Baye­ri­sches Lan­des­er­zie­hungs­geld für einen pol­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen

Nach Art 1 Abs 1 S 1 Nr 1 bis 5 BayL­Erz­GG 1995 hat Anspruch auf das Baye­ri­sche Lan­des­er­zie­hungs­geld, wer sei­ne Haupt­woh­nung oder sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt seit der Geburt des Kin­des, min­des­tens jedoch fünf­zehn Mona­te, in Bay­ern hat (Nr 1), mit einem nach dem 30.06.1989 gebo­re­nen Kind, für das ihm die Per­so­nen­sor­ge zusteht, in einem Haus­halt lebt (Nr 2), die­ses Kind selbst betreut und erzieht (Nr 3), kei­ne oder kei­ne vol­le Erwerbs­tä­tig­keit aus­übt (Nr 4) und die Staats­an­ge­hö­rig­keit eines Mit­glied­staats der Euro­päi­schen Uni­on oder eines ande­ren Ver­trags­staats des Abkom­mens über den Euro­päi­schen Wirt­schafts­raum besitzt (Nr 5).

Baye­ri­sches Lan­des­er­zie­hungs­geld für einen pol­ni­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat Art 1 Abs 1 S 1 Nr 5 BayL­Erz­GG 1995 und des­sen Nach­fol­ge­vor­schrif­ten als mit Art 3 Abs 1 GG unver­ein­bar erklärt 1. Gleich­zei­tig hat es dem baye­ri­schen Gesetz­ge­ber für den Erlass einer Neu­re­ge­lung eine Frist bis zum 31.08.2012 ein­ge­räumt. Wei­ter hat es erklärt: Kom­me es bis zu die­sem Zeit­punkt zu kei­ner ver­fas­sungs­ge­mä­ßen Neu­re­ge­lung, so tre­te Nich­tig­keit der bean­stan­de­ten Vor­schrif­ten ein 2.

Die Ver­fas­sungs­wid­rig­keit einer gesetz­li­chen Vor­schrift führt gemäß § 82 Abs 1 iVm § 78 S 1 BVerfGG im Regel­fall zu deren Nich­tig­keit 3. Dies gilt nach § 78 S 1 BVerfGG auch für Lan­des­recht. Bei Ver­stö­ßen gegen den Gleich­heits­satz – wie vor­lie­gend – beschränkt sich das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt aller­dings meist dar­auf, die Unver­ein­bar­keit der ver­fas­sungs­wid­ri­gen Rege­lung mit dem GG fest­zu­stel­len und sieht von einer Nich­tig­erklä­rung ab 4. Dies gilt vor allem dann, wenn meh­re­re Mög­lich­kei­ten für die Besei­ti­gung des Ver­fas­sungs­ver­sto­ßes bestehen und die Nich­tig­erklä­rung in die Gestal­tungs­frei­heit des Gesetz­ge­bers ein­grei­fen wür­de 5. Da dem Gesetz­ge­ber nach den Aus­füh­run­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 6 im vor­lie­gen­den Fall meh­re­re Mög­lich­kei­ten zur Ver­fü­gung stan­den, den ver­fas­sungs­wid­ri­gen Zustand zu besei­ti­gen, er ins­be­son­de­re auch auf die Vor­aus­set­zung der Staats­an­ge­hö­rig­keit ersatz­los ver­zich­ten konn­te, kam nur eine Unver­ein­bar­keits­er­klä­rung ohne Ver­pflich­tung zur Neu­re­ge­lung in Betracht 7. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat nur den Weg für eine sol­che Neu­re­ge­lung als ver­sperrt ange­se­hen, die nach­träg­lich das LErz­GG abschafft, weil jene Eltern, die die Vor­aus­set­zun­gen des Art 1 Abs 1 S 1 Nr 5 BayL­Erz­GG 1995 erfüll­ten, bereits auf­grund bestands- bzw rechts­kräf­tig abge­schlos­se­ner Ver­fah­ren Erzg erhal­ten hät­ten, wel­ches ihnen nicht rück­wir­kend wie­der genom­men wer­den kön­ne. Eine nach­träg­li­che Abschaf­fung des LErzg benach­tei­li­ge damit erneut in gleich­heits­wid­ri­ger Wei­se die­je­ni­gen, die die mit Art 3 Abs 1 GG unver­ein­ba­ren Vor­aus­set­zun­gen des Art 1 Abs 1 S 1 Nr 5 BayL­Erz­GG nicht erfüll­ten 8.

