Unter­halt für das erwach­se­ne Kind und der Selbst­be­halt

Wird der Unter­halts­pflich­ti­ge von sei­nem erwach­se­nen Kind, das sei­ne bereits erlang­te wirt­schaft­li­che Selb­stän­dig­keit wie­der ver­lo­ren hat, auf Unter­halt in Anspruch genom­men, ist es nicht zu bean­stan­den, wenn der Tatrich­ter ihm und sei­ner Ehe­frau im Regel­fall einen Fami­li­en­selbst­be­halt zubil­ligt, wie ihn die Düs­sel­dor­fer Tabel­le und die Unter­halts­recht­li­chen Leit­li­ni­en für den Eltern­un­ter­halt vor­se­hen [1]. Der Fami­li­en­selbst­be­halt trägt bereits dem Umstand Rech­nung, dass die Ehe­gat­ten durch ihr Zusam­men­le­ben Haus­halts­er­spar­nis­se erzie­len [2].

Unter­halt für das erwach­se­ne Kind und der Selbst­be­halt

Gemäß § 1603 Abs. 1 BGB ist nicht unter­halts­pflich­tig, wer bei Berück­sich­ti­gung sei­ner sons­ti­gen Ver­pflich­tun­gen außer­stan­de ist, ohne Gefähr­dung sei­nes ange­mes­se­nen Unter­halts den Unter­halt zu gewäh­ren. Dem Unter­halts­pflich­ti­gen sol­len grund­sätz­lich die Mit­tel ver­blei­ben, die er zur ange­mes­se­nen Deckung des sei­ner Lebens­stel­lung ent­spre­chen­den all­ge­mei­nen Bedarfs benö­tigt [3]. Die Bemes­sung des dem Unter­halts­pflich­ti­gen zu belas­sen­den Selbst­be­halts ist nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zwar Auf­ga­be des Tatrich­ters. Dabei ist es die­sem nicht ver­wehrt, sich an Erfah­rungs- und Richt­wer­te anzu­leh­nen, sofern nicht im Ein­zel­fall beson­de­re Umstän­de eine Abwei­chung gebie­ten. Der Tatrich­ter muss aber die gesetz­li­chen Wer­tun­gen und die Bedeu­tung des jewei­li­gen Unter­halts­an­spruchs berück­sich­ti­gen [4].

So hat der Bun­des­ge­richts­hof bereits ent­schie­den, dass es gerecht­fer­tigt ist, den Selbst­be­halt des Unter­halts­pflich­ti­gen gegen­über sei­nem erwach­se­nen Kind, das sei­ne bereits erlang­te wirt­schaft­li­che Selb­stän­dig­keit wie­der ver­lo­ren hat, mit einem erhöh­ten Betrag, wie er in den Tabel­len und Leit­li­ni­en für den Eltern­un­ter­halt als Min­dest­be­trag vor­ge­se­hen ist, und der sich bis zum Jahr 2011 auf 1.400 € belief, anzu­set­zen und ggf. noch dadurch zu erhö­hen, dass dem Unter­halts­pflich­ti­gen ein etwa hälf­ti­ger Anteil sei­nes für den Eltern­un­ter­halt ein­setz­ba­ren berei­nig­ten Ein­kom­mens zusätz­lich ver­bleibt [5]. Zwar müs­sen Eltern regel­mä­ßig damit rech­nen, ihren Kin­dern auch über die Voll­endung des 18. Lebens­jah­res hin­aus zu Unter­halts­leis­tun­gen ver­pflich­tet zu sein, bis die­se ihre Berufs­aus­bil­dung abge­schlos­sen haben und wirt­schaft­lich selb­stän­dig sind. Haben die Kin­der danach aber eine eige­ne Lebens­stel­lung erlangt, in der sie auf elter­li­chen Unter­halt nicht mehr ange­wie­sen sind, kann in der Regel davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass sie die­se Eltern­un­ab­hän­gig­keit auch behal­ten. Dar­auf dür­fen sich, wenn nicht bereits eine ande­re Ent­wick­lung abseh­bar ist, grund­sätz­lich auch die Eltern ein­stel­len [6]. Ver­liert das erwach­se­ne Kind zu einem spä­te­ren Zeit­punkt wie­der sei­ne wirt­schaft­li­che Selb­stän­dig­keit, fin­det die Inan­spruch­nah­me des Unter­halts­pflich­ti­gen in der Regel erst statt, wenn die­ser sich selbst bereits in einem höhe­ren Lebens­al­ter befin­det, sei­ne Lebens­ver­hält­nis­se dem­zu­fol­ge bereits län­ger­fris­tig sei­nem Ein­kom­mens­ni­veau ange­passt hat oder sogar bereits Ren­te bezieht und sich dann einer Unter­halts­for­de­rung aus­ge­setzt sieht, mit der er nach dem regel­mä­ßi­gen Ablauf nicht mehr zu rech­nen brauch­te [7].

