Befrei­ung von Rund­funk­ge­büh­ren bei geis­ti­ger Behin­de­rung

Für die Zuer­ken­nung des Nach­teils­aus­gleichs RF ist es nicht maß­ge­bend, dass ein Behin­der­ter auf­grund sei­ner feh­len­den geis­ti­gen Fähig­kei­ten den Inhalt öffent­li­cher Ver­an­stal­tun­gen nicht erfas­sen kann. So ist eine Unter­schrei­tung des Min­dest­ma­ßes geis­ti­ger Auf­nah­me und damit eine Unfä­hig­keit zur Teil­nah­me an öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen nicht fest­zu­stel­len, wenn der Behin­der­te trotz sei­ner geis­ti­gen Behin­de­rung noch in der Lage ist, die äuße­ren Umstän­de einer Ver­an­stal­tung als sol­che wahr­zu­neh­men und zu erken­nen 1.

Befrei­ung von Rund­funk­ge­büh­ren bei geis­ti­ger Behin­de­rung

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg hat im Fall eines an einem früh­kind­li­chen Hirn­scha­den lei­den­den Behin­der­ten ent­schie­den, dass der Nach­teils­aus­gleich RF nicht zuer­kannt wird. Die Vor­aus­set­zun­gen des Nach­teils­aus­glei­ches RF waren bis 31.03.2005 in § 1 Abs. 1 Nr. 3 der Ver­ord­nung der Lan­des­re­gie­rung über die Vor­aus­set­zun­gen für die Befrei­ung von der Rund­funk­ge­büh­ren­pflicht vom 21.07.1992 des Lan­des Baden-Würt­tem­berg 2 gere­gelt. An deren Stel­le trat zwar mit Wir­kung ab 01.04.2005 Art. 5 § 6 Abs. 1 Nr. 8 des 8. Staats­ver­tra­ges zur Ände­rung rund­funk­recht­li­cher Staats­ver­trä­ge vom 08. bis 15.10.2004 idF des Baden-Würt­tem­ber­gi­schen Geset­zes vom 17.03.2005 3. Die­se Nor­men regeln jedoch inhalts­gleich die gesund­heit­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Befrei­ung von der Rund­funk­ge­büh­ren­pflicht. Sie sind grund­sätz­lich für die inhalt­li­che Beur­tei­lung, ob dem Klä­ger der Nach­teils­aus­gleich RF zusteht, zugrun­de zu legen 4. Danach wer­den auf Antrag von der Rund­funk­ge­büh­ren­pflicht befreit:

  • Blin­de oder nicht nur vor­über­ge­hend wesent­lich seh­be­hin­der­te Men­schen mit einem GdB von 60 allein wegen der Seh­be­hin­de­rung
  • Hör­ge­schä­dig­te Men­schen, die gehör­los sind oder denen eine aus­rei­chen­de Ver­stän­di­gung über das Gehör auch mit Hör­hil­fe nicht mög­lich ist
  • behin­der­te Men­schen, deren GdB nicht nur vor­über­ge­hend wenigs­tens 80 beträgt und die wegen ihres Lei­dens an öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen stän­dig nicht teil­neh­men kön­nen.

In Betracht zu zie­hen ist im vor­lie­gen­den Fall nur der letzt­ge­nann­te (gesund­heit­li­che) Befrei­ungs­tat­be­stand. Der Klä­ger erfüllt zwar die dort genann­te Vor­aus­set­zung eines Grad der Behin­de­rung, GdB, von wenigs­tens 80, nach­dem der GdB bei ihm bereits seit 20.04.1994 100 beträgt. Zusätz­lich ist jedoch erfor­der­lich, dass der Klä­ger in der strei­ti­gen Zeit wegen sei­nes Lei­dens an öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen stän­dig nicht teil­neh­men konn­te. Dies ist zu ver­nei­nen. Die Aus­wir­kun­gen der beim Klä­ger vor­lie­gen­den Funk­ti­ons­be­ein­träch­ti­gun­gen, in deren Vor­der­grund die Fol­gen und Aus­wir­kun­gen einer früh­kind­li­chen Hirn­schä­di­gung ste­hen, waren jeden­falls bis Sep­tem­ber 2009 nicht der­art, dass er damit (all­ge­mein) von öffent­li­chen Zusam­men­künf­ten aus­ge­schlos­sen war. Dass er Ver­an­stal­tun­gen (wie z. B. Kino – und Thea­ter­vor­füh­run­gen sowie Vor­trags­ver­an­stal­tun­gen) wegen sei­ner geis­ti­gen Behin­de­rung inhalt­lich nicht zu fol­gen ver­mag, wie sein Vater gel­tend macht, bedeu­tet nicht, dass er an sol­chen Ver­an­stal­tun­gen nicht teil­neh­men kann. Auch dem Besuch sol­cher Ver­an­stal­tun­gen (ein­schließ­lich des Hin- und Rück­we­ges) ste­hen mit Hil­fe einer Begleit­per­son – der ent­spre­chen­de Nach­teils­aus­gleich B ist beim Klä­ger seit vie­len Jah­ren fest­ge­stellt – gesund­heit­li­che Grün­de nicht ent­ge­gen. Die feh­len­de geis­ti­ge Fähig­keit, den Inhalt sol­cher öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen zu erfas­sen, begrün­det kei­nen Anspruch auf den Nach­teils­aus­gleich RF. Grund­sätz­lich lässt sich nicht all­ge­mein fest­stel­len, wo das Min­dest­maß der geis­ti­gen Anteil­nah­me liegt, unter­halb des­sen von einer „Teil­nah­me“ nicht mehr gespro­chen wer­den kann. 5.

