Die wesent­lich ver­zö­ger­te Gut­ach­ten­er­stel­lung in Kind­schafts­sa­chen – und die Kostensanktion

Im Rah­men der iso­lier­ten Anfech­tung von Kos­ten­ent­schei­dun­gen in Fami­li­en­sa­chen, die auf der Aus­übung des tatrich­ter­li­chen Ermes­sens beru­hen, über­prüft das – grund­sätz­lich auf die Kon­trol­le auf Ermes­sens­feh­ler beschränk­te – Beschwer­de­ge­richt unein­ge­schränkt das tat­be­stand­li­che Vor­lie­gen eines der Fäl­le nach §§ 81 Abs. 2, 150 Abs. 4 Satz 2 bzw. 243 Satz 2 FamFG.

Die wesent­lich ver­zö­ger­te Gut­ach­ten­er­stel­lung in Kind­schafts­sa­chen – und die Kostensanktion

Die Vor­aus­set­zun­gen dafür, gemäß § 81 Abs. 2 Nr. 4 FamFG die Kos­ten eines Umgangs­ver­fah­rens einem ver­fah­rens­be­tei­lig­ten Eltern­teil allein auf­zu­er­le­gen, kön­nen dar­in vor­lie­gen, daß die­ser die Erstel­lung des ange­ord­ne­ten Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens durch die Ver­wei­ge­rung zeit­na­her Explo­ra­ti­ons­ter­mi­ne wesent­lich ver­zö­gert hat (hier: Ver­ein­ba­rung von Ter­mi­nen für einen Zeit­punkt erst mehr als fünf Mona­te nach Kennt­nis vom Beweis­be­schluß und dar­auf beru­hen­der Dau­er der Gut­ach­ten­er­stel­lung von mehr als neun Monaten).

§ 58 FamFG eröff­net die Beschwer­de auch gegen iso­lier­te Kos­ten­ent­schei­dun­gen in fG-Fami­li­en­sa­chen, bei denen es sich im Sin­ne von § 38 FamFG um End­ent­schei­dun­gen han­delt, ohne daß es inso­fern einer Min­dest­be­schwer gemäß § 61 Abs.1 FamFG bedürfte.

Die nach den beson­de­ren Bestim­mun­gen des FamFG zu tref­fen­den Kos­ten­ent­schei­dun­gen gemäß § 81 FamFG (bzw. ent­spre­chend §§ 150, 243 FamFG) beru­hen durch­wegs auf einer aus­drück­lich dem Tatrich­ter über­tra­ge­nen Ermes­sens­aus­übung und unter­lie­gen daher hin­sicht­lich die­ser Aus­übung des Ermes­sens allein einer ein­ge­schränk­ten Über­prü­fung des Beschwer­de­ge­rich­tes [1].

Aller­dings stellt die Prü­fung des tat­be­stands­mä­ßi­gen Vor­lie­gens der vom Gesetz­ge­ber in § 81 Abs. 2 FamFG (bzw. §§ 150 Abs. 4 Satz 2, 243 Satz 2 FamFG) aus­drück­lich vor­ge­se­he­nen Son­der­fäl­le kei­ne tatrich­ter­li­chen Ermes­sens­aus­übung dar, so daß inso­fern dem Beschwer­de­ge­richt eine unein­ge­schränk­te Über­prü­fung der Kos­ten­ent­schei­dung obliegt [2]. Ergibt eine dies­be­züg­li­che Prü­fung des Beschwer­de­ge­rich­tes, daß die Ermes­sens­aus­übung des Amts­ge­richts auf einer unzu­tref­fen­den Annah­me über sei­ne recht­li­che Aus­gangs­la­ge beruht, liegt ein Ermes­sens­feh­ler vor, der – eben­so wie das Feh­len der Fest­stell­bar­keit einer Ermes­sens­aus­übung [3] – eine eige­ne Ermes­sens­aus­übung des Beschwer­de­ge­richts eröffnet.

§ 81 Abs. 2 Nr. 4 FamFG beschreibt einen beson­de­ren Fall der vom Gesetz­ge­ber für beson­de­re Kon­stel­la­tio­nen aus­drück­lich vor­ge­se­he­nen Kos­tensank­ti­on. Dabei hat der Gesetz­ge­ber aus­weis­lich der Geset­zes­be­grün­dung ganz bewußt kein Erfor­der­nis der Kau­sa­li­tät des vor­werf­ba­ren Ver­hal­tens vor­ge­se­hen für die auf­zu­er­le­gen­den Kos­ten oder auch nur die Ent­ste­hung von Kos­ten über­haupt [4], son­dern will durch die­se Rege­lung viel­mehr all­ge­mein zur Ein­hal­tung der nament­lich in § 27 FamFG begrün­de­ten Mit­wir­kungs­pflich­ten der Betei­lig­ten anhalten.

