Häus­li­che Kran­ken­pfle­ge und sta­tio­nä­re Behin­der­ten­hil­fe

Ver­si­cher­te haben grund­sätz­lich nach einer Ent­schei­dung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Ham­burg auch dann Anspruch auf Leis­tun­gen der häus­li­chen Kran­ken­pfle­ge gemäß § 37 SGB V, wenn sie in einer sta­tio­nä­ren Ein­rich­tung der Behin­der­ten­hil­fe leben. Eine sta­tio­nä­re Wohn­ein­rich­tung ist dann ein geeig­ne­ter Ort im Sin­ne von § 37 Abs. 2 Satz 1 SGB V, wenn der Ver­si­cher­te kei­nen Anspruch auf Behand­lungs­pfle­ge gegen den Ein­rich­tungs­trä­ger hat. Recht­lich uner­heb­lich ist in die­sem Zusam­men­hang, ob es sich bei der Ein­rich­tung um ein Heim im Sin­ne des Heim­ge­set­zes han­delt.

Häus­li­che Kran­ken­pfle­ge und sta­tio­nä­re Behin­der­ten­hil­fe

Gemäß § 37 Abs. 2 Satz 1 SGB V erhal­ten Ver­si­cher­te als häus­li­che Kran­ken­pfle­ge Behand­lungs­pfle­ge, wenn die­se zur Siche­rung des Ziels der ärzt­li­chen Behand­lung erfor­der­lich ist. Nach der gesetz­li­chen Rege­lung wer­den die Leis­tun­gen in dem Haus­halt der Ver­si­cher­ten, ihrer Fami­lie oder sonst an einem geeig­ne­ten Ort, ins­be­son­de­re in betreu­ten Wohn­for­men, Schu­len und Kin­der­gär­ten, bei beson­ders hohem Pfle­ge­be­darf auch in Werk­stät­ten für behin­der­te Men­schen erbracht.

§ 37 Abs. 2 Satz 1 SGB V setzt vor­aus, dass die Leis­tun­gen in einem Haus­halt oder „sonst an einem geeig­ne­ten Ort, ins­be­son­de­re in betreu­ten Wohn­for­men,…“ erbracht wer­den kön­nen. Ein­rich­tun­gen, in denen behin­der­ten Men­schen Ein­glie­de­rungs­hil­fe gewährt wird, kön­nen eine „betreu­te Wohn­form“ im Sin­ne des Geset­zes sein, wenn durch den Auf­ent­halt nicht ein Anspruch auf Leis­tun­gen der Behand­lungs­pfle­ge begrün­det wird, zumin­dest han­delt es sich aber um einen „sonst geeig­ne­ten Ort“. Das ergibt sich ins­be­son­de­re aus dem Sinn und Zweck der Rege­lung nach der Ände­rung des § 37 SGB V durch das GKV-Wett­be­werbs­stär­kungs­ge­setz vom 26. März 2007 mit Wir­kung zum 1. April 2007. Nach der Geset­zes­be­grün­dung soll­te eine vor­sich­ti­ge Erwei­te­rung des Haus­halts­be­griffs erfol­gen, um vor­schnel­le sta­tio­nä­re Ein­wei­sun­gen zu ver­mei­den und um Lücken im Zwi­schen­be­reich von sta­tio­nä­rer und ambu­lan­ter Ver­sor­gung zu schlie­ßen 1. Wei­ter heißt es, dass ein geeig­ne­ter Ort dann nicht gege­ben sei, wenn Ein­rich­tun­gen medi­zi­ni­sche Behand­lungs­pfle­ge schul­den.

