Tod des Betreu­ten wäh­rend des Betreu­ungs­ver­fah­rens

Im Ver­fah­ren der Beschwer­de gegen eine Betreu­ungs­an­ord­nung kann nach dem Tod des Betrof­fe­nen von den gemäß § 303 FamFG beschwer­de­be­rech­tig­ten Ange­hö­ri­gen oder Ver­trau­ens­per­so­nen kein Fest­stel­lungs­an­trag nach § 62 FamFG gestellt wer­den 1.

Tod des Betreu­ten wäh­rend des Betreu­ungs­ver­fah­rens

Das Ver­fah­ren betref­fend die Anord­nung einer Betreu­ung erle­digt sich ins­ge­samt mit dem Tod des Betreu­ten, weil von die­sem Zeit­punkt an nicht mehr ent­schie­den zu wer­den braucht, ob und wel­che Maß­nah­men zum Schutz des Betrof­fe­nen ergrif­fen wer­den müs­sen 2. Ver­stirbt der Betrof­fe­ne daher im Lau­fe des Beschwer­de­ver­fah­rens, wird die ursprüng­lich zuläs­si­ge Beschwer­de eines wei­te­ren Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten gegen eine in der Vor­in­stanz ange­ord­ne­te Betreu­ung infol­ge der durch den Tod des Betrof­fe­nen ein­ge­tre­te­nen Erle­di­gung regel­mä­ßig unzu­läs­sig, weil eine Sach­ent­schei­dung durch das Beschwer­de­ge­richt nicht mehr erge­hen kann. Der Betei­lig­te zu 1 war dem­ge­gen­über auch nicht befugt, durch Umstel­lung sei­ner Anträ­ge im Beschwer­de­ver­fah­ren nach dem Tode der Betrof­fe­nen eine Sach­ent­schei­dung über einen Fest­stel­lungs­an­trag nach § 62 Abs. 1 FamFG her­bei­zu­füh­ren, denn für die­sen Antrag fehlt ihm nach der zutref­fen­den Ansicht des Land­ge­richts die erfor­der­li­che Antrags­be­rech­ti­gung.

Ein Antrags­recht ergibt sich für den Sohn des Betreu­ten ins­be­son­de­re nicht aus § 303 Abs. 2 FamFG, wonach das Recht der Beschwer­de gegen die Bestel­lung eines Betreu­ers im Inter­es­se des Betrof­fe­nen auch den dort bestimm­ten Ange­hö­ri­gen und Ver­trau­ens­per­so­nen des Betrof­fe­nen zusteht. Das Recht zur Ein­le­gung der Beschwer­de gegen die Anord­nung der Betreu­ung umfasst nicht gleich­zei­tig die Antrags­be­fug­nis nach § 62 Abs. 1 FamFG. Denn § 62 Abs. 1 FamFG setzt nach sei­nem ein­deu­ti­gen Wort­laut vor­aus, dass der "Beschwer­de­füh­rer" selbst durch die erle­dig­te Maß­nah­me in sei­nen Rech­ten ver­letzt wor­den ist. Dem­ge­mäß kann nur der­je­ni­ge Betei­lig­te nach § 62 Abs. 1 FamFG antrags­be­fugt sein, des­sen eige­ne Rechts­sphä­re betrof­fen ist und der ein berech­tig­tes Fest­stel­lungs­in­ter­es­se nach § 62 Abs. 2 FamFG hat. Hier­aus hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits abge­lei­tet, dass dem Ver­fah­rens­pfle­ger des Betrof­fe­nen trotz sei­nes Beschwer­de­rechts kein eige­nes Antrags­recht nach § 62 Abs. 1 FamFG zusteht 3. Nichts ande­res gilt für den nach § 303 Abs. 2 FamFG pri­vi­le­gier­ten Per­so­nen­kreis 4.

Ein Antrags­recht des Soh­nes kann sich auch nicht aus sei­ner Stel­lung als Erbe nach der ver­stor­be­nen Betrof­fe­nen erge­ben. Aus der Bin­dung an die Per­son des Beschwer­de­füh­rers und an den Ein­griff in des­sen Rech­te folgt der höchst­per­sön­li­che Cha­rak­ter des nach § 62 Abs. 2 FamFG erfor­der­li­chen Fest­stel­lungs­in­ter­es­ses, in den der Erbe nicht kraft Erb­rechts ein­tre­ten kann 5.