Tat­be­stand­lich erfor­dert § 81 Abs. 2 Nr. 4 FamFG die schuld­haf­te Ver­let­zung einer Mit­wir­kungs­pflicht sowie die dar­auf beru­hen­de erheb­li­che Ver­zö­ge­rung des Ver­fah­rens. Mit­wir­kungs­pflich­ten der Betei­lig­ten sind ins­be­son­de­re in § 27 FamFG begrün­det, erhal­ten eine kon­kre­te Aus­prä­gung aber dar­über hin­aus auch aus der Zusam­men­schau mit wei­te­ren Rege­lun­gen des fami­li­en­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens. Aus § 27 FamFG ergibt sich nach aus­drück­li­cher gesetz­ge­be­ri­scher Vor­stel­lung eine Pflicht für die Eltern betrof­fe­ner Kin­der zur Mit­wir­kung an der Erstel­lung ent­spre­chen­der Gut­ach­ten, die zwar nicht selb­stän­dig erzwing­bar ist. Bei einer Ver­wei­ge­rung der gebo­te­nen Mit­wir­kung durch die Eltern sol­len ihnen aber gera­de aus­drück­lich nach § 81 Abs. 1 und 2 Nr. 4 Kos­ten auf­er­legt wer­den [5].

Im Streit­fall han­del­te es sich um ein Umgangs­ver­fah­ren, für das in § 155 FamFG eine vor­ran­gi­ge und beschleu­nig­te Durch­füh­rung ange­ord­net ist. In § 163 FamFG hat der Gesetz­ge­ber die­sem Beschleu­ni­gungs­ge­bot gera­de auch für die Erstel­lung schrift­li­cher Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten noch beson­de­ren Aus­druck ver­lie­hen. Schließ­lich lag vor­lie­gend auch ein lang­fris­ti­ger und hart­nä­cki­ger Ver­stoß der Antrags­geg­ne­rin gegen bestehen­de Umgangs­re­ge­lun­gen vor, der einen voll­stän­di­gen Aus­schluß der Umgangs­kon­tak­tes des Antrag­stel­lers mit den bei­den betrof­fe­nen Kin­dern zu Fol­ge hat­te; dies gebot ersicht­lich noch in gestei­ger­tem Maße eine als­bal­di­ge sach­ver­stän­di­ge Abklä­rung. Inso­fern han­del­te es sich in jedem Fall um ein eil­be­dürf­ti­ges Ver­fah­ren, in dem sich bereits eine Ver­zö­ge­rung von einem Monat als gewich­tig aus­wir­ken kann [6].

Selbst wenn man im Streit­fall zuguns­ten der Antrags­geg­ne­rin die Ver­zö­ge­rung der Gut­ach­ten­s­er­stel­lung durch das (ins­be­son­de­re für eine das Ver­fah­ren auch als sol­che betrei­ben­de Rechts­an­wäl­tin erkenn­bar) offen­kun­dig aus­sichts­lo­se Ableh­nungs­ge­such als nicht schuld­haft her­bei­ge­führt betrach­ten woll­te, wur­de durch ihre Ver­wei­ge­rung einer sach­ge­rech­ten Mit­wir­kung an der Begut­ach­tung deren Abschluß um jeden­falls vier Mona­te und damit erheb­lich im Sin­ne von § 81 Abs. 2 Nr. 4 FamFG ver­zö­gert. Dies ergibt sich nicht zuletzt anschau­lich aus der Zeit­ta­fel auf S.20 des Gut­ach­tens . Inso­fern bestand schließ­lich auch für das Gericht kei­ner­lei ersicht­li­che Mög­lich­keit, wir­kungs­voll auf eine Beschleu­ni­gung hin­zu­wir­ken oder die Ver­zö­ge­rung für das Ver­fah­ren durch ande­re Maß­nah­men abzu­wen­den [7]. Jeden­falls die­se Ver­zö­ge­rung von jeden­falls vier Mona­ten, für die sie weder sei­ner­zeit noch im Rah­men ihrer Stel­lung­nah­me im vor­lie­gen­den Beschwer­de­ver­fah­ren und unge­ach­tet des ent­spre­chen­den Hin­wei­ses des Ober­lan­des­ge­richts irgend­wel­che nach­voll­zieh­ba­ren Grün­de anzu­ge­ben ver­moch­te, stellt sich als gro­bes Ver­schul­den ihrer Mit­wir­kungs­pflich­ten dar.