Eine Unver­ein­bar­keit mit dem Grund­ge­setz hat grund­sätz­lich zur Fol­ge, dass die betrof­fe­ne gesetz­li­che Rege­lung in dem sich aus der Ent­schei­dungs­for­mel erge­ben­den Umfang nicht mehr ange­wen­det wer­den darf 9. Nur in Aus­nah­me­fäl­len ist eine ver­fas­sungs­wid­ri­ge Norm nach ent­spre­chen­der Fest­stel­lung durch das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt wei­ter anwend­bar 10. Eine sol­che Aus­nah­me hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor­lie­gend nicht fest­ge­stellt.

Auf­grund des Beschlus­ses des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 07.02.2012 11 war der baye­ri­sche Gesetz­ge­ber folg­lich gehal­ten, die for­ma­le Geset­zes­la­ge mit dem GG in Ein­klang zu brin­gen 12. Er hät­te also die das Staats­an­ge­hö­rig­keits­er­for­der­nis ent­hal­ten­den Vor­schrif­ten des BayL­Erz­GG 1995, 2001, 2004 und 2007 ent­we­der ersatz­los auf­he­ben oder durch ver­fas­sungs­kon­for­me Bestim­mun­gen erset­zen kön­nen. Im Hin­blick auf die ihm vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ein­ge­räum­te Frist muss­te dies bis zum 31.08.2012 gesche­hen; andern­falls soll­te die Nich­tig­keit der bean­stan­de­ten Vor­schrif­ten ein­tre­ten 13.

Der baye­ri­sche Gesetz­ge­ber hat ledig­lich das BayL­Erz­GG 2007 14 mit Wir­kung ab 30.08.2012 dahin­ge­hend geän­dert, dass des­sen Art 1 Abs 1 S 1 Nr 6 – als Nach­fol­ge­re­ge­lung zu Art 1 Abs 1 S 1 Nr 5 BayL­Erz­GG 1995 – auf­ge­ho­ben und die Anspruchs­be­rech­ti­gung von nicht frei­zü­gig­keits­be­rech­tig­ten Eltern­tei­len ent­spre­chend § 1 Abs 7 BEEG gere­gelt wor­den ist (vgl § 1 Abs 5 BayL­Erz­GG n.F.). Aus dem Umstand, dass die gesetz­li­che Neu­re­ge­lung zeit­lich nicht zurück­wirkt und die hier strei­ti­gen Zeit­räu­me die Leis­tungs­an­sprü­che des Klä­gers betref­fend nicht erfasst, kann ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Beklag­ten nicht der Schluss gezo­gen wer­den, dass Art 1 Abs 1 S 1 Nr 5 BayL­Erz­GG 1995 wei­ter­hin bzw erneut Anwen­dung fin­de. Da sich die Neu­re­ge­lung nur auf das BayL­Erz­GG 2007, nicht aber auf die davor gel­ten­den Fas­sun­gen des BayL­Erz­GG bezieht, fehlt es für den hier ein­schlä­gi­gen § 1 Abs 1 S 1 Nr 5 BayL­Erz­GG 1995 an einem Tätig­wer­den des baye­ri­schen Gesetz­ge­bers. Somit ist die letzt­ge­nann­te Rege­lung nach der Bestim­mung im Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 07.02.2012 15 ab 1.09.2012 als nich­tig anzu­se­hen. Ihre Anwen­dung ist damit aus­ge­schlos­sen.

Eines spe­zi­el­len Hin­wei­ses im Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 07.02.2012 16 auf die Rechts­fol­ge der Nich­tig­keit im Fal­le einer feh­len­den Neu­re­ge­lung auch für zurück­lie­gen­de Zeit­räu­me bedurf­te es nicht. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat im vor­lie­gen­den Fall – anders als in sei­nem Beschluss vom 23.06.2004 17 – aus­drück­lich nicht ver­fügt, dass sich eine Ände­rungs­ver­pflich­tung des Gesetz­ge­bers auf "den gesam­ten von der Unver­ein­bar­er­klä­rung betrof­fe­nen Zeit­raum" erstreckt. Viel­mehr hat es von vorn­her­ein kei­ne Ände­rungs­ver­pflich­tung aus­ge­spro­chen. Im Übri­gen hat es in die­sem Zusam­men­hang mehr­fach auf die Fund­stel­le im 111. Band ver­wie­sen 18. Damit hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt auf der Grund­la­ge des § 31 BVerfGG klar­ge­stellt, dass sich nicht nur die von ihm fest­ge­stell­te Unver­ein­bar­keit mit dem GG, son­dern auch die ange­droh­te Nich­tig­keit bei Aus­blei­ben einer Neu­re­ge­lung auf alle von ihm bean­stan­de­ten Vor­schrif­ten in den jewei­li­gen Fas­sun­gen des BayL­Erz­GG und damit auf den gesam­ten von sei­nem Beschluss erfass­ten Zeit­raum erstreckt.

