Weih­nachts­geld – und der Wider­rufs­vor­be­halt als All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung

Eine arbeits­ver­trag­li­che Klau­sel, wor­in sich der Arbeit­ge­ber vor­be­hal­ten hat, die Zah­lung eines Weih­nachts­gelds im Fall der wirt­schaft­li­chen Not­la­ge zu wider­ru­fen, ist wirk­sam.

Weih­nachts­geld – und der Wider­rufs­vor­be­halt als All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung

Bei der Wider­rufs­klau­sel han­delt es sich nach den mit der Revi­si­on nicht ange­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts um eine All­ge­mei­ne Geschäfts­be­din­gung iSd. § 305 Abs. 1 Satz 1 BGB.

Der Wider­rufs­vor­be­halt unter­liegt als eine von Rechts­vor­schrif­ten abwei­chen­de Bestim­mung der unein­ge­schränk­ten Inhalts­kon­trol­le, § 307 Abs. 3 Satz 1 BGB 1. Ein­sei­ti­ge Leis­tungs­be­stim­mungs­rech­te, die dem Ver­wen­der das Recht ein­räu­men, die Haupt­leis­tungs­pflich­ten ein­zu­schrän­ken, zu ver­än­dern, aus­zu­ge­stal­ten oder zu modi­fi­zie­ren, unter­lie­gen der Inhalts­kon­trol­le. Sie wei­chen von dem all­ge­mei­nen Grund­satz pac­ta sunt ser­van­da ab 2.

Der Wider­rufs­vor­be­halt war vor­lie­gend nicht aus for­mel­len Grün­den unwirk­sam:

Ein Wider­rufs­vor­be­halt muss den for­mel­len Anfor­de­run­gen von § 308 Nr. 4 BGB gerecht wer­den. Bei den Wider­rufs­grün­den muss zumin­dest die Rich­tung ange­ge­ben wer­den, aus der der Wider­ruf mög­lich sein soll, zB wirt­schaft­li­che Grün­de, Leis­tung oder Ver­hal­ten des Arbeit­neh­mers 3. Dabei ist zu beach­ten, dass der Ver­wen­der vor­gibt, was ihn zum Wider­ruf berech­ti­gen soll.

Die­sem Trans­pa­renz­ge­bot wird die Wider­rufs­klau­sel gerecht. Der Grad der wirt­schaft­li­chen Stö­rung, die einen Wider­ruf ermög­li­chen soll, wird dar­in kon­kre­ti­siert. Die Klau­sel stellt aus­drück­lich klar, dass der Arbeit­neh­mer im Fall der wirt­schaft­li­chen Not­la­ge mit dem Wider­ruf der zuge­sag­ten Zah­lung eines Weih­nachts­gelds rech­nen muss. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Arbeit­neh­mers ist die Klau­sel nicht des­halb unklar oder unver­ständ­lich, weil nicht aus­drück­lich ange­ge­ben sei, auf wen sich die "wirt­schaft­li­che Not­la­ge" bezie­he. Der Annah­me, damit kön­ne auch eine all­ge­mei­ne wirt­schaft­li­che Not­la­ge, die eines Gesell­schaf­ters der Arbeit­ge­be­rin oder die eines Betriebs oder des gesam­ten Kon­zerns gemeint sein, steht schon ent­ge­gen, dass nach Nr. 3 Abs. 4 Satz 2 des Arbeits­ver­trags "der Arbeit­ge­ber" sich den Wider­ruf "im Fall der wirt­schaft­li­chen Not­la­ge" vor­be­hal­ten hat. Damit ist klar­ge­stellt, dass die wirt­schaft­li­che Not­la­ge beim Unter­neh­men der Arbeit­ge­be­rin als Arbeit­ge­be­rin vor­lie­gen muss.

Die Wider­rufs­klau­sel ist auch mate­ri­ell wirk­sam.

Die Wirk­sam­keit des Wider­rufs­vor­be­halts rich­tet sich nach § 308 Nr. 4 BGB als der gegen­über § 307 BGB spe­zi­el­le­ren Norm. Deren Wer­tun­gen sind im Rah­men des § 308 Nr. 4 BGB her­an­zu­zie­hen. Außer­dem sind nach § 310 Abs. 4 Satz 2 BGB die im Arbeits­recht gel­ten­den Beson­der­hei­ten ange­mes­sen zu berück­sich­ti­gen 4.

Die Ver­ein­ba­rung eines Wider­rufs­rechts ist nach § 308 Nr. 4 BGB zumut­bar, wenn der Wider­ruf nicht grund­los erfol­gen soll, son­dern wegen der unsi­che­ren Ent­wick­lung der Ver­hält­nis­se als Instru­ment der Anpas­sung not­wen­dig ist 5. Die gebo­te­ne Inter­es­sen­ab­wä­gung muss zu einer Zumut­bar­keit der Klau­sel für den Arbeit­neh­mer füh­ren. Das rich­tet sich in Anleh­nung an § 307 BGB ins­be­son­de­re nach der Art und Höhe der Leis­tung, die wider­ru­fen wer­den soll, nach der Höhe des ver­blei­ben­den Ver­diens­tes und der Stel­lung des Arbeit­neh­mers im Unter­neh­men. Unter Berück­sich­ti­gung aller Gesichts­punk­te muss der Wider­rufs­grund den Wider­ruf typi­scher­wei­se recht­fer­ti­gen. Auch wenn der Arbeit­ge­ber im Grund­satz ein aner­ken­nens­wer­tes Inter­es­se dar­an hat, bestimm­te Leis­tun­gen, ins­be­son­de­re "Zusatz­leis­tun­gen" fle­xi­bel aus­zu­ge­stal­ten, darf das Wirt­schafts­ri­si­ko des Unter­neh­mers nicht auf den Arbeit­neh­mer ver­la­gert wer­den. Ein­grif­fe in den Kern­be­reich des Arbeits­ver­trags sind nach der Wer­tung des § 307 Abs. 2 BGB nicht zuläs­sig 6.

