Grad der Behin­de­rung – Bestands­kraft und nach­träg­li­che Ände­rung des Fest­stel­lungs­be­scheids

§ 48 Abs 1 S 1 SGB X. Danach ist, soweit in den tat­säch­li­chen oder recht­li­chen Ver­hält­nis­sen, die bei Erlass eines Ver­wal­tungs­akts mit Dau­er­wir­kung vor­ge­le­gen haben, eine wesent­li­che Ände­rung ein­tritt, der Ver­wal­tungs­akt mit Wir­kung für die Zukunft auf­zu­he­ben 1. Von einer sol­chen Ände­rung ist im vor­lie­gen­den Zusam­men­hang bei einer Ver­schlech­te­rung im Gesund­heits­zu­stand des Klä­gers aus­zu­ge­hen, wenn aus die­ser die Erhö­hung des Gesamt-GdB um wenigs­tens 10 folgt 2. Das Hin­zu­tre­ten wei­te­rer Funk­ti­ons­stö­run­gen mit einem Ein­zel-GdB von 10 bleibt aller­dings regel­mä­ßig ohne Aus­wir­kung auf den Gesamt-GdB 3. Gemäß § 48 Abs 1 S 2 SGB X soll der Ver­wal­tungs­akt mit Wir­kung vom Zeit­punkt der Ände­rung der Ver­hält­nis­se auf­ge­ho­ben wer­den, soweit die Ände­rung zuguns­ten des Betrof­fe­nen erfolgt (§ 48 Abs 1 S 2 Nr 1 SGB X).

Grad der Behin­de­rung – Bestands­kraft und nach­träg­li­che Ände­rung des Fest­stel­lungs­be­scheids

Bei dem Bescheid über die Fest­stel­lung eines GdB nach dem Schwer­be­hin­der­ten­recht han­delt es sich um einen Ver­wal­tungs­akt mit Dau­er­wir­kung 4.

Mit dem Aus­gangs­be­scheid wur­de ein Gesamt-GdB auf Dau­er fest­ge­stellt. Hier­an ist auch die Behör­de gebun­den, und zwar inner­halb des durch § 39 SGB X und § 77 SGG gesetz­ten Rah­mens in ihrer Eigen­schaft als Trä­ger des Ver­wal­tungs­ver­fah­rens 5 und als zustän­di­ge Stel­le für den Erlass des Ver­wal­tungs­akts. Das bedeu­tet, dass die Rege­lung des Ver­wal­tungs­akts für die erlas­sen­de Behör­de und die Betei­lig­ten iS des § 12 SGB X grund­sätz­lich ver­bind­lich ist 6. § 39 Abs 2 SGB X bestimmt, dass ein – gemäß § 39 Abs 1 SGB X wirk­sam erlas­se­ner – Ver­wal­tungs­akt wirk­sam bleibt, solan­ge und soweit er nicht zurück­ge­nom­men, wider­ru­fen, ander­wei­tig auf­ge­ho­ben oder durch Zeit­ab­lauf oder auf ande­re Wei­se erle­digt ist. Nach § 77 SGG ist, wenn der gegen einen Ver­wal­tungs­akt gege­be­ne Rechts­be­helf nicht oder erfolg­los ein­ge­legt wird, der Ver­wal­tungs­akt für die Betei­lig­ten in der Sache bin­dend, soweit durch Gesetz nichts ande­res bestimmt ist (mate­ri­el­le Bestands­kraft). Gera­de wegen der Schutz­wir­kun­gen, die sich aus der Bin­dungs­wir­kung für die von dem Ver­wal­tungs­akt betrof­fe­nen Per­son erge­ben, muss die den Ver­wal­tungs­akt erlas­sen­de Stel­le eben­falls dar­an gebun­den sein.

