Zuschuss zum Anpas­sungs­geld bei der RAG AG – und die Gru­ben­wehr­zu­la­ge

Nach § 2 Nr. 7 Abs. 3 Unter­abs. 2 Satz 1 des „Gesamt­so­zi­al­plans zum Anpas­sungs­pro­gramm der Deut­schen Stein­koh­le AG“ vom 25.06.2003 [1] ist das für die Ermitt­lung des Garan­tie­ein­kom­mens iSd. § 2 Nr. 7 Abs. 1 GSP 2003 maß­ge­ben­de „Ent­gelt“ die Gegen­leis­tung für die arbeits­ver­trag­lich geleis­te­te Arbeit.

Zuschuss zum Anpas­sungs­geld bei der RAG AG – und die Gru­ben­wehr­zu­la­ge

Das ergibt für das Bun­des­ar­beits­ge­richt die Aus­le­gung des Gesamt­so­zi­al­plans [2]. Aus Sinn und Zweck der nach dem GSP 2003 zu gewäh­ren­den Leis­tun­gen folgt wei­ter­hin, dass das syn­al­lag­ma­ti­sche Ver­hält­nis aus dem Arbeits­ver­trag selbst resul­tie­ren muss. Danach ist es für den Anspruch des Arbeit­neh­mers auf einen erhöh­ten Zuschuss zum Anpas­sungs­geld ent­ge­gen sei­ner Ansicht uner­heb­lich, ob die Par­tei­en neben dem Arbeits­ver­hält­nis durch die Auf­nah­me des Arbeit­neh­mers in die Gru­ben­wehr ein wei­te­res Ver­trags­ver­hält­nis, gleich wel­cher Art, begrün­det haben. Ein sol­ches zu den bestehen­den arbeits­ver­trag­li­chen Rechts­be­zie­hun­gen hin­zu­tre­ten­des wei­te­res Ver­trags­ver­hält­nis und dar­aus resul­tie­ren­de Zah­lun­gen sind nicht vom Schutz­zweck des staat­li­chen Anpas­sungs­gel­des erfasst und damit auch nicht nach dem GSP 2003 bezu­schus­sungs­fä­hig [3].

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts Hamm in der Vor­in­stanz [4] ist mit der Begrün­dung einer Mit­glied­schaft in der Gru­ben­wehr die dort geleis­te­te Tätig­keit nicht Inhalt der arbeits­ver­trag­lich ver­spro­che­nen Diens­te des Arbeit­neh­mers gewor­den (§ 611a BGB).

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ar­beits­ge­richts kann das Pflich­ten­ge­fü­ge einer vom Arbeit­neh­mer über­nom­me­nen zusätz­li­chen Auf­ga­be wegen ihrer untrenn­ba­ren Ver­knüp­fung mit dem Arbeits­ver­hält­nis eine Erwei­te­rung der arbeits­ver­trag­li­chen Rech­te und Pflich­ten begrün­den. Das ist aner­kannt für die Bestel­lung eines Sozia­len Ansprech­part­ners der Innen­ver­wal­tung des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len [5], eines Daten­schutz­be­auf­trag­ten [6], einer Fach­kraft für Arbeits­si­cher­heit [7] sowie eines Betriebs­be­auf­trag­ten für Abfall [8]. Ob eine sol­che Bestel­lung durch den Arbeit­ge­ber und eine dar­auf bezo­ge­ne Zustim­mung des Arbeit­neh­mers zu einer Ein­bin­dung der damit ver­bun­de­nen Auf­ga­be in das arbeits­ver­trag­li­che Pflich­ten­ge­fü­ge führt, ist durch Aus­le­gung am Maß­stab der §§ 133, 157 BGB zu ermit­teln [9].

Eine sol­che Ver­trags­än­de­rung folgt ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Arbeit­neh­mers weder aus dem Bestel­lungs­schrei­ben vom 01.04.2005, aus dem Plan für das Gru­ben­ret­tungs­we­sen der Haupt­stel­le für das Gru­ben­ret­tungs­we­sen Her­ne noch der VR 02/​07 oder aus berg­recht­li­chen Ver­pflich­tun­gen der Arbeit­ge­be­rin.

