Streit über die Betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung – und der Streit­wert

Der Gebüh­ren­streit­wert für eine Kla­ge auf Fest­stel­lung, dass die Arbeit­ge­be­rin ver­pflich­tet ist, nach Ein­tritt in den Ruhe­stand das Ruhe­geld des Arbeit­neh­mers nach einer bestimm­ten Ver­sor­gungs­ord­nung zu berech­nen, ist auf 70 % der 36-fachen vor­aus­sicht­li­chen monat­li­chen Ren­ten­dif­fe­renz fest­zu­set­zen.

Streit über die Betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung – und der Streit­wert

Die Fest­set­zung erfolgt nicht nach § 42 Abs. 2 Satz 1 GKG in der zum Zeit­punkt der Revi­si­ons­ein­le­gung im April 2013 gel­ten­den und damit nach § 71 Abs. 1 iVm. § 40 GKG wei­ter anzu­wen­den­den Fas­sung (hier­nach § 42 GKG aF; nun­mehr § 42 Abs. 1 Satz 1 GKG). Nach die­ser Bestim­mung ist für den Gebüh­ren­streit­wert ua. bei Ansprü­chen von Arbeit­neh­mern auf wie­der­keh­ren­de Leis­tun­gen der drei­fa­che Jah­res­be­trag der wie­der­keh­ren­den Leis­tun­gen maß­ge­bend, wenn nicht der Gesamt­be­trag der gefor­der­ten Leis­tun­gen gerin­ger ist.

Der Anwen­dung von § 42 Abs. 2 Satz 1 GKG aF (nun­mehr § 42 Abs. 1 Satz 1 GKG) steht aller­dings nicht ent­ge­gen, dass Gegen­stand des Rechts­streits Betriebs­ren­ten­an­sprü­che sind, die erst zur Aus­zah­lung kom­men, wenn ein Ver­sor­gungs­fall ein­ge­tre­ten und der Ver­sor­gungs­be­rech­tig­te somit nicht mehr Arbeit­neh­mer ist. Viel­mehr ist die­se Bestim­mung auch auf der­ar­ti­ge Fall­ge­stal­tun­gen anwend­bar 1.

Eben­so wenig steht der Anwen­dung von § 42 Abs. 2 Satz 1 GKG aF (nun­mehr § 42 Abs. 1 Satz 1 GKG) ent­ge­gen, dass es vor­lie­gend um die Fest­stel­lung einer Leis­tungs­pflicht der Beklag­ten und damit um einen posi­ti­ven Fest­stel­lungs­an­trag und nicht um einen auf Zah­lung gerich­te­ten Leis­tungs­an­trag geht.

Aller­dings wur­de für das Kos­ten­recht, wie es vor sei­ner voll­stän­di­gen Neu­ord­nung durch das Kos­ten­rechts­mo­der­ni­sie­rungs­ge­setz vom 05.05.2004 2 galt, teil­wei­se ange­nom­men, die in ver­gleich­ba­ren Rege­lun­gen ver­wen­de­te For­mu­lie­rung "wie­der­keh­ren­de Leis­tun­gen" bezie­he sich ledig­lich auf Kla­gen, die eine künf­ti­ge Leis­tung nach §§ 257 ff. ZPO zum Gegen­stand haben und damit auf Leis­tungs­kla­gen 3. Dar­aus wur­de gefol­gert, dass bei einem Antrag auf Fest­stel­lung einer Leis­tungs­pflicht ledig­lich 80 % des drei­jäh­ri­gen Wer­tes anzu­set­zen sei­en 4.

Für das neu geord­ne­te Kos­ten­recht und damit für § 42 Abs. 2 Satz 1 GKG aF (nun­mehr § 42 Abs. 1 Satz 1 GKG) ist dar­an nicht fest­zu­hal­ten.

Der Wort­laut der gesetz­li­chen Bestim­mung sieht ledig­lich vor, dass Gegen­stand des Rechts­streits Ansprü­che auf wie­der­keh­ren­de Leis­tun­gen sind. In wel­cher Form die­se Ansprü­che gel­tend gemacht wer­den, ist in § 42 Abs. 2 Satz 1 GKG aF (nun­mehr § 42 Abs. 1 Satz 1 GKG) nicht ange­spro­chen. Auch der vom Gesetz­ge­ber in der Zivil­pro­zess­ord­nung ver­wen­de­te Begriff der "wie­der­keh­ren­den Leis­tun­gen" erfasst nicht nur sol­che, die im Wege einer Leis­tungs­kla­ge ver­folgt wer­den. Viel­mehr bestimmt § 258 ZPO, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen bei Leis­tun­gen, die nach ihrem Rechts­cha­rak­ter wie­der­keh­rend sind, eine Kla­ge auf künf­ti­ge Leis­tung nach den §§ 257 ff. ZPO erho­ben wer­den kann; dass es sich erst dann um wie­der­keh­ren­de Leis­tun­gen im Sin­ne des § 258 ZPO han­delt, wenn tat­säch­lich Leis­tungs­kla­ge erho­ben wird, ist dem gera­de nicht zu ent­neh­men 5.