In die­ser Ent­schei­dung hat das Bun­des­so­zi­al­ge­richt betont, dass es nach der Sys­te­ma­tik der (frü­he­ren) Ver­ord­nung über die Befrei­ung von der Rund­funk­ge­büh­ren­pflicht kei­nem Zwei­fel unter­lie­gen kön­ne, dass in der betref­fen­den Rege­lung nur sol­che Behin­der­te mit einem GdB von wenigs­tens 80 gemeint sei­en, die allein phy­sisch nicht an öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen teil­neh­men kön­nen, sei es wegen kör­per­li­cher Behin­de­rung, sei es wegen Unzu­mut­bar­keit für ihre Umge­bung. Sol­che Grün­de sei­en leicht erkenn­bar und in ihrer Aus­wir­kung sicher zu beur­tei­len. Für geis­ti­ge und see­li­sche Beein­träch­ti­gun­gen gel­te das nicht. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg folgt die­ser Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts.

Vor­lie­gend ist der Klä­ger in der Lage, kör­per­lich – ggf. mit Hil­fe Drit­ter – an öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen teil­zu­neh­men; Unzu­mut­bar­kei­ten für ande­re sind nicht ersicht­lich. Dar­über hin­aus gibt es auch öffent­li­che Ver­an­stal­tun­gen, die im Wesent­li­chen kei­ne geis­ti­ge inhalt­li­che Auf­nah­me­fä­hig­keit der Dar­bie­tun­gen erfor­dern. Hier­zu gehö­ren bei­spiels­wei­se der Besuch von Mes­sen, Jahr­märk­ten, Volks­fes­ten und Frei­zeit­parks. Schon die aus gesund­heit­li­chen Grün­den bestehen­de Mög­lich­keit, an öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen die­ser Art (mit einer Begleit­per­son) teil­zu­neh­men, lässt den Anspruch auf den Nach­teils­aus­gleich RF ent­fal­len. Dass der Klä­ger auf­grund sei­ner geis­ti­gen Behin­de­rung selbst die äuße­ren Umstän­de einer Ver­an­stal­tung nicht als sol­che wahr­zu­neh­men in der Lage ist, ist den medi­zi­ni­schen Unter­la­gen und dem Kla­ge­vor­brin­gen nicht zu ent­neh­men, wes­halb eine Unter­schrei­tung des Min­dest­ma­ßes geis­ti­ger Auf­nah­me und damit eine Unfä­hig­keit zur Teil­nah­me an öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen vor­lie­gend nicht fest­zu­stel­len ist. Es kommt daher nicht dar­auf an, ob es – wie im ange­foch­te­nen Urteil des Sozi­al­ge­richts zumin­dest ange­deu­tet – für die Ver­nei­nung der Vor­aus­set­zun­gen des Nach­teils­aus­glei­ches RF genügt, wenn der behin­der­te Mensch jeden­falls an spe­zi­ell für Behin­der­te ver­an­stal­te­ten öffent­li­chen Zusam­men­künf­ten, aber nicht an all­ge­mei­nen öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen teil­neh­men kann.

