Spra­chen­dis­kri­mi­nie­rung bei Stel­len­aus­schrei­bun­gen der EU

Die Ver­öf­fent­li­chung der EU-Stel­len­aus­schrei­bun­gen in drei Spra­chen und die Ver­pflich­tung, die Aus­wahl­prü­fun­gen in einer die­ser Spra­chen zu absol­vie­ren, stel­len nach einem aktu­el­len Urteil des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on eine Dis­kri­mi­nie­rung auf­grund der Spra­che dar. Die Beschrän­kung der Wahl der zwei­ten Spra­che eines Aus­wahl­ver­fah­rens muss auf kla­ren, objek­ti­ven und vor­her­seh­ba­ren Kri­te­ri­en beru­hen.

Spra­chen­dis­kri­mi­nie­rung bei Stel­len­aus­schrei­bun­gen der EU

Im Febru­ar und im Mai 2007 ver­öf­fent­lich­te das European Per­son­nel Selec­tion Office (EPSO), die mit der Durch­füh­rung der Ein­stel­lungs­ver­fah­ren für Beam­te der Euro­päi­schen Uni­on betrau­te Stel­le1, Bekannt­ma­chun­gen von Aus­wahl­ver­fah­ren für Beam­te der Funk­ti­ons­grup­pen Admi­nis­tra­ti­on und Assis­tenz im Bereich Infor­ma­ti­on, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Medi­en2. Die­se Stel­len­aus­schrei­bun­gen wur­den im Amts­blatt der Euro­päi­schen Uni­on in Deutsch, Eng­lisch und Fran­zö­sisch ver­öf­fent­licht. Als Zulas­sungs­be­din­gung und für den Ablauf der Zulas­sungs­tests wur­de eine gründ­li­che Kennt­nis einer EU-Amts­spra­che als Haupt­spra­che und eine aus­rei­chen­de Kennt­nis der deut­schen, der eng­li­schen oder der fran­zö­si­schen Spra­che als zwei­te Spra­che, die nicht mit der Haupt­spra­che iden­tisch sein durf­te, ver­langt. Außer­dem war – gemäß der Ver­ord­nung (EWG) Nr. 1 des Rates vom 15. April 1958 zur Rege­lung der Spra­chen­fra­ge für die Euro­päi­sche Wirt­schafts­ge­mein­schaft3 – vor­ge­se­hen, dass die Ein­la­dun­gen, der Schrift­ver­kehr zwi­schen dem EPSO und den Bewer­bern und die Zulas­sungs­tests aus­schließ­lich in deut­scher, eng­li­scher oder fran­zö­si­scher Spra­che erfol­gen. Das­sel­be galt für die Zulas­sung zu den schrift­li­chen Prü­fun­gen und für deren Ablauf.

Im Juni und im Juli 2007 ver­öf­fent­lich­te das EPSO im Amts­blatt – in allen Sprach­fas­sun­gen – eine Aktua­li­sie­rung und eine Ände­rung, in denen auf die voll­stän­di­ge Fas­sung der bereits in Deutsch, Eng­lisch und Fran­zö­sisch ver­öf­fent­lich­ten Stel­len­aus­schrei­bun­gen ver­wie­sen und eine neue Anmel­de­frist gesetzt wur­de.

Dar­auf­hin erhob Ita­li­en beim Gericht der Euro­päi­schen Uni­on Kla­gen gegen die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on auf Nich­tig­erklä­rung der Stel­len­aus­schrei­bun­gen. Es bean­stan­de­te im Wesent­li­chen das Feh­len einer voll­stän­di­gen Ver­öf­fent­li­chung der Stel­len­aus­schrei­bun­gen in den ande­ren Amts­spra­chen außer Deutsch, Eng­lisch und Fran­zö­sisch und die will­kür­li­che Beschrän­kung der Wahl der zwei­ten Spra­che für die Teil­nah­me an den Aus­wahl­ver­fah­ren, für die Kon­tak­te mit dem EPSO und für den Ablauf der Prü­fun­gen auf nur drei Spra­chen.

Das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on wies die­se Kla­gen ab4, woge­gen Ita­li­en beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Rechts­mit­tel ein­leg­te und gel­tend mach­te, das Euro­päi­sche Gericht habe dadurch, dass es die Gül­tig­keit der Stel­len­aus­schrei­bun­gen bestä­tigt habe, einen Rechts­feh­ler began­gen.