Ein­schrän­kun­gen erge­ben sich auch nicht wegen der Unter­schie­de zwi­schen einem posi­ti­ven Fest­stel­lungs- und einem Leis­tungs­an­trag.

Für eine Her­ab­set­zung des im Kos­ten­recht für wie­der­keh­ren­de Leis­tun­gen vor­ge­se­he­nen Werts des drei­jäh­ri­gen Dif­fe­renz­be­trags um 20 % wird ange­führt, eine posi­ti­ve Fest­stel­lungs­kla­ge füh­re nicht zu einem voll­streck­ba­ren Titel 6. Die­ses Argu­ment wur­de im Hin­blick auf die Ermitt­lung der Beschwer iSd. Rechts­mit­tel­rechts und damit der Anwen­dung des § 2 ZPO ent­wi­ckelt 7. Es wird in die­sem Zusam­men­hang wei­ter­hin häu­fig ange­wandt 8. Die­se Anwen­dung erstreckt sich auch auf Fall­ge­stal­tun­gen, bei denen ein Voll­stre­ckungs­ri­si­ko nicht besteht 9.

Die­ser für den Wert der Beschwer ent­wi­ckel­te Gesichts­punkt ist auf die Fest­set­zung des Gebüh­ren­streit­werts aller­dings nicht über­trag­bar. Wert­fest­set­zun­gen hin­sicht­lich der Beschwer und hin­sicht­lich des Gebüh­ren­streit­werts unter­lie­gen viel­mehr unter­schied­li­chen Rege­lungs­zu­sam­men­hän­gen 10. Die für die Bewer­tung der durch eine gericht­li­che Ent­schei­dung bewirk­ten Beschwer maß­geb­li­chen Grund­sät­ze stel­len dar­auf ab, inwie­weit ein Urteil für die ver­ur­teil­te Par­tei belas­tend und für die das Urteil erstrei­ten­de Par­tei unmit­tel­bar nütz­lich ist. Dem­ge­gen­über dient die Anknüp­fung der Gerichts- und Anwalts­ge­büh­ren an den Gebüh­ren­streit­wert dem Ziel, die Gebüh­ren von der wirt­schaft­li­chen Bedeu­tung des Rechts­streits für die Par­tei­en abhän­gig zu machen. Des­halb sind auch Fest­stel­lungs­an­trä­ge nach ihrer wirt­schaft­li­chen Bedeu­tung zu beur­tei­len.

Ver­rin­ge­run­gen des gesetz­lich fest­ge­leg­ten Gebüh­ren­streit­werts sind des­halb allen­falls im Wege einer teleo­lo­gi­schen Reduk­ti­on – zweck­ent­spre­chen­den Ein­schrän­kung – von § 42 Abs. 2 Satz 1 GKG aF (nun­mehr § 42 Abs. 1 Satz 1 GKG) berech­tigt, wenn eine Durch­set­zung der gel­tend gemach­ten For­de­rung pro­ble­ma­tisch ist 11.

Bei Betriebs­ren­ten­an­sprü­chen ist danach kein Raum für einen pau­scha­lier­ten Abschlag. Prak­ti­sche Durch­set­zungs­schwie­rig­kei­ten stel­len sich hier in der Regel nicht. Das gilt wegen der Insol­venz­si­che­rung nach §§ 7 ff. BetrAVG grund­sätz­lich auch für den Insol­venz­fall.

Der Anwen­dung von § 42 Abs. 2 Satz 1 GKG aF (nun­mehr § 42 Abs. 1 Satz 1 GKG) steht jedoch ent­ge­gen, dass die­se Rege­lung nur "Ansprü­che" betrifft. Macht ein Klä­ger im Wege der Fest­stel­lungs­kla­ge vor Ein­tritt eines Ver­sor­gungs­falls Rech­te auf betrieb­li­che Alters­ver­sor­gung gel­tend, so geht es – wie beim Betriebs­rent­ner – zwar um Ansprü­che. Ob die­se künf­tig tat­säch­lich ent­ste­hen, ist aber unklar. Wäh­rend des noch lau­fen­den Arbeits­ver­hält­nis­ses bestehen zunächst nur Anwart­schaf­ten. Auf die­se ist § 42 Abs. 2 Satz 1 GKG aF (nun­mehr § 42 Abs. 1 Satz 1 GKG) nicht anwend­bar.

