Das Kern­kraft­werk jen­seits der Gren­ze

Die öster­rei­chi­schen Gerich­te, die mit einer nach­bar­recht­li­chen Kla­ge von Grund­stücks­ei­gen­tü­mern auf Unter­las­sung schäd­li­cher Ein­wir­kun­gen durch das Kern­kraft­werk Temelín befasst sind, müs­sen nach einer Ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten die von den tsche­chi­schen Behör­den erteil­te Betriebs­ge­neh­mi­gung berück­sich­ti­gen. Die­se Geneh­mi­gung ist nach Ansicht der Luxem­bur­ger Rich­ter Teil des Gemein­schafts­sys­tems, mit dem der Schutz der Bevöl­ke­rung vor nuklea­ren Gefah­ren sicher­ge­stellt wer­den soll.

Das Kern­kraft­werk jen­seits der Gren­ze

In Öster­reich kann der Eigen­tü­mer eines Grund­stücks die vom Grund eines Nach­barn aus­ge­hen­den schäd­li­chen Ein­wir­kun­gen inso­weit unter­sa­gen, als sie das nach den ört­li­chen Ver­hält­nis­sen gewöhn­li­che Maß über­schrei­ten und die orts­üb­li­che Benut­zung des Grund­stücks beein­träch­ti­gen. Wird jedoch die Beein­träch­ti­gung durch eine behörd­lich geneh­mig­te Anla­ge ver­ur­sacht, so ist der Eigen­tü­mer nur berech­tigt, den Ersatz des tat­säch­lich zuge­füg­ten Scha­dens gericht­lich zu ver­lan­gen.

Das Land Ober­ös­ter­reich ist Eigen­tü­mer meh­re­rer Grund­stü­cke, die für die Land­wirt­schaft und land­wirt­schaft­li­che Ver­su­che ver­wen­det wer­den und auf denen eine Land­wirt­schafts­schu­le betrie­ben wird. Die­se Grund­stü­cke befin­den sich in Öster­reich, etwa 60 km vom Kern­kraft­werk Temelín ent­fernt, das in Tsche­chi­en liegt und von dem Ener­gie­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men CEZ betrie­ben wird. Bau und Betrieb die­ses Kern­kraft­werks wur­den 1985 von den tsche­chi­schen Behör­den geneh­migt, seit dem Jahr 2003 läuft es mit vol­ler Leis­tung.

Nach Ansicht des Lan­des Ober­ös­ter­reich beein­träch­tigt die von dem Kern­kraft­werk Temelín im Nor­mal­be­trieb erzeug­te Radio­ak­ti­vi­tät oder die Kon­ta­mi­na­ti­ons­ge­fahr in Ver­bin­dung mit dem Betrieb des Kraft­werks und even­tu­el­len Stör­fäl­len die übli­che Nut­zung sei­ner Grund­stü­cke nach­hal­tig.

Aus die­sem Grund erho­ben das Land und ande­re, pri­va­te Grund­stücks­ei­gen­tü­mer Kla­ge beim Lan­des­ge­richt Linz und bean­trag­ten, dem Teme­lin-Betrei­ber CEZ auf­zu­ge­ben, die schäd­li­chen Ein­wir­kun­gen oder die Gefahr schäd­li­cher Ein­wir­kun­gen durch ioni­sie­ren­de Strah­lun­gen, die von dem Kern­kraft­werk Temelín aus­ge­hen könn­ten, zu unter­las­sen und die­ses Kraft­werk an die gel­ten­den tech­ni­schen Nor­men zu adap­tie­ren oder still­zu­le­gen, wenn die erfor­der­li­chen Adap­tie­run­gen nicht vor­ge­nom­men wer­den kön­nen.

Das Lan­des­ge­richt Linz stell­te fest, dass in Öster­reich indus­tri­el­le Anla­gen, die über eine von den inlän­di­schen Behör­den erteil­te Geneh­mi­gung ver­fü­gen, und sol­che, die über eine von den Behör­den eines ande­ren Mit­glied­staats erteil­te Geneh­mi­gung ver­fü­gen, unter­schied­lich behan­delt wer­den, da Geneh­mi­gun­gen, die von den letzt­ge­nann­ten Behör­den erteilt wer­den, im Fall einer gegen ihren Inha­ber gerich­te­ten Kla­ge auf Unter­las­sung schäd­li­cher Ein­wir­kun­gen nicht berück­sich­tigt wer­den.

Aus die­sem Grund hat das Lan­des­ge­richt Linz dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten im Wege des Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens die Fra­ge vor­ge­legt, ob das Ver­bot der Dis­kri­mi­nie­rung aus Grün­den der Staats­an­ge­hö­rig­keit eine der­ar­ti­ge Ungleich­be­hand­lung zulässt und ob die von den tsche­chi­schen Behör­den für den Betrieb des Kern­kraft­werks Temelín erteil­te Geneh­mi­gung in Öster­reich im Rah­men einer der­ar­ti­gen Kla­ge aner­kannt wer­den muss.

Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten bejah­te dies nun­mehr:

Der EuGH stellt zunächst fest, dass die im Kern­kraft­werk Temelín betrie­be­ne indus­tri­el­le Tätig­keit ins­be­son­de­re in den Anwen­dungs­be­reich des EAG-Ver­trags, des Ver­trag zur Grün­dung der Euro­päi­schen Atom­ge­mein­schaft, fällt.

