Per­sön­li­che Anhö­rung im Betreu­ungs­ver­fah­ren

Der per­sön­li­chen Anhö­rung des Betrof­fe­nen kommt auch in den Fäl­len, in denen sie nicht durch das Gesetz vor­ge­schrie­ben ist (§ 34 Abs. 1 Nr. 2 FamFG), eine zen­tra­le Stel­lung im Rah­men der gemäß § 26 FamFG von Amts wegen durch­zu­füh­ren­den Ermitt­lun­gen zu.

Per­sön­li­che Anhö­rung im Betreu­ungs­ver­fah­ren

Zwar ord­net § 278 Abs. 1 Satz 1 FamFG, der gemäß § 293 Abs. 1 FamFG für die Erwei­te­rung und gemäß § 295 Abs. 1 Satz 1 FamFG für die Ver­län­ge­rung der Betreu­ung ent­spre­chend anwend­bar ist, eine per­sön­li­che Anhö­rung nur vor der Bestel­lung eines Betreu­ers für den Betrof­fe­nen an. Damit ist aber nicht die Aus­sa­ge ver­bun­den, dass es einer Anhö­rung dann, wenn es nicht zur Betreu­er­be­stel­lung kommt, gene­rell nicht bedarf. Die per­sön­li­che Anhö­rung dient nicht nur der Gewäh­rung recht­li­chen Gehörs (vgl. § 34 Abs. 1 Nr. 1 FamFG), son­dern hat wie sich auch aus § 278 Abs. 1 Satz 2 FamFG ergibt vor allem den Zweck, dem Gericht einen unmit­tel­ba­ren Ein­druck von dem Betrof­fe­nen zu ver­schaf­fen 1. Ihr kommt damit auch in den Fäl­len, in denen sie nicht durch Gesetz vor­ge­schrie­ben ist (§ 34 Abs. 1 Nr. 2 FamFG), eine zen­tra­le Stel­lung im Rah­men der gemäß § 26 FamFG in einem Betreu­ungs­ver­fah­ren von Amts wegen durch­zu­füh­ren­den Ermitt­lun­gen zu 2. Dies gilt auch bei einem Eigen­an­trag des Betrof­fe­nen auf Betreu­ungs­er­rich­tung. Wird die­ser ohne die erfor­der­li­chen Ermitt­lun­gen, zu denen regel­mä­ßig auch eine per­sön­li­che Anhö­rung gehö­ren wird, abge­lehnt, so wird dem Betrof­fe­nen der ihm durch das Betreu­ungs­recht gewähr­leis­te­te Erwach­se­nen­schutz 3 ohne aus­rei­chen­de Grund­la­ge ent­zo­gen.

Über Art und Umfang die­ser Ermitt­lun­gen ent­schei­det zwar grund­sätz­lich der Tatrich­ter nach pflicht­ge­mä­ßem Ermes­sen. Das Rechts­be­schwer­de­ge­richt hat jedoch unter ande­rem nach­zu­prü­fen, ob das Beschwer­de­ge­richt die Gren­zen sei­nes Ermes­sens ein­ge­hal­ten hat, fer­ner, ob es von zutref­fen­den Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen aus­ge­gan­gen ist 4.

Die­ser Nach­prü­fung hält die Ent­schei­dung, von einer per­sön­li­chen Anhö­rung abzu­se­hen, nicht stand. Das Land­ge­richt hat die­ser als tra­gen­de Erwä­gung die Ein­schät­zung des Sach­ver­stän­di­gen zugrun­de gelegt, die Betrof­fe­ne sei wei­ter­hin geschäfts­fä­hig und zur frei­en Wil­lens­bil­dung im Hin­blick auf die Ableh­nung einer Betreu­ung in der Lage. Mit Blick auf die seit der Begut­ach­tung ver­stri­che­ne Zeit hat es aber ande­rer­seits für nicht gesi­chert gehal­ten, dass die Fest­stel­lun­gen des Sach­ver­stän­di­gen zum gesund­heit­li­chen Zustand der Betrof­fe­nen noch zutref­fen. Schon ange­sichts des­sen hät­te es vor­lie­gend jeden­falls einer in ers­ter Instanz nicht erfolg­ten per­sön­li­chen Anhö­rung bedurft, um sich einen per­sön­li­chen Ein­druck von der Betrof­fe­nen zu ver­schaf­fen und zu einer trag­fä­hi­gen Tat­sa­chen­grund­la­ge für die Ent­schei­dung, ob und gege­be­nen­falls in wel­chem Umfang die Betrof­fe­ne einer Betreu­ung bedarf, zu gelan­gen 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 29. Janu­ar 2014 – XII ZB 519/​13

  1. BGH, Beschluss vom 06.11.2013 – XII ZB 650/​12; vgl. auch BT-Drs. 11/​4528 S. 172 so- wie Keidel/​Budde FamFG 18. Aufl. § 278 Rn. 2; Schul­te-Bun­er­t/Wein­reich/Brink­mann FamFG 4. Aufl. § 26 Rn. 24; Bien­wald in Bienwald/​Sonnenfeld/​Hoffmann Betreu­ungs­recht 5. Aufl. § 278 FamFG Rn. 18[]
  2. vgl. Gra­bow in Hol­zer FamFG § 278 Rn. 4[]
  3. vgl. hier­zu Lipp Fam­RZ 2013, 913, 917 f.[]
  4. BGH, Beschluss vom 21.11.2012 – XII ZB 114/​12 Fam­RZ 2013, 287 Rn. 8[]
  5. vgl. auch OLG Zwei­brü­cken Fam­RZ 2009, 1180; Keidel/​Budde FamFG 18. Aufl. § 278 Rn. 3; Bork/​Jacoby/​Schwab/​Heiderhoff FamFG 2. Aufl. § 278 Rn. 2[]