Vor­schrif­ten, die die Bin­dungs­wir­kung eines Ver­wal­tungs­akts (mate­ri­el­le Bestands­kraft) iS des § 77 SGG durch­bre­chen ("soweit durch Gesetz nichts ande­res bestimmt ist"), ent­hält das X. Buch Sozi­al­ge­setz­buch im 2. Titel des 3. Abschnitts ("Bestands­kraft des Ver­wal­tungs­ak­tes"). Die­se sehen die Rück­nah­me (§§ 44, 45 SGB X), den Wider­ruf (§§ 46, 47 SGB X) und die Auf­he­bung (§ 48 SGB X) eines Ver­wal­tungs­ak­tes vor (s. auch § 39 Abs 2 SGB X). Hin­zu kom­men ver­ein­zel­te spe­zi­ell auf Ver­wal­tungs­ak­te aus­ge­rich­te­te Vor­schrif­ten in ande­ren Geset­zen, wie z.B. § 60 Abs 4 Bun­des­ver­sor­gungs­ge­setz, die hier jedoch nicht ein­schlä­gig sind.

§ 69 SGB IX, der durch­aus auch ver­fah­rens­recht­li­che Rege­lun­gen über die Fest­stel­lung der Behin­de­rung und die Aus­stel­lung der Aus­wei­se ent­hält (z.B. das jewei­li­ge Antrags­er­for­der­nis), trifft indes kei­ner­lei ver­fah­rens­recht­li­che Bestim­mun­gen über die Rück­nah­me, den Wider­ruf oder die Auf­he­bung der in § 69 Abs 1 S 1 SGB IX vor­ge­schrie­be­nen Fest­stel­lun­gen über das Vor­lie­gen einer Behin­de­rung und des GdB. Er lässt auch nicht erken­nen, dass er die Rege­lun­gen im SGB X ganz oder teil­wei­se ver­drängt.

Spe­zi­ell zum Ver­wal­tungs­akt über die Fest­stel­lung des GdB und zu des­sen Bin­dungs­wir­kung bei spä­te­rem Hin­zu­tre­ten einer dau­er­haf­ten Gesund­heits­stö­rung (Behin­de­rung gemäß § 2 SGB IX) hat das BSG schon unter Gel­tung des Schwer­be­hin­der­ten­ge­set­zes ent­schie­den, dass eine ursprüng­lich unrich­ti­ge Ent­schei­dung unter Beach­tung ihrer Bestands­kraft grund­sätz­lich nicht kor­ri­giert wer­den darf, viel­mehr hier­bei die Vor­schrif­ten der §§ 48 und 45 SGB X maß­geb­lich sind 7. Durch § 48 Abs 3 SGB X ist nach die­sem Urteil die Ver­wal­tung auch im Recht der sozia­len Ent­schä­di­gung und im Recht der Schwer­be­hin­der­ten ermäch­tigt wor­den, anläss­lich einer nach­träg­li­chen Ände­rung eines Teils der maß­ge­bend gewe­se­nen Ver­hält­nis­se mög­li­cher­wei­se bestands­kräf­tig gewor­de­ne Fest­stel­lun­gen über Schä­di­gungs­fol­gen oder Behin­de­run­gen und über ihre Aus­wir­kun­gen mit der wirk­li­chen Sach­la­ge in Ein­klang zu brin­gen 8. Mit Urteil vom 19.09.2000 9 hat das BSG bekräf­tigt, dass ein Fest­stel­lungs­be­scheid, der rechts­wid­ri­ger­wei­se den GdB zu hoch fest­ge­stellt hat, ent­we­der nach § 45 SGB X – teil­wei­se – zurück­zu­neh­men ist, oder, wenn dies nicht mehr mög­lich ist, gemäß § 48 Abs 3 SGB X "abge­schmol­zen" wer­den kann. Wird die­se Mög­lich­keit der Abschmel­zung nicht wahr­ge­nom­men, kann die unter­blie­be­ne Abschmel­zung nicht bei einer zukünf­ti­gen Ände­rung der Ver­hält­nis­se nach­ge­holt wer­den 10.