Sodann weist der EuGH dar­auf hin, dass es sich bei den Unter­neh­men, die eine Anla­ge in einem ande­ren Mit­glied­staat betrei­ben, in der Regel um nach dem Recht die­ses Mit­glied­staats errich­te­te Unter­neh­men han­delt und dass ihre Situa­ti­on mit der von Staats­an­ge­hö­ri­gen die­ses Staa­tes ver­gleich­bar ist. Dar­aus folgt, dass die Ungleich­be­hand­lung zum Nach­teil von Anla­gen, für die in einem ande­ren Mit­glied­staat als Öster­reich eine behörd­li­che Geneh­mi­gung erteilt wur­de, als Ungleich­be­hand­lung aus Grün­den der Staats­an­ge­hö­rig­keit anzu­se­hen ist. Der Grund­satz des Ver­bots jeder Dis­kri­mi­nie­rung aus Grün­den der Staats­an­ge­hö­rig­keit stellt jedoch einen all­ge­mei­nen Grund­satz des Gemein­schafts­rechts dar, der auch im Rah­men des EAG-Ver­trags Anwen­dung fin­det.

Die Luxem­bur­ger Rich­ter erin­nern dar­an, dass die Gemein­schaft nach dem EAG-Ver­trag über eine Rege­lungs­zu­stän­dig­keit dafür ver­fügt, im Hin­blick auf den Gesund­heits­schutz ein Geneh­mi­gungs­sys­tem zu schaf­fen, das von den Mit­glied­staa­ten anzu­wen­den ist. Die Ertei­lung behörd­li­cher Geneh­mi­gun­gen für den Bau und den Betrieb von Kern­an­la­gen fällt somit in den Anwen­dungs­be­reich des EAG-Ver­trags, soweit es um den Schutz der Gesund­heit vor den Gefah­ren geht, die sich für die Bevöl­ke­rung aus ioni­sie­ren­den Strah­lun­gen erge­ben. Dem­zu­fol­ge ist die Ungleich­be­hand­lung zum Nach­teil von Kern­an­la­gen, für die in einem ande­ren Mit­glieds­staat eine behörd­li­che Geneh­mi­gung erteilt wur­de, anhand die­ses Ver­trags zu prü­fen.

Anschlie­ßend legt der Euro­päi­sche Gerichts­hof dar, dass eine Dis­kri­mi­nie­rung aus Grün­den der Staats­an­ge­hö­rig­keit nicht mit rein wirt­schaft­li­chen Grün­den wie dem Schutz der Inter­es­sen der inlän­di­schen Wirt­schafts­teil­neh­mer gerecht­fer­tigt wer­den kann.

Der EuGH weist hier­zu ins­be­son­de­re dar­auf hin, dass auf Gemein­schafts­ebe­ne Grund­nor­men für den Gesund­heits­schutz der Bevöl­ke­rung gegen die Gefah­ren ioni­sie­ren­der Strah­lun­gen fest­ge­setzt wur­den, deren Ein­hal­tung von der Kom­mis­si­on in Temelín nach dem Bei­tritt der Tsche­chi­schen Repu­blik zur Euro­päi­schen Uni­on geprüft wur­de. Im Übri­gen hat die Kom­mis­si­on die Fra­gen im Zusam­men­hang mit der Sicher­heit die­ses Kraft­werks bereits vor die­sem Bei­tritt geprüft, dazu Emp­feh­lun­gen aus­ge­spro­chen und deren Umset­zung beob­ach­tet, um die nuklea­re Sicher­heit des Kraft­werks auf das für ver­gleich­ba­re Reak­to­ren in ande­ren Mit­glied­staa­ten der Euro­päi­schen Uni­on bestehen­de Niveau anzu­he­ben.

Zudem betont der Gerichts­hof, dass die Mit­glied­staa­ten im Fall einer Funk­ti­ons­stö­rung des mit dem EAG-Ver­trag errich­te­ten Schutz­sys­tems auf Gemein­schafts­ebe­ne über ver­schie­de­ne Hand­lungs­mög­lich­kei­ten ver­fü­gen, um auf inso­weit mög­li­cher­wei­se gebo­te­ne Kor­rek­tu­ren hin­zu­wir­ken.

Unter die­sen Umstän­den kann Öster­reich nach der Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs die Dis­kri­mi­nie­rung in Bezug auf die in der Tsche­chi­schen Repu­blik für den Betrieb des Kern­kraft­werks Temelín erteil­te behörd­li­che Geneh­mi­gung nicht mit einer Beru­fung auf die Not­wen­dig­keit recht­fer­ti­gen, das Leben, die öffent­li­che Gesund­heit, die Umwelt oder das Eigen­tums­recht zu schüt­zen. Denn der bestehen­de gemein­schafts­recht­li­che Rah­men, dem die­se Geneh­mi­gung zum Teil unter­liegt, trägt in wesent­li­cher Wei­se gera­de zur Gewähr­leis­tung des Schut­zes die­ser Wer­te bei. Die genann­te Ungleich­be­hand­lung kann somit im Hin­blick auf die­se Schutz­zie­le weder als erfor­der­lich noch als ver­hält­nis­mä­ßig ange­se­hen wer­den.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten, Urteil vom 27. Okto­ber 2009 – C‑115/​08 (Land Ober­ös­ter­reich /​CEZ as)