Die über­gangs­wei­se Ver­let­zung von EU-Grund­frei­hei­ten

Eine über­gangs­wei­se An­wen­dung mit­glied­staat­li­cher, die Grund­frei­hei­ten ver­let­zen­der Vor­schrif­ten kommt nur in Be­tracht, so­weit das Uni­ons­recht selbst eine sol­che An­wen­dung zu­lässt.

Die über­gangs­wei­se Ver­let­zung von EU-Grund­frei­hei­ten

Die Fra­ge, ob der Anwen­dungs­vor­rang der Grund­frei­hei­ten mit inner­staat­lich bin­den­der Wir­kung auch für die bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt­lich zuge­stan­de­ne Über­gangs­zeit bejaht wer­den durf­te, ist nach Ansicht des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts auf der Grund­la­ge der bis­he­ri­gen uni­ons- und bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung ohne Wei­te­res zu beja­hen:

Als pri­mär­recht­li­che Gewähr­leis­tun­gen bin­den die Grund­frei­hei­ten die Mit­glied­staa­ten der Uni­on im defi­nier­ten per­sön­li­chen und sach­li­chen Anwen­dungs­be­reich unmit­tel­bar, und zwar auch außer­halb der bereits durch sekun­dä­res Uni­ons­recht har­mo­ni­sier­ten Rege­lungs­be­rei­che. Ihr Anwen­dungs­vor­rang schließt eine Anwen­dung grund­frei­heits­wid­ri­ger Rege­lun­gen prin­zi­pi­ell aus 1. Eine über­gangs­wei­se Anwen­dung mit­glied­staat­li­cher, die Grund­frei­hei­ten ver­let­zen­der Vor­schrif­ten kommt daher nur in Betracht, soweit das Uni­ons­recht selbst eine sol­che Anwen­dung zulässt, etwa aus zwin­gen­den Erwä­gun­gen der Rechts­si­cher­heit, die der Gerichts­hof im Fall des Sport­wet­ten­mo­no­pols ver­neint hat 2. Die­se Recht­spre­chung hält sich im Rah­men sei­ner uni­ons­recht­li­chen Kom­pe­ten­zen und ist auch nicht mit ver­fas­sungs­recht­li­chen Erwä­gun­gen in Zwei­fel zu zie­hen.

Der Grund­satz der begrenz­ten Ein­zel­er­mäch­ti­gung nach Art. 5 EUV zeigt inso­weit kei­ne klä­rungs­be­dürf­ti­gen Fra­gen auf. Art. 5 EUV ver­bie­tet der Uni­on, ihre Kom­pe­ten­zen über den Kreis der ihr jeweils nach Art. 23 Abs. 1 GG über­tra­ge­nen Hoheits­rech­te hin­aus aus­zu­deh­nen. Die ver­trag­lich begrün­de­te Recht­spre­chungs­kom­pe­tenz des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on nach Art. 267 AEUV schließt die Befug­nis ein, den Anwen­dungs­vor­rang der Grund­frei­hei­ten und die Vor­aus­set­zun­gen einer über­gangs­wei­sen Anwen­dung sie ver­let­zen­der mit­glied­staat­li­cher Vor­schrif­ten zu kon­kre­ti­sie­ren. Dass der Anwen­dungs­vor­rang von den mit­glied­staat­li­chen Gerich­ten aller Instan­zen zu beach­ten ist, ergibt sich aus der Bin­dung der Mit­glied­staa­ten an den Ver­trag, der als supra­na­tio­na­les Pri­mär­recht kei­ner Trans­for­ma­ti­on bedarf, und aus der Bin­dung der Gerich­te an das gel­ten­de Recht, zu dem auch das Uni­ons­recht zählt. Art. 100 GG greift nicht ein, da weder die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit der Norm noch das Ver­wer­fungs­mo­no­pol des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts in Fra­ge steht. Eine uni­ons­rechts­wid­ri­ge und des­halb im kon­kre­ten Fall unan­wend­ba­re Norm wird wegen des Uni­ons­rechts­ver­sto­ßes nicht für nich­tig erklärt.

Ver­fas­sungs­recht­li­che Grund­satz­fra­gen lie­ßen sich an das uni­ons­ge­richt­li­che Ver­nei­nen einer über­gangs­wei­sen Anwend­bar­keit der grund­frei­heits­wid­ri­gen Mono­pol­re­ge­lung nur knüp­fen, wenn dar­ge­legt wür­de, dass die Über­tra­gung der ihr zugrun­de lie­gen­den Recht­spre­chungs­kom­pe­tenz auf den Gerichts­hof den inte­gra­ti­ons­fes­ten, die Iden­ti­tät der Ver­fas­sung prä­gen­den Kern­be­reich von Hoheits­be­fug­nis­sen beein­träch­tig­te 3 oder dass sich die Wahr­neh­mung die­ser Kom­pe­tenz durch den Gerichts­hof im kon­kre­ten Fall als eine hin­rei­chend qua­li­fi­zier­te, näm­lich offen­sicht­li­che und struk­tu­rell bedeut­sa­me Miss­ach­tung der Kom­pe­tenz­gren­zen dar­stell­te 4.

Die Bin­dung der Gerich­te an Recht und Gesetz schließt die Bin­dung an das die Mit­glied­staa­ten ver­pflich­ten­de Uni­ons­recht ein. Die gericht­li­che Durch­set­zung der uni­ons­recht­li­chen Grund­frei­hei­ten ist Teil des ver­fas­sungs­recht­lich gewähr­leis­te­ten effek­ti­ven (Individual-)Rechtsschutzes (Art.19 Abs. 4 GG), steht also nicht im Wider­spruch zur Auf­ga­be der Ver­wal­tungs­ge­rich­te, den Schutz sub­jek­ti­ver Rech­te zu gewäh­ren.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 17. Okto­ber 2012 – 8 B 47.12

  1. EuGH, Urteil vom 08.09.2010 – C‑409/​06 [Win­ner Wet­ten], Slg. 2010, I‑08015 Rn. 53 ff.[]
  2. EuGH, Urteil vom 08.09.2010 a.a.O. Rn. 67, 69; zur Zuläs­sig­keit einer staats­ver­trag­li­chen Über­gangs­re­ge­lung vgl. EuGH, Urteil vom 08.09.2010 – C‑46/​08 [Car­men Media Group], Slg. 2010, I‑08149 Rn. 106 ff.[]
  3. vgl. BVerfG, Urteil vom 30.06.2009 – 2 BvE 2/​08 u.a., BVerfGE 123, 267, 353 f.[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 06.07.2010 – 2 BvR 2661/​06, BVerfGE 126, 286, 301 ff.[]