Beschwer­de­be­fug­nis naher Ange­hö­ri­ger – und die Fra­ge der Ent­las­sung des Betreu­ers

Die Beschwer­de­be­fug­nis naher Ange­hö­ri­ger nach § 303 Abs. 2 Nr. 1 FamFG erstreckt sich auch auf eine betreu­ungs­ge­richt­li­che Ent­schei­dung, mit der die Ent­las­sung eines Betreu­ers nach § 1908 b BGB abge­lehnt wor­den ist 1.

Beschwer­de­be­fug­nis naher Ange­hö­ri­ger – und die Fra­ge der Ent­las­sung des Betreu­ers

Nach § 303 Abs. 2 Nr. 1 FamFG steht unter ande­rem den Geschwis­tern des Betrof­fe­nen das Recht der Beschwer­de gegen eine von Amts wegen ergan­ge­ne Ent­schei­dung im Inter­es­se des Betrof­fe­nen zu, wenn sie im ers­ten Rechts­zug an dem Ver­fah­ren betei­ligt wur­den. Eine aus­drück­li­che Beschrän­kung der Beschwer­de­be­fug­nis naher Ange­hö­ri­ger auf bestimm­te Arten von betreu­ungs­recht­li­chen Ent­schei­dun­gen ergibt sich aus dem Wort­laut der Vor­schrift nicht. Der enge sys­te­ma­ti­sche Zusam­men­hang der Rege­lung mit § 303 Abs. 1 FamFG, der die mög­li­chen Ver­fah­rens­ge­gen­stän­de von Ent­schei­dun­gen bestimmt, in denen eine Beschwer­de­be­fug­nis der zustän­di­gen Behör­de gege­ben ist, deu­tet jedoch dar­auf hin, dass sich die Beschwer­de­be­fug­nis des in § 303 Abs. 2 Nr. 1 FamFG genann­ten Per­so­nen­krei­ses auch auf die­se Ver­fah­ren bezieht 2. Dafür spricht auch, dass die Beschwer­de­be­fug­nis der pri­vi­le­gier­ten Ange­hö­ri­gen nach § 303 Abs. 2 Nr. 2 FamFG von deren for­mel­ler Betei­li­gung im erst­in­stanz­li­chen Ver­fah­ren abhän­gig ist 3. Eine Betei­li­gung naher Ange­hö­ri­ger eines Betrof­fe­nen ist nach § 274 Abs. 4 Nr. 1 FamFG nur in den betreu­ungs­recht­li­chen Ver­fah­ren mög­lich, in denen nach § 274 Abs. 3 Nr. 1 und 2 FamFG die Betreu­ungs­be­hör­de auf ihren Antrag betei­ligt wer­den muss. Die­ser Rege­lungs­zu­sam­men­hang bewirkt, dass die Beschwer­de­be­rech­ti­gung naher Ange­hö­ri­ger in den betreu­ungs­recht­li­chen Ver­fah­ren besteht, auf die sich auch das Betei­li­gungs­recht der Betreu­ungs­be­hör­de und deren Beschwer­de­be­rech­ti­gung erstreckt 4. Hier­zu zählt das Ver­fah­ren über die Ent­las­sung eines Betreu­ers bei fort­be­stehen­der Betreu­ung nach § 1908 b Abs. 1 BGB, weil es sich hier­bei um ein Ver­fah­ren über den Bestand einer Betreu­er­be­stel­lung nach § 274 Abs. 3 Nr. 2 FamFG han­delt 5. Folg­lich steht den in § 303 Abs. 2 Nr. 1 FamFG genann­ten Per­so­nen eine Beschwer­de­be­rech­ti­gung zu, wenn ein von ihnen ange­reg­ter Betreu­er­wech­sel vom Amts­ge­richt abge­lehnt wor­den ist 6.

