Hartz IV und der Streit­wert einer Ehe­schei­dung

Staat­li­che Trans­fer­leis­tun­gen sind bei der Bestim­mung des Gegen­stands­wer­tes in einer Ehe­sa­che nicht zu berück­sich­ti­gen.

Hartz IV und der Streit­wert einer Ehe­schei­dung

Nach § 43 Abs. 1 FamG­KG ist in Ehe­sa­chen der Ver­fah­rens­wert unter Berück­sich­ti­gung aller Umstän­de des Ein­zel­falls, ins­be­son­de­re des Umfangs und der Bedeu­tung der Sache und der Ver­mö­gens- und Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se der Ehe­gat­ten, nach Ermes­sen zu bestim­men. Der Wert darf nicht unter 2.000 € und nicht über 1.000.000 € ange­nom­men wer­den. Nach § 43 Abs. 2 FamG­KG ist für die Ein­kom­mens­ver­hält­nis­se das in drei Mona­ten erziel­te Net­to­ein­kom­men der Ehe­gat­ten ein­zu­set­zen.

Im hier vom Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart ent­schie­de­nen Fall hat­te das Fami­li­en­ge­richt dafür ledig­lich das Erzie­hungs­geld der Antrag­stel­le­rin von 205 € monat­lich berück­sich­tigt. Das von den Ehe­leu­ten bezo­ge­ne Arbeits­lo­sen­geld II in Höhe von 1.527,82 € monat­lich blieb außer Ansatz.

Die Berück­sich­ti­gung von Sozi­al­leis­tun­gen bei der Bestim­mung des Ver­fah­rens­wer­tes, hier dem Arbeits­lo­sen­geld II ist in Recht­spre­chung und Lite­ra­tur umstrit­ten 1.

Das Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart schließt sich der ableh­nen­den Auf­fas­sung an, wel­che ver­fas­sungs­recht­lich kei­nen Beden­ken begeg­net 2.

Der Bezug von Sozi­al­leis­tun­gen wie Arbeits­lo­sen­geld II (SGB II) stellt kein für die Streit­wert­fest­set­zung in einer Ehe­sa­che rele­van­tes Ein­kom­men dar.

Die gebüh­ren­recht­li­che Streit­wert­be­stim­mung für Ehe­sa­chen knüpft für die Bemes­sung an das drei­fa­che Net­to­mo­nats­ein­kom­men und damit an die wirt­schaft­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit an. Staat­li­che Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen wie das Arbeits­lo­sen­geld II stel­len aber kein "Net­to­ein­kom­men" dar, schon weil mit sol­chen Sozi­al­leis­tun­gen (als Mit­tel der Grund­si­che­rung) nur das Exis­tenz­mi­ni­mum gesi­chert wird und die­se Leis­tun­gen auch nicht vom zuvor selbst erar­bei­te­ten Lebens­stan­dard abhän­gig sind. Der Hin­weis der Gegen­mei­nung auf § 115 Abs. 1 Satz 2 ZPO, wonach zum Ein­kom­men alle Ein­künf­te in Geld oder Gel­des­wert 3 gehö­ren, ist nicht von ent­schei­den­der Bedeu­tung, weil danach bei ganz ande­rer Ziel­rich­tung das kon­kret ver­füg­ba­re flüs­si­ge Ein­kom­men und Ver­mö­gen im Vor­der­grund steht. Die Streit­wert­be­mes­sung soll dage­gen im kon­kre­ten Fall die Fest­set­zung ange­mes­se­ner Gebüh­ren nach sozia­len Gesichts­punk­ten unter vor­ran­gi­ger Berück­sich­ti­gung der wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se ermög­li­chen. Sozi­al­leis­tun­gen zur Grund­si­che­rung, wie das Arbeits­lo­sen­geld II, sind indes nicht Aus­druck der wirt­schaft­li­chen Leis­tungs­fä­hig­keit, son­dern rich­ten sich viel­mehr allein nach der Bedürf­tig­keit des Emp­fän­gers und sind des­halb, sys­tem­ge­recht, nicht für die Streit­wert­be­mes­sung her­an­zu­zie­hen.

Für die­se Auf­fas­sung spricht im Übri­gen der für die Streit­wert­be­mes­sung fest­ge­setz­te Min­dest­wert von 2.000 € (§ 48 Abs. 3 Satz 2 GKG), der nach der Gegen­mei­nung ent­behr­lich wäre, nach­dem bereits die beid­sei­ti­gen Min­dest­leis­tun­gen zur Siche­rung des Exis­tenz­mi­ni­mums in jedem Fall zu einem Gegen­stands­wert füh­ren wür­den, der den Min­dest­wert über­steigt.

Umfang und Bedeu­tung der Sache recht­fer­ti­gen kei­ne Erhö­hung des Wer­tes. Es han­delt sich um eine unstrei­ti­ge Schei­dung, wel­che mit gleich­lau­ten­der Begrün­dung, näm­lich Ablauf des Tren­nungs­jah­res, von bei­den Ehe­leu­ten bean­tragt wur­de.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 23. März 2011 – 18 WF 56/​11

  1. gegen eine Berück­sich­ti­gung: OLG Schles­wig Fam­RZ 2010, 1939; 2009, 1178; OLG Dres­den Fam­RZ 2007, 1760; OLG Ham­burg OLGR 2006, 269; Hand­buch des Fach­an­walts Fami­li­en­recht/​Keske, (8. Aufl. 2011, Kap. 17, Rn. 26; Zöl­ler-Her­get, ZPO, 28. Aufl. 2010, § 3 ZPO, Rn. 16, Stich­wort "Ehe­sa­chen";
    für eine Berück­sich­ti­gung: OLG Zwei­brü­cken, Beschluss vom 10.01.2011, 5 WF 178/​10; OLG Cel­le NJW 2010, 3587; OLG Köln Fam­RZ 2009, 638; OLG Düs­sel­dorf Fam­RZ 2009, 453; OLG Olden­burg Fam­RZ 2009, 1177; OLG Frank­furt Fam­RZ 2008, 535; Schnei­der, Gebüh­ren in Fami­li­en­sa­chen, Rn. 1036; Hart­mann Kos­ten­ge­set­ze, § 43 FamG­KG, Rn 25[]
  2. BVerfG Fam­RZ 2006, 841[]
  3. so auch OLG Stutt­gart Fam­RZ 2008, 1261 zur Bedürf­tig­keit im Rah­men der Pro­zess­kos­ten­hil­fe bei ergän­zen­dem Bezug von SGB II – Leis­tun­gen[]