Beim Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on kann ein auf Rechts­fra­gen beschränk­tes Rechts­mit­tel gegen ein Urteil oder einen Beschluss des Gerichts der Euro­päi­schen Uni­on ein­ge­legt wer­den. Das Rechts­mit­tel hat grund­sätz­lich kei­ne auf­schie­ben­de Wir­kung. Ist das Rechts­mit­tel zuläs­sig und begrün­det, hebt der Euro­päi­sche Gerichts­hof die Ent­schei­dung des Euro­päi­schen Gerichts auf. Ist die Rechts­sa­che zur Ent­schei­dung reif, kann der Euro­päi­sche Gerichts­hof den Rechts­streit selbst ent­schei­den. Andern­falls ver­weist er die Rechts­sa­che an das Gericht der Euro­päi­schen zurück, das an die Rechts­mit­tel­ent­schei­dung des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on gebun­den ist.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil befasst sich der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on als Ers­tes mit dem Feh­len der voll­stän­di­gen Ver­öf­fent­li­chung der Stel­len­aus­schrei­bun­gen in allen Amts­spra­chen. Er weist dar­auf hin, dass nach der Rege­lung der Spra­chen­fra­ge der Euro­päi­schen Uni­on die der­zei­ti­gen 23 Spra­chen der Uni­on – näm­lich Bul­ga­risch, Dänisch, Deutsch, Eng­lisch, Est­nisch, Fin­nisch, Fran­zö­sisch, Grie­chisch, Irisch, Ita­lie­nisch, Let­tisch, Litau­isch, Mal­te­sisch, Nie­der­län­disch, Pol­nisch, Por­tu­gie­sisch, Rumä­nisch, Schwe­disch, Slo­wa­kisch, Slo­we­nisch, Spa­nisch, Tsche­chisch und Unga­risch – Amts- und Arbeits­spra­chen der Orga­ne der Uni­on sind, dass das Amts­blatt der Euro­päi­schen Uni­on in allen Amts­spra­chen erschei­nen muss und dass all­ge­mei­ne Stel­len­aus­schrei­bun­gen nach dem Beam­ten­sta­tut5 im Amts­blatt. zu ver­öf­fent­li­chen sind.

Aus die­sen Regeln folgt ins­ge­samt, dass die strei­ti­gen Stel­len­aus­schrei­bun­gen voll­stän­dig in allen Amts­spra­chen hät­ten ver­öf­fent­licht wer­den müs­sen. Da die genann­ten Bestim­mun­gen kei­ne Aus­nah­me vor­se­hen, hat das Gericht der Euro­päi­schen Uni­on mit sei­ner Ent­schei­dung, dass die spä­te­re Ver­öf­fent­li­chung der Aktua­li­sie­rung und der Ände­rung das Feh­len der voll­stän­di­gen Ver­öf­fent­li­chung geheilt habe, einen Rechts­feh­ler began­gen.

Davon aus­ge­hend, dass die Uni­ons­bür­ger das Amts­blatt in ihrer Mut­ter­spra­che lesen und die­se einer der Amts­spra­chen der Uni­on ist, hät­te ein poten­zi­el­ler Bewer­ber, des­sen Mut­ter­spra­che nicht eine der drei Spra­chen ist, in der die Stel­len­aus­schrei­bun­gen voll­stän­dig ver­öf­fent­licht wur­den, sich das Amts­blatt jeden­falls in einer die­ser Spra­chen beschaf­fen und in die­ser Spra­che lesen müs­sen, bevor er über sei­ne Teil­nah­me an einem der Aus­wahl­ver­fah­ren ent­schied. Ein sol­cher Bewer­ber war mit­hin gegen­über einem Bewer­ber mit Eng­lisch, Fran­zö­sisch oder Deutsch als Mut­ter­spra­che sowohl hin­sicht­lich des Ver­ste­hens der Aus­schrei­bun­gen als auch hin­sicht­lich der Frist zur Vor­be­rei­tung und Absen­dung einer Anmel­dung benach­tei­ligt.

