­le, zu Beginn des Geschäfts­jahrs auf­ge­stell­te, jedes Ermes­sen aus­schlie­ßen­de Rege­lung erfolgt 3.

Auch lässt sich Nr. 3.1 der Anla­ge 1 des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans 2018 des Lan­des­ar­beits­ge­richts Mün­chen nicht "nach Sinn und Zweck" ein­schrän­kend dahin­ge­hend aus­le­gen, in Fäl­len wie dem vor­lie­gen­den sei nicht die glei­che Kam­mer­be­set­zung her­an­zu­zie­hen.

Dabei kann dahin­ste­hen, in wel­chem Umfang Geschäfts­ver­tei­lungs­plä­ne eines Gerichts ange­sichts von Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG, des­sen Zweck ver­langt, dass die Rege­lun­gen, die der Bestim­mung des gesetz­li­chen Rich­ters die­nen, im Vor­aus so ein­deu­tig wie mög­lich fest­le­gen müs­sen, wel­ches Gericht, wel­cher Spruch­kör­per und wel­cher Rich­ter zur Ent­schei­dung des Ein­zel­falls beru­fen sind 4, aus­leg­bar sind 5. Denn die ent­spre­chen­de Rege­lung im Geschäfts­ver­tei­lungs­plan des Lan­des­ar­beits­ge­richts Mün­chen ist ein­deu­tig: Ergeht nach Beginn einer Beweis­auf­nah­me ua. durch Zeu­gen­ver­neh­mung kei­ne die Instanz voll­stän­dig been­den­de Ent­schei­dung, ist für alle wei­te­ren Beru­fungs­ver­hand­lun­gen die glei­che Kam­mer­be­set­zung her­an­zie­hen, und zwar solan­ge, bis eine die Instanz voll­stän­dig been­den­de Ent­schei­dung ergeht.

Ob die glei­che Kam­mer­be­set­zung in einem Fal­le wie dem vor­lie­gen­den, in dem das Beru­fungs­ver­fah­ren durch eine im Ermes­sen der Kam­mer lie­gen­de Ent­schei­dung gleich­sam in zwei Abschnit­te "auf­ge­spal­ten" wird und die Beweis­auf­nah­me nur für den ers­ten Ver­fah­rens­ab­schnitt Belang hat, zweck­mä­ßig ist, obliegt allein der Beur­tei­lung des Prä­si­di­ums bei der Auf­stel­lung des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans 6. Es wäre zudem mit Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG nicht ver­ein­bar, die Anwen­dung der ein­deu­ti­gen Rege­lung in Nr. 3.1 der Anla­ge 1 zum Geschäfts­ver­tei­lungs­plan 2018 des Lan­des­ar­beits­ge­richts Mün­chen davon abhän­gig zu machen, ob etwa der Kam­mer­vor­sit­zen­de oder die Geschäfts­stel­le zu der Auf­fas­sung gelan­gen, durch ein vor­an­ge­gan­ge­nes Zwi­schen- oder Teil­ur­teil sei die Instanz "inso­weit" voll­stän­dig been­det 7.

Dass die ehren­amt­li­chen Rich­ter aus der Beru­fungs­ver­hand­lung vom 07.02.2018 nicht an der­je­ni­gen vom 05.12 2018 teil­ge­nom­men haben 8, ist durch das Pro­to­koll belegt (§ 165 ZPO). Für die Annah­me, dass sie – bei­de – ver­hin­dert gewe­sen wären (Nr. 3.4 der Anla­ge 1 zum Geschäfts­ver­tei­lungs­plan 2018 des Lan­des­ar­beits­ge­richts Mün­chen), erge­ben sich aus der Beru­fungs­ak­te kei­ne Anhalts­punk­te. Viel­mehr wur­den ent­ge­gen Nr. 3.1 der Anla­ge 1 zum Geschäfts­ver­tei­lungs­plan 2018 des Lan­des­ar­beits­ge­richts Mün­chen zur (wei­te­ren) Beru­fungs­ver­hand­lung am 5.12 2018 die ehren­amt­li­chen Rich­ter aus der gemein­sa­men all­ge­mei­nen Bei­sitz­er­lis­te (Nr. 1.1 der Anla­ge 1 zum Geschäfts­ver­tei­lungs­plan 2018 des Lan­des­ar­beits­ge­richts Mün­chen) her­an­ge­zo­gen. Ihr dahin­ge­hen­des Vor­brin­gen hat die Beschwer­de­füh­re­rin durch eine ihr unter dem Brief­kopf des Prä­si­den­ten des Lan­des­ar­beits­ge­richts Mün­chen erteil­te Aus­kunft des Geschäfts­lei­ters, die sich auch in der Beru­fungs­ak­te fin­det, belegt. Damit im Ein­klang steht, dass nach Akten­la­ge die Ter­mins­ver­fü­gung des Kam­mer­vor­sit­zen­den kei­nen Hin­weis auf das Erfor­der­nis der Her­an­zie­hung der glei­chen Kam­mer­be­set­zung ent­hält, obwohl ein sol­cher ange­sichts der seit Erlass des Zwi­schen­ur­teils ver­stri­che­nen Zeit­span­ne als "Hil­fe­stel­lung" für die Geschäfts­stel­le durch­aus nahe­ge­le­gen hät­te.

