Behand­lungs­ab­bruch beim Wach­ko­ma – und die Hin­ter­blie­be­nen­ren­te

Hin­ter­blie­be­ne, die einen nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs gerecht­fer­tig­ten Behand­lungs­ab­bruch vor­neh­men, kön­nen eine Hin­ter­blie­be­nen­ren­te aus der gesetz­li­chen Unfall­ver­si­che­rung bean­spru­chen.

Behand­lungs­ab­bruch beim Wach­ko­ma – und die Hin­ter­blie­be­nen­ren­te

So hat jetzt das Bun­des­so­zi­al­ge­richt zuguns­ten einer Ehe­frau ent­schie­den, die bei ihrem seit Jah­ren im Wach­ko­ma lie­gen­den Ehe­mann die Magen­son­de ent­fernt hat­te. In einem sol­chen Aus­nah­me­fall greift der gesetz­li­che Leis­tungs­aus­schluss für Per­so­nen, die vor­sätz­lich den Tod des Ver­si­cher­ten her­bei­ge­führt haben, nicht durch.

Im dem hier ent­schie­de­nen Fall wur­de der 1943 gebo­re­ne Ehe­mann der Klä­ge­rin im Sep­tem­ber 2006 auf dem Heim­weg von der Arbeit mit dem Fahr­rad von einem Motor­rad erfasst und schlug mit dem Kopf auf der Bord­stein­kan­te auf. Hier­bei zog er sich unter ande­rem ein schwe­res Schä­del­hirn­trau­ma zu und ver­lor das Bewusst­sein. Als Fol­ge des Schä­del­hirn­trau­mas bestand ein dau­er­haf­tes Wach­ko­ma; will­kür­li­che Reak­tio­nen waren nicht mehr mög­lich. Der Ver­si­cher­te war voll­stän­dig auf pfle­ge­ri­sche Hil­fe ange­wie­sen und wur­de künst­lich über eine Magen­son­de ernährt. Ende 2006 wur­de er zur zustands­er­hal­ten­den Pfle­ge in ein Wach­ko­ma­zen­trum ver­legt.

Die Unfall­kas­se Ber­lin aner­kann­te den Unfall als Arbeits­un­fall und gewähr­te dem Ver­si­cher­ten eine Ver­letz­ten­ren­te nach einer Min­de­rung der Erwerbs­fä­hig­keit von 100%. Das Unfall­kran­ken­haus stell­te im März 2010 fest, eine posi­ti­ve Ver­än­de­rung des Gesund­heits­zu­stands des Ver­si­cher­ten sei nicht mehr zu erwar­ten. Bei der Ehe­frau reif­te des­halb der Ent­schluss, bei ihrem Ehe­mann die Ver­sor­gung über die Magen­son­de ein­zu­stel­len. Gemein­sam mit ihren erwach­se­nen Söh­nen erstell­te sie einen Ver­merk, nach dem sich der Ver­letz­te vor sei­nem Unfall wie­der­holt und ganz klar geäu­ßert habe, nie­mals nur durch lebens­ver­län­gern­de Maß­nah­men wei­ter­le­ben zu wol­len. Die Ehe­frau und ihre Söh­ne ent­schie­den ein­ver­nehm­lich, den Ver­si­cher­ten ster­ben zu las­sen. Die Ehe­frau durch­trenn­te nach Abspra­che mit der Heim­lei­tung am 12. Juli 2010 die der Ernäh­rung des Ver­si­cher­ten die­nen­de Magen­son­de. Der Ver­si­cher­te ver­starb am 20. Juli 2010 an Unter­ernäh­rung, ohne nach dem Unfall das Bewusst­sein wie­der­erlangt zu haben.