Als Zwei­tes prüft der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die Beschrän­kung der Wahl der zwei­ten Spra­che für die Teil­nah­me an einem Aus­wahl­ver­fah­ren. Er stellt fest, dass eine sol­che Beschrän­kung durch das dienst­li­che Inter­es­se gerecht­fer­tigt sein kann. Die Regeln, mit denen die Wahl der zwei­ten Spra­che ein­ge­schränkt wird, müs­sen kla­re, objek­ti­ve und vor­her­seh­ba­re Kri­te­ri­en vor­se­hen, so dass die Bewer­ber recht­zei­tig im Vor­aus wis­sen, wel­che Anfor­de­run­gen an die Sprach­kennt­nis­se gestellt wer­den, und sich opti­mal auf die Aus­wahl­ver­fah­ren vor­be­rei­ten kön­nen.

Die Orga­ne, die die Stel­len­aus­schrei­bun­gen betref­fen, haben aber nie inter­ne Regeln erlas­sen, mit denen sie fest­ge­legt hät­ten, wie die Rege­lung der Spra­chen­fra­ge bei ihnen im Ein­zel­nen anzu­wen­den ist. Die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on hat auch nicht dar­ge­tan, dass Rechts­ak­te wie Mit­tei­lun­gen exis­tier­ten, in denen die Kri­te­ri­en für die Beschrän­kung der Wahl einer Spra­che als zwei­te Spra­che für die Teil­nah­me an den Aus­wahl­ver­fah­ren fest­ge­legt sind. Schließ­lich ent­hiel­ten die strei­ti­gen Stel­len­aus­schrei­bun­gen kei­ne Begrün­dung für die Aus­wahl der drei aus­ge­wähl­ten Spra­chen.

Damit sich die EU-Orga­ne die bes­ten Bewer­ber (in Bezug auf Befä­hi­gung, Leis­tung und Inte­gri­tät) sichern kön­nen, kann es bes­ser sein, wenn die­se ihre Aus­wahl­prü­fun­gen in ihrer Mut­ter­spra­che oder in der zwei­ten Spra­che, die sie am Bes­ten beherr­schen, absol­vie­ren dür­fen. Im Übri­gen spie­len die Sprach­kennt­nis­se eine wesent­li­che Rol­le bei der Kar­rie­re der Beam­ten, und die Orga­ne kön­nen die Anstren­gun­gen über­prü­fen, die die­se unter­neh­men, um sie anzu­wen­den oder mög­li­cher­wei­se wei­te­re zu erwer­ben. Die Orga­ne der EU haben also einer­seits die Begren­zung der Spra­chen des Aus­wahl­ver­fah­rens und ande­rer­seits das Ziel, die Kan­di­da­ten zu ermit­teln, die in Bezug auf ihre Befä­hi­gung höchs­ten Ansprü­chen genü­gen, und die Mög­lich­kei­ten für die ein­ge­stell­ten Beam­ten, die für das dienst­li­che Inter­es­se erfor­der­li­chen Spra­chen zu erler­nen, zum Aus­gleich zu brin­gen.

Folg­lich hebt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on das Urteil des Gerichts ers­ter Instanz auf. Er ent­schei­det selbst end­gül­tig über den Rechts­streit und erklärt die all­ge­mei­nen Stel­len­aus­schrei­bun­gen für nich­tig. Aller­dings wer­den die Ergeb­nis­se der Aus­wahl­ver­fah­ren, um das berech­tig­te Ver­trau­en der aus­ge­wähl­ten Bewer­ber zu schüt­zen, nicht in Fra­ge gestellt.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 27. Novem­ber 2012 – C‑566/​10 P [Ita­li­en /​Kom­mis­si­on]

  1. Beschluss 2002/​620/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments, des Rates, der Kom­mis­si­on, des Gerichts­hofs, des Rech­nungs­hofs, des Wirt­schafts- und Sozi­al­aus­schus­ses, des Aus­schus­ses der Regio­nen und des Euro­päi­schen Bür­ger­be­auf­trag­ten vom 25. Juli 2002, ABl.EU L 197, S. 53 []
  2. Aus­wahl­ver­fah­ren EPSO/​AD/​94/​07, EPSO/​AST/​37 und EPSO/​AD/​95/​07 []
  3. ABl. 1958, Nr. 17, S. 385 []
  4. EuG, Urteil vom 13.09.2010 – T‑166/​07 und T‑285/​07 []
  5. Sta­tut der Beam­ten der Euro­päi­schen Gemein­schaf­ten in der durch die Ver­ord­nung (EG, Eura­tom) Nr. 723/​2004 des Rates vom 22. März 2004, ABl. L 124, S. 1, geän­der­ten Fas­sung []