Start­gut­schrif­ten für ren­ten­fer­ne Ver­si­cher­te der VBL

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat zwei Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen Urtei­le des Bun­des­ge­richts­hofs zu Start­gut­schrif­ten für ren­ten­fer­ne Ver­si­cher­te der Ver­sor­gungs­an­stalt des Bun­des und der Län­der (VBL) nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men.

Start­gut­schrif­ten für ren­ten­fer­ne Ver­si­cher­te der VBL

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den betref­fen die in Form von soge­nann­ten Start­gut­schrif­ten ermit­tel­te Höhe der Ren­ten­an­wart­schaf­ten der ren­ten­fer­nen Ver­si­cher­ten der VBL. Die VBL hat die Auf­ga­be, den Ange­stell­ten und Arbei­tern der an ihr betei­lig­ten Arbeit­ge­ber des öffent­li­chen Diens­tes im Wege pri­vat­recht­li­cher Ver­si­che­rung eine zusätz­li­che Alters‑, Erwerbs­min­de­rungs- und Hin­ter­blie­be­nen­ver­sor­gung zu gewäh­ren. Durch Neu­fas­sung ihrer Sat­zung hat die VBL ihr Zusatz­ver­sor­gungs­sys­tem zum 31. Dezem­ber 2001 umge­stellt. Die­ser Sys­tem­wech­sel ist Fol­ge einer Eini­gung der Tarif­ver­trags­par­tei­en des öffent­li­chen Diens­tes. Dar­in wur­de das bis­he­ri­ge end­ge­halts­be­zo­ge­ne Gesamt­ver­sor­gungs­sys­tem auf­ge­ge­ben und durch ein auf einem Punk­te­mo­dell beru­hen­des Betriebs­ren­ten­sys­tem ersetzt. Die VBL-Sat­zung ent­hält eben­falls auf Ver­ein­ba­run­gen der Tarif­ver­trags­par­tei­en beru­hen­de Über­gangs­re­ge­lun­gen für die bis zur Sys­tem­um­stel­lung erwor­be­nen Ren­ten­an­wart­schaf­ten. Die­se wer­den wert­mä­ßig fest­ge­stellt und als Start­gut­schrif­ten auf die neu­en Ver­sor­gungs­kon­ten der Ver­si­cher­ten über­tra­gen. Dabei wird zwi­schen ren­ten­na­hen und ren­ten­fer­nen Ver­si­cher­ten unter­schie­den.

Die Beschwer­de­füh­rer, die bei­de am 1. Janu­ar 2002 das 55. Lebens­jahr noch nicht voll­endet hat­ten, gehö­ren der Grup­pe der ren­ten­fer­nen Ver­si­cher­ten an. Sie erstreb­ten die Fest­stel­lung, dass die ihnen durch die VBL erteil­ten Start­gut­schrif­ten unver­bind­lich sei­en und die ihnen zu gewäh­ren­den Zusatz­ver­sor­gungs­ren­ten bestimm­te Min­dest­wer­te errei­chen müss­ten. Zudem woll­ten sie die VBL ver­pflich­ten, bei einer Neu­be­rech­nung bestimm­te Berech­nungs­ele­men­te zugrun­de zu legen. Der Bun­des­ge­richts­hof erklär­te zwar die Über­gangs­re­ge­lung für die ren­ten­fer­nen Ver­si­cher­ten wegen eines gleich­heits­wid­ri­gen Berech­nungs­de­tails für unwirk­sam und die auf den Über­gangs­vor­schrif­ten beru­hen­den Start­gut­schrif­ten für unver­bind­lich. Er lehn­te es aber ab, die dadurch in der Sat­zung der VBL ent­stan­de­ne Lücke selbst zu schlie­ßen. Den Tarif­ver­trags­par­tei­en müs­se, so argu­men­tier­te der Bun­des­ge­richts­hof, mit Blick auf deren in Art. 9 Abs. 3 GG geschütz­te Tarif­au­to­no­mie Gele­gen­heit zur Neu­re­ge­lung gege­ben wer­den 1.

Die hier­ge­gen von den bei­den Beschwer­de­füh­rern ein­ge­leg­ten Ver­fas­sungs­be­schwer­den hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men:

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den sind man­gels Beschwer unzu­läs­sig, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in sei­nen Ent­schei­dungs­grün­den, soweit die Beschwer­de­füh­rer vor­brin­gen, die Gerich­te hät­ten die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit zahl­rei­cher wei­te­rer Punk­te in den Über­gangs­vor­schrif­ten ver­kannt. Die Beschwer muss sich unmit­tel­bar aus dem Tenor der Ent­schei­dung erge­ben und kann grund­sätz­lich nicht dar­auf beru­hen, dass ein Gericht ledig­lich in den Ent­schei­dungs­grün­den eine Rechts­auf­fas­sung ver­tre­ten hat, die die Beschwer­de­füh­rer für grund­rechts­wid­rig erach­ten. Die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen hat­ten die Unver­bind­lich­keit der erteil­ten Start­gut­schrif­ten fest­ge­stellt und ent­hiel­ten daher kei­ne nach­tei­li­gen Rechts­wir­kun­gen zu Las­ten der Beschwer­de­füh­rer. Bei der not­wen­di­gen Neu­re­ge­lung wer­den die Tarif­ver­trags­par­tei­en die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Über­gangs­re­ge­lun­gen für ren­ten­fer­ne Ver­si­cher­te ohne­hin neu zu über­den­ken haben.

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­den sind aber auch unbe­grün­det. Es ist ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, so das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wei­ter, dass der Bun­des­ge­richts­hof den über die Fest­stel­lung der Unver­bind­lich­keit der Start­gut­schrif­ten hin­aus­rei­chen­den Begeh­ren der Beschwer­de­füh­rer unter Ver­weis auf die Tarif­au­to­no­mie der Tarif­ver­trags­par­tei­en nicht ent­sprach. Die Abwä­gung des Bun­des­ge­richts­hofs zwi­schen den Inter­es­sen der Ver­si­cher­ten und der Tarif­au­to­no­mie lässt eine grund­sätz­li­che Ver­ken­nung der Bedeu­tung und Trag­wei­te des Gebo­tes des effek­ti­ven Rechts­schut­zes nicht erken­nen. Eine gericht­li­che Fest­le­gung der VBL auf bestimm­te Anwart­schafts­wer­te oder Berech­nungs­we­ge kommt hier ange­sichts der ver­fas­sungs­recht­lich geschütz­ten Tarif­au­to­no­mie nicht in Betracht. Solan­ge für eine Neu­re­ge­lung meh­re­re ver­fas­sungs­kon­for­me Mög­lich­kei­ten offen ste­hen, hat sich der Staat im Betä­ti­gungs­feld der Tarif­ver­trags­par­tei­en grund­sätz­lich der Ein­fluss­nah­me zu ent­hal­ten. Hin­rei­chen­der Rechts­schutz der Ver­si­cher­ten ist dadurch gewähr­leis­tet, dass sie eine zu erwar­ten­de Neu­re­ge­lung wie­der­um einer gericht­li­chen Kon­trol­le unter­zie­hen kön­nen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschlüs­se vom 29. März 2010 – 1 BvR 1373/​08 und 1 BvR 1433/​08

  1. BGH, Beschlüs­se vom 16.04.2008 – IV ZR 60/​06; und vom 30.04.2008 – IV ZR 195/​07[]