Tarif­li­cher Mehr­ur­laub – Ver­fall und Abgel­tung trotz fort­be­stehen­der Krank­heit

Ein tarif­li­cher Mehr­ur­laubs­an­spruch kann bei krank­heits­be­ding­ter Arbeits­un­fä­hig­keit auf­grund tarif­ver­trag­li­cher Bestim­mun­gen (hier: gemäß § 33 Ziff. 6 Buchst. a Abs. 2 des Tarif­ver­tra­ges für die Arbeit­neh­mer bei den Sta­tio­nie­rungs­streit­kräf­ten – TV AL II) in das Fol­ge­jahr über­tra­gen wer­den und ver­fällt daher nicht am 31. März des Fol­ge­jah­res, wenn der Arbeit­neh­mer ihn wegen sei­ner Arbeits­un­fä­hig­keit bis dahin nicht antre­ten konn­te. In einem sol­chen Fall kann der Tarif­ver­trag (hier: § 33 Ziff. 6 Buchst. b Abs. 2 TV AL II) bestim­men, dass der Urlaub inner­halb von zwei Mona­ten nach Wie­der­her­stel­lung der Arbeits­fä­hig­keit erteilt und ange­tre­ten wer­den muss.

Tarif­li­cher Mehr­ur­laub – Ver­fall und Abgel­tung trotz fort­be­stehen­der Krank­heit

Für die Abgel­tung die­ses tarif­li­chen Mehr­ur­laubs ist es uner­heb­lich, ob der Arbeit­neh­mer über die Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses hin­aus arbeits­un­fä­hig krank war.

Die Tarif­ver­trags­par­tei­en sind bei der Rege­lung der Abgel­tung tarif­li­chen Mehr­ur­laubs durch euro­pa­recht­li­che Vor­ga­ben nicht gehin­dert, den Abgel­tungs­an­spruch an die Erfüll­bar­keit des Urlaubs­an­spruchs zu bin­den. Da nicht der durch die Arbeits­zeit­richt­li­nie 1 gewähr­leis­te­te Min­dest­jah­res­ur­laub von vier Wochen betrof­fen ist, besteht kei­ne Vor­la­ge­pflicht der natio­na­len Gerich­te an den EuGH nach Art. 267 Abs. 3 AEUV 2. Die Tarif­ver­trags­par­tei­en kön­nen regeln, dass der den Min­dest­jah­res­ur­laub von vier Wochen über­stei­gen­de tarif­li­che Mehr­ur­laub bei Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses nicht oder nur dann abzu­gel­ten ist, wenn der Arbeit­neh­mer arbeits­fä­hig ist, und inso­fern die frü­her von der Recht­spre­chung bei dau­er­haft erkrank­ten Arbeit­neh­mern ange­wand­te Sur­ro­gats­theo­rie für sich ver­ein­nah­men 3. Für die Annah­me einer sol­chen tarif­li­chen Rege­lung bedarf es frei­lich ein­deu­ti­ger, über das Rege­lungs­ziel des § 7 Abs. 4 BUr­lG hin­aus­ge­hen­der Bestim­mun­gen im Tarif­ver­trag. Auch bei Tarif­ver­trä­gen, die vor der Ver­kün­dung der "Schultz-Hoff"-Entscheidung des EuGH vom 20.01.2009 4 geschlos­sen wur­den, müs­sen für einen Rege­lungs­wil­len der Tarif­ver­trags­par­tei­en, der zwi­schen Ansprü­chen auf Abgel­tung von Min­dest- und Mehr­ur­laub unter­schei­det, deut­li­che Anhalts­punk­te bestehen 5.

Aus­rei­chen­de Anhalts­punk­te dafür, dass die Par­tei­en des TV AL II die Zah­lung von Urlaubs­ab­gel­tung von der Arbeits­fä­hig­keit oder der Wie­der­her­stel­lung der Arbeits­fä­hig­keit abhän­gig machen woll­ten, feh­len. Im Gegen­teil spricht die Rege­lung in § 33 Ziff. 4 Buchst. c TV AL II dafür, dass nach ihrem Wil­len auch an arbeits­un­fä­hig aus dem Arbeits­ver­hält­nis aus­schei­den­de Arbeit­neh­mer Urlaubs­ab­gel­tung gezahlt wer­den soll. Nach die­ser Bestim­mung wer­den hin­sicht­lich der Quo­telung des Urlaubs­an­spruchs sol­che Arbeit­neh­mer bes­ser­ge­stellt, die im lau­fen­den Urlaubs­jahr wegen Berufs- oder Erwerbs­un­fä­hig­keit aus­schei­den. Die­se Arbeit­neh­mer kön­nen typi­scher­wei­se ihren Urlaub vor der Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses bereits aus per­sön­li­chen Grün­den nicht mehr in Anspruch neh­men, sodass nur eine Abgel­tung ver­bleibt. Soweit das Bun­des­ar­beits­ge­richt in der Ver­gan­gen­heit ange­nom­men hat, die tarif­li­che Abgel­tungs­vor­schrift § 33 Ziff. 7 Buchst. c TV AL II set­ze im Sin­ne der Sur­ro­gats­theo­rie vor­aus, dass der Urlaubs­an­spruch bei Fort­be­stand des Arbeits­ver­hält­nis­ses noch erfüllt wer­den kann 6, wird dar­an – auch im Hin­blick auf die voll­stän­di­ge Auf­ga­be der Sur­ro­gats­theo­rie 7 – nicht fest­ge­hal­ten.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 16. Juli 2013 – 9 AZR 914/​11

  1. Richt­li­nie 2003/​88/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 04.11.2003 über bestimm­te Aspek­te der Arbeits­zeit­ge­stal­tung[]
  2. vgl. BAG 13.11.2012 – 9 AZR 64/​11, Rn. 12[]
  3. BAG 22.05.2012 – 9 AZR 618/​10, Rn. 22 mwN[]
  4. EuGH 20.01.2009 – C‑350/​06 und C‑520/​06, Slg. 2009, I‑179[]
  5. BAG 22.05.2012 – 9 AZR 618/​10, Rn. 23 mwN[]
  6. BAG 20.01.1998 – 9 AZR 601/​96, zu I 2 b der Grün­de[]
  7. vgl. BAG 19.06.2012 – 9 AZR 652/​10, Rn. 15 ff.[]