Die Gemein­sam­kei­ten der sta­tio­nä­ren Ein­rich­tun­gen der Behin­der­ten­hil­fe ohne Anspruch auf Behand­lungs­pfle­ge mit betreu­ten Wohn­for­men recht­fer­ti­gen es, die­se Wohn­ein­rich­tun­gen als geeig­ne­te Orte im Sin­ne von § 37 Abs. 2 Satz 1 SGB V anzu­se­hen, wenn man sie nicht bereits als beson­de­re Aus­prä­gung des betreu­ten Woh­nens im Sin­ne von § 37 Abs. 2 Satz 1 SGB V ver­steht. Die Ein­be­zie­hung von Ein­rich­tun­gen der Ein­glie­de­rungs­hil­fe schließt auch Lücken zwi­schen der ambu­lan­ten und sta­tio­nä­ren Ver­sor­gung. Die sta­tio­nä­ren Ein­rich­tun­gen der Behin­der­ten­hil­fe kön­nen nicht mit sta­tio­nä­ren Ein­rich­tun­gen wie Kran­ken­häu­sern, medi­zi­ni­schen Reha­bi­li­ta­ti­ons­ein­rich­tun­gen oder Pfle­ge­hei­men gleich­ge­setzt wer­den. Bei Ein­rich­tun­gen der Behin­der­ten­hil­fe steht die gesell­schaft­li­che Inte­gra­ti­on der Bewoh­ner im Vor­der­grund, die mög­lichst unab­hän­gig wer­den sol­len (§ 53 Abs. 3 SGB XII). Aus die­sem Grund sind Behin­der­ten­ein­rich­tun­gen auch kei­ne Pfle­ge­hei­me gemäß § 71 Abs. 4 SGB XI. Nach § 6 Abs. 1 der Ver­ein­ba­rung nach § 75 Abs. 3 SGB XII zwi­schen der Bei­gela­de­nen zu 1. und zu 2. in der Fas­sung vom 5. Juli 2006 kann die Leis­tungs­er­brin­gung in Form von Bera­tung, Moti­vie­rung, Beglei­tung, Unter­stüt­zung, Anlei­tung, För­de­rung und Über­nah­me der beschrie­be­nen Leis­tun­gen erfol­gen. In der Anla­ge zu der Ver­ein­ba­rung wer­den die grund­sätz­li­chen Ziel­set­zun­gen der Leis­tun­gen for­mu­liert. So soll den see­lisch behin­der­ten Men­schen ins­be­son­de­re die Teil­nah­me am Leben in der Gesell­schaft sowie die Aus­übung einer ange­mes­se­nen Tätig­keit ermög­licht und Kran­ken­haus­auf­ent­hal­te ver­mie­den wer­den. Die­se Zie­le wer­den auch kon­se­quent im Wohn- und Reha­bi­li­ta­ti­ons­ver­trag zwi­schen der Antrag­stel­le­rin und der Bei­gela­de­nen zu 2. umge­setzt. Die Leis­tun­gen der Ein­rich­tung wie Rei­ni­gung und Ver­pfle­gung wer­den nach dem Sub­si­dia­ri­täts­grund­satz erbracht, das heißt, sie wer­den nur soweit über­nom­men, wie der Bewoh­ner nicht in der Lage ist, sie selbst vor­zu­neh­men. Der Bewoh­ner ist nach § 3 des Ver­tra­ges zur Mit­wir­kung ver­pflich­tet. Das alles unter­schei­det sich grund­le­gend von dem Auf­ent­halt in einem Kran­ken­haus oder Pfle­ge­heim, bei dem jeweils die medi­zi­ni­sche und pfle­ge­ri­sche Behand­lung im Vor­der­grund steht und nicht die Stär­kung der psy­cho­so­zia­len Fähig­kei­ten. Der Auf­ent­halt in einer sta­tio­nä­ren Ein­rich­tung der Behin­der­ten­hil­fe (ohne Anspruch auf Behand­lungs­pfle­ge) ist daher eher mit dem betreu­ten Woh­nen zu ver­glei­chen.

Nicht ent­schei­dend ist, dass die Ein­rich­tung, in der die Antrag­stel­le­rin lebt, unter das HeimG fällt 2. Auch hier ergibt sich eine Über­ei­stim­mung mit dem betreu­ten Woh­nen. Das gilt ins­be­son­de­re für die über­ge­ord­ne­te Ziel­set­zung ein mög­lichst selb­stän­di­ges Leben in der Gesell­schaft mit der Aus­übung einer gere­gel­ten Tätig­keit zu ermög­li­chen.