Zur Beschleu­ni­gung des Ver­fah­rens und weil die Sache beim der­zei­ti­gen Ver­fah­rens­stand kei­ne revi­si­ons­recht­lich bedeut­sa­men Rechts­fra­gen auf­wirft, hat das Bun­des­ar­beits­ge­richt in ana­lo­ger Anwen­dung des § 72a Abs. 7 ArbGG den Rechts­streit an das Lan­des­ar­beits­ge­richt zurück­ver­wie­sen 9.

Im fort­ge­setz­ten Beru­fungs­ver­fah­ren wird das Lan­des­ar­beits­ge­richt zu beach­ten haben, dass mit der Zurück­ver­wei­sung kein "neu­es" Beru­fungs­ver­fah­ren beginnt, son­dern die Beru­fungs­in­stanz ledig­lich wie­der eröff­net und das Ver­fah­ren in die Lage zurück­ver­setzt wird, in der es sich zu der Zeit befand, als die Ver­hand­lung vor Erlass des auf­ge­ho­be­nen Urteils geschlos­sen wur­de 10. Das auf­ge­ho­be­ne Beru­fungs­ur­teil stellt sich damit als kei­ne die Instanz "end­gül­tig" been­den­de Ent­schei­dung dar.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 18. Sep­tem­ber 2019 – 5 AZN 640/​19

  1. BGH 12.03.2015 – VII ZR 173/​13, Rn. 27 mwN[]
  2. zur Statt­haf­tig­keit vgl. BAG 16.10.2008 – 7 AZN 427/​08, Rn. 9 mwN, BAGE 128, 130; ErfK/​Koch 19. Aufl. ArbGG § 31 Rn. 2[]
  3. vgl. BAG 26.09.1996 – 8 AZR 126/​95, zu A II der Grün­de, BAGE 84, 189; 7.05.1998 – 2 AZR 344/​97, zu II 5 c aa der Grün­de, BAGE 88, 344 und, zu einer frü­he­ren Fas­sung des Geschäfts­ver­tei­lungs­plans des Beru­fungs­ge­richts – 2.12 1999 – 2 AZR 843/​98, zu II 2 der Grün­de, BAGE 93, 55[]
  4. BVerfG 16.01.2017 – 2 BvR 2011/​16, 2 BvR 2034/​16, Rn. 21 mwN[]
  5. vgl. dazu etwa BAG 23.03.2010 – 9 AZN 1030/​09, Rn. 9; Kissel/​Mayer GVG 9. Aufl. § 16 Rn. 9 f. und § 21e Rn. 95; Münch­Komm-ZPO/Zim­mer­mann 5. Aufl. § 21e GVG Rn. 15, jeweils mwN[]
  6. zur Gestal­tungs­frei­heit des Prä­si­di­ums sh. BVerfG 25.08.2016 – 2 BvR 877/​16, Rn. 18 mwN[]
  7. vgl. BVerfG 16.01.2017 – 2 BvR 2011/​16, 2 BvR 2034/​16, Rn. 26[]
  8. zur Teil­nah­me an der münd­li­chen Ver­hand­lung als Vor­aus­set­zung für die Mit­wir­kung am Urteil sh. BAG 23.06.2016 – 8 AZN 205/​16, Rn. 7 mwN[]
  9. zur ana­lo­gen Anwen­dung des § 72a Abs. 7 ArbGG bei Vor­lie­gen eines abso­lu­ten Revi­si­ons­grun­des aus­führ­lich BAG 5.06.2014 – 6 AZN 267/​14, Rn. 35 ff., BAGE 148, 206, seit­her st. Rspr.[]
  10. BAG 8.05.2014 – 2 AZR 75/​13, Rn. 23 mwN, BAGE 148, 129; BGH 13.12 1962 – III ZR 89/​62; GMP/­Mül­ler-Glö­ge ArbGG 9. Aufl. § 74 Rn. 141; vgl. auch Münch­Komm-ZPO/Krü­ger 5. Aufl. § 563 Rn. 5 f.; Zöller/​Heßler ZPO 32. Aufl. § 563 Rn. 2[]