Ist der Unter­halts­pflich­ti­ge – wie hier – ver­hei­ra­tet, gehört zu des­sen nach § 1603 Abs. 1 BGB beim Ver­wand­ten­un­ter­halt zu berück­sich­ti­gen­den sons­ti­gen Ver­bind­lich­kei­ten auch die Unter­halts­pflicht gegen­über sei­ner Ehe­frau nach §§ 1360, 1360 a BGB, soweit die­se nicht über aus­rei­chen­des eige­nes Ein­kom­men ver­fügt [8].

Sofern die dar­ge­leg­ten Vor­aus­set­zun­gen für die Inan­spruch­nah­me des in der Düs­sel­dor­fer Tabel­le und den Unter­halts­recht­li­chen Leit­li­ni­en an sich für den Eltern­un­ter­halt bestimm­ten, erhöh­ten Selbst­be­halts auf Sei­ten des Unter­halts­pflich­ti­gen vor­lie­gen, ist es wegen der Ver­gleich­bar­keit der jewei­li­gen Inter­es­sen­la­gen nicht zu bean­stan­den, wenn der Tatrich­ter auch auf den dort für den vor­ran­gi­gen Ehe­gat­ten bestimm­ten Selbst­be­halt, der sich für die hier maß­geb­li­che Zeit auf 1.050 € belief, zurück­greift. Damit ergibt sich unter Berück­sich­ti­gung des erhöh­ten Selbst­be­halts für den Unter­halts­pflich­ti­gen von 1.400 € ein zusam­men­ge­rech­ne­ter Fami­li­en­selbst­be­halt von 2.450 € [9]. Der durch das Zusam­men­le­ben der Ehe­leu­te ein­ge­tre­te­nen Haus­halts­er­spar­nis wird dann bereits durch die unter­schied­li­chen Selbst­be­halts­sät­ze der Ehe­gat­ten Rech­nung getra­gen [10].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 18. Juli 2012 – XII ZR 91/​10

  1. im Anschluss an BGH, Urteil vom 18.01.2012 – XII ZR 15/​10, FamRZ 2012, 530[]
  2. im Anschluss an BGH, Urteil in BGHZ 186, 350 = FamRZ 2010, 1535[]
  3. BGH, Urteil vom 18.01.2012 – XII ZR 15/​10, FamRZ 2012, 530 Rn. 16 mwN[]
  4. BGH, Urteil vom 09.01.2008 – XII ZR 170/​05, FamRZ 2008, 594 Rn. 24 mwN[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 18.01.2012 – XII ZR 15/​10, FamRZ 2012, 530 Rn.20[]
  6. BGH, Urteil vom 18.01.2012 – XII ZR 15/​10, FamRZ 2012, 530 Rn. 17[]
  7. BGH, Urteil vom 18.01.2012 – XII ZR 15/​10, FamRZ 2012, 530 Rn. 18[]
  8. BGH, Urteil vom 08.06.2005 – XII ZR 75/​04, FamRZ 2006, 27, 29[]
  9. vgl. BGH, Urteil BGHZ 186, 350 = FamRZ 2010, 1535 Rn. 39 ff.[]
  10. BGH, Urteil BGHZ 186, 350 = FamRZ 2010, 1535 Rn. 43[]