Ein sach­li­cher Grund für eine unter­schied­li­che Behand­lung ist, wie vom Sozi­al­ge­richt zutref­fend her­vor­ge­ho­ben nicht ersicht­lich, wes­halb die Leis­tun­gen der häus­li­chen Kran­ken­pfle­ge den Bewoh­nern nicht vor­ent­hal­ten wer­den dür­fen. Da im Gegen­satz zu Pfle­ge­ein­rich­tun­gen gemäß §§ 43 SGB XI gera­de kei­ne Ver­pflich­tung besteht, Behand­lungs­pfle­ge zu erbrin­gen und des­halb kein ent­spre­chend qua­li­fi­zier­tes Pfle­ge­per­so­nal vor­han­den ist, besteht nicht die Gefahr, dass die Ein­rich­tungs­trä­ger zu Las­ten der Kran­ken­kas­sen sich von kos­ten­in­ten­si­ven Pflicht­auf­ga­ben befrei­en. Eine unzu­läs­si­ge Über­schnei­dung der Zustän­dig­kei­ten zwi­schen Kos­ten­trä­gern ent­steht nicht. Es gibt kei­ne Ver­pflich­tung der Ein­rich­tun­gen, im Rah­men der Ein­glie­de­rungs­hil­fe auch Leis­tun­gen der Behand­lungs­pfle­ge nach § 37 Abs. 2 SGB V zu erbrin­gen. § 55 SGB XII betrifft Pfle­ge­leis­tun­gen nach dem SGB XI und nicht Leis­tun­gen der häus­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung nach dem SGB V.

Für eine Ein­be­zie­hung sta­tio­nä­rer Ein­rich­tun­gen der Behin­der­ten­hil­fe als geeig­ne­ten Ort spricht auch, dass § 37 Abs. 2 Satz 3 SGB V für Ver­si­cher­te, die sich in gemäß § 43 SGB XI zuge­las­se­nen Pfle­ge­ein­rich­tun­gen befin­den, eine Aus­nah­me­re­ge­lung ent­hält. Häus­li­che Kran­ken­pfle­ge kann danach gewährt wer­den, wenn ein beson­ders hoher Bedarf an medi­zi­ni­scher Behand­lungs­pfle­ge besteht. Sofern unter beson­de­ren Vor­aus­set­zun­gen in einer Pfle­ge­ein­rich­tung, die grund­sätz­lich alle pfle­ge­ri­schen und medi­zi­ni­schen Ver­sor­gungs­leis­tun­gen über­neh­men muss und über ent­spre­chen­des Per­so­nal ver­fügt, Behand­lungs­pfle­ge gewährt wer­den kann, muss das erst recht bei einer sta­tio­nä­ren Wohn­ein­rich­tung gel­ten, bei der kein Anspruch auf Behand­lungs­pfle­ge besteht. Auch wer­den in dem Aus­nah­me­tat­be­stand sta­tio­nä­re Ein­rich­tun­gen der Behin­der­ten­hil­fe nicht erwähnt. Da es kei­nen Grund gibt, die Bewoh­ner der­ar­ti­ger Ein­rich­tun­gen von der Ver­sor­gung aus­zu­schlie­ßen, ist es nahe­lie­gend, dass der Gesetz­ge­ber von einem bereits grund­sätz­lich bestehen­den Anspruch aus­ge­gan­gen ist.

Die pau­scha­le Ver­gü­tung der Pfle­ge­kas­se gemäß § 43 a SGB XI zur Abgel­tung der Pfle­ge­leis­tun­gen und der medi­zi­ni­schen Behand­lungs­pfle­ge, die den Ein­rich­tun­gen der Ein­glie­de­rungs­hil­fe für behin­der­te Men­schen gezahlt wird, führt nicht zu einem Aus­schluss des Anspruchs. Dies gilt, wie das Sozi­al­ge­richt zutref­fend her­aus­ge­ar­bei­tet hat, nur für Leis­tun­gen nach dem SGB XI und nicht für Leis­tun­gen der häus­li­chen Kran­ken­pfle­ge der Kran­ken­kas­se nach dem SGB V, wenn die übri­gen Vor­aus­set­zun­gen des § 37 Abs. 2 SGB V vor­lie­gen 3. Gegen eine Abgel­tung der Leis­tun­gen nach dem SGB V spricht auch die nied­ri­ge Pau­scha­le von 256 €, die nicht über­schrit­ten wer­den darf.