Die Unfall­kas­se Ber­lin lehn­te die von der Ehe­frau bean­trag­ten Leis­tun­gen ab. Das Sozi­al­ge­richt Ber­lin hat die Unfall­kas­se ver­ur­teilt, der Ehe­frau Hin­ter­blie­be­nen­ren­te und Ster­be­geld zu zah­len, das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg hat die Beru­fung der Unfall­kas­se zurück­ge­wie­sen. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat die­se Ent­schei­dun­gen der Vor­in­stan­zen nun­mehr im Ergeb­nis bestä­tigt:

Der Tod des Ver­si­cher­ten stell­te einen Arbeits­un­fall dar, weil die recht­lich wesent­li­che Ursa­che für den Tod in sei­nem Wege­un­fall lag, denn die­ser Unfall auf dem Weg von der Arbeit hat bei ihm so schwe­re Ver­let­zun­gen aus­ge­löst, dass sein bereits zuvor bestehen­der, grund­recht­lich geschütz­ter Wil­le, kei­nen lebens­ver­län­gern­den Maß­nah­men aus­ge­setzt zu sein, erst durch die­sen Ver­si­che­rungs­fall maß­ge­bend zum Tra­gen kam.

Die bean­trag­ten Hin­ter­blie­be­nen­leis­tun­gen der Ehe­frau waren auch nicht nach § 101 SGB VII aus­ge­schlos­sen, weil die Ehe­frau den Tod des Ver­si­cher­ten vor­sätz­lich her­bei­ge­führt hat. Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat den Gel­tungs­be­reich die­ser Norm ein­ge­schränkt, so dass sie auch bei einem vor­sätz­li­chen Her­bei­füh­ren des Todes im Fal­le eines straf­frei­en Behand­lungs­ab­bruchs kei­ne Anwen­dung fin­det. Dies gilt jeden­falls für Fäl­le des gerecht­fer­tig­ten Behand­lungs­ab­bruchs im Sin­ne der neue­ren Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs 1.

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat damit den Wil­len des Gesetz­ge­bers des soge­nann­ten Pati­en­ten­ver­fü­gungs­ge­set­zes 2 im Sozi­al­recht nach­voll­zo­gen. Ins­be­son­de­re mit der Rege­lung der Pati­en­ten­ver­fü­gung in § 1901a BGB hat der Gesetz­ge­ber klar­ge­stellt, dass die durch die Auto­no­mie und Men­schen­wür­de (Art 1 GG) des Ein­zel­nen getra­ge­ne Ent­schei­dung, kei­ne lebens­ver­län­gern­den Maß­nah­men erdul­den zu müs­sen, gene­rell zu berück­sich­ti­gen ist. Ein straf­frei­er Behand­lungs­ab­bruch, bei dem der Wil­le des Pati­en­ten zum Aus­druck gebracht wird, kann auch im Sozi­al­recht nicht mehr zu leis­tungs­recht­lich nega­ti­ven Kon­se­quen­zen für Per­so­nen füh­ren, die – wie hier die Ehe­frau – die­sen von der Rechts­ord­nung gebil­lig­ten Wil­len des Ver­si­cher­ten durch ihr Han­deln als Betreue­rin ver­wirk­licht haben. Zudem war die Ehe­frau als Betreue­rin gesetz­lich ver­pflich­tet, den Wil­len ihres Ehe­gat­ten umzu­set­zen. Bereits das Lan­des­so­zi­al­ge­richt hat­te ent­schie­den, dass bei der Ehe­frau die Vor­aus­set­zun­gen eines gerecht­fer­tig­ten Behand­lungs­ab­bruchs vor­la­gen und dabei die Ent­schei­dung der Staats­an­walt­schaft Ber­lin über die Ein­stel­lung des Straf­ver­fah­rens gegen die Ehe­frau nach § 170 Abs 2 StPO auf­grund eige­ner Fest­stel­lun­gen noch­mals straf­recht­lich "nach­voll­zo­gen". Hier­an war das Bun­des­so­zi­al­ge­richt gebun­den.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 4. Dezem­ber 2014 – B 2 U 18/​13

  1. BGH, Urteil vom 25. Juni 2010 – 2 StR 454/​09, BGHSt 55, 191 = NJW 2010, 2963[]
  2. vom 29. Juli 2009, BGBI 2286[]