Schließ­lich ist es in einem erle­dig­ten Betreu­ungs­ver­fah­ren auch aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den nicht gebo­ten, Ange­hö­ri­gen eines ver­stor­be­nen Betrof­fe­nen – etwa im Wege einer teleo­lo­gisch erwei­tern­den Aus­le­gung von § 62 Abs. 2 FamFG 6 – durch einen Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­an­trag die Gel­tend­ma­chung eines post­mor­ta­len Reha­bi­li­ta­ti­ons­in­ter­es­ses zu ermög­li­chen.

Dabei steht es im Aus­gangs­punkt aller­dings außer Fra­ge, dass die gericht­li­che Bestel­lung eines Betreu­ers für den unter Betreu­ung Gestell­ten einen schwer­wie­gen­den Grund­rechts­ein­griff dar­stellt. Denn die Ein­rich­tung einer Betreu­ung kann den Betreu­ten nicht nur in sei­ner all­ge­mei­nen Hand­lungs­frei­heit (Art. 2 Abs. 1 GG) beschrän­ken, son­dern sie greift auch gewich­tig in das Grund­recht auf Schutz der Per­sön­lich­keit aus Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG ein. Das Recht auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit schützt ins­be­son­de­re vor ver­fäl­schen­den oder ent­stel­len­den Dar­stel­lun­gen des eige­nen Per­sön­lich­keits­bil­des. Zwar woll­te der Gesetz­ge­ber mit der Ein­füh­rung der recht­li­chen Betreu­ung die Stig­ma­ti­sie­rung und Dis­kri­mi­nie­rung psy­chisch erkrank­ter oder see­lisch behin­der­ter Voll­jäh­ri­ger in Gren­zen hal­ten. Gleich­wohl ent­fal­tet die Anord­nung der Betreu­ung für den Betrof­fe­nen wei­ter­hin eine gewis­se stig­ma­ti­sie­ren­de Wir­kung in sei­nem sozia­len und beruf­li­chen Umfeld. Denn mit der Ein­rich­tung der Betreu­ung ist not­wen­di­ger­wei­se die Ein­schät­zung ver­bun­den, dass der Betrof­fe­ne zumin­dest in einem bestimm­ten Rah­men nicht in der Lage ist, sei­ne eige­nen Ange­le­gen­hei­ten zu regeln und gege­be­nen­falls sei­nen Wil­len frei zu bil­den; hier­durch wird sein Per­sön­lich­keits­bild nega­tiv geprägt und beein­träch­tigt 7. Dies kann sich auch nach der Erle­di­gung einer Betreu­ungs­maß­nah­me fort­set­zen und das künf­ti­ge beruf­li­che und das pri­va­te Leben des unter Betreu­ung Gestell­ten beein­träch­ti­gen. Aus die­sem Grun­de kann der Betrof­fe­ne sein Reha­bi­li­ta­ti­ons­in­ter­es­se in einem erle­dig­ten Betreu­ungs­ver­fah­ren regel­mä­ßig durch einen Fest­stel­lungs­an­trag nach § 62 FamFG zur Gel­tung brin­gen.

Aus alle­dem folgt aber nicht, dass auch den Ange­hö­ri­gen eines unter Betreu­ung Gestell­ten die Mög­lich­keit gege­ben wer­den müss­te, des­sen Reha­bi­li­ta­ti­ons­in­ter­es­sen nach sei­nem Tode wei­ter­ver­fol­gen zu kön­nen 8.