Unzu­tref­fend ist daher die Annah­me, dass mit der Neu­re­ge­lung in § 303 Abs. 2 FamFG die Beschwer­de­be­fug­nis naher Ange­hö­ri­ger gegen­über dem frü­he­ren Recht kei­ne Ver­än­de­rung erfah­ren habe und folg­lich nur dann bestehe, wenn das Betreu­ungs­ge­richt einen Betreu­er aus wich­ti­gem Grund ent­las­sen und einen nahen Ange­hö­ri­gen bei der Aus­wahl des neu­en Betreu­ers nach § 1897 Abs. 5 BGB über­gan­gen habe. Die­se Auf­fas­sung ent­spricht zwar der vor dem Inkraft­tre­ten des Geset­zes über das Ver­fah­ren in Fami­li­en­sa­chen und in den Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit ergan­ge­nen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zur Beschwer­de­be­fug­nis naher Ange­hö­ri­ger des Betreu­ten bei der Aus­wahl des Betreu­ers 7. Die­se Recht­spre­chung beruh­te jedoch maß­geb­lich auf der Erwä­gung, dass durch die Ver­wei­sung in § 69 i Abs. 8 FGG, der aus­drück­lich die Bestel­lung eines neu­en Betreu­ers nach § 1908 c BGB anführ­te, auf die Vor­schrift über die Beschwer­de in Betreu­ungs­sa­chen (§ 69 g Abs. 1 FGG) ein Beschwer­de­recht naher Ange­hö­ri­ger nur begrün­det wor­den ist, wenn das Amts­ge­richt die Ent­las­sung eines bestell­ten Betreu­ers aus­ge­spro­chen hat. § 1908 b BGB, der die Vor­aus­set­zun­gen einer Ent­las­sung des Betreu­ers regelt, wur­de in § 69 i Abs. 7 FGG genannt, ohne dass dort aus­drück­lich oder durch eine Ver­wei­sung die Beschwer­de­be­fug­nis gere­gelt wur­de. Dar­aus hat­te der Bun­des­ge­richts­hof geschlos­sen, dass sich die Beschwer­de­be­rech­ti­gung gegen die Ableh­nung einer Ent­las­sung des Betreu­ers allein nach § 20 FGG rich­te­te 7.

Die­se Recht­spre­chung kann nach der Neu­re­ge­lung der Beschwer­de­be­rech­ti­gung naher Ange­hö­ri­ger in § 303 Abs. 2 Nr. 1 FamFG nicht mehr auf­recht­erhal­ten wer­den. Der Kreis der Ent­schei­dun­gen, die Gegen­stand einer Beschwer­de des durch § 303 Abs. 2 Nr. 1 FamFG pri­vi­le­gier­ten Per­so­nen­krei­ses sein kön­nen, hat durch die Neu­re­ge­lung in glei­chem Umfang eine Erwei­te­rung erfah­ren wie das Betei­li­gungs- und Beschwer­de­recht der Betreu­ungs­be­hör­de durch die Rege­lun­gen in § 303 Abs. 1 FamFG und § 274 Abs. 3 FamFG 4. Des­halb erstreckt sich die Beschwer­de­be­fug­nis naher Ange­hö­ri­ger nach § 303 Abs. 2 Nr. 1 FamFG auch auf eine betreu­ungs­ge­richt­li­che Ent­schei­dung, mit der die Ent­las­sung eines Betreu­ers nach § 1908 b BGB abge­lehnt wor­den ist 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 7. Mai 2014 – XII ZB 138/​13

  1. Abgren­zung zu BGH, Beschluss BGHZ 132, 157 = Fam­RZ 1996, 607[]
  2. vgl. Keidel/​Budde FamFG 18. Aufl. § 303 Rn.19; Münch­Komm-FamFG/­Schmidt-Rec­la 2. Aufl. § 303 Rn. 4[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 30.03.2011 XII ZB 692/​10 Fam­RZ 2011, 966 Rn. 9; Keidel/​Budde FamFG 18. Aufl. § 303 Rn. 26[]
  4. Keidel/​Budde FamFG 18. Aufl. § 303 Rn.19[][]
  5. Keidel/​Budde FamFG 18. Aufl. § 274 Rn. 11; Jürgens/​Kretz Betreu­ungs­recht 5. Aufl. § 274 FamFG Rn. 10; vgl. auch BT-Drs. 16/​6308 S. 265[]
  6. Keidel/​Budde FamFG 18. Aufl. § 303 Rn.19; Jürgens/​Kretz Betreu­ungs­recht 5. Aufl. § 303 FamFG Rn. 3; Prütting/​Helms/​Fröschle FamFG 3. Aufl. § 303 Rn. 24[]
  7. BGH, Beschluss BGHZ 132, 157, 160 = Fam­RZ 1996, 607, 608[][]
  8. vgl. auch BT-Drs. 16/​6308 S. 265[]