Auch aus den HKP-Richt­li­ni­en ergibt sich, dass der Anspruch auf häus­li­che Kran­ken­pfle­ge in einer sta­tio­nä­ren Ein­rich­tung der Behin­der­ten­hil­fe maß­geb­lich davon abhängt, ob der Ein­rich­tungs­trä­ger ver­pflich­tet ist, Behand­lungs­pfle­ge zu erbrin­gen 4. Der gemein­sa­me Bun­des­aus­schuss der Ärz­te und Kran­ken­kas­sen ist nach § 37 Abs. 6 ermäch­tigt, in Richt­li­ni­en nach § 92 SGB V fest­zu­le­gen, an wel­chen Orten und in wel­chen Fäl­len Leis­tun­gen nach den Absät­zen 1 und 2 des § 37 SGB V auch außer­halb des Haus­halts und der Fami­lie des Ver­si­cher­ten erbracht wer­den kön­nen. Gemäß Zif­fer I. 6. unter „Grund­la­gen“ heißt es in den Häus­li­che- Kran­ken­pfle­ge- Richt­li­ni­en:

Für die Zeit des Auf­ent­halts in Ein­rich­tun­gen, in denen nach den gesetz­li­chen Bestim­mun­gen Anspruch auf die Erbrin­gung von Behand­lungs­pfle­ge durch die Ein­rich­tun­gen besteht (z. B. Kran­ken­häu­sern, Reha­bi­li­ta­ti­ons­ein­rich­tun­gen, Hos­pi­ze, Pfle­ge­hei­men) kann häus­li­che Kran­ken­pfle­ge nicht ver­ord­net wer­den. Ob ein sol­cher Anspruch besteht, ist im Ein­zel­fall durch die Kran­ken­kas­se zu prü­fen.“

Aus der Aus­schluss­re­ge­lung ergibt sich, dass eine Ein­rich­tung der sta­tio­nä­ren Behin­der­ten­hil­fe jeden­falls dann als „geeig­ne­ter Ort“ ange­se­hen wer­den kann, wenn die Ein­rich­tung nicht ver­pflich­tet ist, selbst Leis­tun­gen der Behand­lungs­pfle­ge zu erbrin­gen. Denn nur für die Zeit des Auf­ent­halts in Ein­rich­tun­gen, in denen nach den gesetz­li­chen Bestim­mun­gen Anspruch auf die Erbrin­gung von Behand­lungs­pfle­ge durch die Ein­rich­tun­gen besteht, kann häus­li­che Kran­ken­pfle­ge nicht ver­ord­net wer­den. Das bedeu­tet, dass grund­sätz­lich allein der Auf­ent­halt in sta­tio­nä­ren Ein­rich­tun­gen dem Anspruch nicht ent­ge­gen­steht, son­dern nur der Umstand, dass ein Anspruch auf Behand­lungs­pfle­ge gegen den Trä­ger der Ein­rich­tung besteht. Das wird exem­pla­risch bei Kran­ken­häu­sern, Reha­bi­li­ta­ti­ons­ein­rich­tung, Hos­pi­zen und Pfle­ge­hei­men ange­nom­men. Sofern schon der Auf­ent­halt in „Ein­rich­tun­gen“ zu einem Aus­schluss füh­ren wür­de, wäre es über­flüs­sig gewe­sen auf einen mög­li­chen Anspruch auf die Erbrin­gung von Behand­lungs­pfle­ge abzu­stel­len. Es hät­te für einen Aus­schluss aus­ge­reicht, auf den sta­tio­nä­ren Auf­ent­halt in einer Ein­rich­tung abzu­stel­len. Fol­ge­rich­tig ist nach Zif­fer I. 6. Satz 2 der Richt­li­ni­en im Ein­zel­fall durch die Kran­ken­kas­se zu prü­fen, ob ein sol­cher Anspruch besteht. Gemeint ist hier­mit die Prü­fung, ob in der Ein­rich­tung ein Anspruch auf Behand­lungs­pfle­ge besteht.

Wenn man berück­sich­tigt, dass nach dem gesetz­li­chen Auf­trag gera­de durch den gemein­sa­men Bun­des­aus­schuss fest­ge­legt wer­den soll­te, an wel­chen Orten die Leis­tun­gen erbracht wer­den kön­nen, ist es sach­ge­recht, im Wege der Aus­le­gung aus der Aus­schluss­re­ge­lung ein posi­ti­ves Abgren­zungs­kri­te­ri­um abzu­lei­ten. Des­halb ist der Umkehr­schluss, dass Ein­rich­tun­gen, in denen kein Anspruch auf Behand­lungs­pfle­ge besteht, grund­sätz­lich geeig­net sind, nahe­lie­gend. Für die­se Aus­le­gung spricht auch, dass das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Gesund­heit die Richt­li­nie nur unter der Vor­aus­set­zung geneh­migt hat, dass die ursprüng­lich geplan­te Auf­nah­me der Behin­der­ten­ein­rich­tun­gen im Klam­mer­zu­satz gestri­chen wur­de 5. Das bedeu­tet, dass die­se Ein­rich­tun­gen gera­de nicht aus­ge­schlos­sen wer­den soll­ten, wenn durch den Auf­ent­halt kein Anspruch auf Leis­tun­gen der Behand­lungs­pfle­ge gegen den Trä­ger begrün­det wird. Im Auf­la­gen­be­schluss des BMG vom 20. März 2008 wird her­vor­ge­ho­ben, dass es im Ein­zel­fall dar­auf ankom­me, dass ein Anspruch auf Leis­tun­gen der Behand­lungs­pfle­ge außer­halb der Rege­lung des § 37 SGB V besteht.