Bei – wie hier gege­be­nem – Vor­lie­gen eines der Regel­bei­spie­le des § 81 Abs. 2 FamFG sind die Ver­fah­rens­kos­ten im Regel­fall („soll“) dem ent­spre­chen­den Betei­lig­ten auf­zu­er­le­gen, soweit dem nicht aus­nahms­wei­se gewich­ti­ge gegen­läu­fi­ge Ermes­sen­grün­de ent­ge­gen­ste­hen [8]. Der­ar­ti­ge Gesichts­punk­te sind aber weder ersicht­lich, noch von der Antrags­geg­ne­rin gel­tend gemacht. Viel­mehr erge­ben sich aus dem Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten sogar noch gewich­ti­ge Anhalts­punk­te dafür, daß die Antrags­geg­ne­rin in erheb­lich vor­werf­ba­rer Wei­se auch die Umgangs­kon­tak­te zwi­schen den Kin­dern und dem Antrags­geg­ner behin­dert und hin­ter­trie­ben und damit die Not­wen­dig­keit des Ver­fah­rens über­haupt her­bei­ge­führt hat.

Einer sol­chen Ände­rung der Kos­ten­ent­schei­dung steht schließ­lich auch nicht Der Beschluss des Ober­lan­des­ge­rechts Cele ent­ge­gen, mit dem die Kos­ten­be­schwer­de der Antrags­geg­ne­rin zurück­ge­wie­sen wor­den ist. Auch im Rah­men einer iso­lier­ten Beschwer­de gegen die Kos­ten­ent­schei­dung gilt zuguns­ten des Beschwer­de­füh­rers das Ver­bot der refor­ma­tio in pei­us (Ver­schlech­te­rungs­ver­bot). Auf­grund des­sen war das Ober­lan­des­ge­richt im ers­ten Beschwer­de­ver­fah­ren, bei dem ihm allein die Beschwer­de der Antrags­geg­ne­rin vor­ge­legt wor­den war und sich die­je­ni­ge des Antrag­stel­lers auch nicht bereits in der Akte befand, auf die Prü­fung beschränkt, ob eine Ände­rung der Kos­ten­ent­schei­dung zuguns­ten der Antrags­geg­ne­rin in Betracht kam. Gera­de und allein dies hat er aus­drück­lich ver­neint und dabei sogar aus­drück­lich dar­auf hin­ge­wie­sen, daß die Kos­ten­ent­schei­dung jeden­falls nicht zuguns­ten der Antrags­geg­ne­rin zu bean­stan­den sei.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 1. Sep­tem­ber 2014 – 10 UF 134/​14

  1. vgl. etwa bereits aus­führ­lich OLG Cel­le, Beschlüs­se vom 18.08.2011 – 10 UF 179/​11, JAmt 2012, 40 f. = ZKJ 2012, 28 f. = FamRB 2012, 281 f. = Fam­FR 2011, 472 = Beck­RS 2011, 21941 = FamRZ 2011, 1894 [Ls]; und vom 04.05.2012 – 10 UF 69/​12 , FamRZ 2012, 1896 f. = ZKJ 2012, 321 ff. = Fam­FR 2012, 301 = Beck­RS 2012, 10144[]
  2. vgl. bereits OLG Cel­le, Beschluß vom 13.08.2014 – 10 UF 162/​14[]
  3. vgl. OLG Cel­le, Beschluß vom 20.02.2012 – 10 UF 23/​12, Beck­RS 2012, 10484 = FamRZ 2012, 1324 [Ls][]
  4. BT-Drs. 16/​6308 S. 215; vgl. auch Zöl­ler-Fes­korn, FamFG § 81 Rz. 7[]
  5. BT-Drs. 16/​6308, 242; so etwa auch Zöl­ler-Lorenz, FamFG § 163 Rz. 3 a.E.; Prüt­tin­g/Helms-Ham­mer, FamFG § 163 Rz. 21 a.E.; Schul­te-Bun­er­t/­Wein­reich-Zieg­ler, FamFG § 163 Rz. 3[]
  6. vgl. Prüt­tin­g/Helms-Fes­korn, FamFG § 81 Rz 25[]
  7. vgl. zu die­ser Ver­pflich­tung etwa Prüt­tin­g/Helms-Fes­korn, FamFG § 81 Rz 25 m.w.N.[]
  8. vgl. bereits OLG Cel­le, Beschluß vom 18.08.2011, aaO, Tz. 14[]