Soweit die vom Sozi­al­ge­richt gehör­te Sach­ver­stän­di­ge in ihrem ner­ven­ärzt­li­chen Gut­ach­ten vom 11.03.2008 den Nach­teils­aus­gleich RF in ihrer abschlie­ßen­den Beur­tei­lung befür­wor­tet hat, kann ihr nicht gefolgt wer­den. Ihre Begrün­dung, der Klä­ger kön­ne an öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen in kei­nem Fall allein teil­neh­men und sei­nem Vater sei es auch nicht zumut­bar, ihn zu jeder Ver­an­stal­tung zu beglei­ten, ver­mag die gesund­heit­li­chen Vor­aus­set­zun­gen des Nach­teils­aus­glei­ches RF nicht zu begrün­den, da die Mög­lich­keit, mit Hil­fe einer Begleit­per­son Ver­an­stal­tun­gen zu besu­chen (wie z. B. Roll­stuhl­fah­rer) dem gel­tend gemach­ten Anspruch ent­ge­gen­steht. Ob eine Begleit­per­son immer zur Ver­fü­gung steht, ist nicht ent­schei­dend, da es allein auf den auf Dau­er bestehen­den Gesund­heits­zu­stand des behin­der­ten Men­schen ankommt. Die von der Sach­ver­stän­di­gen erho­be­nen Befun­de und gestell­ten Dia­gno­sen bele­gen zwar schwer­wie­gen­de gesund­heit­li­che Beein­träch­ti­gun­gen des Klä­gers durch die erlit­te­ne früh­kind­li­che Hirn­schä­di­gung in Form von syn­ko­pa­len Atta­cken, cere­b­ra­len Krampf­an­fäl­len und zeit­li­chen sowie ört­li­chen Ori­en­tie­rungs­stö­run­gen, bestä­ti­gen ein gesund­heit­lich beding­tes stän­di­ges Unver­mö­gen der Teil­nah­me an öffent­li­chen Ver­an­stal­tun­gen (mit Hil­fe einer Begleit­per­son) jedoch nicht.

Die­se Beur­tei­lung wird durch die vom Klä­ger im strei­ti­gen Zeit­raum außer Haus aus­ge­üb­te Tätig­keit zusätz­lich bestä­tigt. Der Klä­ger arbei­te­te bis ein­schließ­lich April 2010 in der WfB in K. . Den Weg zur Werk­statt und wie­der nach Hau­se leg­te er allein zurück, wie er gegen­über der Sach­ver­stän­di­gen glaub­haft ange­ge­ben hat. Dass sich hier­an nach dem 11.03.2008 bis Sep­tem­ber 2009 etwas geän­dert hat, ist weder gel­tend gemacht noch sonst ersicht­lich. Für das Gericht steht somit fest, dass er jeden­falls in der strei­ti­gen Zeit – wie für den Nach­teils­aus­gleich RF erfor­der­lich – nicht prak­tisch an das Haus gebun­den war. Im Febru­ar 2009 muss­te der Klä­ger zwar wegen Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten und Aggres­si­vi­tät im Kreis­kran­ken­haus T. sta­tio­när behan­delt wer­den. Er konn­te aber in gut sta­bi­li­sier­tem Zustand ent­las­sen wer­den und hat in der Fol­ge­zeit wei­ter in der WfB in K. gear­bei­tet. Erst ab April 2010 hat der Klä­ger nach den Anga­ben sei­nes Vaters laut akten­kun­di­gem Kli­nik­be­richt vom 14.10.2010 nicht mehr in der WfB gear­bei­tet. Er sit­ze abwe­send auf dem Stuhl, zei­ge kein Inter­es­se und wei­se eine depres­si­ve Sym­pto­ma­tik auf. Die­se Ver­schlech­te­rung des Gesund­heits­zu­stan­des des Klä­gers, die zu sei­ner sta­tio­nä­ren Behand­lung im Kreis­kran­ken­haus T. vom 27.07. bis 27.08.2010 und schließ­lich – so der Vater des Klä­gers in sei­nem Schrei­ben vom 30.07.2011 – zu sei­ner Unter­brin­gung in einer Lang­zeit­ein­rich­tung für psy­chisch Kran­ke geführt hat, ist mit­hin erst nach dem strei­ti­gen Zeit­raum ein­ge­tre­ten, so dass sie – unab­hän­gig von der Fra­ge, ob die Vor­aus­set­zun­gen des Nach­teils­aus­glei­ches RF damit erfüllt wären – für den strei­ti­gen Anspruch nicht erheb­lich ist.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 9. August 2011 – L 8 SB 5408/​08

  1. im Anschluss an BSG, Urteil vom 11.09.1991 – 9 a/​9 RVs 15/​89, SozR 3 – 3870 § 4 Nr. 2
  2. GBl 1992, 578
  3. GBl 2005, 189
  4. vgl. BSG, Urteil vom 08.11.2007 – B 9/​9a SB 3/​06 R
  5. BSG, Urteil vom 11.09.1991 – 9 a/​9 RVs 15/​89, SozR 3 – 3870 § 4 Nr. 2