Ver­samm­lungs­ver­bot – wegen gewalt­tä­ti­ger Gegen­de­mons­tran­ten

Wenn sich – wie dies nach den Fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts der Fall ist, von denen auch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aus­geht – der Ver­an­stal­ter und die Ver­samm­lungs­teil­neh­mer über­wie­gend fried­lich ver­hal­ten und Stö­run­gen der öffent­li­chen Sicher­heit vor­wie­gend auf Grund des Ver­hal­tens Drit­ter – ins­be­son­de­re von Gegen­de­mons­tra­tio­nen – zu befürch­ten sind, ist die Durch­füh­rung der Ver­samm­lung jedoch nach Art. 8 Abs. 1 GG grund­sätz­lich zu schüt­zen und sind behörd­li­che Maß­nah­men pri­mär gegen die Stö­rer zu rich­ten 1.

Ver­samm­lungs­ver­bot – wegen gewalt­tä­ti­ger Gegen­de­mons­tran­ten

Gegen die fried­li­che Ver­samm­lung selbst kann dann nur unter den beson­de­ren, eng aus­zu­le­gen­den Vor­aus­set­zun­gen des poli­zei­li­chen Not­stan­des ein­ge­schrit­ten wer­den 2.

Dies setzt vor­aus, dass die Ver­samm­lungs­be­hör­de mit hin­rei­chen­der Wahr­schein­lich­keit ande­ren­falls wegen der Erfül­lung vor­ran­gi­ger staat­li­cher Auf­ga­ben und trotz des Bemü­hens, gege­be­nen­falls exter­ne Poli­zei­kräf­te hin­zu­zu­zie­hen, zum Schutz der von dem Beschwer­de­füh­rer ange­mel­de­ten Ver­samm­lung nicht in der Lage wäre; eine pau­scha­le Behaup­tung die­ses Inhalts reicht aller­dings nicht 3.

Die Dar­le­gungs- und Beweis­last für das Vor­lie­gen von Grün­den für ein Ver­bot oder eine Auf­la­ge liegt bei der Behör­de 4.

Mit Art. 8 GG wäre es nicht zu ver­ein­ba­ren, dass bereits mit dem Bevor­ste­hen einer Gegen­de­mons­tra­ti­on, deren Durch­füh­rung den Ein­satz von Poli­zei­kräf­ten erfor­dern könn­te, erreicht wer­den kann, dass dem Ver­an­stal­ter der ange­mel­de­ten Ver­samm­lung die Mög­lich­keit genom­men wird, sein Demons­tra­ti­ons­an­lie­gen zu ver­wirk­li­chen. Des­halb muss vor­ran­gig ver­sucht wer­den, den Schutz der Ver­samm­lung auf ande­re Wei­se durch­zu­set­zen.

Der Staat darf ins­be­son­de­re nicht dul­den, dass fried­li­che Demons­tra­tio­nen einer bestimm­ten poli­ti­schen Rich­tung durch gewalt­tä­ti­ge Gegen­de­mons­tra­tio­nen ver­hin­dert wer­den.

Dro­hen Gewalt­ta­ten als Gegen­re­ak­ti­on auf Ver­samm­lun­gen, so ist es Auf­ga­be der zum Schutz der rechts­staat­li­chen Ord­nung beru­fe­nen Poli­zei, in unpar­tei­ischer Wei­se auf die Ver­wirk­li­chung der Ver­samm­lungs­frei­heit für alle Grund­rechts­trä­ger hin­zu­wir­ken und die poli­zei­li­chen Mit­tel und Kräf­te bereit­zu­stel­len bzw. erfor­der­li­chen­falls im Wege der Amts­hil­fe zu orga­ni­sie­ren, um die­ses Ziel zu errei­chen 5. Der Bund und die Län­der sind gege­be­nen­falls zur Amts­hil­fe ver­pflich­tet. Im Regel­fall muss und wird es des­halb mög­lich sein, eine Ver­samm­lung, die früh­zei­tig ange­mel­det wur­de, vor Angrif­fen Drit­ter zu schüt­zen und so deren Durch­füh­rung sicher­zu­stel­len.

Las­sen sich ange­sichts nicht vor­her­seh­ba­rer Ent­wick­lun­gen oder außer­ge­wöhn­li­cher Umstän­de im Ein­zel­fall die zur Auf­recht­erhal­tung der öffent­li­chen Sicher­heit benö­tig­ten Poli­zei­kräf­te am Ver­an­stal­tungs­tag auch unter Hin­zu­zie­hung exter­ner Kräf­te nicht recht­zei­tig bereit­stel­len, ver­langt eine ver­hält­nis­mä­ßi­ge Beschrän­kung des Art. 8 Abs. 1 GG auch die Prü­fung einer zeit­li­chen Ver­schie­bung der Ver­samm­lung anstel­le eines Ver­bots als mil­de­res Mit­tel.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 11. Sep­tem­ber 2015 – 1 BvR 2211/​15

  1. vgl. BVerfGE 69, 315, 360 f.; BVerfGK 8, 79, 81[]
  2. vgl. BVerfGE 69, 315, 360 f.; BVerfGK 17, 303, 308[]
  3. BVerfGK 8, 79, 82; BVerfG, Beschluss vom 20.12 2012 – 1 BvR 2794/​10, NVwZ 2013, S. 570, 571[]
  4. BVerfGK 17, 303, 308[]
  5. vgl. BVerfGK 8, 79, 81[]