Kei­ne Wie­der­ein­set­zung – und die Urteils­grün­de

Nach § 119 Nr. 6 FGO ist ein Urteil stets als auf der Ver­let­zung von Bun­des­recht beru­hend anzu­se­hen, wenn die Ent­schei­dung nicht mit Grün­den ver­se­hen ist.

Kei­ne Wie­der­ein­set­zung – und die Urteils­grün­de

Es reicht hier­für aus, wenn die Grün­de nur zum Teil feh­len und das Gericht ein selb­stän­di­ges Angriffs- oder Ver­tei­di­gungs­mit­tel, das für sich allein den voll­stän­di­gen Tat­be­stand einer mit selb­stän­di­ger Wir­kung aus­ge­stat­te­ten Rechts­norm bil­det, über­gan­gen hat [1].

Ein Ver­stoß gegen das Begrün­dungs­ge­bot liegt jedoch auch dann vor, wenn das Gericht einen wesent­li­chen Streit­punkt ent­we­der über­haupt nicht erör­tert oder mit for­mel­haf­ten und inhalt­lich nicht nach­voll­zieh­ba­ren For­mu­lie­run­gen abhan­delt [2].

Nicht aus­rei­chend ist hin­ge­gen, dass die Urteils­be­grün­dung nicht den Erwar­tun­gen eines Betei­lig­ten ent­spricht, lücken­haft, rechts­feh­ler­haft oder nicht über­zeu­gend ist [3].

Die Abgren­zung zwi­schen erheb­li­chen und nicht wesent­li­chen Begrün­dungs­män­geln hat sich am Zweck der Urteils­be­grün­dung zu ori­en­tie­ren, der dar­in besteht, für den Aus­spruch der Urteils­for­mel den Nach­weis der Recht­mä­ßig­keit zu lie­fern [4].

Vom Vor­lie­gen eines Ver­fah­rens­man­gels i.S. des § 115 Abs. 2 Nr. 3 FGO ist danach dann aus­zu­ge­hen, wenn den Betei­lig­ten ‑zumin­dest in Bezug auf einen der wesent­li­chen Streit­punk­te- die Mög­lich­keit ent­zo­gen ist, die getrof­fe­ne Ent­schei­dung auf ihre Recht­mä­ßig­keit hin zu über­prü­fen [5].

Gemes­sen dar­an war in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall das Urteil, soweit das Finanz­ge­richt die Wie­der­ein­set­zung ver­sagt hat, nicht mit Grün­den ver­se­hen. Das Finanz­ge­richt hat ein sog. Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den der P in ihrer Kanz­lei ledig­lich behaup­tet, ohne dass dies anhand der vom Finanz­ge­richt getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen nach­voll­zieh­bar wäre.

Das Urteil ent­hält bereits kei­ne tat­säch­li­chen Fest­stel­lun­gen dazu, wann der Antrag auf Wie­der­ein­set­zung gestellt wur­de, wie die Klä­ge­rin die Frist­ver­säum­nis ent­schul­digt hat und wie die Ein­spruchs­ent­schei­dung von R über P zu S gelangt ist. Ins­be­son­de­re hat sich das Finanz­ge­richt in sei­nem Urteil nicht mit dem Vor­brin­gen der Klä­ge­rin und der anwalt­li­chen Ver­si­che­rung der P im Schrift­satz vom 23.12 2013 aus­ein­an­der­ge­setzt, wie dies erfolgt sein soll. Auch hat S nach dem Inhalt der Nie­der­schrift vom 18.02.2015 in ihrer Ver­neh­mung vor dem Ein­zel­rich­ter ange­ge­ben, sie gehe davon aus, dass ihr die Ein­spruchs­ent­schei­dung ‑wie üblich- mit der Tages­post schon ein­mal vor­ge­legt wor­den sei.

Es ist nicht ersicht­lich, aus wel­chen Grün­den das Finanz­ge­richt den Vor­trag für uner­heb­lich, die Anga­ben der P und der S für nicht glaub­haft oder durch ande­re Umstän­de wider­legt ange­se­hen hat.

Zwar ist dem Finanz­ge­richt abs­trakt dar­in bei­zu­pflich­ten, dass ein Orga­ni­sa­ti­ons­ver­schul­den in der Kanz­lei der P dazu füh­ren könn­te, dass eine Frist­ver­säum­nis schuld­haft sein kann. Das Urteil des Finanz­ge­richt ent­hält jedoch allen­falls bruch­stück­haf­te Fest­stel­lun­gen dazu, wie die Orga­ni­sa­ti­on in der Kanz­lei der P über­haupt aus­ge­stal­tet ist, so dass offen bleibt, auf­grund wel­cher Tat­sa­chen das Finanz­ge­richt davon aus­geht, es lie­ge im Rah­men der (nicht tat­säch­lich fest­ge­stell­ten) Orga­ni­sa­ti­on ein Ver­schul­den vor. Zu sol­chen Fest­stel­lun­gen hät­te schon des­halb Anlass bestan­den, weil das Finanz­ge­richt im Gerichts­be­scheid vom 07.01.2015 noch u.a. aus der Ver­wen­dung des Fach­pro­gramms der … geschlos­sen hat­te, dass P die Über­wa­chung der Fris­ten mit der gebo­te­nen Sorg­falt ein­ge­rich­tet und fort­lau­fend über­wacht habe sowie der fach­kun­di­gen S, die u.a. wis­se, dass bei Ein­spruchs­ent­schei­dun­gen die Kla­ge­frist in einem Fris­ten­kon­troll­buch fest­zu­hal­ten sei­en, nur ein ein­ma­li­ges Ver­se­hen unter­lau­fen sei.

Weder die eine noch die ande­re Aus­sa­ge des Finanz­ge­richt wird bis­her durch tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen getra­gen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 11. Mai 2015 – XI B 29/​15

  1. vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 01.04.2003 – X B 105/​02, BFH/​NV 2003, 1193, unter II. 2., m.w.N.; vom 23.09.2009 – IX B 52/​09, BFH/​NV 2010, 220, unter 1.a; Lan­ge in HHSp, § 119 FGO Rz 359 ff.[]
  2. BFH, Beschlüs­se vom 01.08.2002 – I B 162/​01, BFH/​NV 2003, 172; vom 21.04.2004 – IX B 155/​03; vom 01.02.2012 – VI B 71/​11, BFH/​NV 2012, 767, Rz 14; vom 05.12 2013 – XI B 17/​13, BFH/​NV 2014, 548[]
  3. vgl. z.B. BFH, Beschluss vom 11.07.2012 – X B 41/​11, BFH/​NV 2012, 1634, m.w.N.[]
  4. BFH, Urteil vom 17.04.2002 – X R 8/​00, BFHE 199, 124, BStBl II 2002, 527, und BFH, Beschluss vom 10.11.2011 – X B 211/​10, BFH/​NV 2012, 426[]
  5. vgl. BFH, Beschluss vom 11.12 2013 – XI B 33/​13, BFH/​NV 2014, 714[]