Die Ver­jäh­rung und der Ver­fah­rens­pfle­ger

Der Ver­fah­rens­pfle­ger kann für den Betreu­ten nicht die Ein­re­de der Ver­jäh­rung erhe­ben.

Die Ver­jäh­rung und der Ver­fah­rens­pfle­ger

Gemäß § 276 Abs. 1 Satz 1 FamFG hat das Gericht dem Betreu­ten einen Ver­fah­rens­pfle­ger zu bestel­len, wenn dies zur Wahr­neh­mung der Inter­es­sen des Betreu­ten erfor­der­lich ist. Die vor­ran­gi­ge Auf­ga­be des Ver­fah­rens­pfle­gers besteht dar­in, gegen­über dem Gericht den Wil­len des Betreu­ten kund­zu­tun und des­sen aus Art. 103 Abs. 1 GG fol­gen­den Anspruch auf recht­li­ches Gehör zu ver­wirk­li­chen 1. Aus die­ser Auf­ga­ben­stel­lung folgt, dass ein Ver­fah­rens­pfle­ger vor allem dann zu bestel­len ist, wenn der Betreu­te nicht mehr in der Lage ist, sei­nen Wil­len kund­zu­tun bzw. einen frei­en Wil­len über­haupt noch zu bil­den 2.

Wie sei­ne Bezeich­nung in § 276 FamFG zu erken­nen gibt, hat der Ver­fah­rens­pfle­ger die recht­li­chen Inter­es­sen des Betreu­ten im Ver­fah­ren wahr­zu­neh­men bzw. zur Gel­tung zu brin­gen. Anders als der Betreu­er in den jewei­li­gen Auf­ga­ben­krei­sen gemäß § 1902 BGB ist er jedoch nicht (gesetz­li­cher) Ver­tre­ter des Betreu­ten 3.

Bei der Ein­re­de der Ver­jäh­rung han­delt es sich um eine Ein­re­de im mate­ri­el­len Sin­ne 4. Sie ändert die mate­ri­el­le Rechts­la­ge und weist damit einen rechts­ge­schäfts­ähn­li­chen Cha­rak­ter auf 5. Des­halb kann die Ein­re­de grund­sätz­lich nur der Schuld­ner bzw. sein gesetz­li­cher Ver­tre­ter erhe­ben 6.

Dem steht nicht etwa der Umstand ent­ge­gen, dass auch der Streit­hel­fer im Zivil­pro­zess gemäß §§ 66, 67 ZPO für die Haupt­par­tei die Ein­re­de der Ver­jäh­rung erhe­ben kann 7. Denn die Beson­der­heit beim Streit­hel­fer besteht dar­in, dass er durch die zu tref­fen­de Ent­schei­dung in sei­ner eige­nen Rechts­stel­lung betrof­fen wird und der Gesetz­ge­ber ihm des­halb in § 67 ZPO aus­drück­lich die Befug­nis ein­ge­räumt hat, Angriffs- und Ver­tei­di­gungs­mit­tel, damit also auch mate­ri­el­le Ein­re­den für die Haupt­par­tei gel­tend zu machen 8. Aus den glei­chen Grün­den kann auch der Bür­ge nach § 768 BGB die dem Haupt­schuld­ner zuste­hen­den Ein­re­den gel­tend machen.

Fest­stel­lun­gen dazu, ob die Betreue­rin des Betrof­fe­nen als sei­ne gesetz­li­che Ver­tre­te­rin für ihn die Ein­re­de der Ver­jäh­rung erho­ben hat, fin­den sich in der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung indes­sen nicht. Zwar darf das Gericht nicht ohne wei­te­res auf die Gel­tend­ma­chung der Ver­jäh­rungs­ein­re­de hin­wir­ken 9. Nach­dem sich aber der Ver­fah­rens­pfle­ger – wenn auch in nicht wirk­sa­mer Wei­se – bereits zuguns­ten des Betrof­fe­nen auf die Ein­re­de der Ver­jäh­rung beru­fen hat, hät­te das Gericht wei­te­re Fest­stel­lun­gen zur wirk­sa­men Erhe­bung der Ver­jäh­rungs­ein­re­de (etwa durch die Betreue­rin) tref­fen müs­sen.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 22. August 2012 – XII ZB 474/​11

  1. BT-Drucks. 15/​2494 S. 41[]
  2. BGH, Beschluss vom 29.06.2011 – XII ZB 199/​11, Fam­RZ 2011, 1577 Rn. 7 f. mwN[]
  3. Keidel/​Budde FamFG 17. Aufl. § 276 Rn. 27; Münch­Komm-ZPO/­Schmidt-Rec­la 3. Aufl. § 276 FamFG Rn. 3; Haußleiter/​Heidebach FamFG § 276 Rn. 1; Hahne/​Munzig/​Bohnert Beck-OK FamFG § 276 Rn. 8[]
  4. Wer­ne­cke JA 2004, 331; Münch­Komm-BGB/Gro­the 6. Aufl. § 214 Rn. 4[]
  5. BGHZ 184, 128 = Fam­RZ 2010, 887 Rn. 29 mwN; s. auch Münch­Komm-BGB/Gro­the 6. Aufl. § 214 Rn. 4; Peters/​Jacoby in Stau­din­ger BGB [2009] § 214 Rn. 6[]
  6. vgl. BGHZ 131, 376 = NJW 1996, 1060, 1061[]
  7. s. dazu BGH Urteil vom 23.10.1984 III ZR 230/​82VersR 1985, 80 f.; Münch­Komm-ZPO/­Schul­tes 3. Aufl. § 67 Rn. 5; Musielak/​Weth ZPO 9. Aufl. § 67 Rn. 6[]
  8. Münch­Komm-ZPO/­Schul­tes 3. Aufl. § 67 Rn. 5; Musielak/​Weth ZPO 9. Aufl. § 67 Rn. 6[]
  9. s. BGHZ 156, 269 = NJW 2004, 164[]