Maß­geb­lich ist des­halb dar­auf abzu­stel­len, wel­chen wirt­schaft­li­chen Wert die strei­ti­ge Anwart­schaft bei pau­scha­lier­ter Betrach­tung hat. Dabei kann in Anleh­nung an § 42 Abs. 2 Satz 1 GKG aF (nun­mehr § 42 Abs. 1 Satz 1 GKG) zunächst vom 36-fachen Wert der vor­aus­sicht­li­chen Betriebs­ren­ten­dif­fe­renz aus­ge­gan­gen wer­den. Jedoch ist davon ein pau­scha­ler Abschlag zu machen, da in der Anwart­schafts­si­tua­ti­on wirt­schaft­lich noch nicht fest­steht, ob der Arbeit­neh­mer tat­säch­lich eine Betriebs­ren­te bezie­hen wird 12. Auch kann bei einem Arbeit­neh­mer ein vor­zei­ti­ges Aus­schei­den aus dem Arbeits­ver­hält­nis vor Ein­tritt des Ver­sor­gungs­falls zu einer Ver­rin­ge­rung der Betriebs­ren­te füh­ren. Schließ­lich ist typi­scher­wei­se mit dem zeit­li­chen Abstand zum Ver­sor­gungs­fall ein Pro­gno­se­ri­si­ko hin­sicht­lich der genau­en Berech­nung der Dif­fe­renz der For­de­rung ver­bun­den. Auf­grund die­ser Gesichts­punk­te ist ein Abschlag von 30 % vom 36-fachen monat­li­chen Dif­fe­renz­be­trag vor­zu­neh­men.

Die Höhe des Gebüh­ren­streit­werts ist nicht durch den in den Vor­in­stan­zen fest­ge­setz­ten Streit­wert beschränkt. Zwar ist nach § 47 Abs. 2 Satz 1 GKG der Wert des Streit­ge­gen­stands im Rechts­mit­tel­ver­fah­ren durch den Wert des Streit­ge­gen­stands im vor­an­ge­gan­ge­nen Rechts­zug begrenzt, soweit sich der Streit­ge­gen­stand nicht erwei­tert. Auch hat sich der Streit­ge­gen­stand zwi­schen den Instan­zen hier nicht ver­än­dert. Jedoch kommt es trotz­dem nicht auf die Streit­wert­fest­set­zung der Vor­in­stan­zen an, da inso­fern der rich­ti­ge, nicht der fest­ge­setz­te Streit­wert maß­geb­lich ist 13.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Beschluss vom 22. Sep­tem­ber 2015 – 3 AZR 391/​13 (A)

  1. vgl. BAG 12.06.2007 – 3 AZR 186/​06, Rn. 38, BAGE 123, 82[]
  2. BGBl. I S. 718[]
  3. BAG 18.04.1961 – 3 AZR 313/​59; BGH 11.01.1951 – III ZR 151/​50BGHZ 1, 43[]
  4. BAG 18.04.1961 – 3 AZR 313/​59; BGH 11.01.1951 – III ZR 151/​50 – aaO; 9.06.2005 – III ZR 21/​04[]
  5. eben­so bereits für das alte Kos­ten­recht, jedoch im Zusam­men­hang mit einer Leis­tungs­kla­ge BAG 10.12 2002 – 3 AZR 197/​02 (A), zu III 1 der Grün­de, BAGE 104, 153[]
  6. BAG 18.04.1961 – 3 AZR 313/​59[]
  7. BGH 11.01.1951 – III ZR 151/​50BGHZ 1, 43; 7.06.1951 – III ZR 181/​50BGHZ 2, 276[]
  8. BAG 4.06.2008 – 3 AZB 37/​08, Rn. 15; BGH 30.04.2008 – III ZR 202/​07; 3.05.2000 – IV ZR 258/​99; 23.07.1997 – IV ZR 38/​97; 26.11.1987 – III ZR 77/​87; 16.10.1961 – III ZR 136/​61VersR 1961, 1094[]
  9. BGH 30.04.2008 – III ZR 202/​07; 4.03.2008 – VIII ZR 228/​07; 27.01.2000 – III ZR 304/​99; 29.10.1998 – III ZR 137/​98; 23.09.1965 – II ZR 234/​63; auf den wirt­schaft­li­chen Wert der For­de­rung stel­len jedoch ab: BGH 22.01.2009 – IX ZR 235/​08; 4.12 1996 – VIII ZR 87/​96; 3.02.1988 – VIII ZR 276/​87[]
  10. BAG 4.06.2008 – 3 AZB 37/​08, Rn. 8; BGH 30.04.2008 – III ZR 202/​07[]
  11. für eine Anknüp­fung des Gebüh­ren­streit­werts an die wirt­schaft­li­che Bewer­tung der Aus­sich­ten für die Durch­set­zung der For­de­rung auch BGH 6.04.2009 – VI ZB 88/​08[]
  12. zur Berück­sich­ti­gung eines ver­gleich­ba­ren Risi­kos bei der Fest­stel­lung des Wer­tes der Beschwer BGH 23.07.1997 – IV ZR 38/​97[]
  13. BVerwG 22.05.2013 – 7 BAGt 5.13 ua.; BFH 14.02.2007 – IV E 6/​06, Rn. 10; BSG 19.09.2006 – B 6 KA 30/​06 B[]