Gerichts­stands­be­stim­mung – nach rechts­kräf­ti­ger Rechts­weg­ver­wei­sung an das Fami­li­en­ge­richt

Eine Gerichts­stands­be­stim­mung gemäß § 36 Abs. 1 Ziff. 6 ZPO kommt auch nach einer rechts­kräf­ti­gen Rechts­weg­ver­wei­sung gemäß § 17 a GVG in Betracht, wenn kei­nes der betei­lig­ten Gerich­te bereit ist, das Ver­fah­ren zu bear­bei­ten. Eine Rechts­weg­ver­wei­sung führt zur Anhän­gig­keit des Ver­fah­rens bei dem in der Ver­wei­sung bezeich­ne­ten Gericht. Die­ses hat das Ver­fah­ren auch bei ört­li­cher Unzu­stän­dig­keit zu bear­bei­ten, ist jedoch an einer Wei­ter­ver­wei­sung nicht gehin­dert, wenn die Vor­aus­set­zun­gen gemäß § 281 Abs. 1 ZPO vor­lie­gen.

Gerichts­stands­be­stim­mung – nach rechts­kräf­ti­ger Rechts­weg­ver­wei­sung an das Fami­li­en­ge­richt

Der Umstand, dass über die Aus­wir­kun­gen einer Rechts­weg­be­stim­mung gemäß § 17 a GVG zu ent­schei­den ist, führt nicht zu einer abwei­chen­den Zustän­dig­keit im Bestim­mungs­ver­fah­ren. Zwar wird von der Recht­spre­chung bei einem nega­ti­ven Kom­pe­tenz­kon­flikt nach einer Rechts­weg­be­stim­mung in der Regel eine Zustän­dig­keit eines obers­ten Bun­des­ge­richts ange­nom­men, wenn eine Ent­schei­dung über die Zustän­dig­keit erfol­gen soll 1. In den von der Recht­spre­chung behan­del­ten Fäl­len ging es jedoch – anders als vor­lie­gend – um Kon­stel­la­tio­nen, in denen wegen der unter­schied­li­chen Rechts­we­ge ein gemein­sa­mes "zunächst höhe­res" Gericht nicht vor­han­den war. Dies ist bei einem Kon­flikt zwi­schen der Zivil­ab­tei­lung eines Amts­ge­richts und der Fami­li­en­ab­tei­lung eines ande­ren Amts­ge­richts jedoch anders. In die­sem Fall gibt es mit dem Ober­lan­des­ge­richt ein Gericht, wel­ches bei­den am Kom­pe­tenz­kon­flikt betei­lig­ten Gerich­ten im Rechts­zug über­ge­ord­net ist. Die Zustän­dig­keit des Ober­lan­des­ge­richts Karls­ru­he – Zivil­se­na­te in Frei­burg – zur Ent­schei­dung des nega­ti­ven Kom­pe­tenz­kon­flikts ergibt sich daher – anders als bei­spiels­wei­se bei einem Kon­flikt zwi­schen einem Amts­ge­richt und einem Sozi­al­ge­richt – aus einer unmit­tel­ba­ren Anwen­dung der Rege­lung in § 36 Abs. 1 ZPO.

Die Vor­aus­set­zun­gen für eine Zustän­dig­keits­be­stim­mung gemäß § 36 Abs. 1 Ziff. 6 ZPO lie­gen in dem hier vom Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he ent­schie­de­nen Fall vor. Sowohl das Amts­ge­richt – Fami­li­en­ge­richt – Offen­burg als auch das Amts­ge­richt – Zivil­ab­tei­lung – Kehl haben sich in den Ent­schei­dun­gen vom 02.04.2014; und vom 03.11.2014 für unzu­stän­dig erklärt. Die Ableh­nung der Ver­fah­rens­füh­rung stellt eine "rechts­kräf­ti­ge" Unzu­stän­dig­erklä­rung im Sin­ne von § 36 Abs. 1 Ziff. 6 ZPO dar 2. Zwar hat die Zustän­dig­keits­be­stim­mung des Ober­lan­des­ge­richts bei einer vor­aus­ge­gan­ge­nen Rechts­we­gent­schei­dung gemäß § 17 a GVG nur dekla­ra­to­ri­sche Bedeu­tung, so dass das Amts­ge­richt – Fami­li­en­ge­richt – Offen­burg auch ohne die Ent­schei­dung des Ober­lan­des­ge­richts ver­pflich­tet wäre, das dort anhän­gi­ge Ver­fah­ren wei­ter zu füh­ren 3. Eine Zustän­dig­keits­be­stim­mung gemäß § 36 Abs. 1 Ziff. 6 ZPO ist jedoch auch nach einer vor­an­ge­gan­ge­nen Ent­schei­dung gemäß § 17 a GVG im Inter­es­se einer funk­tio­nie­ren­den Rechts­pfle­ge gebo­ten, wenn es inner­halb eines Ver­fah­rens zu Zwei­feln über die Bin­dungs­wir­kung der Ver­wei­sung kommt, und des­halb kei­nes der in Fra­ge kom­men­den Gerich­te bereit ist, die Sache zu bear­bei­ten 4.