Unter die­sen Umstän­den erüb­rigt sich eine Prü­fung des Bun­des­so­zi­al­ge­richtrs, ob Art 1 Abs 1 S 1 Nr 5 BayL­Erz­GG 1995 auch gegen die EMRK oder das EG Abk Polen ver­stößt. Im Übri­gen ist das Bun­des­so­zi­al­ge­richt bereits mit Urteil vom 24.04.2003 19 zu dem Ergeb­nis gelangt, dass das EG Abk Polen in Bezug auf BErzg kein Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot ent­hält.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 21. Febru­ar 2013 – B 10 EG 20/​12 R

  1. BVerfG, Beschluss vom 07.02.2012 – 1 BvL 14/​07BVerfGE 130, 240 = NJW 2012, 1711[]
  2. BVerfG, aaO, RdNr 61[]
  3. vgl auch BVerfGE 84, 168, 186; 92, 158, 186[]
  4. vgl BVerfGE 87, 114, 135 f; 94, 241, 265 = SozR 3 – 2200 § 1255a Nr 5 S 18[]
  5. BVerfGE 39, 316, 332 f = SozR 2600 § 60 Nr 1 S 6; BVerfGE 77, 308, 337; 84, 168, 186 f[]
  6. BVerfG, Beschluss vom 07.02.2012, aaO, RdNr 58[]
  7. vgl hier­zu auch BVerfGE 84, 168, 186 f; 92, 158, 186; 111, 176, 189 = SozR 4 – 7833 § 1 Nr 4 RdNr 40[]
  8. vgl BVerfG Beschluss vom 07.02.2012 – 1 BvL 14/​07BVerfGE 130, 240, 260 f = NJW, aaO, RdNr 58[]
  9. BVerfGE 37, 217, 261; 55, 100, 110 = SozR 2600 § 60 Nr 2 S 8; BVerfGE 82, 126, 155; 84, 168, 187; 92, 53, 73 = SozR 3 – 2200 § 385 Nr 6 S 22 f[]
  10. s hier­zu BVerfGE 37, 217, 261; 61, 319, 356; 92, 53, 73 = SozR 3 – 2200 § 385 Nr 6 S 22 f[]
  11. BVerfG, aaO[]
  12. vgl zB BVerfGE 41, 399, 426; 55, 100, 110 = SozR 2600 § 60 Nr 2 S 8; BVerfGE 61, 319, 356; 81, 363, 384; 94, 241, 266 = SozR 3 – 2200 § 1255a Nr 5 S 18[]
  13. BVerfG Beschluss vom 07.02.2012 – 1 BvL 14/​07, BVerfGE 130, 240, 260 f = NJW, aaO, RdNr 58; BVerfGE 111, 115, 146 = SozR 4 – 8570 § 6 Nr 3 RdNr 60[]
  14. geän­dert durch Art 14 Gesetz vom 14.04.2009, BayGVBl S 86[]
  15. BVerfG, Beschluss vom 07.02.2012 – 1 BvL 14/​07, BVerfGE 130, 240, 262 = NJW, aaO, RdNr 61[]
  16. BVerfG, Beschluss vom 07.02.2012, aaO[]
  17. BVerfG, Beschluss vom 23.06.2004 – 1 BvL 3/​98, BVerfGE 111, 115, 146 = SozR 4 – 8570 § 6 Nr 3 RdNr 60[]
  18. BVerfG, Beschluss vom 07.02.2012 – 1 BvL 14/​07, BVerfGE 130, 240, 262, NJW, aaO, RdNr 61 und 62[]
  19. ((BSG, Urteil vom 24.04.2003 – B 10 EG 4/​01 R, SozR 4 – 6720 Art 38 Nr 1[]