Die so ver­stan­de­ne Aus­le­gung der Richt­li­ni­en mit Ein­be­zie­hung der sta­tio­nä­ren Wohn­ein­rich­tun­gen der Behin­der­ten­hil­fe ohne Anspruch auf Behand­lungs­pfle­ge steht wie bereits dar­ge­legt, in Ein­klang mit der gesetz­li­chen Rege­lung und Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge des § 37 Abs. 2 und 6 SGB V.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ham­burg, Beschluss vom 12. Novem­ber 2009 – L 1 B 202/​09 ER KR

  1. BT-Drs. 16/​3100 S. 104[]
  2. a.A. LSG Nie­der­sach­sen-Bre­men vom 24.04.2009 – L 8 SO 1/​07; SG Ham­burg vom 17.12.2007 – S 56 SO 365/​07 und vom 03.02.2009 – S 48 KR 1330/​08 ER). Das HeimG kann für die Aus­le­gung des geeig­ne­ten Ortes bereits des­halb nicht her­an­ge­zo­gen wer­den, weil die Ziel­set­zung des Geset­zes nicht dar­auf abzielt, Leis­tun­gen der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung zu defi­nie­ren. Nach § 2 HeimG ist der Zweck des Geset­zes, vor­ran­gig die Inter­es­sen und Bedürf­nis­se der Bewoh­ner vor Beein­träch­ti­gun­gen zu schüt­zen und ihre Rech­te gegen­über dem Heim­trä­ger zu wah­ren.

    Unge­ach­tet der Taug­lich­keit des HeimG für die Ermitt­lung des „sonst geeig­ne­ten Wohn­orts“ ist die Unter­schei­dung zwi­schen dem betreu­ten Woh­nen auf der einen und dem Auf­ent­halt in einer sta­tio­nä­ren Ein­rich­tung bzw. einem Heim auf der ande­ren Sei­te zu undif­fe­ren­ziert. Das betreu­te Woh­nen ist gesetz­lich nicht defi­niert und die Über­gän­ge von einer Wohn­ge­mein­schaft mit Betreu­ungs­hil­fe zu einer sta­tio­nä­ren Ein­rich­tung, wel­che unter die Rege­lun­gen des Heim­ge­set­zes fällt, dürf­ten in Abhän­gig­keit der Fähig­kei­ten der Bewoh­ner flie­ßend sein. Nach § 1 Abs. 1 Satz 2 HeimG sind Hei­me Ein­rich­tun­gen, die dem Zweck die­nen, älte­re Men­schen oder pfle­ge­be­dürf­ti­ge oder behin­der­te Voll­jäh­ri­ge auf­zu­neh­men, ihnen Wohn­raum zu über­las­sen sowie Betreu­ung und Ver­pfle­gung zur Ver­fü­gung zu stel­len oder vor­zu­hal­ten, und die in ihrem Bestand von Wech­sel und Zahl der Bewoh­ner unab­hän­gig sind und ent­gelt­lich betrie­ben wer­den. § 1 Abs. 2 Satz 3 HeimG ist zu ent­neh­men, dass das HeimG Anwen­dung fin­det, wenn die Bewoh­ner ver­pflich­tet sind, Ver­pfle­gung und wei­ter­ge­hen­de Betreu­ungs­leis­tun­gen anzu­neh­men. Das W.-Haus der Bei­gela­de­nen zu 2. ist in sei­nem Bestand vom Wech­sel und dem Bestand der Bewoh­ner unab­hän­gig und gemäß § 2 des Wohn- und Reha­bi­li­ta­ti­ons­ver­tra­ges sind Wohn­raum und Ver­pfle­gung sowie Betreu­ungs­leis­tun­gen Leis­tun­gen der Ein­rich­tung.