Ein Ver­stor­be­ner wird durch das Grund­recht auf freie Ent­fal­tung der Per­sön­lich­keit nicht mehr geschützt, weil Trä­ger die­ses Grund­rechts nur leben­de Per­so­nen sein kön­nen 9. Zwar folgt aus der Garan­tie der Men­schen­wür­de nach Art. 1 Abs. 1 GG auch ein post­mor­ta­les Per­sön­lich­keits­recht, weil die Ver­pflich­tung der staat­li­chen Gewalt, dem Ein­zel­nen Schutz gegen Angrif­fe auf sei­ne Men­schen­wür­de zu gewäh­ren, nicht mit dem Tod endet. Indes­sen hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in stän­di­ger Recht­spre­chung betont, dass die Schutz­wir­kun­gen des aus der Men­schen­wür­de­ga­ran­tie abge­lei­te­ten post­mor­ta­len Per­sön­lich­keits­rechts nicht ver­gleich­bar sind mit den Schutz­wir­kun­gen des all­ge­mei­nen Per­sön­lich­keits­rechts leben­der Per­so­nen, wel­ches sich aus Art. 2 Abs. 1 i.V.m. Art. 1 Abs. 1 GG ergibt 10. Durch das post­mor­ta­le Per­sön­lich­keits­recht sind zum einen der all­ge­mei­ne Ach­tungs­an­spruch, der dem Men­schen kraft sei­nes Per­son­seins zusteht, und zum ande­ren der sitt­li­che, per­so­na­le und sozia­le Wert geschützt, den die Per­son durch ihre eige­ne Lebens­leis­tung erwor­ben hat 11. Vor die­sem Hin­ter­grund hat das Land­ge­richt mit Recht dar­auf abge­stellt, dass der Anord­nung einer recht­li­chen Betreu­ung eine schick­sal­haf­te Erkran­kung des Betreu­ten zugrun­de liegt und ihr des­halb weder ein Schuld­vor­wurf noch ein Unwert­ur­teil anhaf­ten 12. Durch den Umstand, dass zu ihren Leb­zei­ten eine recht­li­che Betreu­ung ange­ord­net wor­den ist, wird die ver­stor­be­ne Betrof­fe­ne weder in ihrem all­ge­mei­nen Ach­tungs­an­spruch her­ab­ge­setzt noch ernied­rigt. Ein beson­de­res Bedürf­nis zur Gel­tend­ma­chung eines post­mor­ta­len Reha­bi­li­ta­ti­ons­in­ter­es­ses, wie es der Bun­des­ge­richts­hof aus­nahms­wei­se für den Fall der Über­prü­fung der Recht­mä­ßig­keit einer durch den Tod des Betrof­fe­nen erle­dig­ten Abschie­be­haft­an­ord­nung ange­nom­men hat 13, besteht daher in Betreu­ungs­ver­fah­ren nicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. Okto­ber 2012 – XII ZB 404/​12

  1. Abgren­zung zu BGH, Beschluss vom 06.10.2011 – V ZB 314/​10 – Fam­RZ 2012, 212[]
  2. vgl. Keidel/​Sternal FamFG 17. Aufl. § 22 Rn. 41[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 15.02.2012 – XII ZB 389/​11, Fam­RZ 2012, 619 Rn. 13[]
  4. vgl. auch BGH Beschluss vom 06.10.2011 V ZB 314/​10, Fam­RZ 2012, 211 Rn. 9 für die nach § 429 FamFG Beschwer­de­be­rech­tig­ten[]
  5. vgl. BGH Beschluss vom 06.10.2011 – V ZB 314/​10, Fam­RZ 2012, 211 Rn. 10; OLG Mün­chen FGPrax 2010, 269[]
  6. vgl. BGH Beschluss vom 06.10.2011 – V ZB 314/​10, Fam­RZ 2012, 211 Rn. 11[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 09.02.2011 – XII ZB 526/​10, Fam­RZ 2011, 630 Rn. 5; BVerfG Fam­RZ 2010, 1624 Rn. 34 und 46[]
  8. zum alten Ver­fah­rens­recht vgl. bereits KG FGPrax 2009, 264 f. sowie zur Unter­brin­gung OLG Mün­chen BtPrax 2006, 231; OLG Frank­furt OLGR 2005, 640 f.; BayO­bLG Fam­RZ 2001, 1645 f.[]
  9. BVerfG NJW 1971, 1645, 1647[]
  10. vgl. zuletzt BVerfG NJW 2001, 2957, 2959; BVerfG NJW 2006, 3409[]
  11. BVerfG NJW 2001, 2957, 2959; BVerfG NJW 2006, 3409[]
  12. vgl. BayO­bLG Fam­RZ 2001, 1645, 1646[]
  13. vgl. BGH Beschluss vom 06.10.2011 – V ZB 314/​10, Fam­RZ 2012, 211 Rn. 14[]