Dem wird im vor­lie­gen­den Fall die Wider­rufs­klau­sel des Arbeits­ver­trags gerecht.

Die Ver­ein­ba­rung eines Wider­rufs­vor­be­halts für ein dem Arbeit­neh­mer zuge­sag­tes Weih­nachts­geld bei wirt­schaft­li­cher Not­la­ge des Arbeit­ge­bers ist zuläs­sig, wenn durch des­sen Weg­fall das Ver­hält­nis von Leis­tung und Gegen­leis­tung im Arbeits­ver­hält­nis nicht grund­le­gend berührt ist. Das ist nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts der Fall, soweit der im Gegen­sei­tig­keits­ver­hält­nis ste­hen­de wider­ruf­li­che Teil des Gesamt­ver­diensts unter 25 vH liegt. Sind dar­über hin­aus Zah­lun­gen des Arbeit­ge­bers wider­ruf­lich, die kei­ne unmit­tel­ba­re Gegen­leis­tung für die Arbeits­leis­tung dar­stel­len, erhöht sich der wider­ruf­li­che Teil der Arbeits­ver­gü­tung auf bis zu 30 vH des Gesamt­ver­diensts. Dem Arbeit­neh­mer wird hier zu sei­nem Vor­teil eine Leis­tung zusätz­lich zum übli­chen Ent­gelt gewährt. Der Arbeit­ge­ber ist dann bis zur Gren­ze der Will­kür frei, die Vor­aus­set­zun­gen des Anspruchs fest­zu­le­gen und dem­entspre­chend auch den Wider­ruf zu erklä­ren 7.

Das jähr­li­che Weih­nachts­geld iHv. maxi­mal 55 vH eines Monats­ent­gelts beträgt nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts weni­ger als 5 vH des Gesamt­ent­gelts des Arbeit­neh­mers. Das Ver­hält­nis von Leis­tung und Gegen­leis­tung im Arbeits­ver­hält­nis wird daher nicht grund­le­gend berührt. Dem Arbeit­neh­mer ver­bleibt nach den Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts auch nach Aus­übung des Wider­rufs­rechts eine tarif­li­che Ver­gü­tungs­hö­he.

Der Wider­rufs­vor­be­halt ist auch nicht unwirk­sam, weil er kei­ne Ankün­di­gungs- bzw. Aus­lauf­frist ent­hält. Für eine sol­che Frist gibt es kei­nen Ansatz im Gesetz. Die Ein­räu­mung einer Aus­lauf­frist ist bei der Aus­übungs­kon­trol­le in Betracht zu zie­hen 8.

Die Arbeit­ge­be­rin hat ihr Wider­rufs­recht wirk­sam aus­ge­übt.

Neben der Inhalts­kon­trol­le der in den All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen ent­hal­te­nen Wider­rufs­klau­sel steht die Aus­übungs­kon­trol­le gemäß § 315 BGB. Die Erklä­rung des Wider­rufs stellt eine Bestim­mung der Leis­tung durch den Arbeit­ge­ber nach § 315 Abs. 1 BGB dar. Der Wider­ruf muss im Ein­zel­fall bil­li­gem Ermes­sen ent­spre­chen 9.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 24. Janu­ar 2017 – 1 AZR 774/​14

  1. vgl. BAG 11.10.2006 – 5 AZR 721/​05, Rn. 18 mwN[]
  2. BAG 12.01.2005 – 5 AZR 364/​04, zu B I 4 a der Grün­de, BAGE 113, 140[]
  3. BAG 21.03.2013 – 5 AZR 651/​10, Rn. 16 mwN; 12.01.2005 – 5 AZR 364/​04, zu B I 5 b der Grün­de, BAGE 113, 140[]
  4. BAG 11.10.2006 – 5 AZR 721/​05, Rn.19 mwN[]
  5. BAG 12.01.2005 – 5 AZR 364/​04, zu B I 4 c der Grün­de, BAGE 113, 140[]
  6. BAG 11.10.2006 – 5 AZR 721/​05, Rn. 21 f.[]
  7. BAG 12.01.2005 – 5 AZR 364/​04, zu A I 4 c bb der Grün­de, BAGE 113, 140[]
  8. BAG 21.03.2012 – 5 AZR 651/​10, Rn. 18 mwN[]
  9. BAG 21.03.2012 – 5 AZR 651/​10, Rn. 22 mwN; 20.04.2011 – 5 AZR 191/​10, Rn.20, BAGE 137, 383[]