    Trotz Vor­lie­gens der Vor­aus­set­zun­gen von § 1 HeimG sind die Unter­schie­de zum betreu­ten Woh­nen ver­gleichs­wei­se gering. Beim betreu­ten Woh­nen han­delt es sich um klei­ne­re Wohn­grup­pen, die eher nach dem Prin­zip einer Wohn­ge­mein­schaft orga­ni­siert sind und bei denen die Bewoh­ner ein mög­lichst selb­stän­di­ges Leben füh­ren sol­len. Die Betreu­ungs­leis­tun­gen zie­len dar­auf ab, dass die Bewoh­ner noch in der Lage sind, ein weit­ge­hend selbst­be­stimm­tes Leben zu füh­ren. Art und Umfang der Betreu­ungs­leis­tun­gen hän­gen jedoch stark von den gesund­heit­li­chen Ein­schrän­kun­gen der Bewoh­ner ab. Mit­un­ter ist auch wie in einem Heim eine stän­di­ge Auf­sicht und Betreu­ung bei den täg­li­chen Ver­rich­tun­gen erfor­der­lich. Ein­rich­tun­gen der Behin­der­ten­hil­fe, in denen Ein­glie­de­rungs­hil­fe gemäß §§ 53 und 54 SGB XII gewährt wird, kön­nen als insti­tu­tio­na­li­sier­te betreu­te Wohn­for­men ange­se­hen wer­den. Es leben dort mehr Bewoh­ner, die Ein­rich­tung ist nicht vom Wech­sel der Bewoh­ner abhän­gig und die Betreu­ungs­leis­tun­gen wer­den gebün­delt und abge­stuft erbracht. In der Ein­rich­tung der Bei­gela­de­nen zu 2. wer­den see­lisch behinderte/​psychisch kran­ke Men­schen auf­ge­nom­men, die in der Regel ähn­lich wie bei dem betreu­ten Woh­nen in „klein­tei­li­gen bzw. in Wohn­grup­pen­form dif­fe­ren­zier­ten Über­gangs-/ Wohn­hei­men“ ange­bo­ten wird (s. Zif­fer 2 der Anla­ge 1 zur Ver­ein­ba­rung nach § 75 Abs. 3 SGB XII). Ziel ist die Ver­mei­dung oder Ver­kür­zung von psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus­be­hand­lun­gen und die Siche­rung der vor­an­ge­gan­ge­nen Behand­lun­gen. Die Ver­mei­dung einer sta­tio­nä­ren Unter­brin­gung ist nach den Geset­zes­ma­te­ria­li­en ein Grund für die Aus­wei­tung des Haus­halts­be­griffs gewe­sen (BT-Drs. 16/​3100 S. 104). An die­ser Stel­le wird deut­lich, dass das Merk­mal sta­tio­när zur Dif­fe­ren­zie­rung nicht aus­reicht, denn die sta­tio­nä­re Wohn­ein­rich­tung soll gera­de die sta­tio­nä­re Kran­ken­be­hand­lung ver­hin­dern. Vom Gesetz­ge­ber gemeint sind viel­mehr die Ein­rich­tun­gen mit Anspruch auf die Erbrin­gung von Behand­lungs­pfle­ge wie Kran­ken­häu­ser, Reha­bi­li­ta­ti­ons­ein­rich­tun­gen, Hos­pi­ze und Pfle­ge­hei­me ((Zif­fer I. 6. der Richt­li­ni­en über die Ver­ord­nung von „häus­li­cher Kran­ken­pfle­ge“ in der Fas­sung vom 11. Juni 2008 – HKP-Richt­li­ni­en des gemein­sa­men Bun­des­aus­schus­ses zur häus­li­chen Kran­ken­pfle­ge[]

  3. BSG vom 01.09.2005 – B 1 KR 19/​04 R, SozR 4 – 2500 § 37 Nr.5[]
  4. LSG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 09.07.2008 – L 16 B 32/​08 KR ER[]
  5. Bean­stan­dung und Auf­la­ge des Beschlus­ses vom 17.01.2008 des gemein­sa­men Bun­des­aus­schus­ses durch das BMG am 20. März 2008[]