Eine Ände­rungs­ver­ein­ba­rung ergibt sich nicht aus dem zuletzt aus­ge­hän­dig­ten Bestel­lungs­schrei­ben vom 01.04.2005 an den Arbeit­neh­mer als ver­ant­wort­li­che Per­son für die Gerä­te­sta­ti­on des Ret­tungs­we­sens, Brand- und Explo­si­ons­schutz in der Haupt­stel­le für das Gru­ben­ret­tungs­we­sen Her­ne. Anders als in dem vom Bun­des­ar­beits­ge­richt mit Urteil vom 15.10.2013 [10] ent­schie­de­nen Fall befas­sen sich die typi­schen Wil­lens­er­klä­run­gen der Bestel­lungs­ur­kun­de, deren Erklä­rungs­wert das Bun­des­ar­beits­ge­richt bestim­men kann, nicht mit arbeits­ver­trag­li­chen Pflich­ten. Viel­mehr kam die Arbeit­ge­be­rin ledig­lich ihren gesetz­li­chen Pflich­ten aus §§ 131, 58 ff. BBergG nach. Gemäß § 131 iVm. § 60 Abs. 1 Satz 1 und Satz 3 BBergG ist die Bestel­lung einer ver­ant­wort­li­chen Per­son der Haupt­stel­le für das Gru­ben­ret­tungs­we­sen schrift­lich zu erklä­ren und sind deren Auf­ga­ben und Befug­nis­se kon­kret zu beschrei­ben. Dar­auf beschränkt sich der Erklä­rungs­wert der jewei­li­gen Aus­füh­run­gen in der Bestel­lungs­ur­kun­de.

Ein Pflich­ten­ge­fü­ge mit einer engen Bin­dung an das Arbeits­ver­hält­nis folgt – anders als das Lan­des­ar­beits­ge­richt meint – weder aus dem maß­ge­ben­den Plan für das Gru­ben­ret­tungs­we­sen Her­ne noch aus der VR 02/​07. Letz­te­re sieht für Übun­gen und Unter­wei­sun­gen außer­halb der Schicht ledig­lich Pau­scha­len für gru­ben­wehr­be­zo­ge­ne Funk­tio­nen vor [11]. Soweit der Arbeit­neh­mer sich vor dem Bun­des­ar­beits­ge­richt auf einen ande­ren Gru­ben­ret­tungs­plan bezo­gen hat, ste­hen die­sem Vor­brin­gen die unan­ge­grif­fe­nen Fest­stel­lun­gen des Lan­des­ar­beits­ge­richts ent­ge­gen. Bei dem Plan han­delt es sich auch nicht um revi­si­bles Recht, wel­ches das Bun­des­ar­beits­ge­richt unab­hän­gig von den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ur­teils zu berück­sich­ti­gen hät­te (§ 545 Abs. 1, § 546 ZPO).

Eben­so folgt eine Erwei­te­rung der arbeits­ver­trag­li­chen Pflich­ten nicht aus berg­recht­li­chen Bestim­mun­gen. Die Arbeit­ge­be­rin ist weder nach dem BBergG noch nach der Berg­ver­ord­nung für alle berg­bau­li­chen Berei­che – All­ge­mei­ne Bun­des­berg­ver­ord­nung (ABBergV) – gehal­ten, den ihr oblie­gen­den Auf­ga­ben des Gru­ben­ret­tungs­diens­tes mit eige­nen Arbeit­neh­mern im Rah­men bestehen­der Arbeits­ver­hält­nis­se nach­zu­kom­men [12]. Schließ­lich lässt die von der Arbeit­ge­be­rin zu ver­ant­wor­ten­de Orga­ni­sa­ti­on des Gru­ben­ret­tungs­we­sens durch die Haupt­stel­le für das Gru­ben­ret­tungs­we­sen, die deren Abtei­lung Tech­nik und Logis­tik­diens­te zuge­ord­net ist, kein arbeits­ver­trag­li­ches Pflich­ten­ge­fü­ge erken­nen. Die­se hat auf das Rechts­ver­hält­nis der Arbeit­ge­be­rin zu Per­so­nen, die sie mit der Wahr­neh­mung der Auf­ga­ben der Gru­ben­ret­tungs­wehr auf Grund­la­ge des Plans für das Gru­ben­ret­tungs­we­sen Her­ne betraut, kei­nen Ein­fluss [13].

Mit der Auf­nah­me des Arbeit­neh­mers in die Gru­ben­wehr haben die Par­tei­en des­sen arbeits­ver­trag­li­che Pflich­ten auch nicht kon­klu­dent erwei­tert.

Bei den zur Begrün­dung einer Mit­glied­schaft in der Gru­ben­wehr erfor­der­li­chen Wil­lens­er­klä­run­gen sowie deren Inhal­ten, die das Lan­des­ar­beits­ge­richt den Vor­ga­ben des BBergG, den Rege­lun­gen des Plans für das Gru­ben­ret­tungs­we­sen sowie der VR 02/​07 ent­nom­men hat, han­delt es sich um typi­sche Wil­lens­er­klä­run­gen, die einer unein­ge­schränk­ten revi­si­ons­recht­li­chen Kon­trol­le unter­lie­gen [14].

Ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Lan­des­ar­beits­ge­richts kommt der Auf­nah­me des Arbeit­neh­mers in die Gru­ben­wehr nicht der Erklä­rungs­ge­halt zu, arbeits­ver­trag­li­che Pflich­ten soll­ten erwei­tert wer­den. Kei­ner der vor­ste­hend genann­ten Gesichts­punk­te ver­hält sich zu einer arbeits­recht­li­chen Ein­ord­nung der Tätig­keit eines Gru­ben­wehr­mit­glieds [15]. Glei­ches gilt hin­sicht­lich der Abfüh­rung von Sozi­al­ver­si­che­rungs­bei­trä­gen für die gezahl­ten Gru­ben­wehr­zu­la­gen. Dies beruht allein auf einer sozi­al­ver­si­che­rungs­recht­li­chen Ein­ord­nung der Gru­ben­wehr­zu­la­ge iSd. § 14 SGB IV. Zur Gestal­tung einer arbeits­ver­trag­li­chen Bezie­hung ver­hält sie sich nicht [16].

Der Rechts­streit ist nicht zur Ent­schei­dung reif.

Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat nicht geprüft, ob der Arbeit­neh­mer bereits nach sei­nem ursprüng­li­chen Arbeits­ver­trag als tech­ni­scher Ange­stell­ter eine Tätig­keit als Haupt­ge­rä­te­wart schul­de­te. Das Lan­des­ar­beits­ge­richt hat kei­ne nähe­ren Fest­stel­lun­gen zum Vor­brin­gen des Arbeit­neh­mers getrof­fen, er sei nach sei­nem Wech­sel zur Haupt­stel­le für das Gru­ben­ret­tungs­we­sen ab 1981 zunächst als Gerä­te­wart und ab 1996 bis zur Been­di­gung des Arbeits­ver­hält­nis­ses aus­schließ­lich als Haupt­ge­rä­te­wart ein­ge­setzt und ent­spre­chend ver­gü­tet wor­den. Soll­te die Arbeit­ge­be­rin dem Arbeit­neh­mer eine Tätig­keit als Haupt­ge­rä­te­wart im Rah­men ihres Direk­ti­ons­rechts zuge­wie­sen haben, wäre die Gru­ben­wehr­zu­la­ge bei der Berech­nung der Höhe des Zuschus­ses zum Anpas­sungs­geld nach dem GSP 2003 zu berück­sich­ti­gen.

Einem sol­chen Anspruch wür­de weder die Aus­schluss­frist des § 20 Abs. 2 Satz 1 Tarif­ver­trag über all­ge­mei­ne betrieb­li­che Arbeits­be­din­gun­gen im rhei­nisch-west­fä­li­schen Stein­koh­len­berg­bau vom 12.04.1975 (TV ABA) noch die mit der Beru­fungs­be­grün­dung erho­be­ne Ver­jäh­rungs­ein­re­de der Arbeit­ge­be­rin ent­ge­gen­ste­hen. Der Zuschuss zum Anpas­sungs­geld ist kein Anspruch auf Ermitt­lung, Errech­nung oder Zah­lung von Lohn oder Gehalt, der allein von der Aus­schluss­frist erfasst wird. Die Ver­jäh­rungs­ein­re­de hat die Arbeit­ge­be­rin in der Ver­hand­lung vor dem Lan­des­ar­beits­ge­richt aus­drück­lich nicht mehr auf­recht­erhal­ten. Damit ist der pro­zes­sua­le Zustand wie­der her­ge­stellt, der vor deren Erhe­bung bestan­den hat [17].

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 19. Dezem­ber 2017 – 1 AZR 433/​16

  1. GSP 2003[]
  2. BAG 7.06.2017 – 1 AZR 382/​15, Rn. 11 f.; 15.10.2013 – 1 AZR 544/​12, Rn. 14 ff.[]
  3. BAG 7.06.2017 – 1 AZR 382/​15, Rn. 13 f.[]
  4. LAG Hamm, Urteil vom 12.05.2016 – 11 Sa 520/​15[]
  5. BAG 30.09.2015 – 10 AZR 251/​14, Rn. 13 ff., BAGE 153, 32[]
  6. BAG 29.09.2010 – 10 AZR 588/​09, Rn. 12, BAGE 135, 327[]
  7. BAG 15.12 2009 – 9 AZR 769/​08, Rn. 51, BAGE 133, 1[]
  8. BAG 26.03.2009 – 2 AZR 633/​07, Rn.20, BAGE 130, 166[]
  9. vgl. BAG 29.09.2010 – 10 AZR 588/​09, Rn. 12 f., BAGE 135, 327[]
  10. BAG 15.10.2013 – 1 AZR 544/​12, Rn. 15[]
  11. BAG 7.06.2017 – 1 AZR 382/​15, Rn. 18 f.[]
  12. BAG 7.06.2017 – 1 AZR 382/​15, Rn.20[]
  13. BAG 7.06.2017 – 1 AZR 382/​15, Rn. 21[]
  14. vgl. BAG 26.05.1998 – 1 AZR 704/​97, zu III 1 der Grün­de, BAGE 89, 31[]
  15. BAG 7.06.2017 – 1 AZR 382/​15, Rn. 23[]
  16. sh. bereits BAG 7.06.2017 – 1 AZR 382/​15, Rn. 23[]
  17. BGH 29.11.1956 – III ZR 121/​55, zu 1 der Grün­de, BGHZ 22, 267[]