In der Sache ist das Amts­ge­richt – Fami­li­en­ge­richt – Offen­burg als zustän­di­ges Gericht zu bestim­men.

Die Rechts­weg­zu­stän­dig­keit des Fami­li­en­ge­richts ergibt sich aus § 17 a Abs. 2 Satz 3, Abs. 6 GVG. Der Beschluss des Amts­ge­richts – Zivil­ab­tei­lung – Kehl vom 27.02.2014 ist hin­sicht­lich des Rechts­we­ges für das Amts­ge­richt – Fami­li­en­ge­richt – Offen­burg bin­dend.

Das Amts­ge­richt – Fami­li­en­ge­richt – Offen­burg ist zum gegen­wär­ti­gen Zeit­punkt für das Ver­fah­ren auch ört­lich zustän­dig. Die ört­li­che Zustän­dig­keit ergibt sich aus § 17 b Abs. 1 GVG. Das Ver­fah­ren ist mit der Ver­wei­sung durch das Amts­ge­richt Kehl beim Amts­ge­richt – Fami­li­en­ge­richt – Offen­burg anhän­gig gewor­den. Das Ver­fah­ren ist mit­hin vom Amts­ge­richt – Fami­li­en­ge­richt – Offen­burg in glei­cher Wei­se zu bear­bei­ten, wie wenn der Antrag unmit­tel­bar an das Amts­ge­richt – Fami­li­en­ge­richt – Offen­burg gerich­tet gewe­sen wäre. Für eine Ableh­nung der Über­nah­me gab es – wie das Amts­ge­richt – Zivil­ab­tei­lung – Kehl im spä­te­ren Beschluss vom 03.11.2014 aus­ge­führt hat, kei­ne recht­li­che Grund­la­ge.

Es gibt der­zeit kei­ne der Zustän­dig­keit des Amts­ge­richts – Fami­li­en­ge­richts – Offen­burg ent­ge­gen­ste­hen­de ört­li­che Zustän­dig­keit des Amts­ge­richts Kehl, und zwar weder der dor­ti­gen Zivil­ab­tei­lung noch der dor­ti­gen Fami­li­en­ab­tei­lung. Es hat kei­ne Ver­wei­sung des Ver­fah­rens durch das Amts­ge­richt – Fami­li­en­ge­richt – Offen­burg an das Amts­ge­richt Kehl gege­ben, wel­che eine ört­li­che Zustän­dig­keit des Amts­ge­richts Kehl gemäß § 281 Abs. 2 Satz 3, Satz 4 ZPO i.V.m. § 113 Abs. 1 Satz 2 FamFG hät­te begrün­den kön­nen. Ins­be­son­de­re ent­hält der Beschluss vom 02.04.2014 kei­ne Ver­wei­sung. Dies ergibt sich nicht nur aus dem Wort­laut der Ent­schei­dung (Ableh­nung der Über­nah­me), son­dern auch dar­aus, dass das Amts­ge­richt – Fami­li­en­ge­richt – Offen­burg von den bei einer Ver­wei­sung not­wen­di­gen und übli­chen Ver­fah­rens­schrit­ten (Hin­weis, recht­li­ches Gehör, Abwar­ten des erfor­der­li­chen Antrags) abge­se­hen hat.

Das Ober­lan­des­ge­richt weist vor­sorg­lich ergän­zend auf fol­gen­des hin: Die Ver­wei­sung durch das Amts­ge­richt Kehl mit Beschluss vom 27.02.2014 ist gemäß § 17 a Abs. 2 Satz 3 GVG nur hin­sicht­lich des Rechts­we­ges zum Fami­li­en­ge­richt bin­dend, nicht jedoch hin­sicht­lich der ört­li­chen Zustän­dig­keit. Das Amts­ge­richt – Fami­li­en­ge­richt – Offen­burg ist daher – wor­auf auch das Amts­ge­richt Kehl im Beschluss vom 03.11.2014 zutref­fend hin­ge­wie­sen hat – nicht gehin­dert, im wei­te­ren Ver­lauf des Ver­fah­rens die­ses wegen ört­li­cher Unzu­stän­dig­keit an ein ande­res Fami­li­en­ge­richt zu ver­wei­sen, wenn die Vor­aus­set­zun­gen für eine Ver­wei­sung gemäß § 281 Abs. 1 ZPO im wei­te­ren Ver­lauf des Ver­fah­rens ein­tre­ten soll­ten (kein Gerichts­stand in Offen­burg, Rüge der ört­li­chen Unzu­stän­dig­keit durch die Antrags­geg­ne­rin, Ver­wei­sungs­an­trag des Antrag­stel­lers).

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 18. Dezem­ber 2014 – 9 AR 13/​14

  1. vgl. z. B. BGH, NJW 2014, 2125; BVerwG NJW 2008, 2604[]
  2. vgl. zur "rechts­kräf­ti­gen" Unzu­stän­dig­erklä­rung Zöller/​Vollkommer, ZPO, 30. Auf­la­ge 2014, § 36 ZPO Rn. 25[]
  3. vgl. BGH, NJW 2014, 2125[]
  4. BGH aaO[]