Die Kor­rek­tur der Fol­gen eines rechts­wid­rig begüns­ti­gen­den Ver­wal­tungs­ak­tes nach § 48 Abs 3 SGB X setzt mit­hin eine ent­spre­chen­de aus­drück­li­che Ver­wal­tungs­ent­schei­dung vor­aus. Die Vor­schrift ist wegen der erfor­der­li­chen kon­sti­tu­ti­ven Fest­stel­lung durch die Ver­wal­tung auch nicht eigen­stän­dig durch die Gerich­te der­ge­stalt anwend­bar, dass die­se eine Kla­ge auf eine höhe­re Leis­tung oder auf Fest­stel­lung eines höhe­ren GdB von sich aus unter Hin­weis auf § 48 Abs 3 SGB X abwei­sen dürf­ten 11. Dem­entspre­chend darf die Ver­wal­tung § 48 Abs 3 SGB X nicht still­schwei­gend ("frei­hän­dig") anwen­den, son­dern muss eine förm­li­che Ent­schei­dung in Gestalt eines Ver­wal­tungs­ak­tes tref­fen, der sei­ner­seits ange­foch­ten wer­den kann.

Kon­sti­tu­tiv für eine Ent­schei­dung nach § 48 Abs 3 SGB X ist die durch Ver­wal­tungs­akt vor­zu­neh­men­de Fest­stel­lung, dass und in wel­chem Umfang die ursprüng­li­che Bewil­li­gung oder Fest­stel­lung rechts­wid­rig ist 12. Die Ent­schei­dung über eine Ableh­nung der Erhö­hung der Leis­tung oder der Erhö­hung des GdB kann – aus gege­be­nem Anlass – spä­ter getrof­fen wer­den.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 17. April 2013 – B 9 SB 6/​12 R

  1. ein­ge­hend hier­zu für das Schwer­be­hin­der­ten­recht BSG Urteil vom 12.11.1996 – 9 RVs 5/​95, BSGE 79, 223, 225 = SozR 3 – 1300 § 48 Nr 57[]
  2. vgl BSG Urteil vom 11.11.2004 – B 9 SB 1/​03 R[]
  3. BSG Urteil vom 24.06.1998 – B 9 SB 18/​97[]
  4. vgl Opper­mann in Knick­rehm, Gesam­tes Sozia­les Ent­schä­di­gungs­recht, 2012, § 69 SGB IX RdNr 10; stRspr des BSG, s. BSG, Urteil vom 22.10.1986 – 9a RVs 55/​85, BSGE 60, 287 = SozR 1300 § 48 Nr 29; Urteil vom 19.09.2000 – B 9 SB 3/​00 R, BSGE 87, 126 = SozR 3 – 1300 § 45 Nr 43; BSGE 91, 205 = SozR 4 – 3250 § 69 Nr 2 und BSG SozR 4 – 3250 § 69 Nr 9[]
  5. von Wulffen in von Wulffen, SGB X, 7. Aufl 2010, § 12 RdNr 4[]
  6. Roos in von Wulffen, SGB X, 7. Aufl 2010, vor § 39 RdNr 3 mwN[]
  7. BSG, Urteil vom 22.10.1986 – 9a RVs 55/​85, BSGE 60, 287 = SozR 1300 § 48 Nr 29[]
  8. BSGE 60, 287, 291 = SozR 1300 § 48 Nr 29 S 89[]
  9. BSG Urteil vom 19.09.2000 – B 9 SB 3/​00 R, BSGE 87, 126 = SozR 3 – 1300 § 45 Nr 43[]
  10. BSGE 87, 126, 130 = SozR 3 – 1300 § 45 Nr 43 S 146; s auch Stein­we­del in Kas­se­ler Komm, Stand Dezem­ber 2012, § 48 SGB X RdNr 29 mwN[]
  11. Stein­we­del, aaO, RdNr 29 und 69[]
  12. Stein­we­del, aaO, RdNr 67, 68 mwN; vgl ins­be­son­de­re BSGE 63, 266 = SozR 3642 § 9 Nr 3; BSGE 94, 133 = SozR 4 – 3200 § 81 Nr 2, RdNr 7[]